Leben im All

4. Da sind wir auf einen interessanten Punkt gestoßen. Der heilige Thomas spricht von höheren und niederen Geschöpfen, und er spricht von geistigen Geschöpfen, welche die obersten sind! Eine solche Vorstellung ist der modernen Wissenschaft völlig fremd. Geist kennt sie nicht, schon gar nicht geistige Geschöpfe. Alles, was ist, ist ja für sie aus der Materie durch „Evolution“ hervorgegangen, und das, was wir „Geist“ nennen, ist nichts als ein Produkt oder eine Funktion des Gehirns. Darum stellt man sich außerirdische Intelligenzen gerne mit einem riesigen Hirn vor. Daß es aber geistige Geschöpfe gibt, die gar kein Gehirn haben, weil sie überhaupt keinen Leib haben, die Engel nämlich, das geht über den Horizont der „Wissenschaftler“ weit hinaus.

Und doch ist es so. Die wahren „Außerirdischen“ sind körperlose Geistwesen, reine geschaffene Geister, die Engel. Und diese schweben nicht nur irgendwo in höheren Sphären und singen „Hosianna“, sondern sind ganz konkret an der Weltregierung beteiligt und auch im Weltraum und auf der Erde höchst tätig. In seiner „Summa contra gentiles“ reißt uns der Engelgleiche Lehrer weit den Himmel auf und läßt uns einen atemberaubenden Blick auf den wahren Kosmos mit seinen „Außerirdischen“ werfen (im folgenden zitiert nach: Bücher des Wissens, Thomas von Aquin, Herausgegeben von Josef Pieper, Fischer Bücherei, Frankfurt / M. – Hamburg, 1956).

„Da aber, wie oben gezeigt, die körperlichen durch die geistigen Dinge gelenkt werden“, schreibt er in Buch III Kapitel 80, „unter den körperlichen aber eine gewisse Rangfolge besteht, so müssen höhere Körper durch höhere geistige Wesen gelenkt werden, niedrigere aber durch geringere.“ Dabei müssen die höheren Geistwesen, da sie über eine universalere Kraft verfügen, körperlos sein, während die niedrigen Geistwesen, da sie sich aufgrund ihrer mehr auf Einzelnes gerichteten Kräfte körperlicher Instrumente bedienen, mit einem Leib verbunden sind. Letztere Geistwesen sind die Menschen. „Wie aber unter den Geistwesen die, welche höheren Ranges sind, umfassendere Kraft haben, so empfangen sie auch die göttliche Verfügung von Ihm auf vollkommenere Weise, weil sie durch das, was sie von Gott empfangen, Grund und Wesen seiner Ordnung bis zu den Einzeldingen hin erkennen. … Die niedrigeren Geistwesen aber empfangen sie nicht in der gleichen Vollkommenheit, sodaß sie alles Einzelne erkennen könnten, was zur Vorsehung gehört und von ihnen auszuführen ist, sondern nur in einer gewissen Allgemeinheit. Und je niedriger ihr Rang, desto weniger haben sie aus der ursprünglich von Gott erhaltenen Erleuchtung Kenntnis der speziellen göttlichen Anordnung empfangen. So kommt es, daß der menschliche Verstand, welcher in Hinsicht auf die natürliche Erkenntnis den niedersten Rang einnimmt, nur eine Kenntnis gewisser allgemeinster Dinge hat.“

