Bergoglio als Umweltguru

Peter Helmes kommentiert: „Als Thilo Sarrazin genau dies den Hartz-IV-Empfängern riet, nämlich bei Kälte einen dickeren Pullover anzuziehen statt nach mehr Heizung zu rufen, fiel die halbe Welt über ihn her.“ Warum wohl „die halbe Welt“ nicht auch über Bergoglio und sein Team hergefallen ist, sondern deren Schreiben als „moralisch und ethisch stark“, als einen „Weckruf“ bezeichnete und über die „klare Sprache“ und die „Tiefe der Gedanken“ ins Schwärmen kam, darüber kann sich der Leser selber Gedanken machen.

Bergoglio jedenfalls tritt als der große Mahner zu einer weltweiten Umkehr auf, denn es „werden hunderte Millionen Tonnen Müll produziert, von denen viele nicht biologisch abbaubar sind: Hausmüll und Gewerbeabfälle, Abbruchabfälle, klinische Abfälle, Elektronikschrott und Industrieabfälle, hochgradig toxische Abfälle und Atommüll. Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln.“ Und unsere Politiker sehen darin Anstöße, „die weit über die katholische Welt hinaus Wirkung entfalten werden“ – jetzt auf einmal?

Doch lassen wir es bei dieser kleinen Auswahl von Detailangaben bewenden und kommen wir zum zweiten Punkt.

2. Wer sich zu einem stark ideologisierten Themenbereich äußert, gerät leicht in die Gefahr, Ideologie mit Ideologie zu beantworten.

Das Thema Umweltschutz ist sehr komplex und von daher natürlich auch schwierig zu bewältigen, will man ausgewogen darüber schreiben. Wer ein solch komplexes Thema auswählt und dann noch meint, dieses auf 220 Seiten umfassend abhandeln zu können, entgeht sicher nicht der Gefahr der Vereinfachung und Vereinseitigung. Dieser Gefahr ist auch das neurömische Autorenkolleg erlegen. Wobei man nicht einmal sicher sagen kann, ob dies nicht sogar beabsichtigt war. Jedenfalls ist das Ergebnis an sich blamabel und sicher nicht besonders ernst zu nehmen. Umso auffallender ist aber das so durchgehend positive Echo der Medien.

In dem schon erwähnten Artikel von Alexander Kissler wird bemerkt: „Statt Technik, Rendite und Markt sollen Solidarität herrschen und Mitgefühl. Zum sorgenden Umgang mit der Umwelt soll erzogen werden, selbst der ‚Boykott gewisser Produkte‘ könne wirksam sein. Eine recht nebulös skizzierte internationale Autorität soll offenbar Umweltstandards durchsetzen und sanktionieren. ‚Eine Untersuchung der Umweltverträglichkeit‘, heißt es drakonisch, ‚muss von Anfang an einbezogen und bereichsübergreifend, transparent und unabhängig von jedem wirtschaftlichen oder politischen Druck ausgearbeitet werden‘ bei der ‚Erarbeitung eines Produktionsplanes oder irgendeiner Politik‘.“

Wenn man etwa auf die Vorschriftenflut schaut, die sich täglich aus Brüssel über alle europäischen Länder ergießt und jedem Unternehmer das Leben schwer macht, dann kann man sich schwer vorstellen, daß eine wie auch immer geartete internationale Autorität mehr zu leisten vermag als eine unüberschaubare Flut von Vorschriften zu erlassen, welche die Entwicklung viel eher hemmen als fördern. Zudem erscheint eine „unabhängig von jedem wirtschaftlichen oder politischen Druck“ arbeitende Instanz als allzu realitätsfremd und es drängt sich die Frage auf: Wird damit Umweltschutz nicht unbezahlbar? Denn, was soll ein solches Kontrollsystem kosten? Wäre es nicht viel sinnvoller, gleich am rechten Ort zu investieren, nämlich an der Entwicklung umweltschonender Produktionsweisen und Produkte?

