Alt- versus Neo-Lefebvristen

Anders als unsere braven Herren „Dominikaner“ meinen, ist es also keineswegs „übertrieben“, von der „Konziliaren Kirche“ als „Gegen-Kirche“ zu sprechen, im Gegenteil. Daß man nicht gleichzeitig der Kirche und ihrem kontradiktorischen Gegenteil, der „Anti-Kirche“, angehören kann, liegt auf der Hand. Freilich ist hier die Konfusion zu beachten, die dadurch entsteht, daß diese „Anti-Kirche“ sich als die katholische Kirche ausgibt und von aller Welt auch als solche angesehen wird. Daher kann man sicherlich bei vielen Katholiken voraussetzen, daß sie schuldlos irrend oder guten Glaubens dieser falschen „Kirche“ anhangen. Sie besuchen beispielsweise einfach weiter ihre Pfarrkirche, wie sie und ihre Vorfahren es immer schon getan haben, und realisieren nicht oder zu wenig, daß sich dort längst eine akatholische Sekte breitgemacht hat, zumal diese Sekte von allen „römisch-katholisch“ genannt wird. Dies ändert jedoch nichts daran, daß es objektiv Abfall vom Glauben und Abfall von der Kirche bedeutet, wenn man der „Konziliaren Kirche“ zugehört.

7. Damit zurück zu unseren Predigerbrüdern, welche zusammenfassend meinen: „Die Zugehörigkeit zur konziliaren Kirche ist kein Akt der Apostasie, wie es die Zugehörigkeit zur lutherischen Kirche wäre. Man kann sicherlich nicht gleichzeitig katholisch und lutherisch sein, aber man kann gleichzeitig katholisch und konziliar sein, leider!“ Wie wir gesehen haben, liegen sie hierin vollkommen falsch, und somit ist ihnen die Widerlegung des neo-lefebvristischen „Sophismus“ nicht gelungen. In der Tat ist nämlich gerade der „Obersatz“ der Neo-Lefebvristen, in welchem die Alt-Lefebvristen deren Fehler erblicken wollen, der richtige Teil ihrer Argumentation. Falsch ist vielmehr ihr Untersatz, wonach die „konziliaren Päpste“ zweifelsfrei die Päpste der katholischen Kirche sind. Doch dazu später.

Nach den alt-lefebvristischen „Dominikanern“ kann man also ohne weiteres gleichzeitig katholisch sein und der „Konziliaren Kirche“ angehören, wobei es sich bei letzterer freilich um eine „Sekte“ handle, „eine Gesellschaft, einen Clan“, welche die katholische Kirche besetzt hält. Deshalb müsse man besonders klug sein in den Beziehungen zur „konziliaren Hierarchie“ und dürfe sich namentlich nicht direkt unter deren Jurisdiktion stellen. „Denn wenn man sich unter ihre Jurisdiktion stellt, tritt man, ob man es will oder nicht, in diese Kirche ein, wie es bei allen der Fall ist, die sich seit dem Konzil ihr angeschlossen haben.“ Das verstehen wir ehrlich gesagt nicht ganz, denn wenn diese „konziliare Hierarchie“ doch zugleich die der katholischen Kirche ist, so kann man sich wohl auch ohne weiteres ihr unterstellen, oder nicht?