Zu solcher Einsicht braucht es freilich gehörige Demut. Doch nun eröffnet sich uns eine atemberaubende Schau auf den Kosmos, wie er wirklich ist – auch wenn wir zugeben müssen, daß diese Schau auf den Glauben gründet und Wissenschaft und Religion verbindet, wie es ja eigentlich auch sein sollte. „Unter jenen Geistwesen, welche unmittelbar in Gott die vollkommene Erkenntnis der Ordnung der göttlichen Vorsehung in sich aufnehmen, besteht eine bestimmte Rangordnung. – Die Höchsten und Ersten sehen den Grund der Ordnung der Vorsehung in ihrem letzten Ziel selbst, welches die Gutheit Gottes ist. Einige aber sehen klarer als andere. Jene nun heißen Seraphim, die Brennenden oder die Entzündenden, weil durch den Feuerbrand bezeichnet zu werden pflegt die Tiefe der Liebe oder der Sehnsucht, die sich auf das Ziel richten. Darum sagt Dionysius [Areopagita], durch diesen ihren Namen werde sowohl ihre flammende Unwandelbarkeit zum Göttlichen hin als auch die geschmeidige Hinführung der ihnen Unterstellten zu Gott als zum letzten Ziel bezeichnet.“ Die Gutheit Gottes ist das letzte Ziel der Schöpfung und der Vorsehung. Die Liebe Gottes, in welcher wie in sie eingetaucht die obersten Geistwesen, die Seraphim, brennen, ist der Urgrund der Schöpfung, die Liebe ist ihr Band und ihr Ziel.

Davon weiß die moderne Wissenschaft freilich nichts. Und doch, wie weit entfernt sind wir hier von aus Urknall und Urschlamm hervorkriechenden Mikroben, die sich immer höher entwickeln bis zum Menschen oder irgendwelchen außerirdischen Intelligenzen. „Die an zweiter Stelle erkennen auf vollkommene Weise den Grund der Vorsehung in der göttlichen Wesensform selbst. Diese heißen Cherubim, welcher Name als »Fülle des Wissens« gedeutet wird; das Wissen nämlich vollendet sich durch die Wesensform des Wißbaren. Darum sagt Dionysius, diese Benennung besage, daß sie Beschauende der schöpferischen Ur-Kraft göttlicher Schönheit seien.“ Nach der Güte Gottes und Seiner Liebe ist die Schönheit wesentlicher Grund der Schöpfung. Das griechische „Kosmos“ bedeutet auch Schönheit, Schmuck, Zierde. Der Beschauende, der mit seinem geistigen Auge im Kosmos die Schönheit Gottes schaut, ist viel näher an der „Fülle des Wissens“ als der Wissenschaftler mit all seinen Teleskopen und Teilchenbeschleunigern.

„Die Dritten betrachten die Verfügung der göttlichen Gerichte. Und diese werden Throne genannt, denn durch den Thron wird die richterliche Gewalt bezeichnet. Darum sagt Dionysius, durch diese Benennung sei ausgesprochen, daß sie Gottesträger seien und alles Göttliche innigst aufzunehmen fähig.“ Gott als der oberste und unumschränkte Herr und Herrscher übt auch richterliche Gewalt. Seine Vorsehung umfaßt Belohnung und Strafe. Dafür sind die Throne zuständig. In früheren Zeiten hat man noch gut verstanden, Katastrophen, Seuchen, Kriege und dergleichen als göttliches Strafgericht aufzufassen. Die moderne Wissenschaft hat das vollkommen verlernt.

5. „Unter den niederen Geistern, welche die vollkommene Erkenntnis der durch sie zu verwirklichenden göttlichen Ordnung von den höheren Geistwesen her empfangen, muß es gleichfalls eine Rangordnung geben. Denn die allumfassende Verfügung der Vorsehung verteilt sich erstens auf viele Ausführende; das aber geschieht durch die Ordnung der Herrschaften. Es ist nämlich Sache der Herren, zu befehlen, was andere ausführen sollen; daher Dionysius sagt, der Name Herrschaft bezeichne eigenständige Führung, aller Knechtschaft und aller Unterwerfung überhoben.“ Aufgabe der Engel aus der Ordnung der Herrschaften ist es also, das, was sie als göttliche Vorsehung von den obersten Chören, den Seraphim, Cherubim und Thronen, empfangen haben, auf die verschiedenen Ausführenden aufzuteilen.