Alexander Kissler stellt weiter fest: „Auch ansonsten steht in ‚Laudato Si‘ manch törichtes Zeug – neben bleibenden, bewegenden Erkenntnissen. Klar zur ersten Kategorie zählt der Kurzschluss von Schulden und Sklaverei, als handele es sich dabei nicht um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Wer sein Geld zurückhaben will, darf seinen Schuldner nicht sklavisch behandeln; Ausnahmen bestätigen die Regeln. Die Kritik am Markt wie am Konsum schießt über das Ziel hinaus. Ist der Etatismus etwa eine Alternative, die das hehre Ziel der ebenso kreativen wie maßvollen Menschlichkeit begünstigt? Welches Los blüht den Arbeitenden dieser Erde, wenn die Kaufzurückhaltung bis zu jener Schwelle führt, an dem sie durch einen massiven Nachfrageeinbruch Arbeitslosigkeit generiert?“

Peter Helmes führt in dem ebenfalls schon erwähnten Artikel den Gedanken noch weiter aus: „Der Papst hängt sich einen Populismusmantel um. Was sonst? Wie schon so häufig, greift er auch hier die Marktwirtschaft an und stellt sich auf die Seite der Armen, während die westliche Welt, Europa, in Völlerei versinkt. Das klingt wie aus dem Märchenbuch eines Salonsozialisten. Und natürlich kein Wort darüber, daß es vor 50 Jahren rd. zwei Milliarden Menschen auf der Erde gab, von denen etwa 400 Millionen hungern mußten. Heute aber zählen wir rund sieben Milliarden Erdenbürger, von denen etwa 800 Millionen hungern, aber drei Milliarden vergleichsweise üppig leben können (zu fett und übergewichtig). Natürlich ist die Zahl der Hungernden entsetzlich. Aber in einem sozialistischen Modell wäre diese Zahl ungleich höher; denn es gab und gibt keinen einzigen sozialistischen Staat, der seine Bevölkerung ausreichend ernähren kann.“

Wie man sieht, könnte man das Thema auch ganz anders angehen und somit zu ganz anderen Ergebnissen gelangen. In einem weltweit verbreiteten, alles kontrollierenden Sozialismus die Lösung des Umweltproblems zu sehen, erscheint nun doch als allzu naiv und ist eindeutig ideologisch motiviert. Wer diesem System die Lösung des Problems zutraut, scheint zutiefst ideologisch verblendet zu sein, „denn es gab und gibt keinen einzigen sozialistischen Staat, der seine Bevölkerung ausreichend ernähren kann“ – was doch auch in Rom bekannt sein müßte.

Folgen wir den Ausführungen von Peter Helmes noch ein wenig weiter: „Der Kapitalismus, die Marktwirtschaft, hat Schwächen – wie jedes System. Doch die Kräfte des Fortschritts, die die Menschheit zu ihrer Fortentwicklung benötigt, werden nur in einem marktwirtschaftlichen System freigesetzt. Ohne Kapitalismus wäre unsere Gesellschaft längst zurückgefallen. Wie tief der Fall wäre, kann man exemplarisch in den islamischen Ländern begutachten – zurück in die Steinzeit, kein einziger Beitrag zum Fortschritt! Alternative Systeme (zur Marktwirtschaft) sind dagegen gescheitert. Warum nur übernimmt der Papst so unkritisch das grüne Weltbild?“

Das ist nun wirklich eine nicht nur berechtigte, sondern grundsätzliche Frage: „Warum nur übernimmt der Papst so unkritisch das grüne Weltbild?“ Sollte er als unabhängige Instanz sich nicht um größtmögliche Objektivität bemühen? Warum gelingt Bergoglio das nicht? Ist er womöglich gar nicht so unabhängig, wie man es ihm vorneweg zubilligt?

