Leben im All

Dieser Erkenntnistrieb kann sich nun auf drei Stufen entfalten. „Zunächst erwirbt der Mensch eine Menge vereinzelter Kenntnisse, wie sie der Alltag bietet.“ Dann versucht er, eine Ordnung und Einheit der Kenntnisse zu schaffen. „Eine solche Zusammenfassung von folgerichtig geordneten, sicheren Erkenntnissen über einen bestimmten Gegenstand nennt man Wissenschaft, wie z.B. Sprachlehre, Pflanzen- und Tierkunde, Physik, Chemie, Mathematik, Sternkunde usw.“ Doch dabei bleibt unser Erkenntnisstreben nicht stehen. Denn: „Über den Einzelwissenschaften gibt es aber noch Fragen, welche diese nicht beantworten. Der Drang nach Erkenntnis kommt darum nicht zur Ruhe, bis er auch über die allgemeinsten Fragestellungen, über die innersten Wesensgründe der Dinge, ihr letztes Woher und Wozu einigermaßen Antwort weiß. Es muß darum eine über den Einzelwissenschaften stehende, umfassende Wissenschaft geben, welche diese allgemeinen und letzten Zusammenhänge aufzuzeigen sucht, und das nennt man Philosophie.“

Die Philosophie steht somit über den Einzelwissenschaften, faßt sie zusammen und reicht weit über sie hinaus bis zu den wirklich letzten Gründen und Einsichten. Sie beschäftigt sich nicht nur mit einzelnen Phänomenen, sondern mit allem Erkennbaren, allem irgendwie Seienden. In der Logik beschäftigt sie sich mit dem „logischen oder gedanklichen Sein (ens rationis)“. Das „reale, wirkliche Sein (ens reale)“ behandelt sie in den verschiedenen Bereichen der „Naturphilosophie, welche alle körperlichen Dinge umfaßt (Kosmologie und Psychologie)“, der „Metaphysik, die sich auf das Sein schlechthin bezieht (Ontologie und Theodizee)“, sowie die „Ethik oder Moral, welche die menschlichen freien Handlungen nach ihrer sittlichen Beschaffenheit, d.h. in ihrer Hinordnung auf das letzte Ziel untersucht“. Die Philosophie erhebt sich mithin bis zu Gott als dem letzten Urgrund allen Seins und bildet somit die Klammer zwischen Vernunft und Glaube. Das Ausklammern der Philosophie als ernstzunehmende Wissenschaft und insbesondere das Abschaffen der Metaphysik hat notwendig dazu geführt, daß Vernunft und Glaube auseinander fielen. Heute schließt Wissenschaft den Glauben aus und Glaube die Wissenschaft. Zwar kann ein Wissenschaftler auch gläubig sein, doch liegt sein Glaube auf einer ganz anderen Ebene als seine Wissenschaft und hat mit dieser rein gar nichts zu tun.

Armin Schwibach schreibt in einem am 6. Dez. 2011 auf „kath.net“ erschienenen Artikel unter dem Titel „‚Gott ist Vernunft’: Evolution und das Problem der Weltanschauungen“: „Es ist Auffassung und Erkenntnis der Kirche, dass die Vernunft imstande ist, in der natürlichen Welt eine teleologische, das heißt eine auf das Sinnvolle ausgerichtete Dimension des Ursprungs und des Ziels auszumachen. Es gibt Raum für einen göttlichen Plan und der Mensch ist das Ergebnis einer notwendigen Entwicklung innerhalb der Möglichkeiten der Natur. Gott ist Vernunft, keine reine Transzendenz. So führte Joseph Kardinal Ratzinger bereits im Jahr 2000 aus, ‚dass die Welt in einem sehr komplizierten Evolutionsprozess entstanden ist, dass sie aber im tiefsten eben doch aus dem Logos entstanden ist. Sie trägt insofern Vernunft in sich‘.“ Man ist also schon froh, wenn uns die Wissenschaft irgendwo noch „Raum für einen göttlichen Plan“ läßt. Wie weit wir da vom Kosmos des heiligen Thomas entfernt sind, braucht nicht dargelegt zu werden.

