Synodale Kirche

von antimodernist2014

1. Wie es der Zufall wollte, jährte sich just zum Zeitpunkt der derzeit im Vatikan laufenden „Familiensynode“ zum 50. Male die „Errichtung der Bischofssynode“ durch das „II. Vatikanum“. Zu diesem Anlaß hielt Bergoglio am 17. Oktober eine Ansprache, die ihn als profunden Kenner und intimen Eingeweihten des vom „II. Vatikanum“ initiierten revolutionären Prozesses ausweist. Wir zitieren im folgenden nach der Übersetzung von Claudia Reimüller, „Die Tagespost“ vom 20. Oktober 2015.

2. „Während die Ordentliche Generalversammlung in vollem Gang ist, ist das Gedenken an den fünfzigsten Jahrestag der Errichtung der Bischofssynode für uns alle Grund zur Freude, zum Lobpreis und dem Herrn zu danken. Vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis zur derzeitigen Synode haben wir auf immer intensivere Weise die Notwendigkeit und die Schönheit erfahren, ‚gemeinsam auf dem Weg zu sein‘.“ Mit dieser Lobeshymne beginnt Meister „Franziskus“ seine Rede. „Synode“ bedeutet ja bekanntlich ohnehin soviel wie „gemeinsamer Weg“, und damit ist das Thema bereits in aller Deutlichkeit angeschlagen. Der Modernist sieht die Kirche als „pilgerndes Gottesvolk“: alle sind gemeinsam auf dem Weg zu immer weiterer Entwicklung, höherem Bewußtsein, vollerer Gemeinschaft, einer humaneren und besseren Welt.

„Seit Beginn meines Amtes als Bischof von Rom hatte ich die Absicht, die Synode aufzuwerten, die eine der wertvollsten Hinterlassenschaften der letzten Konzilsversammlung darstellt“, referiert „Franziskus“ kurz die Hintergründe. „Dem seligen Paul VI. zufolge sollte die Bischofssynode das Bild des Ökumenischen Konzils in Erinnerung rufen und seinen Geist und seine Methode widerspiegeln. Er stellte auch in Aussicht, dass die Synode ‚im Verlauf der Zeit eine immer noch vollkommenere Form erlangen können wird‘. Ihm pflichtete zwanzig Jahre später der heilige Johannes Paul II. bei, der erklärte: ‚Möglicherweise kann dieses Instrument noch verbessert und die kollegiale pastorale Verantwortung in einer Synode noch vollkommener zum Ausdruck gebracht werden‘. Im Jahr 2006 schließlich approbierte Benedikt XVI. einige Veränderungen des Ordo Synodi Episcoporum…“

Der „Bischof von Rom“ fährt fort: „Diesen Weg müssen wir weiter verfolgen. Die Welt, in der wir leben und die zu lieben und der zu dienen wir – auch in ihrer Widersprüchlichkeit – aufgerufen sind, fordert von der Kirche die Stärkung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Mission. Gerade der Weg der Synodalität ist der Weg, den Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.“ Gott erwartet also „von der Kirche des dritten Jahrtausends“ den „Weg der Synodalität“. Die Strukturen der Kirche müssen sich ändern je nach den Zeitläuften, so will es der modernistische „Gott“. Zu den modernen Demokratien gehört eine „synodale“ Kirche. „Das, was der Herr von uns erwartet, ist in gewisser Weise bereits alles in dem Begriff ‚Synode‘ enthalten. ‚Gemeinsam auf dem Weg sein‘ – Laien, Hirten, der Bischof von Rom – ist ein Konzept, das sich leicht in Worten ausdrücken, aber nicht so leicht in die Praxis umsetzen lässt.“ Es bedarf schon einer gehörigen Inspiration, um zu erkennen, daß der Heiland, der Seine Kirche ursprünglich auf Petrus den Fels gegründet hat, nunmehr eine Kirche verwirklicht sehen will, bei welcher alle, „Laien, Hirten, der Bischof von Rom“, gemeinsam „auf dem Weg“ sind.

