Arme Seelen

Dieses Erfahrungswissen war in früheren Zeiten in katholischen Gebieten sicher noch allgemein. Fast jeder hatte in irgendeiner Weise Erlebnisse mit der anderen Welt gemacht oder zumindest von Bekannten oder Verwandten davon gehört: „unerklärliche Fälle von Ahnungen, Vorgesichten, Träumen und Erscheinungen …, die das Hereinragen der geistigen Welt und die Verbundenheit der Verstorbenen mit ihren Hinterbliebenen in ein seltsames Licht rücken“.

Franz Schrönghamer-Heimdal berichtet von einem angesehenen katholischen Priester, der 1929 in einer wissenschaftlichen Zeitschrift (Natur und Kultur) aus einer Fülle von Fällen einige in der jüngsten Zeit geschehene Erscheinungen von Verstorbenen herausgriff, um sie der wissenschaftlich eingestellten Leserwelt vor Augen zu führen. Der Schriftsteller hebt hervor: „Diese Fälle, an deren Tatsächlichkeit kein Zweifel möglich ist, beweisen mit aller Deutlichkeit, dass die Geisterwelt auch heute noch nicht verschlossen ist. Sie sind lebendigste und anschaulichste Beispiele für das Weiterleben nach dem Tode, namentlich aber für die Art und Weise dieses Weiterlebens, die uns Lebenden heilsamste Anregungen bietet. Dass es sich bei diesen Erscheinungen nicht um Hirngespinste handelt, beweist der Umstand, dass ein solcher Geist auch von der Katze des Erlebenden gesehen wurde, die sich der Erscheinung neugierig näherte, dann aber erschrocken zur Seite sprang.“

Er bemerkt: „Die Tatsache, dass gewisse Tiere, besonders Hunde und Pferde, die Fähigkeit besitzen, Erscheinungen aus der Geisterwelt zu sehen, ist bekannt und wiederholt bewiesen. In einem anderen Falle wurde der Entsetzensschrei einer erschienenen armen Seele von einem Mitbewohner des Hauses gehört. Dieser meinte, der ‚Seher‘ – wie wir den Erlebenden dieser Erscheinungen hier nennen wollen – hätte im Traum so laut geschrien. In einem weiteren Fall war die Berührung eines abgeschiedenen Geistes an der Hand des Sehers zehn Tage lang als rötliches Brandmal sichtbar wie eine natürliche Brandwunde. Alle diese Tatsachen sprechen dafür, dass es sich hier nicht um Hirngespinste, sondern um leibhaftige Erscheinungen von armen Seelen handelt, qui in tenebris et in umbra sedent, die in der Finsternis der Gottesferne und im Schatten des Todes weilen. Sie haben nur einen Schimmer des erlösenden Lichtes in ihrer Verlassenheit im ‚Zwischenraum‘, zwischen der Anschauung Gottes und der ‚Äußersten Finsternis‘, also im Fegfeuer.“

Einige Schilderungen: „Eine Erscheinung schildert den Vorgang des Sterbens: ‚Es ist ein Erschauern der Seele in Anbetung und dann ein Versinken in die Reinigung. Wir ziehen einzeln unsere Wege.‘ Eine andere Seele klagt: ‚Gott ist gerecht. Meine Sünden schreien zum Himmel. Ich brenne! Ich bin in der Finsternis! Zuerst bin ich vor das Gericht gekommen, dann kam die Strafe. Ich habe angebetet und bin versunken.‘ Also genau wie die erste Erscheinung – Anbeten und versinken … Tröstlich ist, was die zweite Seele weiter berichtet: ‚Ich habe das Ärgste überstanden. Ich bin jetzt im Lichtkreis. Wenn ganz rein, kommt die Anschauung Gottes.‘ Andere Äußerungen dieser armen Seelen, die mit der ‚Zulassung Gottes‘ zu dem Seher kommen durften, sind: ‚Das Jenseits ist die Klarheit und die Erkenntnis.‘
‚Gottes Gerechtigkeit sieht anders als die der Menschen.‘ ‚Christi Blut – in den heiligen Messopfern – fließt in Strömen. Dieses Blut führt uns zum Leben.‘ Eine arme Seele jubelt den Erlösungsruf: ‚Ich bin im Licht!’“

