Engel sind Antimodernisten

Aber lassen wir uns noch weiter führen auf diesem Weg zu den Hochgebirgsgipfeln der unnennbaren Gottheit, welche die heiligen Engel so scheinbar mühelos erklimmen: „Ihre erkennende Mächtigkeit und Vorgehensweise ist durch unvermischte und makellose Reinheit geziert; außerdem ist ihre Zusammenschau der göttlichen Geisteswahrnehmungen dem göttlichüberweisheitlichen Vernunft- und Verstandeswirken weitestmöglich nachgebildet aufgrund ihrer unteilbaren, unstofflichen und gottähnlichen Innewerdung des Einen.“

Das ist echte Theologie, Auswortung der Geheimnisse Gottes. Die Engel sind nicht nur reine Geister in dem Sinne, daß sie keinen Leib haben, sie sind auch reine Geister aufgrund der Reinheit ihrer Gesinnung, ihrer Gedanken und ihres heiligen Wollens. Beides gehört letztlich immer zusammen, Erkenntnis und reine Liebe. Die Gottesgelehrten weisen darauf hin, daß nicht zufällig die sechste Seligpreisung heißt (Mt 5,8): „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“ Damit sei darauf hingewiesen, daß ein unreines Herz, das besonders in die Sünde der Unkeuschheit sich verfangen hat, den klaren Blick auf Gott und Seine Welt verliert. Die Keuschheit ist nach den Worten des heiligen Thomas v. A. in seiner „Summa Theologiae“ jene Tugend, die den Menschen vom Niedrigen und Gemeinen, vom Sinnlichen und Materiellen weg zum Geistigen und Geistlichen hinzieht und ihn so in besonderer Weise zu geistiger Schau der göttlichen Dinge befähigt.

Umgekehrt formuliert es der heilige Thomas v. Aquin in seinem kleinen Werk „Über die Vollkommenheit des spirituellen Lebens“ im 8. Kapitel so: „Damit der Mensch für Gott umso freier sei und Ihm umso vollkommener anhange, ist der zweite Weg hin zur Vollkommenheit die beständige Beobachtung der Keuschheit … Der Geist des Menschen wird nämlich im Freisein für Gott nicht nur durch die Liebe zu den äußeren Dingen sehr stark behindert, sondern vor allem und noch viel mehr durch den Ansturm der inneren Leidenschaften. Von allen inneren Leidenschaften aber absorbiert den Geist des Menschen am meisten die Begierde des Fleisches und die geschlechtliche, sexuelle Betätigung.“

Aufgrund dieser Überlegungen wird leicht begreiflich, warum der moderne, sexbesessene Mensch meist auch gottlos ist. Wie will sich ein vollkommen im Sinnlichen Gefangener noch zu den schwindelerregenden Höhen der Gottheit erheben, von der ihn jede Sünde immer weiter trennt? Wie will er zu jener Zusammenschau der göttlichen Geisteswahrnehmungen, das dem göttlichüberweisheitlichen Vernunft- und Verstandeswirken weitestmöglich nachgebildet ist aufgrund ihrer unteilbaren, unstofflichen und gottähnlichen Innewerdung des Einen, gelangen, wenn ihm schon jeder Gedanke an Gott fremd geworden ist und wohl auch unbewußt schreckt?

Nur wenn der Mensch rein wird wie die Engel des Himmels, dann erschließt sich ihm auch jene himmlische Welt, wie uns Dionysius belehrt: „Wie ich schon oft gesprochen habe, müssen wir das Göttliche auf gottgemäße Weise erkennen. Denn wenn wir verneinen, daß Gott Vernunft und Wahrnehmung habe, dann ist diese Aussage als solche des Überschwingens und des Übermaßes zu verstehen, nicht als eine des Absprechens, so wenn wir Nichterkenntnis dem Übererkennenden, Unvollkommenheit dem Übervollkommenen und unvordenklich Vollkommenen, unberührliche und undurchblickbare Finsternis gemäß dem Übermaß sichtbaren Lichts dem unzugänglichen Licht zuschreiben.“

