Alt- versus Neo-Lefebvristen

Er fährt fort: „Man könnte versucht sein, das Wesen der Kirche zu äußerlich nach Analogie anderer Gesellschaften unter den Menschen aufzufassen und den wesentlichen Unterschied von diesen nur darein zu setzen, daß sie eine religiöse und von Gott gestiftete Gemeinschaft sei. Beides ist sie ohne Zweifel, aber damit allein wäre sie nichts besonders Erhabenes und für die Vernunft Unbegreifliches. Wie sich die Menschen zu andern Zwecken zusammentun, so können sie sich auch zur gemeinschaftlichen Religionsübung miteinander vereinigen; darin liegt nichts Übernatürliches. Ja Gott selbst kann durch eine positive Einrichtung die Bildung einer solchen Gesellschaft anordnen, ihr Gesetze geben, ihr besondere Rechte und Privilegien verleihen, die Menschen andererseits auf dieselben verpflichten und in Bezug auf die Erfüllung ihrer religiösen Bedürfnisse an dieselbe anweisen, wie dies im Alten Bund durch die mosaischen Institutionen geschehen ist. Ohne eine übernatürliche, außerordentliche Einwirkung Gottes wird eine solche Gesellschaft nicht zustande kommen; aber in ihrem Wesen wird sie darum noch immer nicht übernatürlich und geheimnisvoll sein. Die Gottesverehrung wäre ja immer eine bloß natürliche, nur durch bestimmte Normen geregelte und geleitete; und wenn Gott an die priesterlichen und regierenden Funktionen der Gesellschaft eine besondere Wirksamkeit knüpfte, so nämlich, daß durch jene die Sündenvergebung und andere Gnaden verliehen, durch diese die Untergebenen mit voller Sicherheit in der Ausübung ihres religiösen Lebens geleitet würden: so wäre auch das zwar etwas Außerordentliches, die Wirkung einer speziellen gnädigen Vorsehung, aber keineswegs etwas wahrhaft Mystisches, Übernatürliches. Das ganze Institut der Kirche reduzierte sich auf eine von Gott geregelte Erziehung und Leitung der Menschen und eine rechtmäßige Vermittlung ihres Verkehrs mit Gott; ihre ganze Einheit, ihre ganze Wirksamkeit wäre eine bloß moralische, nach Analogie der übrigen menschlichen Gesellschaften“ (ebd.). Zweifellos ist dies die Sichtweise der Lefebvristen. (Wie sonst käme der Herr alt-lefebvristische Weihbischof auf die Idee, die Kirche „nach Analogie anderer Gesellschaften unter den Menschen“ nach ihren „vier Ursachen“ zu definieren, um so zu dem Fehlschluß zu gelangen, sie werde von derselben Hierarchie geleitet wie die „Konziliare Kirche“ und teile sich mit dieser zumeist dieselben Mitglieder?)

Hingegen: „Der Glaube zeigt uns in ihr unendlich mehr. Im Glauben erkennen wir die Kirche als eine Anstalt, die nicht bloß zur Erziehung und Leitung des natürlichen Menschen bestimmt ist, sondern dem Menschen ein neues Sein und Leben, eine ganz neue, übernatürliche Stellung und Bestimmung gibt und ihn im Streben nach dieser Bestimmung tragen, stärken und leiten soll. Dem Glauben ist die Kirche nicht bloß von Gott oder von einem göttlichen Gesandten gestiftet und legitimiert, sondern auf den Gottmenschen gebaut, ihm eingegliedert, zu seiner Höhe emporgehoben, von seiner göttlichen Würde und Kraft getragen und erfüllt; sie ist der Leib des Gottmenschen, in welchem alle, die in ihn eintreten, zu Gliedern des Gottmenschen werden, um, in ihm und durch ihn aneinandergekettet, an dem göttlichen Leben, der göttlichen Herrlichkeit ihres Hauptes Anteil zu haben. Dem Glauben ist endlich die Kirche nicht bloß eine Dienerin Gottes oder des Gottmenschen, die bloß einen gewissen Verkehr Gottes mit den Menschen vermitteln soll: sie ist als der mystische Leib Christi zugleich seine wahre Braut, die, von seiner göttlichen Kraft befruchtet, ihm und seinem himmlischen Vater himmlische Kinder gebären, diese Kinder mit der Substanz und dem Lichte ihres Bräutigams nähren und sie über die ganze geschaffene Natur hinaus in den Schoß seines himmlischen Vaters hinaufführen soll“ (S. 445).

