Ein Blick in das Seelenleben des hl. Thomas v. Aquin

von antimodernist2014

Es gibt heutzutage keine Gelehrten mehr, die zugleich Heilige sind. Diese Tatsache ist sicherlich viel gewichtiger als es wir es gewöhnlich wahrhaben wollen, denn ein Wissen ohne Glauben und ohne Heiligkeit löst sich aus der Weisheit Gottes und verselbständigt sich. Sodann stellt sich die Frage, in welchem Dienst steht fortan dieses Wissen? Unser Wissen kann von oben oder von unten inspiriert sein, denn schließlich ist auch der Teufel ein Gelehrter, und zwar ein viel größerer Gelehrter als alle Genies dieser Welt zusammengenommen. Nach seinem Sturz hat er seine Intelligenz, die er als höchster Engel besessen hat, nicht verloren, nur steht sie jetzt nicht mehr im Dienste Gottes, sondern vollkommen im Dienst seiner eigenen Bosheit und seines Hasses.

Geschichtlich gesehen, hat sich schon im Laufe der Renaissance das Wissen immer mehr von der Theologie gelöst und verselbständigt. Damit wurde das Wissen zum Weltwissen im modernen Sinne, also zu einem Wissen ohne Gott, zu einem Herrschaftswissen, das vor allem dazu dient, die Welt zu beherrschen und die Natur in den Dienst des menschlichen Vergnügens zu nehmen. Inzwischen hat sich ein ganzes Heer von Wissenschaftlern diesem Ziel verschrieben, und ausgestattet mit unvorstellbar großen finanziellen Mitteln treibt es ihre Sache voran. Doch welchen Wert hat dieses Wissen für den Menschen wirklich und sobald man das Wort unseres göttlichen Lehrmeisters bedenkt: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele verliert?“ (Mk 8, 36)?

Ein wenig anders gefragt: Wie gelangt man zu einem wahren Wissen, bei dem man die Seele nicht verliert, sondern diese für die Ewigkeit gewinnt? Eine Antwort auf diese Frage kann uns das Lebensbeispiel des hl. Thomas von Aquin geben. Dieser große Gelehrte, dieser außerordentliche Theologe hat sein Wissen nicht aus sich, nicht einmal so sehr aus den Büchern, sondern letztlich aus Gott geschöpft. Lassen wir uns sein Seelenleben ein wenig beschreiben, dann werden wir besser verstehen, um was es eigentlich geht. Wir nehmen unsere Darstellung aus dem Buch von P. Jordanus Jansen OP, Der hl. Thomas von Aquin, Kevelaer 1898, Verlag von Butzon&Berker, Zwölftes und Dreizehntes Kapitel. Wir haben jedoch Sprache und Rechtschreibung unserer Zeit angepaßt und zuweilen einen ergänzenden Kommentar eingearbeitet.

Das innerliche Leben des hl. Thomas

Zum größten Teil ist die Geschichte des hl. Thomas die Darstellung seiner Lehrtätigkeit, seiner Predigt und seiner wissenschaftlichen Werke. Doch sind uns auch manche Züge aus seinem inneren Leben aufbewahrt worden, welche wir jetzt zur Nachfolge wie in einem Bild sammeln wollen.

„Das ganze Leben des englischen Lehrers“, sagt Wilhelm de Tocco, „kann man mit dem Silber vergleichen.“ Es besitzt das Weiße des Silbers wegen der Reinheit der Meinung und Absicht, die Schönheit des Silbers wegen der Einfalt der Taten, den Klang des Silbers wegen des hellen Schalles der reinen Lehre. Auch einem Netz ist das Leben des Heiligen ähnlich, weil es auf vollkommene Weise aus allen Tugenden zusammengeflochten ist. Wir können darauf die Worte des hl. Apostels Jakobus anwenden: „Die Weisheit, welche von oben herabkommt, ist zunächst rein, dann friedsam, bescheiden, nachgiebig, dem Guten hold, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, sie richtet und heuchelt nicht. Und die Frucht der Gerechtigkeit wird in Frieden gesät denen, die Frieden halten“ (Jak. 3,17f).

Die Lehre des hl. Thomas ist der Ausdruck seines Wandels, denn die Tat ging bei ihm der Lehre voran, nach dem Beispiel unseres Heilands Jesus Christus.