Der Weg zur wahren Gotteserkenntnis ist steil und steinig. Wir müssen lernen, „das Göttliche auf gottgemäße Weise zu erkennen“. Dionysius spricht hier von der „Negativen Theologie“, die alles verneint, was Irdisches bezüglich Gott ausgesagt wird. Aber man darf dies nicht mißverstehen. Dieses Verneinen geschieht deswegen, weil bei Gott alles ganz anders ist, als wir es in unserer Welt vorfinden. Gott ist nichts von dem, was wir in unserer Welt sehen, weil Er himmelweit über allem Irdischen steht. Darum muß solches Verneinen in der Art „des Überschwingens und des Übermaßes“ verstanden werden. Natürlich gibt es in Gott etwa auch Vernunft und Wahrnehmung, aber beides ist unendlich vollkommen und darum für uns unbegreiflich. So unbegreiflich, daß uns das Sein Gottes wie „unberührliche und undurchblickbare Finsternis“ erscheint, obwohl es in Wirklichkeit ein Übermaß unzugänglichen Lichts ist.

Der die Geheimnisse Gottes Betrachtende muß diese Spannung zwischen Erkennen und Nichterkennenkönnen ertragen und sie für sich fruchtbar machen. Er muß ins göttliche Licht schauen, auch wenn er durch das überhelle Licht eine Weile erblindet. Es ist leicht zu erahnen, wie viel Glaube man dazu braucht und wie viel umwandelnde Gnade, damit einem das auf Dauer gelingt. Anderseits wird man nur ins Licht schauen, wenn man von der Wirklichkeit Gottes zutiefst ergriffen ist, jenes Gottes – „Der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat: wird er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). Und weiter: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzigerzeugte, Gott, der im Schoß des Vaters ist, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

Werfen wir nochmals einen Blick auf dieses Geheimnis Gottes: „Folglich umfaßt das göttliche Erkenntnisvermögen alles durch seine allem enthobene Wahrheitserkenntnis, indem es das Wissen über alles wie die Ursache von allem in sich selbst schon zuvor besitzt.“

Gott erkennt jedes Ding durch sich selbst und in sich selbst, denn alles stammt aus IHM und ist wirklicher, d.h. urbildlicher in Ihm als in der geschaffenen Wirklichkeit. Darum gilt etwa für die Engel: „Ehe die Engel wurden, kannte Er bereits die Engel und rief sie ins Dasein, wie Er schlichthin alles von innen her und aus dem Urgrund selbst kennt und letztlich zum Dasein lenkt. Ich glaube, daß die heiligen Worte eben dies meinen, wenn sie künden (Susanna bei Daniel 13, 42): ,Ach, ewiger Gott, der du Verborgenes kennst und der du alles weißt, noch bevor es geschieht.‘ (…) Da der Ursprung von allem sich selbst kennt, wird er doch wohl kaum das, was von ihm kommt und dessen Ursache er ist, nicht kennen. Demnach erkennt Gott auf diese Weise das Seiende nicht durch Einsicht in das Seiende, sondern durch seine Selbsterkenntnis. Schließlich sagt auch die Schrift von den Engeln, daß sie das Irdische nicht dadurch erkennen, daß sie auf dem Wege von Sinneseindrücken dieses als etwas Sinnliches erfassen, sondern auf dem Wege der eigentümlichen Kraft und Wesenheit ihres gottähnlichen geistigen Erkenntnisvermögens.“

Das Erkenntnisvermögen der heiligen Engel ist dem Erkenntnisvermögen Gottes ähnlich. Auch sie durchdringen die Dinge auf ihren geistigen Urgrund hin und erfassen so deren Wesenheit. Darum täuschen sich die Engel nicht, werden sie doch nicht durch die Vielfalt der Sinneseindrücke verleitet, Falsches zu denken. Ihr Urteil ist sicher und letztlich in Gott begründet, der über allem waltet. Für die heiligen Engel ist das Sein der Dinge in Gott eine „sichtbare“ Wirklichkeit. Die Welt ist nur dann richtig zu verstehen, wenn man auf Gott schaut. Je tiefer die Gotteserkenntnis ist, desto tiefer ist auch die Erkenntnis der Dinge dieser Welt.