„Zweitens wird die Verfügung der Vorsehung von dem Wirkenden und Verwirklichenden aufgeteilt und vervielfacht zu verschiedenen Wirkungen. Das aber geschieht durch die Ordnung der Kräfte. Diese Ordnung besagt, wie es bei Dionysius heißt, tapfere Männlichkeit in allem gottförmigen Tun, die keine gottförmige Bewegung in ihrer eigenen Trägheit belasse. Und so ist offenkundig, daß der Urgrund allumfassenden Wirkens auf diese Engelordnung Bezug hat. Darum scheint es, daß dieser Ordnung die Bewegung der Himmelskörper zugeordnet sei; von ihnen als von den umfassenden Ursachen her erfolgen die besonderen Wirkungen in der Natur; darum werden sie auch Kräfte der Himmel genannt, wo es heißt, daß die Kräfte der Himmel erschüttert werden sollen [Luk 21, 26]. Diesen Geistern scheint auch die Ausführung derjenigen göttlichen Werke zuzukommen, die außerhalb der Ordnung der Natur geschehen, weswegen dies unter den göttlichen Diensten der höchste ist. So sagt auch Gregor: »Kräfte werden diejenigen Geister genannt, durch welche meistens die Zeichen geschehen«; und wenn sonst etwas Umfassendes und Erstes in den göttlichen Diensten auszuführen ist, so kommt es mit Fug dieser Engelordnung zu.“ Die in der Natur wirkenden Kräfte sind also keineswegs nur blinde Naturgesetzlichkeit, „Zufall und Notwendigkeit“, physikalische, chemische, biologische Abläufe, sondern Geistwesen von „tapferer Männlichkeit in allem gottförmigen Tun“, die „keine gottförmige Bewegung in ihrer eigenen Trägheit belassen“.

„Drittens wird die allgemeine Ordnung der Vorsehung, bereits in ihre Wirkung eingesetzt, unverwirrt gewahrt, indem, was diese Ordnung stören könnte, verhindert wird: das kommt der Ordnung der Mächte zu. Darum sagt Dionysius, der Name Mächte meine wohlgeordnete und unverwirrte Verfügung in bezug auf das von Gott her Empfangene; und Gregor sagt, dieser Ordnung komme es zu, die widrigen Gewalten im Zaume zu halten.“ Es sind in der Schöpfung seit dem Fall der Engel auch gottfeindliche Kräfte am Werk, die durch den Sündenfall der ersten Menschen und die seither unablässig strömende Flut von Sünden zusätzliche Macht und Möglichkeiten erhalten haben. Diesen stellen sich die Engel aus der Ordnung der Mächte entgegen, um sie „im Zaume zu halten“ und eine „wohlgeordnete und unverwirrte Verfügung in bezug auf das von Gott her Empfangene“ aufrecht zu erhalten.

6. „Die niedersten unter den oberen Geistwesen sind die, welche die Ordnung der göttlichen Vorsehung von Gott her empfangen, sofern sie in ihren besonderen Ursachen erkennbar ist; und diese Geistwesen sind unmittelbar über die menschlichen Dinge gesetzt.“ Diese bilden die untersten drei Ränge der neun Engelschöre. „Unter den menschlichen Dingen aber sind zu verstehen alle niederen Wesen und besonderen Ursachen, welche auf den Menschen hingeordnet sind und dem Gebrauch der Menschen dienen. Auch unter diesen Geistwesen gibt es eine Rangordnung.“ Gott ist eben ein Gott der Ordnung, und „Kosmos“ bedeutet auch Ordnung.

