Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Das Embargo aber, das seine Meinung geheim hält, hebt der gute Dominikaner nicht auf. Aus Angst, seine Seelsorge in dem wachsenden Mißkredit, der Alfons entgegenschlägt, zu kompromittieren.

Der Zorn und die Scham der Illustrissimi haben nun ihren Höhepunkt erreicht. „Fanatiker!“, schleudert ihm eines Tages Gizzio in höchster Erregung entgegen, „ganz Neapel ist gegen Euch. Pagano, Fiorillo sind gegen Euch. Ihr habt nur die einfältigen Schwestern mit ihren Wahnvorstellungen auf Eurer Seite. Dreifacher Narr, der Ihr seid, seht Ihr denn nicht, daß Ihr Illusionen und Hirngespinsten nachhängt?“ Alfons verteidigt sich: „Ich habe Euch schon einmal gesagt, daß ich mich nicht nach Visionen richte, sondern nach dem Evangelium Jesu Christi und dem Gehorsam meinem Seelenführer gegenüber.“

Das Geheimnis, hinter dem sich Fiorillo versteckt hat, muß nun gelüftet werden. Aber der Dominikaner ist soeben zu einer Reise aufgebrochen. Pagano vertrat die Ansicht, man müsse sich über sein Gebot hinwegsetzen und seinen Brief veröffentlichen. Derselben Meinung war auch ein Freund Alfons‘, Gennaro Fortunato, früherer Professor am Seminar und nunmehriger Bischof von Cassano. Falcoia erholte sich auf der Insel Ischia. In einer Blitzreise fuhr Alfons zu ihm und holte seinen Rat ein. Die Antwort war: „Ja, natürlich.“ Cuttica und Manulio? Der eine sagte ja, der andere nein. Das Ja aber war gewichtiger.

Fiorillos Brief in der einen Tasche, die Kopie in der anderen, begibt sich Liguori also zum Seminar, wo die beiden Oberen wohnen. Er hat den Mund noch nicht aufgemacht, als er bereits wieder mit neuen Vorwürfen überhäuft wird: „… und Ihr habt Pater Fiorillos Billigung nicht erhalten.“ Alfons erleichtert: „Fiorillos Billigung. Ich habe sie. Bitte, lest.“ Betretenes Schweigen der beiden Domherrn. Torni versucht einen erneuten Ausbruch: „Dieses Papier genügt mir nicht. Ich möchte das Original sehen.“ Alfons greift in die andere Tasche und zieht das Original heraus: „Hier ist es…“ Hierauf streckt der „Lehrer“ endgültig die Waffen: „Dieser Brief genügt, um mich zu beruhigen und die Ehre meiner Kongregation wiederherzustellen.“ Gizzio ist verwirrt und bringt kein Wort hervor. Er erkennt schlagartig, was sein Neffe durchgemacht hat. Von nun an verteidigt er ihn im Seminar, bei den Apostolischen Missionen und auch beim Erzbischof.

Endlich: Die Gründung der Kongregation vom Allerheiligsten Erlöser

Am Morgen des 9. November 1732 haben sich sechs Missionare (Alfons von Liguori, Giovanni Mazzini, Pietro Romano, Giovanni B. De Donato, Vincenzo Mannarini, Silvestro Tosquez), unter Falcoias Vorsitz um den Altar versammelt. Nach einer langen Betrachtung singen die sieben die Messe vom Heiligen Geist und sodann das Dank-Tedeum. Diese Zeremonie wird allerdings nicht im Dom von Scala abgehalten — was hätten sie auch in diesem großen Kirchenschiff, das 2.000 Personen faßte, gemacht? — sondern in der bescheidenen Hauskapelle des Gästetrakts. Dies war die Geburtsstunde der Kongregation der Väter vom Heiligsten Heiland, deren Name von Rom schon bald umgewandelt wurde in den der Väter vom Allerheiligsten Erlöser und darum allgemein „Redemptoristen“ genannt wird. Es war ein großes Fest für ganz Scala: für den Klerus, den Adel und das Volk. Nun weilte er endlich unter ihnen, dieser Alfons, den sie schon zwei Jahre früher hätten behalten wollen. Und nicht nur er, mit ihm zusammen waren diese Missionare nach seinem Bild.

Streitigkeiten über die Ordensregel

In der Woche nach der Gründung kommt die Gruppe der Brüder zusammen, um sich über die Regel für die neue Gemeinschaft zu beraten. Falcoia leitet die Beratungen. Schon bei den ersten Besprechungen zeigen sich jedoch unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten. Die fünf sind sich weder über die Regel noch über die Zielsetzung, noch auch über die Führungsrolle des Bischofs von Castellamare einig. Donato, der Älteste von ihnen, hat ebenfalls eine Regel in seinem Gepäck und zwar die von den Jesuiten inspirierte Regel seiner ehemaligen kleinen Kongregation von Teano. Diese sollte nun in Scala zu neuem Leben erweckt werden. Wenn es nach ihr geht, sollte kein gemeinsames Chorgebet gehalten werden — nur das nicht! —; außerdem sollte man neben den Missionen auch Schulen unterhalten. Deshalb müsse man sich in größeren Städten und nicht auf dem Land und in den kleinen Dörfern niederlassen. Tosquez und Mannarini sind mit ihm in der Frage der Schulen einig, seine Regel aber liegt ihnen nicht im Blut. Sie sind für die Regel Schw. M. Celestes, allerdings ohne Falcoias Veränderungen.

Wenn schon keinerlei Übereinstimmung in den großen Linien waren, wie sollte es da im Kleinen besser bestellt sein? Soll das Offizium im Chor gebetet werden oder soll es jeder für sich beten? Soll es gesungen oder rezitiert werden? Wird man auf Wolle oder auf Stroh schlafen? Alfons stimmt für die gesunde Mitte: Überlassen wir die Matratzen den Reichen und den Kranken, die Diele und den blanken Erdboden den Armen und den überstrengen Mönchen. Der Strohsack ist genau das Richtige für Menschen, die zur Abtötung gelangen müssen. Tosquez wird hier nicht widersprechen, aber als unbedingter Anhänger M. Celestes ist er für eine wörtliche Nachfolge Christi, d.h. ein rotes Gewand und ein blauer Mantel! Zudem ist er für das wirtschaftliche System der Kirche von Jerusalem: ein jeder soll seinen ganzen Besitz veräußern und den Erlös dem Superior zu Füßen legen. Liguori lächelt bei diesen Vorschlägen und versucht zu mäßigen. Dieses Gewand? „In der Öffentlichkeit wäre es eine Maskerade.“ Der totale Zwangsverkauf? „Es gäbe nicht genug Totengräber, um all die Ananiasfiguren zu bestatten, die in unserer Mitte lügen würden.“ Der Biograph ergänzt: „Über dieses Problem des Eigenbesitzes war Alfons mit keinem von ihnen einig. Ohne wirkliche Armut, so sagte er, fehlt alles. Denn dann fehlen der wahre Geist Jesu Christi und das Gemeinschaftsleben. Ohne dieses Gemeinschaftsleben aber, der Mutter und dem Schutzwall der Armut, kann es in der Kongregation keine Heiligkeit geben. Sobald die Begriffe ,mein‘ und ,dein‘ bei uns Fuß fassen, wird es zu den schwersten Mißständen kommen: dann wird man nicht mehr für Gott und die Seelengewinnung in die Mission ziehen, sondern zum eigenen Nutzen und Gewinn.“