Sein erster Grundsatz war: Laß nicht nach in deinen frommen Übungen, sondern füge eher andere hinzu. Unablässig flehte er zu Gott um einen glühenden Eifer, eine unermüdliche Beharrlichkeit, den Geist der Arbeit, Opferfreudigkeit und der Ausdauer, sowie der Abtötung. Gern las er in den Lebensbeschreibungen der Heiligen und in den Unterhaltungen des Cassianus (Es ist gemeint: “Johannes Cassian – Unterredungen mit den Vätern“), um das Feuer der göttlichen Liebe zu entzünden und den Mut zur Überwindung jeder Widerwärtigkeit zu entflammen. Er pflegte dann jedes Kapitel wiederholt und mit gesteigerter Aufmerksamkeit durchzulesen.

Denn es war sein zweiter Grundsatz, daß man, um in der Tugend gleichwie in den Wissenschaften fortzuschreiten, sich bei einem Buch halten muß, welches man mit Bedacht gewählt hat, aber nur bei einem. Das Lesen einer großen Anzahl von Büchern mißbilligte er. Jemand bat ihn, ihm die Mittel zu nennen, um gelehrt zu werden. Er antwortete: „Studiere nur in einem Buch!“ Der hl. Thomas denkt also genauso wie der hl. Ignatius von Loyola, dessen Grundregel ist: „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Befriedigung, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“

Ein jeder, der nach der Vollkommenheit oder der Weisheit strebt, sagte er drittens, soll ohne Unterlaß beten, um durch das inständige Gebet die Heiligkeit und die Wissenschaft zu erhalten. Unter den Gebetsübungen verstand er hauptsächlich die Betrachtung, die Wachsamkeit, die Gewissenserforschung, die Übung in der Gegenwart Gottes. Buchstäblich befolgte er die Ermahnung des Apostels: „Die aber, welche Christi sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt, samt den Lastern und Gelüsten“ (Gal. 5, 24). Tugend ohne äußere und innere Abtötung, Heiligkeit ohne Selbstverleugnung und Entsagung nannte er eine Torheit.

Niemand meine darum jedoch, der hl. Thomas sei menschenscheu, trübsinnig oder abstoßend in seinem Umgang gewesen. Das Gegenteil ist wahr. Er war sehr liebevoll und menschenfreundlich, anspruchslos, dienstfertig und nachgiebig. Er haßte Faulheit und Trägheit und verlangte, daß jeder in seinem Stand mit Lust und Eifer an der Erfüllung seiner Pflichten arbeite.

Eines Tages fragte ihn seine Schwester, die Gräfin von San Severino, wie sie selig werden könne. Er antwortete: „Wenn du es willst.“ „Was ist“, fuhr sie fort, „das Begehrenswerteste in diesem Leben.“ „Gut zu sterben“, war seine Antwort.

Aus allem geht deutlich hervor, daß er im Besitz der vier Haupttugenden war, welche die Grundlage der Vollkommenheit bilden: Die Vorsicht in der Wahl der Mittel; die Gerechtigkeit, denn er gab Gott, was Gottes, und den Menschen, was den Menschen gehörte; die Stärke in der Ertragung jeder Widerwärtigkeit; die Mäßigkeit im Gebrauch von Speise und Trank.

Sein ganzes Leben hindurch behielt Thomas nur ein Ziel vor Augen: Gott, die Sonne seines Glücks. Zu ihm strebte er unablässig hin, ohne auch nur einen Finger breit aus Leidenschaft oder des Vorteils wegen abzuweichen. Wie der Seefahrer sein Schiff durch die brausenden Wogen zwingt bis zum rettenden Hafen, so verfolgte auch er seinen Weg, unbeirrt durch Anfechtungen, Versuchungen und Stürme, bis er in Gott, seinem höchsten Gut, ausruhen durfte. Einmal davon überzeugt, daß die Güter dieser Erde sein Herz nicht befriedigen konnten, kostet es ihm geringe Mühe, sich von denselben zu trennen. Der reiche Graf mit den glänzenden Aussichten, aus dem Blut der Normannenfürsten und dem Kaiserhaus der Hohenstaufen verwandt, überwindet alle Hindernisse, widersteht allen Lockungen, verschmäht alle Würden, und kämpft um die Wonne, ein Bettelmönch zu sein. Er verachtet allen Glanz der Welt, um Christus zu gewinnen. Darum betet er: „Laß mich, o Gott, immer fester an Dich glauben, auf Dich hoffen, Dich immer inniger lieben. Nichts möge mich freuen oder mich betrüben, als was zu Dir führt oder von Dir trennt. Niemanden möge ich zu gefallen trachten oder zu mißfallen fürchten als Dir. Verächtlich möge mir alles Vergängliche werden und teuer sei mir all das Deine um Deinetwillen und Du, o Gott, über alles. Zum Ekel sei mir jeder Freude ohne Dich und nichts will ich begehren außer Dir. Es freue mich jede Arbeit für Dich und die Ruhe ohne Dich möge mir zum Abscheu sein.“

