Alt- versus Neo-Lefebvristen

Ja, so schnell und vernichtend ist der leidige „Sedisvakantismus“ beiseite gewischt, wenn man es mit einem „Theologen“ vom Format unseres alt-lefebvristischen Weihbischofs zu tun hat! Uns hingegen ist es schon geradezu peinlich, daß wir immer wieder dieselben Dinge wiederholen müssen, welche die Lefebvristen längst wissen müßten, würden sie sie nicht hartnäckig verdrängen oder ignorieren. So zitiert auch der Herr Weihbischof den Satz „Prima sedes a nemine judicatur“ wiederum unvollständig und verkürzt und unterschlägt seine Fortsetzung: „nisi deprehendatur a fide devius“, außer er würde vom Glauben abweichen. Dann nämlich ist er schon gerichtet, wie Innozenz III. lehrt, und zwar durch Christus, welcher sagt: „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet.“ Er ist dann nicht mehr Papst und kann auch von der Kirche gerichtet werden.

Der Kanon 209 des Kirchenrechts bezieht sich ganz sicher nicht auf einen vom Glauben abgefallenen Pontifex. Laut Eichmann-Mörsdorf besagt dieser Kanon folgendes: „Wenn jemand hoheitliche Hirtengewalt ausgeübt hat, ohne sie in Wirklichkeit zu besitzen (z.B. Beichthören ohne Beichtvollmacht, Dispenserteilung ohne Dispensbefugnis, Ämterverleihung ohne Kollationsrecht), wird der Mangel mit Rücksicht auf das Gemeinwohl in zwei Fällen mit Wirkung für den inneren und äußeren Bereich dadurch geheilt, daß die Kirche die fehlende Gewalt durch gesetzliche Delegation ersetzt (Ecclesia supplet).“ Die genannten „zwei Fälle“ sind einmal „allgemeiner Irrtum“ und zum anderen „guter Glaube“. Eine solche gesetzliche Delegation an den Papst ist aber gar nicht möglich, selbst wenn man allgemeinen Irrtum oder guten Glauben annehmen wollte, da dieser über dem Kirchenrecht steht und nicht unter ihm. Eine Delegation geht immer von oben nach unten, nie von unten nach oben. Und eine gesetzliche Delegation an einen Apostaten wird man in diesem Fall erst recht ausschließen müssen.

Gewiß wurde der unfehlbare Beistand des Heiligen Geistes, wie das Vatikanische Konzil lehrt, dem Papst nicht zugesagt, um uns neue Lehren zu verkünden, sondern das Offenbarungsgut getreu zu bewahren und auszulegen. „Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens heilig bewahrten und getreu auslegten“ (DH 3070). Daß dies jedoch nicht als eine Art Bedingung oder Kennzeichen gemeint ist, wann denn der Papst unfehlbar spreche und wann nicht, ergibt sich aus dem gleich darauf folgenden Satz: „Ihre apostolische Lehre haben ja alle ehrwürdigen Väter angenommen und die heiligen rechtgläubigen Lehrer verehrt und befolgt; denn sie wußten voll und ganz, daß dieser Stuhl des heiligen Petrus von jedem Irrtum immer unberührt bleibt, gemäß dem an den Fürsten seiner Jünger ergangenen göttlichen Versprechen unseres Herrn und Erlösers: ‚Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht versagt: und du, wenn du einmal bekehrt bist, stärke deine Brüder‘ (Lk 22,32)“ (ebd.). Die Unfehlbarkeit der cathedra Petri ist uns also gerade der Garant dafür, daß uns von ihr keine neuen Lehren oder „profane Neuigkeiten“ verkündet werden, sondern nichts anderes als die überlieferte Offenbarung oder Hinterlassenschaft des Glaubens. Müßten wir jedesmal erst erforschen und prüfen, wann uns das päpstliche Lehramt das überlieferte Glaubensgut lehrt und wann nicht, wäre es wertlos. Wir müßten dann selbst mit Unfehlbarkeit ausgestattet sein, um jeweils richtig zu entscheiden, wann das eine oder das andere der Fall ist. Das entspricht sicher nicht der katholischen Lehre, wohl aber der lefebvristischen Sonderlehre vom „Filter“ oder „Sieb“, den wir jeweils auf die Aussagen des Lehramtes anzuwenden haben.