Da führen unsere „Herrenhunde“ nun eine sehr subtile Unterscheidung an, die dem spitzfindigsten Neo-Scholastiker alle Ehre gemacht hätte. Sie unterscheiden nämlich zwischen „Rom“ und dem „Vatikan“, und leiten dies sogar noch empirisch von dem Besuch der „Dominikanerinnen“ von Fanjeaux aus Tradiland ab, den diese mit ihren Schülerinnen der Ewigen Stadt abgestattet hatten. Diese nämlich hatten sich an den „Heiligen Vater“ in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom gewandt, ihnen dort eine Kirche für ihre Hl. Messe zur Verfügung zu stellen, doch dieser habe sich in dieser Angelegenheit „als Chef des Vatikan“ betragen „statt als Bischof von Rom“. „Findet man in dieser Analyse nicht die Unterscheidung von zwei Kirchen: Rom (die katholische Kirche) und der Vatikan (die konziliare Kirche)?“ So fragen rhetorisch die Herren „Dominikaner“. „Und, bis zum Beweis des Gegenteils, ist nicht der Vatikan mit dem Papst an seiner Spitze zugleich die Hierarchie der katholischen Kirche? Findet man hier nicht die Idee, daß es eine Hierarchie für zwei Kirchen gibt?“ In der Tat, die findet man. Aber abgesehen davon, daß das Gegenteil längst bewiesen ist, erklärt es uns immer noch nicht, warum man sich dann dieser Hierarchie nicht unterstellen darf, wenn sie doch zugleich die der katholischen Kirche ist.

Der Nachweis, daß man nur mit ihrem Konzept von „Konziliarer Kirche“ der Linie des verehrten Mgr. Lefebvre folgen könne, ist ihnen somit ebenfalls nicht gelungen. Zumal sich fragen läßt, ob das, was sie als dessen „Linie“ betrachten, wirklich seine Linie war. Bekanntlich hatte „der Erzbischof“ grundsätzlich kein Problem, sich der „konziliaren Hierarchie“ zu unterstellen, wenn sie ihm nur sein „Schutzschild“ in Form von wenigstens einem „traditionellen“ Bischof und einer römischen „Tradi“-Kommission gewährt hätte. So bleibt den „Herrenhunden“ nur der Rückgriff auf „alle“ der „Tradition treugebliebenen Bischöfe“, die sie allerdings auf sechs reduzieren: Erzbischof Lefebvre und Bischof de Castro Mayer sowie die vier Weihbischöfe der „Piusbruderschaft“ (von denen wenigstens einer inzwischen Neo-Lefebvrist ist). Es stünde sehr traurig um uns, wenn dies wirklich „alle“ Bischöfe wären und es nicht noch andere gäbe, die wirklich „der Tradition treugeblieben“ sind.

8. Damit sind wir bei dem Referenz-Bischof, welchen die Herren Dominikaner exemplarisch für die wahre, die alt-lefebvristische Position heranziehen zu können meinen: Weihbischof Bernard Tissier de Mallerais. Als „Pius-Mann der ersten Stunde“ und Lefebvre-Biograph ist er ihnen Garant für die authentische und reine lefebvristische Lehre. In seiner oben schon zitierten und von den „Herrenhunden“ publizierten Arbeit versucht sich der Herr Bischof, um die Frage zu lösen, ob es eine „Konziliare Kirche“ gebe oder vielmehr nicht, an einer gut scholastischen Definition durch „die vier Ursachen gemäß Aristoteles“.

Demnach könne man unterscheiden zunächst die „Materialursache“. Dies seien die „in der Gesellschaft geeinten Personen“. „Wir können sagen, daß dies, sowohl im Falle der katholischen Kirche als auch in dem der konziliaren Kirche, die Getauften sind.“ Das scheint uns so schon nicht ganz richtig. Denn jeder Getaufte wird durch die Taufe selbst zu einem Mitglied der katholischen Kirche, und zwar nicht nur materiell, sondern formell, indem er durch die heiligmachende Gnade und den Glauben dem mystischen Leib Christi eingegliedert wird wie eine Rebe dem Weinstock. Wer sich durch Schisma, Häresie oder Apostasie von diesem Weinstock trennt, gehört nicht mehr zur Kirche, auch nicht als „Materialursache“ – höchstens in einem weiteren und entfernten Sinn, insofern er ihr, solange er lebt, wieder eingegliedert werden kann und weiterhin grundsätzlich ihrer Jurisdiktion unterliegt. Wenn schon, dann hätte man doch präziser sagen müssen, daß „Materialursache“ der Kirche all jene Getauften sind, die sich nicht durch Schisma, Häresie oder Apostasie von ihr getrennt haben, was sie hier schon sehr eindeutig von der „Konziliaren Kirche“ unterscheidet.