8. Die Trennung der Religion von der Wissenschaft, die freilich schon eine jahrhundertealte Geschichte hat, brachte im Lauf der Zeit nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft, sondern auch auf dem der Religion unzählige Irrtümer und Kuriositäten hervor. Der Protestantismus ist eine von ihnen. So geschah es einmal bei der Diskussion eines Katholiken mit einem Protestanten, daß die Frage nach der Stellung der allerseligsten Jungfrau als Gottesmutter auftrat. Der Protestant bestritt dies vehement, worauf der Katholik eine logische Schlußfolgerung versuchte. Er fragte den Protestanten, ob dieser ihm zugebe, daß Jesus Christus Gott sei, was der bejahte. Er fragte weiter, ob Maria die Mutter Jesu sei, was dieser ebenfalls zugab. Die Schlußfolgerung, daß somit Maria, die Mutter Jesu, die Mutter Gottes sei, wollte er jedoch nicht nachvollziehen, denn: „Das steht nicht in der Bibel.“ Das heißt, die Logik gehört in den Bereich der Vernunft und hat im Bereich des Glaubens nichts zu suchen. Dort gilt nur die Heilige Schrift.

Eine Kuriosität besonderer Art sind die „auf säkularistischem Boden“ entstandenen „Überweltkundgaben“, wie Kurt Hutten sie in seinem Buch „Seher, Grübler, Enthusiasten“ nennt (Stuttgart 1982). Er führt hier besonders den im 19. Jahrhundert entstandenen „Spiritismus“ („Esoterik“) und die aus dem 20. Jahrhundert stammende „UFO-Bewegung“ an, zwei typische Produkte der von der Religion befreiten modernen Pseudo-Wissenschaft. Vom materialistischen und naturalistischen Boden aus versuchen sie, das geistentleerte, von Gott und Engeln gereinigte Universum wieder mit „Geistern“ (die eigentlich keine Geister sind, sondern irgendwelche feinstoffliche Wesen oder „Energien“) oder mit außerirdischen Intelligenzen zu füllen, und die Stufenleiter der göttlichen Weltregierung von oben nach unten durch eine Evolution von unten nach oben zu ersetzen.

Die Parallelen zwischen der UFO-Bewegung „zu den spiritistischen Lehren sind unverkennbar“, schreibt Hutten: „hier wie dort Reinkarnation und Aufwärtsentwicklung von Stufe zu Stufe. Und wie die spiritistischen Jenseitsstufen so unterscheiden sich auch die Gestirne durch ihre verschiedenen Frequenzen. … An die Stelle der jenseitigen Geister und hohen Geistführer treten die Planetarier und die kosmischen Geister. Und Gott ist hier wie dort der Ursprung und das Ziel alles Lebens.“ Wobei dieser „Gott“ entweder deistisch oder pantheistisch gedacht wird. Christus ist ein höheres Geistwesen oder ein UFO-Astronaut. „Mit den Kirchen beschäftigen sich die Planetarier nur wenig und wenn, dann kritisch.“

„Der UFO-Glaube verkündet eine rettende Botschaft. … Mit dem Spiritismus hat er die Herkunft aus dem Säkularismus gemeinsam. Ja, er ist noch stärker von ihm geprägt, weil er die Verwirklichung der Heilssehnsucht nicht wie der Spiritismus in eine jenseitige Welt, sondern in die prächtige Diesseitswelt der Sterne verlegt.“ Der Anstrich von „Wissenschaftlichkeit“ macht ihn obendrein attraktiv. Der UFO-Glaube bietet eine Art Erlösungsbotschaft, wie Hutten erklärt. „Mit dem Auftreten der UFOs wurde der Himmel rehabilitiert. Einst galt er als Sitz Gottes und der Engelwelt. Dann wurde er von den Astronomen und schließlich auch von den Theologen entmythologisiert. Die UFO-Gläubigen haben ihn remythologisiert. Aber im Sinn säkularistischen Denkens wurde er nicht wieder mit göttlichen Wesen bevölkert, sondern mit hochentwickelten Menschen.“

