Der heilige Alfons Maria von Liguori IV

Trotz intensiver Beratungen kommt es zu keiner Einigung. Wird Alfons von diesem Sturm überrascht? Das neue Schiff ist noch kaum im Wasser, als es schon in eine gefährliche Schräglage gerät. Doch der Gründer wird durchaus nicht seekrank. Er bewahrt Ruhe und macht sich Falcoias Leitmotiv zu eigen: tempus et deus — auf die Zeit und auf Gott vertrauen. Wichtig ist vor allem, die Gruppe vor der Zersplitterung zu bewahren, um Zeit zu gewinnen, bis die Erleuchtung kommt und bis die „Seelenbrüder“, auf die er zählen kann, in Scala eintreffen: Mazzini, Sportelli, vielleicht auch Sarnelli. Alfons jedenfalls ist de facto „Superior maior“ – Generaloberer. Er muß deswegen freibleiben für andere Gründungen. Mit ihm allein als dem Verantwortlichen des Werks wird der Direttore, Mgr. Falcoia, alle Fragen direkt besprechen.

Der erste Laienbruder der Gemeinschaft: Don Vito Curzio

Kurz nach Falcoias Abreise erhält die entstehende Gemeinschaft in Don Vito Curzio ihren ersten Laienbruder. Dieser Dienstag, der 18. November 1732, muß mit einem Markstein gekennzeichnet werden. Don Vito Curzio ist sechsundzwanzig Jahre alt, gebildet, Kalligraph und Adeliger. Dieser Mann blickt auf eine Vergangenheit als jähzorniger und gefährlicher Raufbold zurück. „In der Hand hielt ich statt Kruzifix und Rosenkranz Pistole und Dolch“, so wird er später einmal bekennen. Er war aus seiner Heimat Acquaviva bei Bari geflohen, um nicht ins Gefängnis geworfen und womöglich sogar gehängt zu werden. In Kampanien war er dann Verwalter der Güter des Marquese del Vasto auf der Insel Procida geworden. So hatte er sich dem Generalprokurator des Marquese, Don Cesare Sportelli, angeschlossen, in dessen Haus er bei seinen Aufenthalten in der Hauptstadt wohnte. Das Beispiel und die Gespräche mit dem Rechtsanwalt hatten ihn schließlich umgewandelt. Eines Morgens nun erwachte er in tiefer Bestürzung: „Ich hatte einen seltsamen Traum“, berichtete er Sportelli. „Ich stand am Fuße eines steilen Berges und sah viele Priester, die ihn bestiegen. Ich wollte auch hinauf, doch verlor ich bei jedem Versuch den Boden unter den Füßen und blieb traurig und zornig hinter ihnen zurück. Da erbarmte sich einer dieser Priester meiner, kam auf mich zu und nahm mich bei der Hand: nun stieß ich zur Gruppe vor und stieg mit ihnen auf.“

Einige Tage darauf waren unsere beiden jungen Männer bei einem Besuch im Chinesenkolleg zufällig Alfons begegnet. Welch eine Überraschung bei Vito Curzio: „Das ist der Priester, der mir neulich im Traum die Hand gereicht hat.“ Nun erklärt Sportelli ihm, daß dies der berühmte Missionar Don Alfons von Liguori sei, daß er eine Gruppe von Aposteln zur Evangelisierung der armen Leute um sich schare und daß er, Sportelli, sich ihm anschließen werde … „Das ist es, wozu Gott mich ruft“, ist Vitos Reaktion. Er nimmt sich nur noch die Zeit, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und einige Arme mit seiner Garderobe und seinen Talern zu beglücken, und kommt dann an jenem 18. November in Scala an, mit leeren und verfügbaren Händen, mit einem Herzen, das bereit ist zum Aufstieg zur Heiligkeit. Er kommt als Laienbruder auf Lebenszeit, als „dienender“ Bruder, wie man sagen wird.

Es ist gerade Essenszeit; irgendeiner — höchstwahrscheinlich Donato — bittet den feinen Herrn, bei Tisch zu servieren. Widerstand steigt in ihm auf — „Ich sollte bei Tisch bedienen? Dienstbote auf Lebenszeit?“ — und schon überlegt er, wie er sich an diesem unverschämten Priester rächen soll, der ihn wie einen Sklaven behandelt hat… Da aber sieht er, wie Don Alfons, neapolitanischer Cavaliere, sich erhebt, um gemeinsam mit ihm zu servieren. Er ist beschämt: „Elender“, sagt er sich, „dieser serviert bei Tisch und du sträubst dich?“ Damit erhält der „alte Mensch“ den Gnadenstoß!

Erst mit diesem Bruder — weiß Alfons es schon? — ist seine Kongregation wirklich gegründet, denn hier steht nun endlich an der Basis ein Granitblock, der nicht weichen noch wanken wird, trotz der unüberschaubaren Schwierigkeiten, die da kommen werden.

„Approbation“ des Königs

„Alfons hatte sich in Villa die Finger verbrannt. Angesichts des schlechten Laufs, den die Dinge nun nahmen, erwog er, den Staub von seinen Füßen zu schütteln und Pagani aufzugeben. Da er Gottes Willen ergründen wollte, ging er nach Neapel, um dort den Rat weiser Männer einzuholen. Er legte seine Lage Kanonikus Torni, den frommen Arbeitern, den Lazaristen und anderen dar. Sie alle waren der Meinung, er solle Nocera verlassen. Nun reiste er nach Castellamare, und auch Mgr. Falcoia war angesichts des drohenden Zusammenbruchs derselben Meinung. Doch da fiel sein Blick auf eine Statue des hl. Michael und in einer plötzlichen inneren Erleuchtung rief er: „Es ist der Teufel! Macht weiter. Gott und der heilige Michael werden Euch beschützen.“ Dies war auch Mgr. De Dominicis‘ Ansicht: Diese Gründung mußte als ein Werk Gottes verteidigt werden. „Widmet Haus und Kirche dem hl. Michael“, riet Falcoia.

Am 6. März wandte sich der Bischof von Nocera also neuerlich an Herzog Brancone, und am 23. übermittelte der mit den kirchlichen Angelegenheiten betraute Minister endlich die königliche Ermächtigung: vom Gouverneur von Nocera verlangte er die Unterstützung der Patres vom Heiligsten Heiland; dem Bischof bestätigte er „die hohe Wertschätzung des Königs für ein so heiliges, mildtätiges und lobenswertes Werk, wie es das Apostolat bei den verlassensten Seelen ist.“