Engel sind Antimodernisten

Also nochmals zusammengefaßt: Wir können nicht wissen, ob es Gott oder einen Engel gibt, so behaupten die Agnostiker steif und fest, obwohl der ewige Sohn des Vaters aus der Jungfrau Maria Mensch geworden ist und unzählige Engel den Patriarchen, Propheten und Heiligen sichtbar, hörbar oder auch betastbar erschienen sind. Damit wird für uns greifbar, daß die Welt der Modernisten irgendwie auf dem Kopf steht, und wir wollen nun versuchen, dieses verkehrte Denken wieder auf die Füße zu stellen – mit Hilfe der Engel.

Versuchen wir also, uns in die geheimnisvolle Wesenheit eines Engels hineinzudenken. Die Grundeinsicht in das Wesen der heiligen Engel ist: Der Engel ist reiner Geist. Wenn die Engel reine Geister sind, dann haben sie keinen Leib und keine Sinne wie wir Menschen. Sie haben keine Augen, Ohren, Nase, Geschmack- und Tastsinn. Ein Engel erkennt die Dinge nicht mit Hilfe von Sinneswahrnehmungen, sondern auf eine andere, rein geistige Weise. Daraus geht einerseits hervor, daß auch die materiellen Dinge „Geist“ in sich bergen müssen und nicht nur Materie sein können – sonst wären sie für die Engel unerkennbar – anderseits aber auch, daß der Geist das Wesentliche an den Dinge ist. Die Geschöpfe dieser Welt sind materialisierter Geist, sind Leib gewordene Gedanken Gottes.

Jegliches Seiende, jedes konkrete Ding ist nur insoweit erkennbar, als es ein Bestimmtes ist. Ein völlig unbestimmtes „Ding“ wäre schlechthin unerkennbar – damit aber auch keine Wirklichkeit, es könnte gar nicht existieren. Der Mensch erschließt aus den sinnlich wahrgenommenen Phänomenen durch seinen Intellekt die jeweiligen Bestimmtheiten eines Dinges, welche geistig sind. Beim Engel, der wie gesagt keine sinnliche Wahrnehmung kennt, ist das somit unmöglich. Ein Engel „sieht“ als reiner Geist die Welt notwendigerweise ganz anders als wir Menschen. Diese gottseligen Geister „sehen“ und verstehen die Dinge von ihrem Ursprung her, nämlich Gott.

Der heilige Thomas von Aquin formuliert diesen Sachverhalt in gewohnt souveräner Weise in seinem Kompendium der Theologie so: „Die Engel besitzen außer der morgendlichen Erkenntnis, kraft deren sie die Dinge im Worte erkennen, die abendliche Erkenntnis, kraft deren sie die Dinge in ihrer eigentümlichen Natur erkennen. Diese Art Erkenntnis aber kommt den Menschen gemäß ihrer Natur auf andere Weise zu als den Engeln. Denn die Menschen nehmen, gemäß der Ordnung ihrer Natur, die geistig erkennbare Wahrheit der Dinge von den Sinnen her auf. Die Engel aber erwerben ihr Wissen von den Dingen kraft des Einströmens göttlichen Lichtes; wie nämlich die Dinge von Gott her in das Sein hervorgehen, so werden die Begriffe oder Bilder der Dinge von Gott dem Geiste der Engel eingeprägt. In beiden aber, Menschen wie Engeln, findet sich — hinausliegend über das Erkennen der Dinge, wie es ihrer Natur gemäß ist — ein übernatürliches Erkennen der Geheimnisse Gottes, über welche die Engel von Engeln Erleuchtung erfahren und auch die Menschen durch prophetische Offenbarung belehrt werden.“

Während also die Deisten wähnen, die Welt würde und könnte ganz gut ohne Gott bestehen, Gott wäre gleichsam nach der Erschaffung der Welt nur noch ein Rentner, der in seiner eigenen Welt nichts mehr zu tun habe und nichts mehr tun dürfe, „sehen“ die Engel, daß jedes Geschöpf in jedem Augenblick seines Seins vollkommen von Gott abhängt und nur aufgrund dieser Abhängigkeit existieren und sein kann, was es ist. „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13), so heißt es in der Geheimen Offenbarung des heilige Johannes. Gott ist nicht das Letzte in dieser Welt, sondern Er ist das grundlegend Erste. Er ist nicht eine freiwillige und darum verzichtbare Zugabe, eine vernachlässigbare Hypothese, sondern Er ist der alles tragende Grund. Sobald man sich mit einem Engel unterhält, wird einem diese Grundtatsache allen Seins unwiderleglich vor Augen geführt – aber wer redet heut noch mit Engeln?!