„Nachdem das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt hatte, dass das Volk Gottes aus allen Getauften besteht, die berufen sind, ‚einen geistigen Bau und ein heiliges Priestertum‘ zu bilden, verkündete es: ‚Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie ,von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien‘ ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert‘. Jenes berühmte: ‚in credendo‘ unfehlbar.“ Die beiden Zitate entstammen der „Konzilskonstitution“ „Lumen Gentium (LG)“, Nr. 10 bzw. Nr. 12. Damit geht die Unfehlbarkeit vom Papst und vom kirchlichen Lehramt auf die Gesamtheit der Gläubigen über.

„In dem Apostolischen Schreiben ‚Evangelii gaudium‘ habe ich hervorgehoben: ‚Das Volk Gottes ist heilig in Entsprechung zu dieser Salbung, die es ,in credendo‘ unfehlbar macht‘ und hinzugefügt: ‚Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung, und es wäre unangemessen, an einen Evangelisierungsplan zu denken, der von qualifizierten Mitarbeitern umgesetzt würde, wobei der Rest des gläubigen Volkes nur Empfänger ihres Handelns wäre‘. Der Sensus fidei verbietet die strenge Unterteilung in ‚Ecclesia docens‘ und ‚Ecclesia discens‘, da auch die Herde einen eigenen ‚Spürsinn‘ hat, um die neuen Wege zu erkennen, die der Herr der Kirche offenbart.“ Das ist geradezu Bilderbuch-Modernismus. Es gibt nicht mehr die „lehrende Kirche“, welche die von Gott empfangene, mit dem letzten Apostel abgeschlossene Offenbarung als Glaubenshinterlage bewahrt und der „hörenden Kirche“ vermittelt, sondern der „Spürsinn“ der gesamten „Herde“ erkennt je und je die „neuen Wege“, die „der Herr der Kirche offenbart“.

3. Die Schwierigkeit für Herrn Bergoglio bestand nun darin, dieses so klare und einfache „Konzept“ in die „Praxis“ umzusetzen. „Es war diese Überzeugung, die mich geleitet hat, als ich den Wunsch geäußert habe, dass das Volk Gottes bei der Vorbereitung des zweimaligen synodalen Treffens über die Familie befragt werden möge, wie es üblicherweise bei allen ‚Lineamenta‘ getan wird und getan wurde. Gewiss, eine Befragung dieser Art könnte in keiner Weise ausreichen, um den Sensus fidei zu hören. Doch wie hätte man über die Familie sprechen können, ohne die Familien zu Rate zu ziehen und über ihre Freude und Hoffnung, Trauer und Angst zu hören? Durch die Antworten auf die an die Teilkirchen geschickten beiden Fragebögen haben wir die Möglichkeit gehabt, wenigstens einige von ihnen zu den Fragen zu hören, die sie direkt berühren und zu denen sie so viel zu sagen haben.“ Durch die im Vorfeld der „Familiensynode“ durchgeführte Fragebogenaktion sollte demnach der „Sensus fidei“, jener „Spürsinn“ des „Gottesvolkes“ abgetastet werden, um zu ermitteln, auf welchen „neuen Wegen“ der „Herr“ nunmehr seine „Kirche“ wandeln sehen möchte. Dabei stellt sich heraus, daß es doch wieder eine „hörende“ Kirche gibt, wobei derjenige Teil, der bisher der „lehrende“ war, nunmehr seinerseits auf den „Sensus fidei“ der Gläubigen „zu hören“ hat. Denn: „Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass Zuhören ‚mehr ist als Hören‘. Es ist ein gegenseitiges Zuhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat. Das gläubige Volk, das Bischofskollegium, der Bischof von Rom: einer im Hören auf den anderen; und alle im Hören auf den Heiligen Geist, den ‚Geist der Wahrheit‘ (Joh 14, 17), um zu erkennen, was Er ‚den Gemeinden sagt‘ (Offb 2, 7).“ Die ganze „Kirche“ ist somit eine „hörende“ und „lernende“ in einem ständigen Dialog.