Schließlich: „Es handelt sich um vielfache Erscheinungen verschiedener Verstorbener, auch von solchen, die der Seher zu Lebzeiten nicht gekannt hat. Sie geben ihm aber auf Befragen an, wo sie auf Erden geweilt hätten. Die Gestalten waren durchwegs deutlich sichtbar, wenn ihr Äußeres auch oft verschwommen und das Gesicht fast unkenntlich war. Manche waren widerlich und abstoßend, je näher sie aber dem Lichtkreis kamen, desto heller und deutlicher wurden ihre Seelenleiber, ihre ‚körperlosen Körper‘, die sich anfühlten wie ein ‚feuchtes, warmes Tuch‘. Manche von diesen armen Seelen sind noch so tief im Leiden, dass sie nur stöhnen können. Andere können schon sprechen und geben Antwort auf die Fragen des Sehers. ‚Warum kommst du zu mir?‘ ‚Weil du immer für mich gebetet hast.‘ ‚Liegt dir viel daran, dass ich in die heilige Messe gehe?‘ ‚Du kannst mir viel helfen.‘ ‚Was musst du denn leiden?‘ ‚Ich brenne!‘ Und zum Beweise drückte er einen Finger auf die Hand des Sehers, und das tat so weh, dass dieser aufschrie. Die Brandwunde blieb zehn Tage sichtbar.“

Auch in vielen anderen Berichten über Erscheinungen von Armen Seelen lassen diese Beweise für ihr Dasein zurück. Im Fegfeuermuseum (Piccolo Museo del Purgatorio in Sacro Cuore Del Suffragio) in der Kirche des Heiligen Herzens der Fürbitten für die Verstorbenen in Rom finden sich viele solcher Beweisstücke. Da werden z.B. drei Fingerabdrücke von Palmira Rastelli, die sie ein Jahr nach ihrem Tod auf dem Gebetbuch von Maria Zaganti hinterlassen hat, gezeigt. Ebenfalls Fingerabdrücke Verstorbener auf Stoffetzen, Nachthemden und Unterwäsche. Auch Feuerspuren auf Gebetbüchern (wie dem der Margarete Dammerle aus Erlingen) sind zu sehen, oder das Hemd des Sieur Joseph Leleux aus Mons, das den Abdruck brennender Finger, datiert vom 21. Januar 1789, trägt. Außerdem ein stark versengter Militärmantel der italienischen Wache, die während einer Nacht des Jahres 1932 im Pantheon das Zenotaphium (Zenotaphium: Leeres Grabmal Erinnerung an einen Toten, der an anderer Stelle begraben ist.) des ermordeten Königs Humbert I. hütete, dessen Gespenst eine feurige Hand auf der Schulter des Soldaten abdrückte, nachdem es ihm eine Botschaft für Viktor Emanuel III. anvertraut hatte. Man kann hier auch ein Kreuz sehen, das tadellos von der Spitze eines glühenden Zeigefingers gezeichnet worden ist. Also alles, wenn man so will, wissenschaftliche Beweise dafür, daß sie existieren, die Seelen im Fegefeuer.

Heute ist das Museum der Seelen im Fegfeuer längst vergessen. Die Kongregation der Helferinnen für das Fegfeuer hat ihren Namen geändert. Die Altäre mit den Fegfeuerdarstellungen, die einst so zahlreich in den Kirchen waren, sind verschwunden. Man liest nicht mehr die Offenbarungen der heiligen Katharina von Genua über die Armen Seelen und spricht ebenfalls nicht mehr von den 6 Vater unser und den 6 Gegrüßt für die Seelen im Fegfeuer, welche die heilige Theresia von Lisieux bis zu ihrem Tode betete, noch vom heldenhaften Hingabeakt, durch den sie sich Gott aufopferte, um an deren Stelle zu leiden. Die Armen Seelen sind großteils vergessen – und darum ärmer als jemals zuvor in der Geschichte des Christentums.