In der Neuzeit ist dieses grundlegende Wissen verloren gegangen. Die Welt wurde mehr und mehr entzaubert, in der irrigen Meinung, diese Entmythologisierung wäre ein Erkenntnisfortschritt. Der moderne Mensch beherrscht womöglich durch seine Technik die materielle Welt mehr als frühere Generationen, aber dafür versteht er sie immer weniger und weiß nicht einmal mehr, warum er auf dieser Welt ist. Darum wollen wir von den heiligen Engeln lernen. Lassen wir uns die besondere Art des Erkennens der heiligen Engel von einem wahren Engelspezialisten erklären, vom heiligen Dionysius von Areopag. Dieser geniale Denker hat wie kaum ein anderer diese Welt durchforscht und uns einen Weg ins Geheimnis dieser Welt der reinen Geister gebahnt. Lesen wir uns also in seine Gedanken hinein. (Alle Textstellen sind ebenfalls genommen aus Gerd-Klaus Kaltenbrunner „Dionysius vom Areopag, Das Unergründliche, die Engel und das Eine“, Die Graue Edition 1996.)

„Wie ich schon andernorts gesagt habe: Wir täuschen uns selbst, wenn wir das über uns Waltende auf eine uns entsprechende Weise auffassen und, den vertrauten Sinnes-Wahrnehmungen uns hingebend, das Göttliche mit uns vergleichen und so dem unaussprechbaren göttlichen Gesetz mittels des sichtbaren Anscheins nahezukommen trachten. Man muß einsehen, daß zwar unser Verstand jene Erkenntniskraft hat, mit der er das ihm Verständliche erfaßt, aber ebenso muß man einsehen, daß die Natur des Verstandes durch jene Einung (henosis) überragt wird, durch die er mit dem verbunden wird, was jenseits seiner Sphäre liegt.“

Gott, der reinstes, geistiges, ewiges, unendliches Sein ist, der Heilige der Heiligen, den die Chöre der Engel ewig preisen, kann nicht mit dem verglichen werden, was wir in unserer Welt sehen. Wenn wir das Göttliche mit uns vergleichen, dann besteht die Gefahr, daß wir seine unendliche Wirklichkeit in ein endliches Maß zwängen. Wir können zwar mit unserer Vernunft Gott erkennen, daß Er der Schöpfer aller Dinge ist, daß Er einer ist und gut und wahr, aber Er ist dies alles in unendlich vollkommener Weise. Deshalb sind all unsere Vorstellungen und Begriffe von Gott Gott eher unähnlich als ähnlich, wie die Theologen sagen. Der Sprung vom Endlichen, Zeitlichen zum Unendlichen, Ewigen ist einfach zu gewaltig.

Gott schenkt uns aber die Gnade des heiligen Glaubens. Der Glaube ist ein übernatürliches Licht der Seele, mit dem wir die göttlichen Dinge fassen können, auch wenn wir sie niemals ganz, erschöpfend verstehen. Der gottgeschenkte, übernatürliche Glaube überragt die Natur des Verstandes und schenkt uns eine Einung mit dem göttlichen Leben. Dionysius erklärt nun: „Dieser Einung gemäß ist also das Göttliche zu erkennen, nicht aber uns gemäß. Vielmehr gilt es, daß wir selbst ganz und gar aus uns selbst (ekstatisch) heraustreten und völlig in Gott hineingehen, denn es ist besser, Gottes zu sein, als sich selbst zu gehören. Das Göttliche wird nur jenen gewährt, welche sich als Geeinte in Gott befinden.“

Leider nehmen wir diese Einung, welche uns durch die heiligmachende Gnade geschenkt wird, nicht wahr. Aber Gott schenkt uns vielfältige Mittel – die heiligen Sakramente, die göttliche Liturgie, usw. – diese Einung zu leben und damit ständig zu vertiefen. Wer aber beginnt, diese Einung nicht mehr gemäß dem Göttlichen zu erkennen, sondern gemäß der eigenen Natur, der wird Gott verlieren, weil er seinen übernatürlichen Glauben verlieren wird. Anstatt sich durch die Gnade zu Gott emporziehen zu lassen, möchte er in seiner Selbstsucht Gott zu sich herabziehen und auf sein eigenes, irdisches, endliches Maß reduzieren – was natürlich unmöglich ist, ohne den wahren Gott zu verlieren. Nein, wir müssen „ganz und gar aus uns selbst (ekstatisch) heraustreten und völlig in Gott hineingehen, denn es ist besser, Gottes zu sein, als sich selbst zu gehören“. Wenn man diese Worte erwägt und auf die heiligen Engel anwendet, dann wird vor einem der Kampf der Engel und der Sündenfall Luzifers lebendig. Luzifer wollte Gott zu sich herabziehen und schließlich selbst sein wie Gott. Er wollte nicht „aus uns selbst (ekstatisch) heraustreten und völlig in Gott hineingehen“, sondern selbst und aus sich etwas Großes sein. Für einen Engel ist dieser, aus der ungeordneten Selbstliebe entspringende Zwiespalt viel wirklichkeitsmächtiger als für uns Menschen, weshalb auch die Sünde viel größer war.