„Die Bischofssynode ist der Konvergenzpunkt dieser Dynamik des Zuhörens auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens. Der Weg der Synode beginnt damit, das Volk zu hören, das ‚auch teilnimmt an dem prophetischen Amt Christi‘ (LG 12), nach einem Prinzip, das der Kirche des ersten Jahrtausends wichtig war: ‚Quod omnes tangit ab omnibus tractari debet‘ [‚Was alle betrifft, muss von allen behandelt werden‘; A.d.Ü]. Der Weg der Synode wird dadurch fortgesetzt, dass den Hirten zugehört wird. Durch die Synodenväter handeln die Bischöfe als echte Bewahrer, Interpreten und Zeugen des Glaubens der ganzen Kirche, den sie aufmerksam von den oftmals wandelbaren Strömungen der öffentlichen Meinung zu unterscheiden wissen müssen.“ Die „Hirten“ hören auf das „Volk“, das am „prophetischen Amt Christi“ teilnimmt, sie fungieren nun als „Bewahrer, Interpreten und Zeugen des Glaubens“ dieser „ganzen Kirche“, und somit ist auf der nächsten Stufe des „synodalen Wegs“ ihnen in dieser Eigenschaft zuzuhören. Darum läßt „Franziskus“ alle frei reden und hört einfach nur zu. „Am Vorabend der Synode des vergangenen Jahres habe ich gesagt: ‚Vom Heiligen Geist erbitten wir für die Synodenväter vor allem die Gabe des Hörens: des Hörens auf Gott, so dass wir mit Ihm den Schrei des Volkes hören; des Hörens auf das Volk, sodass wir dort den Willen wahrnehmen, zu dem Gott uns ruft‘.“ Der „Schrei des Volkes“ ist der „Wille“, zu „dem Gott uns ruft“. Wenn das nicht durch und durch demokratisch ist!

Damit erreicht der „synodale Weg“, der beim „Volk“ beginnt, über die „Hirten“ seinen Höhepunkt. „Der synodale Weg gipfelt schließlich im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, sich als ‚Hirt und Lehrer aller Gläubigen‘ zu äußern: nicht ausgehend von seinen persönlichen Überzeugungen, sondern als oberster Zeuge des ‚fides totius Ecclesiae‘, ‚Garant des Gehorsams, der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche‘.“ Dabei gilt: „Die Tatsache, dass die Synode immer ‚cum Petro et sub Petro‘ handelt – also nicht nur ‚cum Petro‘, sondern auch ’sub Petro‘ – ist keine Begrenzung der Freiheit, sondern eine Garantie der Einheit. So ist der Papst nach dem Willen des Herrn ‚das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen‘.“ Der „Bischof von Rom“ hat also vor allem eine Moderatoren-Funktion. Seine Aufgabe ist es, aus der Vielfalt der Stimmen eine Einheit zu bilden, indem er sowohl auf die neuen Offenbarungen des „Geistes“ in der „Stimme des Volkes“ hört als auch die „Tradition der Kirche“ im Auge behält. Dazu besitzt er ein besonderes Charisma, das ihn zum „Garant des Gehorsams, der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche“ macht und somit die „Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ garantiert. Deshalb liegt es letztlich bei ihm, was er mit dem Ergebnis der Synode anfangen will. „Damit verbindet sich das Konzept der ‚ierarchica communio‘, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil benutzt wird: die Bischöfe sind durch das Band der bischöflichen Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom verbunden (‚cum Petro‘), und sie sind ihm, als dem Haupt des Kollegiums, gleichzeitig hierarchisch unterstellt (’sub Petro‘).“