Die „Sternenmenschen“ befreien die „Erdenmenschen“ aus ihrer Einsamkeit. Sie sind nicht allein im endlosen All. Sie bieten ihnen eine Zukunftsperspektive. Auch wenn die menschliche Zivilisation einer tödlichen Krise entgegengeht, so versprechen sie: „Eure Krise wird nicht im Untergang enden, sondern wir werden euch in eurer höchsten Not zur Hilfe eilen!“ Sie führen darüberhinaus die Erdenmenschheit „in eine Zukunft, die ihr die Erlösung von allen kreatürlichen Fesseln bringen wird: Herrschaft über die Naturkräfte und über Raum und Zeit, grenzenlose Steigerung der Erkenntnisse und Lebensmöglichkeiten, Selbstverwirklichung durch Vergeistigung und unermeßliche Freude durch die Einordnung in die Harmonie der kosmischen Bruderschaft“.

Allzu weit entfernt scheint uns das nicht von den Visionen unserer modernen Astronomen vom „Leben im All“. Längst ist die moderne Wissenschaft zur Ersatzreligion oder zur Gegenreligion geworden. Man glaubt ihren „unfehlbaren“ Lehren mehr als der Heiligen Schrift. „Die größte aller Tragödien aber ist es, daß gerade die christliche Kirche in solch umfassendem Ausmaß vor der Evolutionslehre kapituliert hat“, beklagt Prof. Dr. Henry M. Morris bereits 1963 in seinem Aufsatz „Evolution im Zwielicht“. „Das Aufkommen des religiösen Modernismus im 19. Jahrhundert folgte der wissenschaftlichen Propaganda des Darwinismus und war weitgehend darauf aufgebaut. Die Theologen kamen zu der Überzeugung, daß die Wissenschaft die Anerkennung der geologischen Zeitalter und der entwicklungsgeschichtlichen Herkunft der verschiedenen Arten, einschließlich des Menschen, verlangte. Verschiedene Theorien wurden entwickelt, um den Schöpfungsbericht der Genesis (1. Buch Mose) mit der Evolution zu harmonisieren, aber keine war wirklich unanfechtbar, und das unvermeidliche Ende war die völlige Ablehnung der Genesisberichte als Mythen und Legenden.“ Diese „Entmythologisierung“ war ihrerseits die Grundlage für die „Remythologisierung“ durch säkularen Religionsersatz.

9. Was bei der „Remythologisierung“ der Heiligen Schrift durch UFO-Gläubige herauskommt, liest sich in einer Zusammenfassung von Hutten so: „Moses, vermutlich ein Sohn des Amenophis III. (1405 – 1367 v. Chr.), war wohl ein Zeuge der Gespräche, die ‚Echnaton in der Wüste mit den Sternenmenschen geführt haben mag‘. Er bekam den Auftrag, sein Volk aus Ägypten herauszuführen. Die Sternenleute gaben ihm einen Stab, mit dessen Hilfe er allerlei Wunder vollbrachte: er war nicht nur ein ‚regelrechtes Funksprechgerät‘, mit dem er die Sternenmenschen anrufen konnte [heute würden wir eher sagen: ein Mobiltelefon], sondern er konnte damit auch ‚Gedanken und Gedankenströme in gewissen Augenblicken zu sichtbaren Handlungen materialisieren‘. Die Landung des Raumschiffs im Sinaigebirge wurde ihm per Funkspruch angekündigt, ‚und ‚Gott‘ kam mit einer Saturn Vb-Rakete‘, beschrieben in 2. Mos 19,18f. Moses diskutierte dann die bereits von ihm und seinem Schwiegervater Jethro ausgearbeiteten zehn Gebote 40 Tage lang mit den Sternenleuten und erhielt von ihnen die Konstruktionspläne für die Bundeslade und die Stiftshütte sowie einen ‚Engel‘ d.h. Techniker für ihre Erstellung. Die Bundeslade findet das besondere Interesse der Astro-Archäologen. Nach Däniken war sie ein elektrisch geladener ‚Lautsprecher, vielleicht sogar eine Art von Gegensprechanlage zwischen Moses und dem Raumschiff‘. Pahl dagegen hält sie für einen ‚Kernreaktor mit allem Drum und Dran‘, von den außerirdischen Ingenieuren eingesteuert und wegen der Strahlungsgefahr mit strengen Sicherheitsvorschriften verbunden …“ Wir sehen hier, wie zeitgedingt und daher antiquiert diese Vorstellungen sind, denn selbstverständlich wäre die Bundeslade heute ein Super-Computer und die Tafel mit den zehn Geboten ein „Tablet“.