Diese Art des Erkennens – welche wir Beschauung nennen – ist dem modernen Menschen vollkommen fremd geworden. Sie meinen, weil sie wissen, wie die Dinge funktionieren, würde sie auch wissen, was sie sind. Das ist aber ein tragischer Trugschluß.

Wir wollen nun nochmals auf den großen Zusammenhang schauen, der alle Dinge mit Gott und untereinander in Einheit setzt. Der heilige Dionysius beschreibt uns das Walten und Wirken Gottes in seinen Geschöpfen folgendermaßen: „Zuvörderst ist nun vor allem die Wahrheit auszusprechen, daß die überwesentliche Urgottheit aus Gutheit das Sein all dessen, was ist, begründet und zum Dasein gebracht hat. Dies nämlich ist dem All-Ursprung und der über alles erhabenen Gutheit eigentümlich, daß sie alles, was ist, zur Gemeinschaft mit sich selbst ruft, wie dies einem jeden Seienden entsprechend seiner jeweiligen Seinsweise eben angemessen ist. Alles, was ist, hat Anteil an der schöpferischen Vorsehung (pronoia), die der überwesentlichen, allverursachenden und über Sein und Denken erhabenen Gottheit entspringt. Es gäbe nämlich überhaupt kein Ding, wenn es nicht Anteil am Urgrund von allem erlangt hätte.“

Alles Sein stammt von Gott. Jegliches Geschöpf ist durch die Allmacht Gottes aus nichts geschaffen worden. Nur wenn man diese Tatsache einsieht versteht man die Welt des Seins. Dr. Kamenicky hat einmal gesagt: „Wenn etwas ist und nicht nichts, dann ist Gott!“ Wenn überhaupt etwas existiert und nicht nichts, dann muß zuerst Gott existieren, denn allein Gott kann ohne weiteren Grund Sein eigenes Sein begründen, ist er doch selbst der ewige Urgrund Seines unendlichen Sein. Sobald man in den Wesensgrund dessen, was wir mit dem Wort Sein bezeichnen, hineingeschaut hat und dessen innerer Struktur ansichtig geworden ist, weiß man: Nur Gott allein ist notwendig, alle anderen Dinge sind kontingent, d.h. sie können sein oder nicht sein. Darum ist es ganz und gar wahr: „Wenn etwas ist und nicht nichts, dann ist Gott!“ Man könnte diesen Satz eine engelhafte Erkenntnis nennen, denn jeder Engel würde ihn sofort bejahen.

Wie begründet nun Gott die Geschöpfe? „Die unbelebten Wesen haben durch ihr schieres Vorhandensein an ihm Anteil, denn die überseiende Gottheit ist der Seinsgrund aller Wesen. Die belebten Wesen haben an ihrer überlebendigen lebenspendenden Kraft Anteil. Die vernünftigen und sinnbegabten Wesen haben Anteil an ihrer über alle Vernunft und Sinnigkeit erhabenen, in sich vollkommenen und übervollkommenen Weisheit. Es ist jedoch klar, daß jene Wesen der Gottheit zunächst sind, welche in vielfacher Weise an ihr unmittelbar Anteil erlangt haben. Also haben die heiligen Chöre der himmlischen Wesen in höherem Grade als die bloß daseienden, in höherem Grade als die vernunftlosen Lebewesen, in höherem Grade als die mit unserer Art von Verstand ausgestatteten Wesen Anteil an den Gaben des Gottesurgrunds. Sie bilden sich in der Art von Gedankenwesen zu nachahmenden Bildern Gottes um und schauen in einer dem weltlichen Verstand übertreffenden Weise auf ihr urgöttliches Vorbild und trachten, ihm entsprechend die eigene Denkungsgestalt zu formen. Infolgedessen genießen sie, wie sich von selbst versteht, reichlichere Gemeinschaft mit der Gottheit, da sie ihr beharrlich zugewandt sind, immerdar nach Hohem strebend, soweit es ihnen zubestimmt ist, in der Spannkraft ihres göttlich-unablenkbaren, aufwärtsstrebenden Liebesdranges die vom Lichturquell entströmenden Erleuchtungen rein und ungetrübt von stofflicher Beimischung aufnehmend und sich nach diesen ausbildend. Ihr ganzes Leben ist Denken.“