Folgen wir nochmals dem Heimatdichter, Franz Schrönghamer-Heimdal, in seinem Bericht über diese so ernste Welt. „Zwei dieser armen Seelen nannten auch die Sünden, derentwegen sie noch leiden mussten. Die eine bezichtigte sich des Diebstahls und bat um heilige Messen. Die andere bekannte sich als Verleumder, und zwar durch briefliche Ehrabschneidungen: ‘Mein Wort lebt in der Schrift weiter. So stirbt die Lüge nicht.’ Als Mithilfe in ihren Leiden werden ‘Opfer’ und ‘heilige Messen’ erbeten. Der Seher sah diese armen Seelen, von denen ihn manche wochenlang bedrängten, häufig auch bei Tage. Eine davon begleitete ihn sogar in die Kirche. Da fragte sie der Seher: ‘Siehst du Christus im Sakrament oder in Wirklichkeit?’ ‘Das Sakrament ist für die Lebenden. Die Wirklichkeit der Anschauung kommt erst, wenn ich rein bin.’“

Wiederum: „Eine andere arme Seele sagte dem Seher, dass sie nun erlöst und in der Klarheit sei. Da bat sie der Seher: ‘Vergiss mich nicht!’ Die Seele: ‘Die Lebenden danken und vergessen, die Toten können nicht vergessen, was Liebe gab.’ Damit verschwand die erlöste Seele und kam auch nicht wieder. Sie war ins ‘Licht’ eingegangen … Dieses ergreifende Bekenntnis sollte ein mächtiger Antrieb sein, unseren armen Seelen alle Liebe zu geben, deren wir fähig sind. ‘Opfer’ und ‘heilige Messen’ benennen die armen Seelen selbst als ihre besten Hilfsmittel, dass sie aus der Verlassenheit in der Finsternis ins Licht und zur Anschauung Gottes gelangen. Schon der Apostel sagt: ‘Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten.’ Aber nicht Eigennutz, sondern Mitleid und Liebe zu den Verlassensten der Verlassenen soll unser Leitstern sein beim Gebetsgedenken und Sühneopfer für sie. Denn auch wir Lebenden sind schon eingeschlossen in den mystischen Leib des Erlösers, der aus Liebe sein kostbares Blut für uns alle vergossen hat. Und auch unser Weg geht einst zur Anbetung – ins Versinken – ins läuternde Feuer des sühnenden Leidens, bis auch wir einst jubelnd ausrufen dürfen: ‘Ich bin im Licht!’“

Dem ist wohl kaum mehr etwas hinzuzufügen. Aus dem Gesagten aber sollen wir lernen, uns eine heilige Sorge um die Armen Seelen anzueignen – „Aber nicht Eigennutz, sondern Mitleid und Liebe zu den Verlassensten der Verlassenen soll unser Leitstern sein beim Gebetsgedenken und Sühneopfer für sie“.

Wir wollen nun noch einen weiteren Bericht über Armenseelenerscheinungen anfügen, den der Dichter ebenfalls in seinem Buch „Alle guten Geister“ veröffentlicht hat, und der uns zeigt, wie segensreich die alte Ablaßordnung war – und uns wieder einmal vor Augen führt, wie zielsicher die Menschenmachwerkskirche diesen Schatz zerstört hat.

