Arme Seelen

von antimodernist2014

Nur im heiligen Glauben wird man der ganzen Wirklichkeit ansichtig, nur im göttlichen Offenbarungsglauben ist es uns gegeben, hinter die Kulissen zu schauen – wobei mit Kulissen hier der Tod gemeint ist. Eigentlich müßte man denken, daß die Menschen diese Möglichkeit freudig ergreifen würden, denn immerhin beginnt hinter diesen Kulissen des Todes die Ewigkeit – und die Ewigkeit hört niemals mehr auf, sie geht weiter und weiter und weiter, ohne je zu enden immer weiter. Ein unheimlicher Gedanke ist das, wenn die folgende Ewigkeit eine Qual wäre, ein beglückender Gedanke jedoch, wenn sie nie endende Freude schenkt. Beide Möglichkeiten sind real, sind Wirklichkeiten, das sagt uns der heilige Glaube.

In der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen ist im 24. Kapitel unter der Überschrift „Gericht und ewige Strafe“ zu lesen: „In allen Dingen bedenke das Ende und wie du dereinst vor dem gestrengen Richter stehen wirst, dem nichts verborgen ist, der auch keine Geschenke und Entschuldigungen annimmt, sondern genau so richten wird, wie es recht ist. Elender, törichter Sünder, der du schon das Angesicht eines erzürnten Menschen fürchtest, was wirst du erst Gott antworten, der alle deine Missetaten kennt? Warum siehst du dich nicht vor für den Tag des Gerichtes, wo auch keiner mehr durch einen andern entschuldigt oder verteidigt werden wird, weil jeder mit sich selbst genug zu tun hat?“

Thomas mahnt: „Jetzt ist deine Arbeit fruchtbar, jetzt wird dein Weinen angenommen, und dein Seufzen erhört, jetzt kann deine Buße der Gerechtigkeit Genüge tun und dir zur Reinigung dienen. Ein großes und heilsames Fegefeuer hat übrigens der echte Dulder hier schon auf Erden, dem die Bosheit des andern weher tut als die eigene Kränkung, der für seine Widersacher gerne betet und ihnen von Herzen ihre Schuld vergibt, der andere um Verzeihung zu bitten niemals säumt, der leichter sich erbarmet als zürnt, der sich selbst Gewalt antut und mächtig danach ringt, sein Fleisch dem Geiste zu unterwerfen. Es ist doch weit besser, du lösest jetzt schon die Bande des Lasters und reinigst dich von der Sünde, als daß du die Reinigung für die Zukunft aufsparst. Wahrlich, wir betrügen uns nur selbst, indem wir das Fleisch so ungeordnet lieb haben. Jenes Feuer drüben verzehrt nichts anderes als deine Sünden! Je mehr du dich jetzt selbst schonst und deinem Fleische nachgibst, umso härter wirst du es hernach büßen müssen, umso mehr Stoff für die Flammen wirst du mit hinüberbringen! Worin der Mensch sündigt, darin wird er auch bestraft werden.“

Der Gedanke an den „gestrengen Richter“ fällt dem modernen Menschen schwer, ja er erscheint ihm unmöglich. Das Gottesbild hat sich seit der Aufklärung – seit der man zweifelnd denkt: wenn es überhaupt noch einen Gott geben sollte, was niemand mit Gewißheit wissen kann, dann… – so verwandelt, daß es mit der Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmt. Der strafende Gott ist dem Märchenreich zugewiesen worden, womit sich natürlich auch jeglicher sittliche Ernst auflösen muß. Ein Gott, der zwar Gebote gibt, aber sie nicht mehr einfordert, ist eine recht traurige Gestalt, unwirklich bis auf den Grund. Letztlich ist er nur noch ein letztes Zugeständnis des Unglaubens an diejenigen, die den Glauben noch nicht ganz aufzugeben bereit sind. Leider war ein Großteil der Christen mit diesem Zugeständnis zufrieden, ohne einzusehen, daß damit ihr Glaube keinen Pfifferling mehr wert war. Denn die vom menschgewordene Sohn Gottes geoffenbarte Wirklichkeit ist unzweifelhaft die des kommenden Gerichtes – des persönlichen Gerichtes am Lebensende und des letzten Gerichtes am Ende dieser Weltzeit.

Beim persönlichen Gericht wird es aber jedem offenbar werden, daß zwischen ihm und Gott die Sünden stehen, denn „Jenes Feuer drüben verzehrt nichts anderes als deine Sünden!“ Wer mit einer schweren Sünde behaftet in die Ewigkeit eintritt, der wird dafür eine ewige Strafe erhalten, weil diese Sünde unheilbar ist. Wer mit einer läßlichen Sünde behaftet stirbt, der wird mit dem Fegfeuer bestraft. Jede Tat des Menschen erhält den entsprechenden Lohn. „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn kommt mit mir, um einem jeden nach seinen Werken zu vergelten“ (Offb 22, 12), so heißt es in der Geheimen Offenbarung des hl. Johannes.

