Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

In einer etwas weniger emotionalen Unterhaltung sagt Gizzio zu seinem Neffen: „Ich habe auch einen Seelenführer, dem ich in allem gehorche. Er ist ein Heiliger: Fra Ludovico Fiorillo, ein hingebungsvoller Prediger. Wie, wenn Ihr Euch seiner Meinung unterwerfen würdet? Ich rate Euch überhaupt, Euch seiner Führung anzuvertrauen.“ Der Neffe darauf: „Ich bestimme meine Führung nicht nach meinem Gutdünken, Onkel, sondern hänge in allem von Pater Pagano ab.“ Hierauf wußte Pietro Marco Gizzio nichts weiter zu sagen. Aber sein Seelenführer Pagano hebt selbst, als Alfons ihm von diesem Mißtrauen berichtet, den Fehdehandschuh auf: „Ich bin einverstanden. Wenn P. Fiorillo sagt, daß Gott dieses Werk will, dann will ich es ebenfalls; sagt er nein, so sage auch ich nein.“

Damit schien alles wieder von neuem in Frage gestellt, und zwar ganz im Sinne Gizzios. Alfons vermehrte darum seine Gebete und Bußübungen, damit Gott endlich seinen Willen kundtun möge. In Scala bestürmte man — nun ebenfalls unruhig geworden — den Herrn in Nachtwachen und Kasteiungen, er möge die Seelenführer des Freundes und Vaters erleuchten.

Fiorillo und Liguori kannten einander nur vom Hörensagen. In den ersten Apriltagen aber trafen sie zufällig ausgerechnet beim Oberen des Seminars zusammen. „Wer seid Ihr denn?“ fragte Fiorillo den Eintretenden. „Alfons von Liguori“, erhielt er zur Antwort. Ein Lächeln glitt sofort über das Gesicht des ehrwürdigen Dominikaners, und er sprach folgende Worte: „Gott ist nicht zufrieden mit Euch. Er will Euch ganz. Und er erwartet von Euch etwas anderes als das, was Ihr jetzt macht.“ Alfons atmete auf und Freude erfüllte sein Herz. Gizzio jedoch blieb sein Mund offen. Man verabredete sich im Kloster von S. Domenico Maggiore zu einem Gespräch. Hier, in den Kreuzgängen, in denen der Ex-Anwalt als Student einst wandelte, informiert er Fiorillo über alles: sein Gewissensproblem gegenüber den Verlassenen von Lukanien und S. Maria dei Monti, die Erleuchtungen von Scala, das Ja der Patres Pagano, Cuttica und Manulio, die verpflichtende Zusage von Mazzini, Mannarini, Sarnelli, Sportelli, sowie des Beichtvaters von Scala, Pietro Romano, und eines gewissen Silvestro Tosquez, die Beschwörungen des Bischofs von Castellamare, die Ordensregel, die gerade erarbeitet wird.

„Ich bitte um sechs Monate Bedenkzeit“, ist das letzte Wort Fiorillos. „Ein Jahr, wenn Ihr wollt“, entgegnet ihm Alfons.

Aber schon in den nächsten Tagen sieht ihn Fiorillo wieder und umarmt ihn voller Freude. Was er ihm damals sagte, hat Alfons selbst sozusammengefaßt: „Fiorillo: Wenn ich (in jüngeren Jahren) diese neue Kongregation gekannt hätte, hätte ich Dir nicht (nur) ohne Zögern dazu geraten, sondern wäre ihr selbst beigetreten. Außerdem ist ihre Verwirklichung schon im Gange, und entsprechende Schritte wurden getan. Das Werk. Ich gebe Dich Falcoia zurück. Vertraue auf Gott. Wirf Dich in ihn, wie man einen Stein in den Abgrund wirft, ohne Dich darum zu kümmern, was noch zu tun bleibt, und wie sich die göttliche Vorsehung dazu verhält… Gott erwartet von Dir Mut und ein großmütiges Herz, denn Verfolgungen werden nicht ausbleiben. Wenn ich (ein junger) Priester wäre, würde ich Dir folgen.“

Doch verbot Fiorillo Alfons, von seiner Meinung Gebrauch zu machen und ihn noch einmal zu besuchen, mit der Begründung, daß der Klerus ihm nicht verzeihen und sein Apostolat darunter leiden würde. Für den Fall aber, daß man ihm diese erste Intervention zum Vorwurf machen würde: „Ich werde sagen, ich habe Dich weggeschickt und mich von Dir distanziert. Und schreibe mir. Beim Jüngsten Gericht werde ich mich dafür verantworten müssen. Gebe Gott, daß dies das einzige Unrecht ist, das Du getan hast!“

Für Pagano und Falcoia gilt diese Geheimhaltung natürlich nicht. Letzterer reagiert am 7. April: „Treibt die Werke Gottes auch weiterhin voran, ohne zu ermüden, ohne mit dem schon Erreichten zufrieden zu sein, so lange, bis sie endgültig geregelt sind. Es steht außer Frage, daß der Herr von Euch erwartet, diese so bedeutende Angelegenheit zu einem guten Ende zu führen. Ich habe es Euch vorausgesagt und betone es in Übereinstimmung mit P. Fiorillo noch einmal, wennschon ich weder dessen Verstand noch seine Erleuchtung besitze… Ihr sagt mit Recht, daß weder die apostolische Struktur, noch die Offenbarungen erwähnt werden dürfen; die Schwestern sind darüber informiert, und die Regel ist in diesen Punkten sehr nüchtern… Wir werden uns darüber, wie auch über alles andere, noch einmal unterhalten. Ich habe vor, zu diesem Zweck nach Neapel zu kommen… Daher möchte ich gerne das genaue Datum Eurer Abreise zur Mission wissen… Uneingeschränkte Freude für das heilige Osterfest.“

Am 28. Mai ist Alfons wieder in der „Löwengrube“, zu der die Hauptstadt nun für ihn geworden ist. Er will nur in aller Eile einige Gefährten um sich versammeln und dann wieder entfliehen. Cuttica und Manulio drängen, Pagano bremst und Falcoia, der nicht in Neapel aufgetaucht ist, sucht in Scala nach einer Heimstätte. An Fiorillo, den er ja nicht aufsuchen darf, schreibt Alfons in etwa folgendes: „Ihr laßt mich fallen. Erklärt Euch. Und schickt mir Leute.“ Am 2. Juni kommt folgende Antwort: „Ihr meint, ich habe Euch verlassen und die Angelegenheit vergessen, die so sehr zum Ruhme Gottes gereicht. Sie liegt mir mehr denn je am Herzen. Freut Euch und vertraut auf Gott: Er wird Euch in dieser Sache, die ihm so wohlgefällig ist, all seinen Beistand geben. Ich kann Euch keine Mitglieder vorschlagen, sollte mir aber jemand unterkommen, werde ich an Euch denken. Wie gerne würde ich mein Priesterleben noch einmal beginnen, um das Glück zu haben, mich Euch anschließen zu können und Eure Last zu tragen. Laßt Euch von der geringen Zahl der Mitglieder nicht abschrecken: der Herr wird Euch allmählich mehr schicken,und eine Handvoll Guter wiegt viele auf. Ich segne Euch im Namen Jesu und Mariens und umarme Euch mit demütiger Hochachtung herzlich in der Liebe des Herrn.“