Natürlich ist es mit der Indefektibilität der Kirche keineswegs unvereinbar, daß sie infolge eines großen Abfalls auf eine sehr bescheidene Zahl von Katholiken zusammenschrumpfen kann, wie dies heute zweifellos der Fall ist. Wohl aber ist es unvereinbar mit der Unvergänglichkeit und Indefektibilität der Kirche, daß ihr Lehramt zu einer Schleuder des Irrtums werden kann, daß aus der „cathedra veritatis“ die „cathedra pestilentiae“ wird. In diesem Fall hätten tatsächlich die Pforten der Hölle, nämlich Häresie und Irrtum, sie überwältigt. Im Kommentar von Arndt-Allioli zur Stelle Mt 16,18: „Und ich sage dir: Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“, lesen wir: „Der Kirche steht eine andere Feste entgegen, der Teufel mit allen denen, die seine Macht bilden (Orig.), ganz besonders die Häresien (Origenes, Hieronymus). Aus dieser Verheißung folgt die Unfehlbarkeit der Kirche, mithin des Papstes, der ihr Fundament ist, ein Felsen.“ Ferner: „In den Worten des Herrn ist zugleich die Verheißung enthalten, daß er Sorge tragen werde, damit Petrus wirklich die Festigkeit und Einheit erhalte und seine Aufgabe als Fundament erfülle. Wodurch? Durch den Glauben, den er bekennt. Da nun die von Christus gegründete Kirche durch alle Zeiten bestehen soll: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, so muß dies Fundament ebenso beständig sein wie die Kirche.“ Würde dieses Fundament durch die Häresie oder Apostasie zerstört, so wäre die Verheißung Christi hinfällig. Das sei auch den Herren Neo-Lefebvristen gesagt, die da meinen, die häretischen und apostatischen „konziliaren Päpste“ seien zweifelsfrei die Nachfolger Petri.

Für unseren alt-lefebvristischen Weihbischof sind dies jedoch „extreme Antworten“, die man zu „meiden“ habe. Ein Problem der Alt- wie der Neo-Lefebvristen scheint uns zu sein, daß sie selten einmal ein Buch zu Rate ziehen, eine gut kommentierte Bibel etwa, einen guten Katechismus oder gar eine Dogmatik oder einen Kirchenrechtskommentar. Zumeist schmoren sie nur im eigenen Saft und zitieren bevorzugt ihren Meister Lefebvre oder ihre eigenen Werke, wenn sie nicht ohnehin nur freie und improvisierte Gedankengänge aus ihren Hirnwindungen extrahieren. Wenn sie sich hie und da auf andere Quellen wie die Bibel oder die „Summa“ des heiligen Thomas berufen, so kann man sicher sein, daß es sich erstens nur um gewisse ausgewählte Stellen handelt, die zweitens grundsätzlich falsch interpretiert oder angewendet werden. Sie gleichen damit ein wenig den Modernisten, welchen sie zurecht stets vorwerfen, sich in ihren Referenzen zumeist auf „das Konzil“ oder das „konziliare Lehramt“ zu beschränken und andere Quellen nur sehr selektiv und obendrein entstellend zu verwenden.

10. Ein weiterer Grundfehler der Lefebvristen, gleich ob alter oder neuer Observanz, wird in der Arbeit des hochwürdigsten Herrn Weihbischof und seiner versuchten Definition von Kirche deutlich sichtbar. Wir meinen das Verkennen oder Nichtbeachten des übernatürlichen Charakters der wahren Kirche Christi. Der große Dogmatiker Matthias Joseph Scheeben schreibt in seinem Buch „Die Mysterien des Christentums“ (Gesammelte Schriften Bd. II, Freiburg i.Br. 1941): „Das innere Wesen der Kirche ist eben ein absolut übernatürliches wie das des Gottmenschen; das ist der Grund, weshalb es so verborgen und geheimnisvoll ist, weshalb die Kirche, obgleich in ihrer äußeren Einrichtung mit anderen menschlichen Gesellschaften übereinkommend, doch in ihrem Innern einen wesentlich anderen Charakter hat als diese, weshalb ihre Einheit, ihre Kraft und ihre Einrichtung eine so eigentümliche, erhabene, unbegreifliche ist“ (S. 444).