Engel sind Antimodernisten

von antimodernist2014

Der Katholik befindet sich heutzutage in einer äußerst mißlichen Lage. Durch das fast totale Versagen der kirchlichen Hierarchie im Kampf gegen die größtmögliche Irrlehre – den Modernismus – steht er alleingelassen inmitten einer neuheidnischen Welt. Es ist kein kleines Wunder notwendig, will er seinen Glauben inmitten dieses Sammelbeckens aller Häresien bewahren – ohne Hilfe des kirchlichen Lehramtes, das von den Modernisten besetzt ist – „Dort, wo der Sitz des heiligen Petrus und das Lehramt der Wahrheit zur Erleuchtung der Völker errichtet ist, dort stellen sie den Thron ihrer abscheulichen Gottlosigkeit auf, damit, nachdem der Hirt geschlagen ist, sie auch die Herde zerstreuen können“, schreibt Papst Leo XIII. in seinem Gebet zum heiligen Erzengel Michael vom 18. Mai 1890 – und zum Leeramt umfunktioniert wurde, was leider nur die wenigsten, genügend wachsamen Katholiken erkannt haben.

Wie kann man diesen Verlust einigermaßen ausgleichen? Wie kann man von Gott jene außerordentlichen Gnaden erlangen, die zum Erhalt des Glaubens unbedingt notwendig sind? Neben der Verehrung der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria ist besonders die Verehrung der heiligen Engel notwendig. Diese sind nämlich sicherlich wahre Lehrmeister der göttlichen Wahrheit und des übernatürlichen Lebens, da sie immerdar Gott von Angesicht zu Angesicht schauen. Zudem sind sie von Gott als unsere Beschützer und Begleiter bestimmt worden, die niemals von unserer Seite weichen.

Aber ihre Hilfe in dieser Notzeit geht noch weiter. Sie helfen uns allein schon durch ihr Wesen, das katholische Denken nicht zu verlieren. Denn zweifelsohne sind auch sie als Glieder der triumphierenden Kirche katholisch und somit natürlich auch Antimodernisten. Das moderne Denken ist ihnen völlig fremd, ist es doch grundfalsch und in keiner Weise mehr der Wirklichkeit entsprechend.

Wie die Sekte der Sadduzäer zur Zeit Jesu nicht an Engel glaubte (vgl. Apg 23,8), so auch der Modernist. Der heutige Modernismus, das Sadduzäertum des zwanzigsten Jahrhunderts, leugnet ebenfalls das Dasein dieser rein geistigen Wesen. Die zersetzende Kritik, die den Modernismus hervorgebracht hat, erklärt, der Glaube an Engel bei den Juden sei darauf zurückzuführen, daß diese während ihrer babylonischen Gefangenschaft mit babylonischen und persischen Sagen in Berührung gekommen sind. So wird, wie von vielen anderen kostbaren Dingen der Heiligen Schrift, auch vom Glauben an die heiligen Engel behauptet, er sei babylonischen Ursprungs. Um zu so einer Behauptung kommen zu können, muß man schon jegliches katholische Verständnis der Heiligen Schrift verloren haben und im höchsten Maße verblendet sein.

Der Modernist glaubt also normalerweise nicht an die heiligen Engel. Wenn ein einzelner Modernist dennoch an Engel glaubt, so nur, weil er das eigene System des Unglaubens nicht durchweg ernst nimmt und seinem persönlichen Geschmack entsprechend meint, es könne oder solle oder müsse doch Engel geben. Er erkennt jedoch die Existenz der heiligen Engel nicht mehr durch einen Akt des übernatürlichen Glaubens, der die göttliche Offenbarung absolut ernst nimmt und als unumstößliche Grundlage anerkennt.

Der Modernist glaubt normalerweise nicht an heiligen Engel, weil er die Existenz von rein geistigen Wesen nicht für möglich hält, bzw. die Möglichkeit einer sicheren Erkenntnis eines solchen Wesens zurückweist. Diese Ansicht stammt aus der sog. Aufklärung. In der Zeit der Aufklärung eroberte der Agnostizismus zunächst die protestantische „Theologie“ und führte zum Phänomen des Deismus.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner beschreibt diese Geisteshaltung in seinem Buch „Dionysius vom Areopag“ in meisterlicher Weise so:

„Wunder und Zeichen seien, so versichert sie, selbstverständlich in früheren, gottnäheren Zeitaltern geschehen und durch die Autorität der Heiligen Schriften wohlverbürgt; aber gegenüber vor unseren eigenen Augen sich ereignenden und zu eräugenden Hierophanien und Thaumaturgien sei allerhöchstes Mißtrauen und zweifelnde Zurückhaltung geboten, da es sich dabei auch um Betrug, Schwindel, Täuschung und womöglich sogar teuflisches Blendwerk, dämonischen Spuk oder beelzebübische Machenschaften handeln könne. Die dogmatisch auf lauter Wunder und Mysterien fußende Kirche ist in der Praxis ausgesprochen sakral-skeptisch und verhält sich gegenüber Visionen, Erscheinungen und ‚Privatoffenbarungen‘ mindestens so zweiflerisch, ja fast feindselig wie beispielsweise Voltaire gegenüber der Jungfrau von Orleans oder Karl Marx gegenüber einer Anna Katharina Emmerich. Faktisch, wenn auch, aus naheliegenden und bereits angedeuteten Gründen, nicht lehrlich oder lehrsinnig, huldigen die meisten Verwalter des christlichen Glaubens einem gemäßigten Deismus, also einer als Irrlehre gebrandmarkten Weltanschauung… Der Deismus, wie er sich insbesondere in der frühen ‚Neuzeit‘ – schon der bloße Ausdruck ist verräterisch und enthält eine Absage! – hervorgewagt hat, nimmt zwar noch einen Schöpfergott oder ‚Weltenbaumeister‘ an, der einst, ähnlich einem Uhrmacher, den Riesenmechanismus des Alls geschaffen habe…
… also, wie gesagt, dieses typische Erzeugnis eines aufklärerischen Denkens, das Deismus heißt, weil es noch nicht so unverschämte Schneid aufbringt, sich offen zum Atheismus zu bekennen, billigt Gott gerade noch das Existenzminimum zu und bürdet ihm die Erschaffung der Welt auf, somit die Arbeit am Anfang, vor langer Zeit, dann aber mutet sie dem Herrn des Universums Dauerarbeitslosigkeit zu, ein tatenloses und müßiges Pfründnerleben wie in einem Altersheim, Bürgerspital oder Seniorenwohnstift, mitnichten jedoch räumt sie Gott das ein, was Gott überhaupt erst zu Gott macht, nämlich Phantasie und das uneingeschränkte souveräne Recht, Wunder zu wirken, Engel erscheinen zu lassen, in den Erdenkrempel einzugreifen, auf hierarchischem, theomimetischem (= Gott nachahmendem) und hagiologischem (= die Erforschung von Heiligenleben betreffendem) Wege gnadenüberströmend zu sein und auf diese Weise immer wieder, offenbar und insgeheim, für himmlische Überraschungen zu sorgen. Wunder, Angelophanie (Engelerscheinung), Vision, Privatoffenbarung sind dem Deisten ein Greuel, stören seine Bilanzen, sind gleichsam nichts als religiöse Umschreibungen für Unordnung, Tohuwabohu und Anarchie. Wo käme man hin, wenn es sogar heute außer bösen und guten, netten und widerwärtigen, bequemen und unbequemen Menschen zusätzlich noch Heilige, Seher, Wundertäter, mit Engeln und vielleicht sogar legendären Heiligen wie St. Anna, St. Katharina, St. Dionysius, St. Philomena verschwörerischen, geheimbündlerischen, um nicht zu sagen ‚freimaurerischen‘ Umgang pflegende Männer, Frauen und Kinder gäbe! Welcher Kompetenzwirrwarr, wenn wieder einmal ein Elias oder Daniel, eine Katharina von Siena oder eine Franziska von Rom, ein Jakob Böhme oder ein Jakob Lorber, eine Bernadette Soubirous oder eine Resl von Konnersreuth unter uns sich erhöbe! Wie der klassische Staatsbeamte die gesetzmäßige Ordnung nicht nur für den höchsten Wert hält, sondern sie in eigener Person verkörpert, darstellt und vorlebt, so schätzt auch der religiöse Bürokrat, der deistische Pedant in allen Belangen am meisten tunlichste Stetigkeit, Präzision und Überraschungslosigkeit. Wenn er Gott schon die Erlaubnis gibt, überhaupt dazusein, und die Möglichkeit einräumt, in grauer Vorzeit einmal sechs Tage lang gewerkt zu haben, so verlangt er nun mit drakonischer Gnadenlosigkeit, daß er ewig stillzusitzen, ein müßiger Gott, ein Deus otiosus, ein Pensionärsgott zu sein habe, der sich gehörig an die von einstens ihm selbst gestifteten Naturgesetze hält und nicht durch allerlei überflüssige Mirakel und andere Skurrilitäten von sich reden macht. Gott, so dekretiert der Deist, wie er auch im modernen Kirchenfunktionär, Konzilstheologen und Katecheten vor uns steht, mit der gebieterischen Anmaßung eines Paulskirchen-Parlamentariers, Gott habe sich wie ein demokratisch-konstitutioneller Monarch zu benehmen, nicht wie ein Kalif aus Tausendundeiner Nacht, nicht wie ein Träumer, Ekstatiker, Überraschungskünstler, Zauberer oder Liebender. Wunder, Visionen, Engel und dergleichen sind ihm günstigstenfalls kindischer Klimbim und Tinnef, schlimmstenfalls verfassungsfeindliche Machenschaften, Attentate auf die bestehende und vielbewährte Ordnung der Welt. Eine Nonne, die sich unterfinge, dank eines Engels unerhörte Dinge zu erleben, wie beispielsweise Gian Lorenzo Berninis verzückt hingegebene Mystikerin in der Seitenkapelle von Santa Maria della Vittoria in Rom, der sich ein lächelnder Seraph mit dem Pfeil göttlicher Liebe nähert, würde ihn zutiefst genieren, ihm als eine hierarchisch gar nicht vorgesehene Unholdin, beinahe als Hexe oder in die Kirche eingeschlichene Schamanin dünken. Ähnlich wie ein konfuzianischer Mandarin auf einen taoistischen Magier herabsieht, würden etwa gewisse Kurienkardinäle, deren Namen ich vorsorglich nicht nenne, eine wiedergeborene Theresia von Avila, Columba von Rieti (eigentlich Angelella Guadagnoli), Francisca Hernandez (der schon im Alter von drei Mädchenjahren die allerheiligste Dreifaltigkeit selbst das Mysterium trinitatis enthüllt hat) oder Angela von Foligno nur mit einer Mischung von Bedauern, Verachtung und Abscheu vor so viel Taktlosigkeit, Unkalkulierbarkeit und skandalösem Aberwitz anblicken und zu unablässigem Bußschweigen auffordern.“
(Gerd-Klaus Kaltenbrunner „Dionysius vom Areopag, Das Unergründliche, die Engel und das Eine“, Die Graue Edition 1996, S 644ff)

