Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Auf dem Rückweg erstieg er noch den Berg, auf dem sich die berühmteste der 800 italienischen Pilgerstätten zum hl. Michael befindet, und feierte dort die hl. Messe mit einer Frömmigkeit, die alle anrührte. Lange verweilte er im Gebet. Er schärfte sein geistiges Schwert für einen Kampf, von dem er ahnte, daß er schrecklich sein würde. Im Vergleich dazu würde G. Tornis Gardinenpredigt, die er nach seiner Rückkehr zu erwarten hatte, nur eine sanfte Rüge sein.Am Montag, dem 3. März, notiert das Jahrbuch der Illustrissimi: „Der Obere erinnert an das für jeden Bruder gleichermaßen geltende Verbot, ohne seine ausdrückliche Erlaubnis zu predigen.“ Alle denken an den noch nicht wieder anwesenden Alfons von Liguori. Am 10. März — der „Übeltäter“ sitzt wieder auf seinem Platz — „erneuert Torni die Anweisungen, daß keiner sich erkühnen möge, Predigten ohne seine ausdrückliche Erlaubnis zu halten“. Am 17. März nochmals derselbe kategorische Aufruf. Alfons muß sich durchbohrt fühlen.

So viel Aufhebens um die Predigten in Foggia? Nein, es geht nicht nur im Foggia. Torni sieht viel weiter; er denkt an die Gerüchte über Loslösung und Neugründung. Jeder spürt, daß ein Drama in der Luft liegt. Das steht außer Zweifel und es läßt auch wirklich nicht lange auf sich warten. Sein Beichtvater hatte Alfons geraten, zunächst einfach seinen Pflichten nachzugehen, was dieser auch sofort macht, er begibt sich wieder auf Missionsreise. Als Alfons nach drei Monaten aus Apulien zurückkehrte, fand er zunächst einen ganz anderen Pagano vor: er hat nachgedacht, er hat gebetet. Das Ergebnis davon war: „Ihr habt mir ein schwieriges und ungemein heikles Problem aufgegeben. Jetzt sage ich Euch ohne Zögern: Das Werk ist von Gott; es gereicht zur Ehre Jesu Christi und zum sicheren Heil der Seelen. Doch wäre es sinnvoll, noch zwei klügere Männer als mich um Rat zu fragen: Pater Cuttica, den Ihr seit zwanzig Jahren kennt, und Pater Domenico Manulio, einen Jesuiten voll Heiligkeit und Wissen.“

Alfons‘ Entschluß zur Gründung des Redemptoristenordens – Er verläßt Neapel

Die Entscheidungen der beiden wichtigsten Ratgeber sind somit eindeutig und gleichlautend: Gott will diese Gründung, die Kirche bedarf ihrer, und Alfons soll sie in Angriff nehmen, ohne weitere Zeit zu verlieren. Dieser Ansicht sind auch andere Gottesmänner, die Liguori konsultiert hat. Lange nachdenken, sich umfassend beraten und noch mehr beten, um dann zu entscheiden und vom einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abzuweichen: das ist sein Grundsatz.

„Alfons war sich des Willens Gottes sicher“, sagt Tannoia, „und so gewann er neuen Aufschwung und faßte Mut. Er opferte die Stadt Neapel ganz für Christus, und war bereit, den Rest seiner Tage in Schafställen und Strohhütten zu verbringen und inmitten von Hirten und Dorfbewohnern zu sterben.“