Wenn wir die Engel betrachten und uns bemühen, ihr himmlisches Wesen zu begreifen, wird uns deutlich, daß der Mensch seit dem Sündenfall viel von seiner geistigen Schaukraft eingebüßt hat, wie der heilige Paulus betont: „Der irdisch gesinnte Mensch erfaßt nicht, was vom Geist Gottes kommt. Ihm erscheint es töricht. Er kann es nicht begreifen, weil es geistig beurteilt sein will“ (1Kor 2, 14).

Weshalb auch der heilige Dionysius weiterfährt: „Darum laßt uns diese widersinnige, unvernünftige und törichte Weisheit überschwänglich berühmen und sie feiern als Ursprung jeglichen Verstehens, Vernehmens, Erkennens und Weistums und sie hochpreisen als Quell allen Rates, Wissens und Begreifens, in der alle Schätze der Weisheit (sophia) und Erkenntnis (gnosis) verborgen sind. Denn gemäß dem, was ich schon früher gesagt habe, ist der überweisheitliche und allweisheitliche Ursprung Schöpferin der Weisheit an sich sowie aller Weisheit und letztlich der jedem einzelnen entsprechenden Weisheit.“

Nur der an Gott glaubende und auf Seine Offenbarung achtende Mensch wird wahrhaft weise genannt. Während dem Weltmenschen diese von Gott stammende Weisheit als Torheit erscheint, ist sie für den Glaubenden ein unerschöpflicher „Quell allen Rates, Wissens und Begreifens, in der alle Schätze der Weisheit (sophia) und Erkenntnis (gnosis) verborgen sind“. Lassen wir uns also von dem Heiligen Dionysius noch tiefer einführen in diese Wunderwelt Gottes. Wahre Einsicht in die Geheimnisse kann nur von Gott kommen, „der überweisheitliche und allweisheitliche Ursprung Schöpferin der Weisheit“. Darum wird eine menschliche Wissenschaft, welche Gott verneint, letztlich immer nur Torheit sein können. Wir sehen somit ganz deutlich, wie die heutige wissenschaftliche Welt, deren eigentliche Pointe letztlich immer die Leugnung Gottes ist – ist Ihnen das schon einmal aufgefallen – völlig auf dem Kopf steht.

In der Wissenschaft der heiligen Engel ist das ganz anders: „Aus ihm schöpfen die nur denkend zu gewahrenden und denkenden Mächte (noetai kai noerai dynameis) der Engel ihre einsheitlichsten und seligsten Gedanken und Erkenntnisse. Nicht etwa aus Zerteiltem oder durch Sinneswahrnehmungen oder durch umständliche Erwägungen gewinnen sie ihre göttlich-wahre Erkenntnis; sie werden auch nicht von irgendwelchen Allgemeinheiten mit Rücksicht darauf festgehalten, sondern vielmehr sind sie ledig von allem Körperlichen und Schweren und erkennen, also einzigartig reiniglich, auf geistige, unstoffliche und einsheitliche Weise das nur denkend zu berührende Göttliche.“

Wünscht man sich beim Nachdenken über diese Worte nicht, man könnte denken und erkennen wie ein Engel? Dieser Geistesriese kennt nicht den flüchtigen, oberflächigen, nichtigen, unnützen, sich in Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten verlierenden Gedanken – Nein! – sie sind „ledig von allem Körperlichen und Schweren und erkennen, also einzigartig reiniglich, auf geistige, unstoffliche und einsheitliche Weise das nur denkend zu berührende Göttliche“. Man muß jedes Wort auskosten, das der heilige Dionysius verwendet, um diese englische Weise des Erkennens auszuworten, um zu erspüren, wie sie „einzigartig reiniglich, auf geistige, unstoffliche und einsheitliche Weise das nur denkend zu berührende Göttliche“ erkennen. Und nach einer Weile des Staunens über so viel Licht fragt man sich: Wie sollte der moderne Mensch noch fähig sein, so etwas zu begreifen, wenn uns schon ganz schwindelig wird bei diesen Gedanken?