11. Sehr schöne Worte findet der „Fürst der Neuscholastik“ auch über die päpstliche Hirtengewalt: „Diese Einheit der Hirtengewalt der Kirche finden wir darin, daß die ganze Fülle der kirchlichen Hirtengewalt nach der Glaubenslehre in einem Hohenpriester dergestalt niedergelegt ist, daß ihm die ganze Herde der Kirche und selbst die Priester und Hohenpriester derselben angehören und unterworfen sind, alle übrigen Hohenpriester und Priester hingegen nur in Abhängigkeit von ihm und in Verbindung mit ihm Hirtengewalt in der Kirche erlangen und ausüben können. Durch ihn, als sein Fundament, wird das ganze soziale Gebäude der Kirche getragen; von ihm geht die Hirtengewalt in den übrigen Hirten der Kirche aus wie die Strahlen aus der Sonne, die Bäche aus der Quelle, die Äste aus dem Baum. Dadurch, daß in ihm die Fülle der Hirtengewalt ruht und keine andere in der Kirche von der seinigen unabhängig gedacht werden kann, wird die Kirche wahrhaft und vollkommen eins, nicht bloß in ihrer Spitze, sondern in ihrem tiefsten Grunde – und von Grund aus – nicht bloß in ihrem Gipfel, sondern in ihrer Wurzel – und von der Wurzel heraus. Eine andere, geringere Einheit in der Kirche ist nicht denkbar, wenn nicht die Art ihrer sozialen Organisation in vollen Widerspruch mit ihrem innern Wesen treten soll“ (S. 454 f). Petrus ist eben der Fels, das Fundament, auf dem die Kirche ruht.

„Wenn vor dem Vatikanum manche Theologen sich zu dieser erhabenen Idee von der Stellung des Papsttums in der Kirche nicht erschwingen konnten, so lag nicht der letzte Grund darin, daß sie die Kirche nicht genug von ihrem übernatürlichen, geheimnisvollen Wesen aus kannten oder betrachteten, welches sich gerade im Papsttum reflektiert und ausspricht. Man faßt die Kirche, obwohl von Gott gestiftet, zu sehr nach dem Schema der natürlichen Gesellschaften auf; in diesen letzteren ist die einheitliche Regierungsgewalt, selbst wenn die Verfassung eine monarchische, immer nur die Vertreterin des Gesamtinteresses; die Vereinigung desselben in einer Hand gehört gar nicht zum Wesen dieser Gesellschaften, sie bildet bloß einen besonderen Modus ihrer faktischen Existenz und Durchbildung. Der Monarch bildet daher hier mehr die Spitze der Gesellschaft als ihr Fundament oder eine wesentliche Bedingung ihrer Existenz. Die Kirche hingegen bildet sich erst um einen schon gegebenen, übernatürlichen Mittelpunkt, um Christus und seinen Heiligen Geist, der naturgemäß auch im sozialen Organismus durch einen Stellvertreter, ein Organ sich geltend machen muß. Nicht die Kirche setzt diesen Mittelpunkt aus sich heraus; er ist auch von Gott nicht bloß dazu gesetzt, um die Kirche als ein einheitliches Ganzes abzuschließen; er soll vielmehr die Kirche tragen als deren Grundfeste, auf der sie sich aufbaut, durch den sie auf dem Gottmenschen und dem Heiligen Geiste ruht, durch den ihre Einheit nicht bloß irgendwie vermittelt oder gekrönt, sondern wesentlich bedingt wird. Die Kirche als Gesellschaft ist in ihm, wie sie in Christus ist; sie ist durch ihn in Christus, weil auch Christus als ihr regierendes Haupt mit seiner Hirtengewalt nur durch ihn in der Kirche ist“ (S. 455).

