Maria Himmelfahrt

von antimodernist2014

Zum Fest der Himmelfahrt Mariens bringen wir hier einen Auszug aus dem Buch von Franz Michel Willam: Maria, Mutter und Gefährtin des Erlösers.

Die Glaubensüberzeugung, daß Maria, die Mutter Gottes, am Ende ihres Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, kommt im Leben der Kirche auf mannigfache Weise zum Ausdruck.

Allüberall feiert man am 15. August das Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel.

Dieser Glaube offenbart sich ferner in den zahlreichen Kirchen, die zur Ehrung dieses Festgeheimnisses erbaut wurden, und in den zahlreichen Bildern, die Maria darstellen, wie sie, umgeben von den Chören der Engel, zum Himmel emporschwebt, mit den Augen bereits nach Christus Ausschau haltend, der sie – ihr Gott und Herr und Sohn – in den Himmel aufnimmt. Die leibliche Gegenwart Marias vor ihrem Sohne im Himmel, dem Erlöser, wird ferner in vielen Gebeten stillschweigend vorausgesetzt. Unter ihnen nimmt der Rosenkranz mit seinen letzten zwei Geheimnissen: „der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen – der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat“, einen solchen Rang ein, daß man den Beweis für die allgemeine Überzeugung der Gläubigen mit diesem Gebet allein zu führen vermöchte.

Die allgemeine Überzeugung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen sei, läßt sich geschichtlich bis in die Zeit des hl. Johannes von Damaskus (675-749) in einer ununterbrochenen Kette von schriftlichen Zeugnissen verfolgen. Von Johannes von Damaskus ist noch eine Predigt erhalten, die er am Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel hielt. Manche Abschnitte daraus würde man nicht als alte Stücke erkennen, wenn man sie heute auf einer Kanzel wiederholte. Da heißt es: „Jene, die in der Geburt die Jungfräulichkeit unversehrt bewahrt hatte, mußte auch nach dem Tode ihren Leib frei bewahren von aller Verwesung. Jene, die den Schöpfer als Kind in ihrem Schoß getragen, mußte in dem himmlischen Brautgemach Wohnung nehmen. Jene, die ihren Sohn am Kreuze geschaut hatte und damals ihr Herz durchbohrt fühlte vom Schwert der Schmerzen, die sie, als sie ihn gebar, nicht erduldet hatte, mußte ihn jetzt an der Seite des Vaters sitzen sehen. Die Mutter Gottes mußte besitzen, was ihrem Sohne gehörte, und von jeglichem Geschöpf als die Mutter Gottes und seine Magd verehrt werden.“

Germanus, Bischof von Konstantinopel (+ 733), spricht ungefähr um dieselbe Zeit Maria als die in den Himmel Aufgenommene mit den Worten an: „Du erscheinst, wie geschrieben steht, in Schönheit, und dein jungfräulicher Leib ist ganz heilig, ganz keusch, ganz Gottes Wohnzelt. Daher ist er fürderhin der Auflösung in Staub nicht verfallen, er ist, weil menschlich, umgewandelt zu einem hohen Leben der Unverweslichkeit. Er ist lebend und überglorreich, der Fülle des Lebens teilhaftig und unsterblich.“ Der gleichen Zeit gehört die legendenhafte Erzählung vom Tode Marias an, wonach die Apostel zur Stunde des Todes Marias auf Antrieb des Heiligen Geistes zusammenkamen und so Zeugen ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel wurden. Das Volk erzählt sich ja Legenden nur über solche Vorgänge, an denen sein Herz irgendwie in Freude oder Trauer, in Hoffen oder Bangen hängt.

Aus der Zeit zuvor ist bezeugt, daß die Kirche bereits ein eigenes Fest feierte, das sich auf das Sterben Marias bezog. Die Stadt, der die Christenheit die wichtigsten Marienfeste und damit auch dieses verdankt, ist Konstantinopel. Von hier aus verbreitete sich die Sitte, Marias Geburt, die Darstellung Marias im Tempel und die Unbefleckte Empfängnis zu feiern. Von dieser Stadt übernahm auch die abendländische Kirche unter Papst Sergius (687-701) für den 15. August das Fest der „Dormitio“, das heißt, „das Fest des Einschlafens der heiligen Jungfrau“. Der Titel des Festes wurde jedoch bald in den Titel „Fest der Aufnahme Marias in den Himmel“ abgeändert.

Geht man vom 5. Jahrhundert weiter zurück, so kommt man in die Zeit, in der die Lehre über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel nicht mehr für sich selbst herausgestellt wird. Ein schriftliches Zeugnis, das unmittelbar an die apostolische Überlieferung heranreicht, gibt es also in diesem Falle nicht.

Das hier Dargelegte nun bildet die Grundlage für die Bulle vom 1. November 1950, die Papst Pius XII. vor sechshundert Bischöfen und Hunderttausenden von Gläubigen zur Verlesung brachte. In der Bulle wird als die erstentscheidende Begründung für die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel die Tatsache angeführt, daß die gesamte katholische Kirche in ihrem ordentlichen Lehramt, die Bischöfe des Erdkreises sowie die Gläubigen, an diesem Glauben festhält.

Der Hauptabschnitt der feierlichen Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Nachdem Wir nun immer und immer wieder inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und legen Wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des Unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche in Kraft und Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht für immer fest: die unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden.“

Der feierliche Glaubensentscheid vom 1. November 1950 gibt dem Glauben an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel einen neuen, früher nicht vorhandenen Grad von Sicherheit. Der Heilige Vater legte diese Erklärung ja nicht etwa als eine Schlußfolgerung vor, die sich nach Weise eines menschlichen Urteils auf Grund von Beweisen ergibt, er erklärte vielmehr unter dem Beistand des Heiligen Geistes als oberster Hirte die Lehre von Marias leiblicher Aufnahme in den Himmel als eine Wahrheit, die zur Gesamtoffenbarung gehört, und umgab die feierliche Kundmachung mit Hinweisen darauf, wie diese Lehre auch schon in sich als eine geoffenbarte Wahrheit zu erkennen ist.

Der neue Grad von Gewißheit für die Wahrheit dieser Lehre stammt also aus dem Beistand des Heiligen Geistes, der sich aber nicht nur auf diese Lehre, ja nicht einmal bloß auf die gesamte Lehre über Marias Stellung in der Kirche auswirkt. Verschiedene Zusammenhänge der kirchlichen Lehren untereinander, auf die man bisher, eben weil die Lehre von der leiblichen Aufnahme Marias keine erklärte Glaubenslehre war, noch mit einer gewissen Zurückhaltung hinwies, können nun mit gesteigerter Sicherheit betrachtet und dargelegt werden.

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