Man kann es nicht anders sagen, diese Worte sind einfach schön, weil sie unauslotbar tief sind, und sie ermuntern uns, ebenfalls in der Spannkraft des göttlich-unablenkbaren, aufwärtsstrebenden Liebesdranges die vom Lichturquell entströmenden Erleuchtungen rein und ungetrübt von stofflicher Beimischung aufzunehmen, soweit es unserer schwachen Menschennatur möglich ist. Aber wie weit ist unser tägliches Beten von diesem Ideal entfernt!

Wäre es nicht eine große Hilfe, wenn wir mehr an die heiligen Engel an unserer Seite denken würden und dem Beispiel ihres vollkommen gottversunkenen Gottesdienstes nacheiferten, wie es der heilige Benedikt in seiner Regel schreibt: „Wir wollen bedenken, wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen und darum so beim Psalmensingen stehen, daß unser Herz im Einklang ist mit unserem Wort.“ Ganz dementsprechend bemerkt E. Peterson in seinem „Buch von den Engeln“: „Zur Wesensbestimmung des Mönchs im alten Sinn des Wortes gehört, daß er die Existenz der Engel und damit auch die an die Existenz der Engel gebundene Liturgie in seiner Ordnung nachahmt, das heißt zuerst, daß er freiwillig im mönchischen Offizium in den hymnischen Preis der Engel einstimmt… und sich fortdauernd an dem hymnischen Preis der Engelordnungen beteiligt, die ja unaufhörlich das Lob Gottes singen.“

Wenn wir auch keine Ordensleute sind, so sind wir dennoch berufen, an der himmlischen Liturgie teilzunehmen und besonders durch diese dem wirklichen Gott jene Ehre zu erweisen, die IHM allein gebührt, um dadurch in der Einheit mit Gott und Seinen Leben gefestigt zu werden. Lassen wir den heiligen Dionysius diesen Gedanken beschließen: „Wenn die wahre Erkenntnis Erkennende und Erkanntes eint, Nichterkenntnis hingegen für die Nichterkennenden Ursache ständigen Wechsels und schließlich ihrer inneren Zerstörung wird, dann wird nichts den in der Wahrheit Lebenden von der Ausübung des wahren Glaubens abbringen können, in welcher er die Stetigkeit heiligverbürgter und unerschütterbarer Selbstheit des Herzens zu erlangen vermag. Wer mit der Wahrheit fest vereint ist, weiß sehr genau, daß er sich heil befindet, mag ihn auch die Menge einen Narren schelten, der außer sich und von Sinnen sei. Ihr entgeht freilich, daß jener durch den wahrhaftigen Glauben aus dem Irrtum heraus zur Wahrheit gewandert ist. Er selbst aber erkennt sich durchaus nicht als einen Verblendeten (wie jene sagen), sondern als einen, der aus der Unbeständigkeit und Wankelmütigkeit des Sichherumtreibens in der mannigfaltigen Verworrenheit des Irrtums durch die eingestaltige Wahrheit, die sich immer und überall gleichbleibt, befreit worden ist.“