„Die Stadt Neapel“ ist für Alfons ein gesellschaftliches und kulturelles Milieu, das für ihn nicht ohne Anreiz ist, denn sie ist „sein Milieu“. Das Milieu, aus dem er auf der Ebene der Besten hervorgegangen ist, ein Volk, das auch in den ärmeren Schichten reich an guten Priestern ist. Die „Hirten und Dorfbewohner“ dagegen sind damals die Welt der wirtschaftlich, kulturell und religiös Unterentwickelten, der „Verlassenen“. Sie sind verlassen, weil sie arm sind. Man muß die Radikalität der hier von Alfons beschlossenen Veränderungen begreifen, um den Ordensgründer, den Schriftsteller und den Moraltheologen Liguori verstehen zu können. Der neapolitanische Cavaliere vornehmer Abstammung, der vollkommene Intellektuelle, der feinsinnige Künstler, der von den Honoratioren und der geistlichen Elite aufgesuchte Priester, der angesehenste der Illustrissimi in der Hauptstadt und den Städten des Königreichs trifft im März 1732 mit fünfunddreißig Jahren und sechs Monaten die Lebensentscheidung, allem den Rücken zu kehren, was vor der Welt zählt. „Er bringt die Stadt Neapel Jesus Christus zum Opfer.“

Erneute Widerstände

Es ist gut verständlich, daß sich nun ganz Neapel dagegen wehrt, ihn zu verlieren. Das Gerücht von seinem Plan und seiner bevorstehenden Abreise verbreitete sich immer mehr. So erhob sich schon nach wenigen Tagen ein gewaltiger Sturm gegen ihn. „Er hat den Kopf verloren! Ein Fanatiker! Ein Visionär!…“, so urteilten die einen. „Er ist selbstüberheblich! Der Weihrauch, den man ihm überall streut, ist ihm in den Kopf gestiegen… Und außerdem, Visionen einer Nonne! Die Kirche Gottes ruht nun auf Halluzinationen! Als ob die ‚Aufklärung‘ nicht längst das Mittelalter vertrieben hätte!“, so munkelten die anderen. Seine Mitbrüder von der Propaganda sind die ersten, die diese beißenden Kommentare austauschen. Der bloße Gedanke, daß Liguori, ihr bedeutendstes Mitglied, in solcher Einfalt dahindämmert, treibt ihnen die Schamröte ins Gesicht. Sie kämpfen am erbittertsten gegen ihn.

An ihrer Spitze aber stehen, und das bereitet Alfons den meisten Kummer, sein Lehrer Torni, Oberer des Seminars, und sein Onkel Gizzio, sein Oberer bei den Missionen. „Torni“, sagt Tannoia, „hielt ihn tatsächlich für einen Wirrkopf. Verwirrt durch ein Frauenzimmer!… Für Gott und die Seelen verloren… Gizzio konnte sich ebensowenig beruhigen: diese Intelligenz, die nun in Visionen und ähnlichen Abgeschmacktheiten versumpfte! So vermehrten die beiden ihre Bemühungen, ihn von diesem Unternehmen abzubringen.“

Respektvoll, aber unerschütterlich setzte Alfons die Meinung seines Seelenführers entgegen, was Gizzio wiederum veranlaßte, von bloßen Argumenten zum Angriff überzugehen: „Nicht Gott ist es, der Euch leitet, sondern die Fantastereien einer Klosterfrau; Ihr solltet ihnen nicht glauben, sondern sie als Illusionen betrachten.“ Doch Alfons konnte entgegnen: „Ich richte mich nicht nach Visionen, sondern nach dem Evangelium…“ Darauf der Onkel: „Schön, schön! Aber woher wollt Ihr die Mittel nehmen, um diese Pläne zu verwirklichen?“ Hierauf der Heilige: „Wer auf Gott baut, Herr Onkel, der kann alles hoffen und erhofft alles.“ Wie gespannt das Verhältnis war, zeigte sich, als der „Erleuchtete“ eines Morgens in die Sakristei der Kathedrale kam und Alfons antraf. Sofort ging ein Hagel von Beschimpfungen auf ihn nieder, die in beißender Ironie gipfelten: „Schändliche Vermessenheit! Ihr könntet diese neuen Gründungen und Institute ja gleich in der Kirche errichten!“ Alfons erwiderte kein Wort.