Unser Autor fragt noch weiter: „Muß Kirche fortschrittsfeindlich sein? Man kann den Armen nicht helfen, indem man die Reichen ärmer macht, sondern indem man ihnen die Möglichkeit zur Entwicklung gibt, sich selbst helfen zu können.“ Das ist nun wirklich eine der wichtigsten Einsichten, wenn man sich mit dem Problem der Armut ernsthaft auseinandersetzen und nicht nur ideologische Phrasen nachbeten möchte. Armut kann man nur dann auf Dauer und mit Erfolg bekämpfen, wenn man den ärmeren Völkern Hilfe zur Selbsthilfe gewährt. Es wäre sicher der Mühe wert, einmal in aller Ausführlichkeit und Deutlichkeit aufzuzeigen, warum dies so wenig gemacht wird und warum es in noch weniger Fällen wirklich gelingt?

Peter Helmes verweist in diesem Zusammenhang darauf: „Daß Planwirtschaft weit weniger mit Effizienz einhergeht als Marktwirtschaft, hat sogar Karl Marx erkennen müssen. In der Geschichte haben alle Versuche mit ‚alternativen Systemen‘ versagt. Märkte sind stärker denn Planungsbehörden. In den letzten 20 Jahren hat sich die weltweite Armut halbiert. Diese enorme Leistung war erst möglich, nachdem in China und Indien der Sozialismus durch marktwirtschaftliche Elemente (in China) und durch einen freien Markt (in Indien) ersetzt wurde.“

Offensichtlich ist der gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ansatz des römischen Schreibens verfehlt. Daniel Deckers von der FAZ kritisiert: „Freilich sind die Be- und Zuschreibungen der Krisenphänomene über weite Strecken in einem ebenso schlichten wie schrillen Ton gehalten, prophetischer Weckruf entpuppt sich als abgestandene Polemik. Immer wieder verbinden sich die klassisch-katholischen Vorbehalte gegen eine ordoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit den üblichen Verurteilungen aller möglichen Ismen von Anthropozentrismus über Konsumismus bis Hedonismus zu einem moralinsauren Gebräu. Versatzstücke von Verelendungs- und Weltverschwörungstheorien machen dieses ökologische Manifest mitunter ungenießbar.“ Er fährt fort: „Es ist kein Trost, dass auch Franziskus dem klassischen Dilemma der sogenannten katholischen Soziallehre nicht entgeht: Moralische Intuitionen und Sozialprinzipien wie Personalität, Solidarität und Subsidiarität gingen regelmäßig mit tendenziösen Beschreibungen und unterkomplexen Analysen der Wirklichkeit einher. Das Ergebnis: Bestenfalls ein geschwätziges Einerseits-Anderseits, meist ein Steinbruch für Argumentsfragmente jeder Art. ‚Laudato si‘ ist keine Ausnahme.“

[Wir dürfen hier betonen, daß wir im Gegensatz zu Herrn Deckers von der FAZ die „Enzyklika“ des Herrn Bergoglio keineswegs in der Tradition der katholischen Soziallehre sehen, an welcher wir ohne Wenn und Aber festhalten, und die weder kapitalistisch noch sozialistisch ist.]

3. Wer sich in eine Sache einmischt, von der er nichts versteht und mit der er nichts zu tun hat, macht sich von anderen abhängig, wird unglaubwürdig und blamiert sich meistens.

Spiegel Online titelt: „Hamburg – Es hat alles nichts genutzt. 20-mal hat sich die Staatengemeinschaft seit 1992 zu pompösen Klimakonferenzen getroffen – doch ein Vertrag, um den Ausstoß von Treibhausgasen wirksam zu begrenzen, ist nicht zustande gekommen. Jetzt greift eine neue Kraft ein: Der Papst will Einfluss nehmen auf die entscheidende Weltklimakonferenz im Dezember in Paris.“

Was bewegt Bergoglio, dieses politische Glatteisparkett zu betreten? Seine Sorge um das Weltklima? Dieses Motiv scheint uns doch nicht überzeugend genug, um es gelten lassen zu können. Wenn nicht das Weltklima der eigentliche Grund ist, was bewegt ihn dann zur Veröffentlichung seines Schreibens?