Was ist eigentlich ein „Sedisvakantist“?

Albert Maria Weiß erklärt dazu: „Was den Liberalismus zum Liberalismus macht, das ist die Selbstherrlichkeit, das Eigenrecht, das Eigenmaß, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, die Autonomie, der Subjektivismus. Selbst wenn er ein Gebot hält, und wäre es ein Gebot Gottes, so hält er es, wie Fichte sagt, nicht weil es Gott gesetzt hat, sondern weil er es selbst halten will. Und auch wenn er eine kirchliche Entscheidung befolgt, so tut er das nach dem Worte von Ockam, nicht weil die Entscheidung so lautet, sondern weil er findet, und insoweit er findet, daß diese mit der katholischen Wahrheit übereinstimmt. … Er ist der Herrenmensch, der Schöpfer, und wenn nicht der Schöpfer, so der Ausleger des Gesetzes, für sich, für andere, für alle Welt und alle Zeit, für die Beurteilung der Geschichte und der römischen Entscheidungen, für die Einrichtung der Gegenwart, der Politik, der Wissenschaft, des Rechtes.“

Da ist es natürlich verlockend, wenn man auf den Ausfall der kirchlichen Autoritäten verweisen kann und somit für seine Selbstherrlichkeit die beste Rechtfertigung hat. Darum tummeln sich so viele sonderbare Gestalten unter den „Sedisvakantisten“, die oft genug nur ihren eigenen Vorteil oder ihr armseliges Ich suchen, darum gibt es unter ihnen so viele Sondergrüppchen und Sonderlehren, so viele Päpste und Bischöfe, die ihrerseits ihre eigenen Päpste sind, so viel Fanatismus, der stets Folge des Subjektivismus ist. Doch zugleich sehen wir ohne weiteres ein, daß dies gar nichts mit jenen Katholiken zu tun hat, die wir oben geschildert haben. Sie wollen ja gerade nicht autonom sein, sondern hängen mit ganzem Herzen am römischen Lehramt und müssen sich nun ausgerechnet deshalb als „Sedisvakantisten“ schmähen lassen.

Darin besteht die besondere Niedertracht dieser Schmähung, daß man hier die Dinge durcheinanderwirft und einen Begriff unterschiedslos auf sehr verschiedene, ja diametral entgegengesetzte Sachverhalte anwendet. Man könnte fast von Äquivozität sprechen. Es haben die einen „Sedisvakantisten“ mit den anderen im Grunde nicht mehr gemeinsam, als daß man beide gleichermaßen so nennt. Und indem man sie in einen Topf wirft, fällt das Odium der einen notwendig auch auf die anderen.

5. Wie erkennt man nun die eigentlichen Katholiken unter den sog. „Sedisvakantisten“? Da sie nichts anderes wollen, als dem kirchlichen Lehramt treu zu bleiben und den katholischen Glauben ohne Abstriche zu bewahren, sind sie vor allem ängstlich bemüht, alle Sonderwege und Sonderlehren zu vermeiden, sich nur an zuverlässigsten Texten und Autoren zu orientieren und dabei nach dem Motto vorzugehen: „The older the better – Je älter desto besser.“ Damit meinen sie natürlich nicht eine Rückkehr zu irgendeiner phantastischen „Urkirche“, von welcher die Modernisten schwärmen, sondern sprechen nur die Einsicht aus, daß die Theologie nicht erst seit dem „II. Vatikanum“ auf Abwege geraten ist. Dessen Vorbereitung reicht bekanntlich bis weit ins 19. Jahrhundert zurück und im Grunde noch weiter darüber hinaus, wobei der entscheidende Bruch an der Wende zum 20. Jahrhundert stattgefunden hat. Mit entsprechender Vorsicht muß man die Quellen behandeln, wobei es durchaus noch ausgezeichnete katholische Autoren gibt, vor allem Ende des 19. Jahrhunderts, aber vereinzelt sogar noch im 20., wenn man sie auch zunehmend mit der Lupe suchen muß.

Gleichermaßen bemühen sich die Katholiken, in der katholischen Liturgie zu verharren, soweit sie noch nicht durch Neuerungen des großen Alchimisten und Schöpfers des „Novus Ordo Missae“, Annibale Bugnini, verunreinigt wurde. Da dieser sein Zerstörungswerk bereits vor 1950 unter Pius XII. begann, bedeutet dies, bei den Reformen des hl. Pius X. zu verbleiben und die liturgischen Bücher zu benutzen, die zuletzt von Pius XI. herausgegeben wurden. In einschlägigen Kreisen spricht man von der „Messe des hl. Pius V.“, um sie von der sog. „alten Messe“ nach den Büchern von 1962 abzugrenzen.