Die Gottesliebe des englischen Lehrers war zart und Gott hatte ihm die Gabe der Tränen verliehen. Seine Liebe war erhaben und wurde oft mit der Wonne und dem Jubel der Verzückung belohnt. Am meisten wurde er in diesem Zustand der Extase versetzt, wenn er sich betend vor einem Kreuz oder vor dem allerheiligsten Sakrament niederkniete, besonders aber bei der Darbringung des hl. Meßopfers. Sein ganzes Streben und Sinnen wird ausgedrückt durch die Worte, welche er einstmals bei einer Erscheinung sprach: „Thomas, welchen Lohn begehrst du?“ so fragte ihn eine geheimnisvolle Stimme. Und der Heilige, niedergebeugt vor dem Kreuz antwortete: „Nichts, als Dich, o Herr!“ Das Kreuz war das Buch der Liebe und des Leidens, in welchem er täglich las, aus dem er das Licht bezog, um den Willen Gottes zu erkennen und die Kraft schöpfte, um ihn auch vollkommen zu erfüllen.

„Die Liebe“, so sprach er eines Tages zu seinen Schülern und Mitbrüdern, „die Liebe pflegt den Liebenden in das Geliebte zu verändern, so daß wir elend und unbeständig werden, wenn wir niedrige und vergängliche Dinge lieben. ‚Sie sind abscheulich geworden, wie dasjenige, das sie liebten‘, sagt der Prophet Osias. Wenn wir aber Gott lieben, werden wir göttlich, denn wer dem Herrn anhängt, wird eines Geistes mit ihm. Wie die Seele das Leben des Leibes ist, so ist Gott das Leben der Seele, sagt der hl. Augustinus. So wirkt die Seele mit Kraft und Vollkommenheit, wenn sie durch die Liebe wirkt, ohne die Liebe wirkt sie nicht, denn wer nicht liebt, bleibt im Tod. Würde also jemand alle Gaben des Heiligen Geistes besitzen ohne die Liebe, so hätte er das Leben nicht. Weder die Gabe der Sprachen, noch jene des Glaubens gibt ohne die Liebe das Leben. Die Liebe zu Gott ruht nie. Sie vollbringt Großes, wo sie gefunden wird. Scheut sie die Arbeit, dann ist es die Liebe nicht, sagt der hl. Gregorius. Ein Beweis der Liebe ist also die Bereitwilligkeit in Erfüllung der Befehle Gottes… Die Liebe zu Gott ist auch eine Zuflucht in den Widerwärtigkeiten. Denn demjenigen, welcher die Liebe besitzt, bringt das Unglück keinen Schaden, sondern Vorteil, wie der hl. Paulus sagt. Ja, für jenjenigen, der liebt, sind die Trübsale und Bedrängnisse süß … Die Liebe endlich führt zur Seligkeit. Nur denjenigen, welche die Liebe Gottes besitzen, wird das ewige Glück verheißen und ohne diese Liebe genügt nichts“ (S. Th. Opp. 1, XVI p. 98).

Alle Pflichten seines Standes erfüllte der Heilige mit der größten Pünktlichkeit. Er ließ keinen Augenblick unbenutzt vorbeigehen, so daß er einer der tätigsten und eifrigsten Männer war, welche jemals die Bewunderung der Welt erweckt haben. „Frater Thomas“, sagt einer seiner Ordensbrüder von ihm, welcher lange Jahre mit ihm Umgang hatte, „war ein Mann von heiligmäßigen Sitten und erbaulichem Wandel, demütig, fromm, friedfertig, keusch, ein Freund der Betrachtung, mäßig im Genuß von Speise und Trank, gleichgültig in Betreff seiner Kleidung. Außer der für Schlaf und Erholung bestimmten Zeit war er immer beschäftigt mit Studium, mit Gebet, mit Erteilung des Unterrichts, mit der Verkündigung des göttlichen Wortes.“

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