4. Das mit der „Hierarchie“ muß man freilich richtig verstehen, und auch dazu dient die Synode. „Die Synodalität als konstitutive Dimension der Kirche bietet uns den angemessensten Interpretationsrahmen, um das hierarchische Dienstamt zu verstehen. Wenn wir verstehen, wie der heilige Johannes Chrysostomus sagt, dass Kirche und Synode Synonyme sind – weil die Kirche nichts anderes ist, als das ‚gemeinsam auf dem Weg sein‘ der Herde Gottes auf den Wegen der Geschichte, um Christus, dem Herrn, entgegenzugehen –, verstehen wir auch, dass in ihr niemand über die anderen ‚erhoben‘ werden kann. Im Gegenteil, in der Kirche ist es notwendig, dass jemand ’sich erniedrigt‘, um sich auf dem Weg in den Dienst der Brüder zu stellen.“ Folglich müssen wir uns die Hierarchie genau anders herum vorstellen, als wir es vielleicht gewohnt sind. „Jesus hat die Kirche eingesetzt und an ihre Spitze das Apostelkolleg gestellt, in dem der Apostel Petrus der ‚Felsen‘ (Mt 16,18) ist, derjenige, der die Brüder im Glauben ’stärken‘ soll (vgl. Lk 22, 32). Doch in dieser Kirche findet sich die Spitze wie bei einer auf den Kopf gestellten Pyramide unter der Basis. Daher heißen diejenigen, die die Autorität ausüben, ‚Diener‘: denn nach der ursprünglichen Bedeutung des Wortes sind sie die kleinsten unter allen. Dadurch, dass er dem Volk Gottes dient, wird jeder Bischof für den ihm anvertrauten Teil der Herde ‚vicarius Christi‘, Stellvertreter jenes Jesus, der sich beim Letzten Abendmahl herabgebeugt hat, um den Aposteln die Füße zu waschen (vgl. Joh 13, 1–15). Und in einem ähnlichen Horizont ist der Nachfolger Petri nichts anderes als der ’servus servorum Dei‘, der ‚Diener der Diener Gottes‘.“ Die Hierarchie wird somit buchstäblich „auf den Kopf“ gestellt. Die „Basis“ ist oben, das „Haupt“ ist unten. Besser hätte es der „Diabolos“, der „Durcheinanderwerfer“, nicht anstellen können.

Als der Heiland Seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, da sprach Er zu ihnen: „Ihr nennt Mich Meister und Herr, und mit Recht sagt ihr es; denn Ich bin es. Wenn nun Ich euch die Füße gewaschen habe, euer Herr und Meister, so müsset auch ihr, einer dem anderen, die Füße waschen“ (Joh 13,13f). Er streitet also nicht ab, Herr und Meister zu sein. Er sagt nicht: Ich bin nicht euer Herr, ich bin nur euer Diener. Er ist der Herr und Meister, und doch wäscht Er ihnen die Füße. Damit zeigt Er ihnen, wie auch sie die hohe Autorität, die Er ihnen verleiht, zu verwalten haben, und welche Demut sie dabei zu wahren haben. Das eine ist die Autorität, welche die kirchliche Hierarchie und allen voran der Papst als Stellvertreter Christi innehat, das andere ist die Art ihrer Ausübung und die persönliche Demut ihres Trägers, die umso größer sein muß, je höher das Amt. Hinzu kommt, daß natürlich die Autorität in der Kirche im Dienst des Heils der Seelen steht. Darum kann sich der Papst „servus servorum Dei“ nennen, aber nicht deshalb, weil er sich „unter der Basis“ befindet und auf die „Stimme des Volkes“ als Offenbarung Gottes zu hören hat. Er ist die höchste Autorität in der Kirche nach Unserem Herrn Jesus Christus selbst. Der Heiland ist der Herr und Meister, und der Papst ist Sein Stellvertreter auf Erden.

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