Daraus ergibt sich notwendig die übernatürliche „Unfehlbarkeit der Hirtengewalt im Papste“, die, „wie die wurzelhafte Einheit derselben in seiner Person, der Reflex es inneren, geheimnisvollen Wesens der Kirche und darum auch in sich selbst ein übernatürliches Mysterium“ ist, „welches die Kirche in ihrer göttlichen Größe zur Anschauung bringt“. „Eine bloße Unfehlbarkeit des Ganzen – der ganzen Kirche oder auch des ganzen Episkopates – resultierend aus der Übereinstimmung Einzelner – wäre einerseits nur ein unvollkommener künstlicher Notbehelf, unwürdig der erhabenen, wunderbaren Wirksamkeit, welche der Heilige Geist in der Kirche entfaltet; andererseits würde dadurch der Schwerpunkt derselben dem direkten Einflusse des Heiligen Geistes entzogen und mehr auf eine natürliche Grundlage verlegt“ (S. 456).

Nein, zu solch einer erhabenen Sicht des Glaubens haben sich die Alt- wie die Neo-Lefebvristen nie aufgeschwungen. Wie sonst wäre ihr Geschwätz möglich vom einen Papst für zwei Kirchen (Kirche und Anti-Kirche), welches uns die alt-lefebvristischen „Dominikaner“ im Gefolge ihres Lefebvre-Weihbischofs und -Evangelisten auftischen; von der päpstlichen Unfehlbarkeit, die nicht mehr ist als das Sahnehäubchen auf dem Kuchen oder der Schnee auf dem Gipfel des Berges, wie sie ein anderer alt-lefebvristischer Weihbischof sieht; oder von der „Karikatur“, die darin bestünde, die Kirche als die makellose Braut Christi ohne Makel und Runzel zu denken, wie dies ein neo-lefebvristischer Weihbischof unlängst äußerte; oder die des neo-lefebvristischen „Ekklesiologen“ von dem apostatischen Papst, der gleichwohl „seine grundsätzliche Neigung zum Wohl der Kirche“ bewahrt, „auch wenn es Hindernisse gibt bei der Ausübung dieser Neigung“.

12. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Alt-Lefebvristen darin recht haben, daß die „Konziliare Kirche“ als eine Realität existiert, und daß sie darin unrecht haben, daß ein und derselbe Papst das Haupt der katholischen Kirche wie der „Konziliaren Kirche“ sein kann. Darin nämlich haben die Neo-Lefebvristen recht, daß sie sagen, ein Papst, der zugleich das Haupt einer real existierenden „Konziliaren Kirche“ wäre, hätte aufgehört, Papst zu sein. Ihr Fehler liegt wiederum darin, daß sie daraufhin die Wirklichkeit der „Konziliaren Kirche“ leugnen und sie zu einem reinen Gedankending verflüchtigen (was freilich nur die logische Fortführung und Konsequenz aus dem Alt-Lefebvrismus ist; denn wenn ein Papst zwei „Kirchen“ regieren soll, muß man notwendigerweise eine von beiden auflösen). Würden sich beide zusammentun, anstatt sich zu bekämpfen, und jeder das Richtige vom anderen übernehmen, so kämen sie der Wahrheit bedeutend näher. Doch gerade diese Wahrheit wollen beide nicht, und darin liegt trotz allem ihre tiefe Gemeinsamkeit. Denn diese Wahrheit wäre ja – um Himmels willen! – „Sedisvakantismus“! Und davor bewahre uns Gott!