Da sie ihrem Guten Hirten und Seinem Stellvertreter auf Erden, dem Heiligen Vater, unbedingt die Treue wahren wollen, weigern sich die Katholiken, einer anderen Stimme als dieser zu folgen. Sie kennen keine anderen kirchlichen Oberen als die legitimen Autoritäten und können darum weder den „konziliaren“ Behörden noch irgendwelchen selbsternannten „ersetzenden Autoritäten“ Gehorsam leisten. Das verbietet ihr Gehorsam gegenüber ihrem obersten Hirten. Sie freuen sich jedoch keineswegs, angesichts des Ausfalls der kirchlichen Hierarchie Freiheit und Autonomie zu genießen, sondern sie leiden unter der Situation und seufzen voll Sehnsucht nach jener väterlichen Autorität, die ihnen wieder Halt und Sicherheit gibt, die Ordnung in der Kirche und die Einmütigkeit der Katholiken wieder herstellt, das kirchliche Leben wieder erblühen und die Braut Christi in neuem Glanz erstrahlen läßt. Da sie wissen, daß nicht sie selber, sondern nur Gott hier Abhilfe schaffen kann, flehen und beten sie unablässig zu Ihm, Er möge sich unser erbarmen und uns wieder einen wahren Papst, einen Stellvertreter Christi auf Erden, einen wahren Heiligen Vater schenken. „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so mühen sich die Bauleute umsonst; wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Hüter umsonst“ (Ps. 126,1). Darum rufen sie: „Zu dir erhebe ich meine Augen, der du im Himmel wohnst! Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Gebieterin, so schauen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er sich unser erbarmt. Erbarme dich unser, o Herr! erbarme dich unser; gar sehr sind wir gesättigt mit Verachtung, ja, reichlich gesättigt sind unsere Seelen, zum Gespötte sind wir den Reichen und zur Verachtung den Stolzen“ (Ps. 122).

6. Die Katholiken bilden sich nicht ein, die besseren Menschen zu sein, ganz und gar nicht. Sie blicken nicht mit Verachtung, sondern voll Mitleid und Trauer auf jene, die auf Irrwegen wandeln. Sie möchten ihnen so gerne helfen, wenn sie es vermöchten, und sie wissen gut, daß sie es selber nur einer besonderen Gnade und der Barmherzigkeit des Lieben Gottes zu verdanken haben, wenn Er ihnen nachging und sie mit der Liebe des Guten Hirten in Seinen Schafstall zurückgeholt hat. Ihr Eifer ist darum von Liebe und Barmherzigkeit geprägt, nicht von Fanatismus, Rechthaberei und Stolz. Sie haben Nachsicht mit jeder Schwäche, da sie doch selbst schwach sind. Sie suchen nicht ihren eigenen Vorteil, weder Reichtum noch Ehre, sie wollen nicht die Herren spielen, sondern einzig Gott dienen.

Sie spielen nicht selbst Vorsehung, sondern geben sich redlich Mühe, der Vorsehung Gottes zu folgen. Die Katholiken unserer Tage wissen daher besonders, wie notwendig es ist, sich eng an die allerseligste Jungfrau zu halten. Sie ist unsere Stütze und unsere Zuflucht in diesen finsteren Zeiten. Voll Vertrauen halten sie sich an die Worte des heiligen Bernhard von Clairvaux: „Wenn du ihr folgst, gehst du nicht in die Irre; wenn du sie anflehst, brauchst du nicht zu verzweifeln; wenn du an sie denkst, irrst du nicht; wenn sie dich hält, fällst du nicht; wenn sie dich schützt, hast du nichts zu fürchten, unter ihrer Führung ermüdest du nicht, unter ihrer Gunst erreichst du das Ziel und erfährst so an dir selber, wie wahr geschrieben steht: Und der Name der Jungfrau war Maria.“

7. Das sind die schrecklichen Katholiken, die man „Sedisvakantisten“ heißt und vor denen man fliehen und warnen zu müssen meint, die man zu meiden hat wie die Pest.