Thomas vom Kempen zeigt jenen Seelenkontrast auf, der durch die einzelnen Sünden entsteht: „Dort werden die Trägen mit glühenden Stacheln gestupft und die Schlemmer von entsetzlichem Hunger und Durst gepeinigt. Dort werden die Geilen und Wollüstigen mit brennendem Pech übergossen und die Neidischen werden heulen wie rasende Hunde. Kein Laster ist, das nicht seine eigene Strafe haben wird. Dort werden die Hochmütigen mit aller Schmach erfüllt und die Habgierigen werden die bitterste Armut erleiden. Dort wird eine Stunde der Strafe schlimmer sein als hier hundert Jahre der schwersten Buße. Dort gibt es keine Ruhe, keinen Trost mehr für die Verdammten, hier kann man doch zuweilen noch ausrasten von seinen Mühen und die Tröstungen von Freunden genießen.“

Und wieder die Mahnung: „Darum sei jetzt besorgt und bereue jetzt deine Sünden, damit du am Tage des Gerichtes geborgen bist mit den anderen Seligen. Dann werden die Gerechten ganz aufrecht denen gegenüber stehen, die sie hier nur ängstigten und bedrückten. Dann wird als Richter dastehen, wer jetzt sich demütig dem Urteile der Menschen unterwirft. Dann wird der Arme und Demütige großes Vertrauen haben und der Stolze wird zittern an allen Gliedern. Dann wird es sich zeigen, daß der weise in dieser Welt gewesen, der gelernt hat, für Christus ein Tor zu sein und verachtet. Dann werden wir froh sein über alles geduldig getragene Leid ‚und alle Bosheit wird ihren Mund schließen‘. Dann wird jeder Fromme sich freuen und jeder Gottlose trauern. Dann wird das abgetötete Fleisch mehr frohlocken als wenn es immer im Wohlleben gepflegt worden wäre. Dann wird das arme Gewand hell erglänzen und das feine wird seinen Schimmer verlieren. Dann wird die armselige Hütte mehr gepriesen werden als der goldstrotzende Palast. Dann wird die standhafte Geduld dir mehr helfen als alle Macht der Welt. Dann wird der schlichte Gehorsam höher erhoben als alle Klugheit der Welt. Dann wird dein reines, wohlgeordnetes Innere dir mehr Freude machen als alle gelehrte Philosophie. Dann wird deine Verachtung des Reichtums dir mehr gelten als alle Schäle der Sterblichen. Dann wirst du aus deinen andächtigen Gebeten höheren Trost gewinnen als aus den leckersten Gastmählern. Dann wirst du dich über ein beobachtetes Stillschweigen mehr freuen, als über das längste Geplauder. Dann werden deine guten Taten viel mehr gelten als deine schönsten Worte. Dann wirst du über dein strenges Leben und deine harte Buße mehr jubeln als über alle irdischen Lustbarkeiten.“

Im Augenblick des Todes wird ein erstaunlicher Gegensatz offenbar werden, der unübersehbar aufzeigt, daß die Gedanken Gottes anders sind als die der Menschen. Was den Menschen in dieser Welt als begehrenswert erschien, entpuppt sich plötzlich als Ursache unsagbarer Qualen. Und wenn wir nicht in uns gehen und uns bemühen, diesen Gegensatz einzusehen und Tag für Tag zu berücksichtigen, dann werden wir unweigerlich die entsprechenden, aufgrund der Gerechtigkeit Gottes notwendigen Konsequenzen zu tragen haben.

In der „Nachfolge Christi“ ergeht darum folgende eindringliche Warnung an uns: „Lerne also jetzt schon Geringes leiden, damit dir Schweres erspart bleibe. Versuche also hier schon, was du hernach doch können mußt! Wenn du jetzt so wenig aushalten kannst, wie wirst du dann die ewigen Qualen ertragen können? Wenn dich jetzt schon ein geringes Leid ungeduldig macht, was werden dann erst die Höllenqualen bewirken? Siehe, du kannst fürwahr nicht zugleich zwei Freuden haben, hier in der Welt dich zu ergötzen und dann mit Christus zu herrschen. Wenn du auch bis zum heutigen Tag immer in Ehren und Wollust gelebt hättest, was nützte es dir, wenn du jetzt sterben müßtest? Alles also ist Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen.“

Diese Erkenntnis wird wohl den meisten Menschen im Augenblick ihres Todes schmerzlich entgegentreten: „Alles also ist Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen.“ Eine im wahrsten Sinne ernüchternde Erkenntnis wird das sein und zugleich eine Erkenntnis, an der man nicht mehr vorbeikommt, die Zeit ist nämlich aus! Die Zeit, noch etwas zu ändern, etwas zu verbessern, etwas nachzuholen – wie es das Sprichwort formuliert: Wohin der Baum fällt, da bleibt er liegen.