Nun wissen wir ausreichend, was ein Deist ist und können uns leicht vorstellen, daß diese Geisteshaltung die geeignete Grundlage für den aufkommenden Modernismus war. Der Modernismus baut auf einer vernünftelnden Vorentscheidung auf, die besagt: So etwas wie Gott oder Engel, also ein Reich des reinen Geistes könne es nicht geben – oder, wenn es dies dennoch geben sollte, dann können wir darüber nichts sagen, weil wir es nicht erkennen können. Und wohlbemerkt, die Modernisten erdreisten sich, so etwas zu behaupten, obwohl eine ununterbrochene Reihe von Augenzeugen die ganze Menschheitsgeschichte durchzieht, die alle felsenfest davon überzeugt waren, daß sie echte, wirkliche Engel gesehen haben und keine Hirngespinste. Aber schon die Heilige Schrift ist so voll von Engel, daß es geradezu absurd erscheint, als christgläubiger Mensch ihre Existenz zu leugnen.

All das ficht die Modernisten jedoch in keiner Weise an. Für sie ist es eine ausgemachte Sache, die als unumstößlich gilt:
1. Es ist unmöglich, das Dasein Gottes zu beweisen. Dieser Beweis würde voraussetzen, daß unsere Erkenntnis nicht auf die Erscheinungswelt beschränkt sei.
2. Es ist, und zwar aus dem gleichen Grunde, unmöglich, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen.
3. Aus demselben Grundsatz ist jede Erkenntnis der inneren Natur Gottes unmöglich.
4. Gott hat keinen Platz in der Wissenschaft und folglich auch nicht in der Geschichte; denn die Wissenschaften haben sich bloß mit den Tatsachen und ihren Gesetzen zu beschäftigen.

Die Grundlage des Agnostizismus ist somit die Überzeugung, daß unsere Erkenntnis nicht über die Erscheinungswelt hinausreicht. Dabei ist es völlig gleichgültig, auf welchem Weg jemand zu dieser Überzeugung gelangt ist, ob durch Leugnung der übersinnlichen Erkenntnis überhaupt, oder durch die Einschränkung der Verstandesfähigkeit auf die rein subjektive Verknüpfung der Sinneserfahrungen oder durch die Aufstellung rein materialistischer oder rein idealistischer Anschauungen.

Jeder, der der menschlichen Vernunft die natürliche Befähigung abspricht, Gott mit Sicherheit aus den Geschöpfen zu erkennen, ist in Wirklichkeit und im wahren Sinne des Wortes Agnostiker, mag er auch den vergeblichen Versuch unternehmen, auf andere Weise die Möglichkeit einer sicheren Gotteserkenntnis zu bewahren. Er hat sich den Ausweg aus dem Abgrund des Nichtwissenkönnens versperrt und wird somit zum ewigen Skeptiker, Nörgler und Zweifler.

Seiten: 1 2 3