Wohltat um Wohltat

Aus einem rheinischen Städtchen geht mir von einem älteren frommen Fräulein nachstehender Bericht zu mit der Bitte um Veröffentlichung, damit auch andere zu guten Werken zum Trost der armen Seelen angeregt werden. Ich erfülle den Wunsch der Dame umso lieber, als ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr die leidenden Seelen auf unsere Gebete und Opfer angewiesen sind. Die Dame berichtet:
In meiner Jugendzeit lebte ich in recht ärmlichen Verhältnissen mit meiner frommen Mutter zusammen, da der Vater schon längst verstorben war. Als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war, erhielt die Pfarrkirche unseres Städtchens, eine frühere alte Klosterkirche, das Privileg zur Gewinnung des Portiunkulaablasses, eine Vergünstigung, die früher nur die Franziskanerkirchen genossen. Der Pfarrherr unseres Gotteshauses, auf dessen Bitte jenes Privileg gewährt wurde, wies uns in mehreren Predigten auf die großen geistlichen Segnungen dieses Ablasses hin. Er ermahnte uns, recht fleißig Gebrauch davon zu machen, sowohl für uns selbst als auch für unsere Verstorbenen. Vor allem sollten wir uns durch eine gute Beicht in den erforderlichen Seelenzustand zur rechten Gewinnung des Ablasses setzen.
Ich war über die Vergünstigung dieser Ablasszuwendung hoch erfreut und nahm mir vor, möglichst vielen armen Seelen zu helfen.
Eifrig bereitete ich mich auf die Gewinnung dieses Ablasses vor sowohl durch eine gewissenhafte Generalbeicht als auch durch ein mehrtägiges Fasten zur Hilfe für die armen Seelen.
Nun kommt das Seltsame, das mir ewig unvergesslich bleibt.
In der Nacht vor dem Ablasstag hatte ich ein eigenartiges Erlebnis. Ich war zu Bett gegangen, als eine große Anzahl Leute, die ich alsbald als verstorbene Verwandte und Freunde erkannte, mein Lager umstand. Auch Unbekannte waren dabei, die sich jedoch als vor langer Zeit schon verstorbene Verwandte vorstellten. Alle baten mich flehentlich um Gewinnung des Ablasses für sie, was ich ihnen freudig zusagte. Zuletzt kam noch ein junger Mann heran, der nach Aussehen und Kleidung den besseren Ständen angehören musste. Ich kannte ihn zu seinen Lebzeiten nicht. So stellte er sich mir mit den Worten vor:
„Ich heiße Rudolf Forkner und war früher hier in dieser Stadt zu Hause. Ich habe damals deiner Mutter einen großen Gefallen erwiesen und möchte dich deshalb bitten, den Ablass auch für mich zu gewinnen.“
Ich versprach es gern.
Am nächsten Morgen richtete ich sogleich die Frage an meine Mutter: „Hast du früher einen Rudolf Forkner gekannt?“
„Ja“, war ihre Antwort. „Das war der Sohn des alten Apothekers hier.“
„Hat dir dieser einmal einen Gefallen erwiesen?“
„Ja, einen sehr großen sogar. Du weißt ja, dass dein früh verstorbener Vater jahrelang krank war und ständig viele Arzneimittel verbrauchte, die ich aber bei unserer Armut nicht mehr bezahlen konnte. Die Schuld beim Apotheker belief sich schon auf über 30 Taler, damals ein Heidengeld. Eines Tages drohte mir der Apotheker, das Geld gerichtlich einzutreiben, wenn ich weiter in Verzug bliebe. Schweren Herzens bat ich ihn noch einmal um Nachsicht, damit wir nicht unser letztes Eigentum, die einzige Kuh, die uns nährte, verkaufen müssten. Er möchte doch auf unsere verzweifelte Lage Rücksicht nehmen und noch einmal zuwarten, bis sich eine andere Lösung fände. Doch ließ sich der alte Herr nicht mehr erweichen. Zornig scheltend verließ er den Laden, in dem ich weinend stand.
Der Sohn des Apothekers, eben jener Rudolf Forkner, um den du fragst, hatte schweigend zugehört. As sich sein Vater entfernt hatte, sagte er zu mir: „Beruhigen Sie sich, gute Frau, es wird Ihnen nichts geschehen. Ich werde den Betrag für Sie erlegen und die Schuld im Buch streichen“
Ich erzählte nun der Mutter mein Erlebnis mit dem jungen Mann, der mir als arme Seele erschienen war. Voll dankbarer Rührung gedachten wir seiner edlen Tat und freuten uns, ihm dieselbe auf die genannte Weise vergelten zu können. Wohltat um Wohltat.