Arme Seelen

Der 1962 in Passau verstorbene niederbayrische Heimatdichter, Geschichtenschreiber und -sammler, Franz Schrönghamer-Heimdal hat in seinem Buch „Alle guten Geister“ (SüdOst Verlag, Waldkirchen 1999) ein Kapitel mit der Überschrift „Arme Seelen“ eingefügt, in welchem er zu bedenken gibt: „Dass es neben der sichtbaren Körperwelt eine – für gewöhnlich unsichtbare – Geisterwelt gibt, ist dem Wissenden kein Geheimnis mehr. Die zahllosen Spukgeschichten, die im Volke umgehen, sind nicht immer Ausfluss von Hirngespinsten oder Sinnestäuschungen, viele davon beruhen auf Wahrheit und sind von einwandfreien Zeugen verbürgt. Der gläubige Christ vor allem kann keinen Zweifel an der Tatsache haben, dass es eine geistige Welt mit guten und bösen Wesen gibt, die auch dem Erdenmenschen erscheinen können. Die Schriften des Alten und Neuen Bundes wie auch die Heiligenlegenden sind erfüllt von solchen Tatsachen, die den gotterschlossenen Menschen eigentlich Selbstverständlichkeiten waren.“

Der Autor fährt fort: „Die Zweifelsucht und ihre Folge, der Unglaube in jedem Betracht, begannen erst in der Zeit der Aufklärung und des Materialismus, der nur die sichtbaren, handgreiflichen Dinge gelten ließ. Dieser Makel und Mangel der modernen Menschheit vermag jedoch an den Tatsachen der geistigen Welt nichts zu ändern. Sie besteht immer noch, wie sie von je bestand, wenn auch manches den gläubigen Christen auf Abwege zu leiten sucht, dass sein Sinn für das Höhere ertötet, sein Herz dem einen Notwendigen verschlossen werde.“

Er gibt zu bedenken: „Aber auch heute geschehen noch Dinge, vor denen die Wissenschaft ratlos die Hände ringt. Wir brauchen nur an Konnersreuth zu denken. Auch heute gibt es noch Erscheinungen aus der geistigen Welt, wenn sie auch nur Begnadeten zuteil werden, die ihre Erlebnisse nicht an die große Glocke hängen, sondern als heiliges Geheimnis für sich bewahren. Solche Erlebnisse sind eindrucksvollste Beweise für das Weiterleben nach dem Tode, wie auch für die Wahrheiten der christlichen Heils- und Gnadenlehren. Es geschieht nur ganz selten, dass Erlebnisse dieser Art in die Presse und damit an die breitere Öffentlichkeit kommen. Die Erlebenden schweigen aus Ehrfurcht vor dem Erlebten, auch aus Furcht vor den Mitmenschen und einer gewissen Scheu, die ‚Perlen vor die Schweine zu werfen‘. Sie könnten von diesen in den Kot getreten werden. Wenn in solchen Erlebnisfällen überhaupt Mitteilungen an andere erfolgen, so beschränken sie sich in der Regel auf die nächsten Angehörigen. Solche Erlebnisfälle sind aber durchaus nicht so selten, wie man gemeinhin glaubt.“

Die unsichtbare Welt des Fegfeuers etwa ist durchaus nicht so unsichtbar, wie es der moderne Mensch sich einbildet oder meint, sich aus wissenschaftlicher Skepsis einbilden zu können, denn es gibt ein Heer von durchaus ernstzunehmenden Zeugen, die ihre Erfahrungen mit jener Welt gemacht haben. Die Heiligen und Seher haben diese Welt erkundet und z.T. lebhaftesten und vertrautesten Umgang mit ihr gehabt. Warum will man diese Zeugnisse nicht mehr ernst nehmen? Warum meint man, solche Erlebnisse könnten nur einer kranken Phantasie entspringen?

Unser Dichter bekennt: „Ich habe in dieser Beziehung viel herumgehorcht und bei allen möglichen Gelegenheiten das Gespräch auf solche Dinge gebracht. Und merkwürdig: Fast jeder, mit dem ich auf diese Weise zu tun hatte, wusste von sich oder aus seinen Bekanntenkreisen unerklärliche Fälle von Ahnungen, Vorgesichten, Träumen und Erscheinungen zu berichten, die das Hereinragen der geistigen Welt und die Verbundenheit der Verstorbenen mit ihren Hinterbliebenen in ein seltsames Licht rücken.“

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