„In den menschlichen Dingen nämlich ist ein allgemeinsames Gut, welches das Wohl des Staates oder Volkes ist; dieses scheint der Ordnung der Fürstentümer zuzugehören. Darum sagt Dionysius, der Name Fürstentümer bezeichne Herrschaft, verbunden mit heiliger Ordnung; und im Buche Daniel wird Michael als der Fürst der Juden sowie der [Engel-] Fürst der Perser und der Griechen erwähnt [Dan 10, 20]. So muß die Ordnung der Reiche und der Übergang der Herrschaft von einem Stamm auf den anderen zum Amt dieser Engelordnung gehören. Auch scheint es dieser Ordnung zuzukommen, die, welche Herrscher sind unter den Menschen, zu belehren über das, was zur Ausübung der Herrschaft gehört.“ Anders als die Philosophen der „Aufklärung“ meinten, ist der Staat eben nicht aus menschlicher Übereinkunft hervorgegangen, sondern vom Schöpfer eingerichtet und gewollt, der dazu eine eigene Ordnung von Engeln, die Fürstentümer, geschaffen hat. Werden freilich jene, die heute „Herrscher sind unter den Menschen“ und mehr an die moderne Wissenschaft glauben als an Gott und die Engel, sich von den Fürstentümern noch „belehren“ lassen über „das, was zur Ausübung der Herrschaft gehört“? Die Früchte unserer heutigen Politiker geben darauf eine klare Antwort.

„Es gibt aber auch ein menschliches Gut, das nicht in der Gemeinschaft gelegen ist, sondern den einzelnen Menschen in sich selbst betrifft, das aber dennoch nicht allein für Einen von Nutzen ist, sondern für die Vielen, wie etwa das, was von allen, zumal von den einzelnen, zu glauben und zu beachten ist, was zum Glauben gehört oder zum kultischen Gottesdienst, oder sonst Ähnliches. Dies aber ist der Bereich der Erzengel, von denen Gregor sagt, daß sie die höchsten Dinge ankündigen. So nennen wir Gabriel den Erzengel, weil er die Menschwerdung des Einziggezeugten Wortes angekündigt hat, an die alle Menschen glauben müssen.“ Im heutigen Kampf um den Glauben und die Liturgie spielen somit die Erzengel eine entscheidende Rolle, was wir nicht vergessen sollten.

„Ein anderes menschliches Gut aber geht jeden einzelnen besonders an. Dies ist der Ordnung der Engel zugeordnet. Von ihnen sagt Gregor, daß sie das Geringere zu künden haben. Sie heißen auch der Menschen Beschützer, gemäß jenem Worte: »Seinen Engeln hat er deinetwillen befohlen, daß sie dich beschützen auf allen deinen Wegen« [Ps 90, 11].“ Diese werden daher gewöhnlich Schutzengel genannt. Wie zart und fürsorglich ist die alles durchwaltende Liebe Gottes, die von den höchsten, in der Liebe Gottes brennenden Seraphim, bis zu uns kleinen Menschen herab eine so wunderbare Leiter errichtet hat, die jeden einzelnen durch einen eigenen Engel begleitet!

7. Dieses Weltbild des heiligen Thomas würde freilich heute ganz und gar nicht mehr als „wissenschaftlich“ durchgehen. Solche Wesen wie Engel und vollends Gott gehören nämlich nicht in die moderne Wissenschaft. Diese ist agnostizistisch und atheistisch aus Prinzip, sie anerkennt nur, was sich sehen, wägen, messen läßt. Alles andere verweist sie in den Bereich des Glaubens, wie sie ihn versteht, d.h. des bloßen Vermutens, Wähnens oder Fühlens, oder der Phantasie. In der Kirche galt jedoch stets eine andere, die wahre Auffassung von Wissenschaft. Dr. P. Bernard Kälin O.S.B. beginnt sein Lehrbuch der Philosophie mit dem natürlichen Erkenntnistrieb des Menschen. „Alle Menschen besitzen von Natur das Verlangen nach Erkenntnis, wie Aristoteles im Eingang seiner Metaphysik schreibt. Neues zu sehen und zu hören, die Dinge der Welt zu erfahren und zu verstehen, verschafft darum dem Menschen Befriedigung und Freude. Daher stellt schon das Kind tausenderlei Fragen über das Was und Warum, das Woher und Wozu der Dinge; deshalb durchwandert der Mensch die Welt, um sie kennenzulernen, erkundigt sich über Menschen und Ereignisse, beobachtet die Erscheinungen und Vorgänge und forscht nach deren Gründen und Erklärungen.“