„Für Eric Norman war der Turm von Babel eine Abschußrampe für Raketen, und die unbefleckte Empfängnis wurde durch einen Energiestoß des Engels des Herrn aus der Strahlenkanone vollzogen. Für Charroux war die Arche Noah ein Forschungsschiff, ausgerüstet mit Radar, Elektronik und Tiefkühlcontainern. Es werden noch weitere wundersame Sachen erzählt: daß Moses ebenso wie Henoch und Elia von den Sternenmenschen heimgeholt wurden; daß Sara und Rebekka durch ‚gynäkologische Eingriffe‘ von Sternenmenschen gebärfähig gemacht wurden; daß Jonas nicht von einem Walfisch verschlungen, sondern von einem wassernden Raumschiff aufgenommen wurde. Wenn in der Bibel von Engeln die Rede ist, handelt es sich in Wirklichkeit um Außerirdische. Und selbstverständlich wurde auch die Himmelfahrt Christi durch ein Raumschiff bewerkstelligt – falls sie überhaupt stattgefunden hat! Denn nach Pahl konnte er ‚kein ‚Sohn Gottes‘ und auch kein Sternenmensch‘ gewesen sein, weil die Außerirdischen in dieser Zeit ihr Interesse vom Nahen Osten nach Mittel- und Südamerika verlagert hatten; und überhaupt spricht vieles dafür, daß ‚aus allen möglichen Quellen dieser Wundermann Christus zusammengeschrieben worden‘ ist.“ Hier zeigt sich eine interessante Konvergenz mit der „historisch kritischen“ Exegese.

Damit genug der Albernheiten. Wir werden jedoch zugeben müssen, daß solche Vorstellungen, so unsinnig sie uns erscheinen mögen, ein typisches Produkt der modernen wissenschafts- und technikgläubigen Welt sind und ganz und gar kompatibel mit der modernen Astronomie.

10. Die moderne Wissenschaft zeigt sich somit direkt gegen Gott und Seine Offenbarung gerichtet. Morris: „So bringt man dem Geschöpf Anbetung und Verehrung dar statt dem Schöpfer. Gleich seinem Vorvater Adam sucht der heutige Mensch, wie zu allen Zeiten, nachdem er Gottes Wort verworfen hat, sich vor Gott zu verbergen. Er muß deshalb, wenn irgend möglich, das gesamte Weltall ohne Beziehung zu seinem Schöpfer erklären. Der bemerkenswerteste Widerspruch in der modernen Wissenschaft ist, daß das System der Evolution überhaupt zu solch nahezu universaler Geltung kam, während es doch völlig jeder echter wissenschaftlicher Grundlagen entbehrt.“ Mit wahrer Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.

Wenn wir wieder wirklich katholisch werden und katholisch denken wollen, kommen wir nicht umhin, dieser fälschlich so genannten modernen „Wissenschaft“ eine wahre, katholische Wissenschaft entgegenzustellen. Eine Wissenschaft, die nicht irgendein „Leben im All“ sucht, sondern dem Leben der Menschen dient, damit es hier auf Erden dem Willen Gottes, Seiner Vorsehung und Seinen Geboten entspricht, und auf diese Weise nach dem leiblichen Tod zum ewigen Leben sich wandelt, um unter den Heerscharen der Engel als ihre Genossen die himmlischen Throne einzunehmen.