Leo XIII. und der heilige Rosenkranz

Solche Worte sind für den modernen Menschen wohl eher befremdlich, glaubt er ja schon gar nicht mehr an Gott und wenn noch, dann nicht an die Wirksamkeit des Gebetes. Die übernatürliche Welt der Gnade ist ihm ein Rätsel. Wie sollte man durch das Gebet die Welt verändern oder verbessern können, wie Einfluß nehmen können auf die Politik und den Verlauf des gesellschaftlichen Entwicklung? Ohne den Glauben erscheinen solche Vorstellungen geradezu absurd, mit dem Glauben aber naheliegend: „Wenn dieses Gebet gepflegt wird und die Gläubigen sich in diese Betrachtung versenken, dann bewirkt diese Flamme des Gebetes eine plötzliche Bekehrung in anderen Menschen. Die Finsternis der Irrlehren weicht zurück, und das Licht des katholischen Glaubens erstrahlt in neuem Glanze.“ Darum nimmt die hl. Kirche, je größer die Gefahr ist, immer mehr Zuflucht zu Maria und zum hl. Rosenkranz. Leo XIII. erinnert:

„Ehrwürdige Brüder, die täglichen schweren Kämpfe und Leiden der Kirche sind Euch bekannt. Welch großen Gefahren sind täglich die christliche Frömmigkeit, öffentlicher Anstand und Moral, ja der Glaube selbst, die Krone und Grundlage aller übrigen Tugenden, ausgesetzt! Wir brauchen nicht auf Unsere eigene bedrängte Lage und auf Unsere vielen Sorgen hinzuweisen; Eure Liebe fühlt ja mit Uns, und Ihr empfindet sie als Eure eigenen. Bei weitem schlimmer und beklagenswerter ist die Tatsache, daß so viele durch Christi Blut erkaufte Seelen vom Strudel der unseligen Zeitverhältnisse fortgerissen werden, immer mehr dem Bösen verfallen und sich in ewiges Verderben stürzen. Aus diesem Grunde ist heute ebenso die Hilfe von oben notwendig wie in den Zeiten des heiligen Dominikus, als dieser große Heilige sich darum bemühte, die Schäden und Wunden der Zeit durch das Rosenkranzgebet zu heilen. Durch göttliche Erleuchtung erkannte er, daß es für die Übel seiner Zeit kein wirkungsvolleres Heilmittel gebe als die Rückkehr der Menschen zu Christus, der ‚Weg, Wahrheit und Leben‘ ist. Es war ihm klar, daß diese Rückkehr sich vollzieht einmal in der betrachtenden Versenkung in die Geheimnisse des Heiles, das er uns gebracht hat, und in die Zuflucht zu Maria, unserer Fürsprecherin bei Gott, der es verliehen ist, alle Irrlehren zu besiegen. Darum hat der Heilige das Rosenkranzgebet so geformt, daß man die Heilsgeheimnisse der Reihe nach betrachtet und diese Betrachtungen zu einem mystischen Kranz webt, der aus dem Englischen Gruß und dem Gebet zu Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, besteht. Weil unsere Notlage der damaligen Notlage gleicht und wir ihr durch das gleiche Heilmittel zu begegnen suchen, zweifeln Wir nicht daran, daß dieses Gebet auch die Nöte unserer Zeit beseitigen wird, ebenso wie ehemals, als es der Heilige zum großen Segen für die katholische Welt einführte.“

Das rechte Beten des hl. Rosenkranzes verändert einerseits die Herzen und öffnet anderseits den Strom der Gnade, denn Gnade will immer erbetet werden, Gnade muß immer erbetet werden. Der Rosenkranz ist eine „Rückkehr der Menschen zu Christus, der ‚Weg, Wahrheit und Leben‘“ ist. Wie der hl. Dominikus, so sollen auch wir erkennen, „daß diese Rückkehr sich vollzieht einmal in der betrachtenden Versenkung in die Geheimnisse des Heiles, das er uns gebracht hat, und in die Zuflucht zu Maria, unserer Fürsprecherin bei Gott, der es verliehen ist, alle Irrlehren zu besiegen“.

Wie Leo XIII. erklärt, ist der Rosenkranz sowohl eine „Schule des Glaubens“ als auch eine „Schule der Liebe“. Durch die ständige und beharrliche Betrachtung der Heilsgeheimnisse gelangt man zur immer vollständigeren Bekehrung des Herzens und zur Umwandlung des eigenen Verhaltens. Die drei verschiedenen Geheimnisreihen des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes sind ein Gegenmittel oder auch Heilmittel für die von vielen Irrtümern geplagte moderne Gesellschaft. Die freudenreichen Geheimnisse, bei denen wir auf das „verborgene“ Leben Jesu Christi und der hl. Familie in Nazareth blicken, stehen im Gegensatz zur gegenwärtigen Verachtung von Armut und Einfachheit des Lebens. Die schmerzhaften Geheimnisse, während der wir das Leiden Christ betrachten und uns mit Maria unter das Kreuz stellen, stehen im Gegensatz zur Leidensscheu des modernen Menschen. Und die glorreichen Geheimnisse, die die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Herabkunft des Heiligen Geistes und die Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel erwägen, sind eine immerwährende Gedächtnishilfe, daß dieses Leben nur ein Vorspiel für ein zukünftiges, ewiges Leben bei Gott ist, das nur im Glauben und mit Hilfe der göttlichen Gnade erreicht werden kann.

Wer immer sich ernsthaft mit dem Rosenkranzgebet beschäftigt, wird erkennen und erfahren, der Rosenkranz selber ist eine himmlische Schule des Gebetes. Man muß nur seinen Vorgaben treu folgen und sich bemühen, durch den von der Gnade erleuchteten Glauben die Rosenkranzgeheimnisse immer tiefer zu durchdringen.

Der berühmte französische Arzt, Josef Recamier, der 1852 zu Paris starb, machte folgenden bemerkenswerten Ausspruch über das Rosenkranzgebet: „Der Rosenkranz ist wie eine Glocke beim Haus. Bei jedem Ave Maria läuten wir an, damit uns die Pforte der Gnade geöffnet werde. Jedes Ave Maria ist eine Eingabe einer Bitte bei der allergnädigsten Königin.“

„Das ist alles, was du vom Rosenkranz erreichen kannst: alle Todsünden vermeiden und alle Versuchungen überwinden. Dies inmitten der Ströme der Bosheit der Welt, die oft die Tugendhaftesten mitreißen, inmitten der dichten Finsternis, die oft die Erleuchtetsten blenden und inmitten der bösen Geister, die wohl wissen, daß ihnen nur wenig Zeit bleibt für die Versuchung der Seelen“ (hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort).