Wahrnehmungsstörungen

von antimodernist2014

Dem einen oder anderen wird es wohl zuweilen oder womöglich auch schon öfter aufgefallen sein, daß seine Zeitgenossen offensichtlich an Wahrnehmungsstörungen leiden, also gewisse Sachverhalte, Tatsachen nicht wahrnehmen wollen, obwohl diese, wie die Sprache sich griffig ausdrückt, direkt vor der Nase liegen. Obwohl dem so ist, obwohl die Sache direkt vor der Nase liegt, will man sie nicht sehen oder wenigstens nicht so sehen, wie sie wirklich ist – und mit der Zeit sieht man sie auch wirklich nicht mehr. Aus der willentlich verweigerten Wahrnehmung wird eine Wahrnehmungsstörung.

Der Karikaturist, Humorist und Satiriker, Loriot, mit bürgerlichen Namen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, bekannte einmal: „Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-vorbei-Reden.“ In einem seiner Filme zeigt Loriot, wie er es sich zuhause gemütlich gemacht hat, als ein Nachbar oder Freund, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, zu Besuch kommt, ganz aufgeregt aufgrund der Nachricht, eines der Hochhäuser in nächster Nähe der Wohnung sei eingestürzt – das habe er soeben in der Zeitung gelesen. Da das benannte Hochhaus von der Wohnung aus leicht und gut zu sehen ist, blickt Loriot aus dem Fenster – und siehe da, das Hochhaus steht wie eh und je da, ohne auch nur irgendeinen Schaden erkennen zu lassen. Als Loriot diese Tatsache vor seinem Besucher bekundet, wird dieser ganz unwillig und betont, in der Zeitung stehe, daß das Hochhaus eingestürzt sei, und deswegen glaube er auch, daß das Hochhaus eingestürzt sei und infolgedessen nicht mehr dastehen könne. Nachdem das Gespräch eine Weile hin und hergeht, fordert Loriot, inzwischen etwas unwillig geworden, den Besucher auf, einfach aus dem Fenster zu sehen und sich davon zu überzeugen, daß dem nicht so ist, daß das Hochhaus immer noch dastehe. Aber der Herr weigert sich standhaft, das zu tun und verläßt schließlich aufgebracht, aber unerschüttert in seinem Zeitungsglauben die Wohnung.

Kommunikationsstörungen beruhen auf Wahrnehmungsstörungen, denn richtige, echte Kommunikation ist nur auf der gemeinsamen Basis der Wahrheit und Wahrhaftigkeit möglich, weshalb Gott auch im 8. Gebot fordert: Du sollst nicht lügen. Wenn alle Menschen immer nur lügen würden, würde jegliche Kommunikation unmöglich. Nun kann man aber nicht nur andere belügen, man kann sich auch selbst so sehr belügen, daß man die eigene Lebenslüge schließlich und endlich glaubt. Da derartige Wahrnehmungsstörungen durchaus bedenkenswerte und inzwischen zudem weitverbreitete Phänomene sind, lohnt es sich sicherlich, diesen etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Wir sind uns dabei durchaus bewußt, daß unsere Darstellung eine Vereinfachung des Sachverhalts mit sich bringt, über jedes Einzelphänomen könnte man Bücher schreiben. Durch die Vereinfachung ist es jedoch möglich, das Wesentliche, Entscheidende in den Blick zu bekommen. Nur so gelangt man zu des Pudels Kern, und das ist unser Ziel.

Entgegen der allgemein gewordenen Überzeugung, daß der moderne Mensch ganz besonders unvoreingenommen, vernünftig und objektiv in seinen Ansichten sei, begegnet man im tatsächlichen Leben immer mehr von diesen betont modernen Menschen, die in erschreckendem Maße unfähig geworden sind, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Diejenigen Fälle, die medizinisch betreut werden müssen, weil sie mit ihrem alltäglichen Leben nicht mehr zurechtkommen, stiegen in den vergangen Jahren besorgniserregend an. Das kann doch nur daran liegen, daß dieser moderne Mensch entgegen der allgemein gewordenen Überzeugung gar nicht so unvoreingenommen, vernünftig und objektiv ist, wie er sich einbildet.

Sobald man die Sache etwas genauer in die Lupe nimmt, wird diese naheliegende Vermutung von mehreren Seiten her bestätigt. In vielen Bereichen des Lebens nimmt das irrationale Verhalten zu – und das trotz der großen finanziellen Mittel für Schulen und Universitäten. Woher kommt dieser offensichtliche Mangel?

Wir wollen mit dem Thema beginnen, das letztlich über allen steht und alle anderen im Gefolge hat. Dieses Thema ist Gott. Es ist mehr als auffällig, der moderne Mensch ist, wenn es um Gott geht, in keiner Weise unvoreingenommen oder neutral, sondern genau das Gegenteil, wie wir zeigen werden.

Zunächst mag diese Aussage überraschen, denn ist die Religionsfreiheit nicht ein Charakteristikum der Moderne? Läßt der modere Mensch nicht jeden glauben, was er will? Ja und nein! Das Glauben-lassen-was-man-will gilt nur, solange jemand seinen eigenen Glauben nicht ernst nimmt, d.h. ihn nicht als Wahrheit bekennt. Der moderne Mensch ist so lange unvoreingenommen, objektiv und vernünftig, als man die Gottesfrage offen läßt. Er ist nur deswegen tolerant, weil er grundsätzlich an Gott zweifelt, oder zumindest grundsätzlich so tut, als gäbe es keinen Gott. Seine Toleranz ist eine Toleranz des Nicht-wissen-könnens.

Nehmen wir als Beispiel die moderne Naturwissenschaft. In dieser ist diese Vorgehensweise inzwischen so selbstverständlich geworden, daß es eine nicht geringe Mühe kostet, diesen Leuten zu zeigen, daß dieser theoretische Ansatz der naturwissenschaftlichen Forschung durchaus nicht neutral ist, läßt er doch de facto die Frage der Existenz Gottes nicht einfach offen, sondern er verneint sie ausdrücklich und zwar mit zäher Nachdrücklichkeit. Hier muß auf ein Mißverständnis hingewiesen werden. Gemeinhin sagt man, Gott habe keinen Platz in der Naturwissenschaft. Hier gelten nur die reinen Fakten, nur das, was wägbar, meßbar, experimentell nachweisbar ist. Die Naturwissenschaft habe es nur mit Naturkräften zu tun, aber nicht mit Gott. Das ist eine jener Halbwahrheiten, die immer eine ganze Folge von Irrtümern nach sich zieht. Ist die Frage nach der Entstehung des ganzen Weltalls in der Tat nur mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu beantworten? Verstößt diese Absicht nicht gegen einen der philosophischen Grundsätze, auf die unsere ganze Erfahrung sich stützt: Die Wirkung übertrifft niemals die Ursache. Ist deswegen nicht bei der Frage nach der Entstehung der Welt eine von vorneherein auf die Naturkräfte sich einschränkende Forschung ein Teufelskreis? Muß diese Art von Wissenschaft nicht notwendigerweise zu falschen Ergebnissen kommen?

Der moderne Naturwissenschaftler tut in der Tat nicht nur so, als würde es gar keinen Gott geben, er setzt vielmehr seinen ganzen Ehrgeiz daran zu beweisen, daß es zur Erklärung der ganzen Welt gar keinen Gott braucht. Das ist der letzte Grund dafür, daß er verzweifelt und mit nicht mehr vorstellbaren finanziellen Mitteln ausgestattet wie besessen versucht zu zeigen, daß es etwa den Urknall wirklich gegeben hat, und fordert, daß man aufgrund der Vorgänge bei der Zertrümmerung von Elementarteilchen zeigen könne, wie die Welt, so wie wir sie heute vor uns sehen und erleben, aus diesen einfachsten Anfängen wie von selbst geworden ist. Und dieselben Wissenschaftler sehen in diesen Gedankengängen durchaus keine gewagten Hypothesen mehr, sondern mehr oder weniger erwiesene Tatsachen. Wenigstens tun sie großteils vor der Weltöffentlichkeit so. Wobei sie andererseits aber auch wiederum zugeben können, daß ihr Beweis noch erhebliche Lücken aufweise, vor allem dann, wenn sie wieder unglaubliche Summen an Geld für weitere Forschungen brauchen. Und seltsamer Weise ist die Gesellschaft bereit, solche Forschungen mit Milliarden von Euro zu finanzieren.

Wie ist es nun? Entspricht dies der Wirklichkeit? Der für jeden Menschen erkennbaren Wirklichkeit? Nein! Vielleicht sind sie über dieses „Nein!“ verwundert. Was ist dann die Wirklichkeit, so werden sie fragen? Die eine Wirklichkeit haben wir schon angesprochen, es ist die der menschlichen Erkenntnis leicht zugängliche Einsicht, daß die Wirkung niemals die Ursache übersteigt, sondern im Gegenteil meistens geringer ist als diese. In der Physik spricht man dementsprechend vom Entropiegesetz. Nach dem Lexikon der Physik (Copyright 1998 Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg): „…zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, Entropiesatz, einer der zentralen Sätze der Thermodynamik und Statistischen Mechanik, dem zufolge die Entropie eines abgeschlossenen thermodynamischen Systems stets danach strebt, einen Maximalwert einzunehmen, der im vollständigen thermodynamischen Gleichgewicht erreicht wird. Ist also zu irgendeinem Zeitpunkt die Entropie eines Systems von ihrem Maximalwert verschieden, so nimmt sie in den folgenden Zeitpunkten zu oder bleibt im Grenzfall konstant.“

In dem Elektronik Kompendium (elektronik-kompendium.de) findet man noch eine interessante Bemerkung zu diesem Satz: „Der erste Hauptsatz ist häufig als die Unmöglichkeit für die Existenz eines Perpetuum-Mobiles erster Art formuliert worden, das heisst, die Unmöglichkeit auf irgend eine Art Arbeit zu leisten ohne dabei Energie aufzunehmen.“ Dieser Hinweis scheint uns insofern erwägenswert, weil man bei nicht wenigen Arbeiten zur Kosmologie den Eindruck hat, was in anderen Bereichen von niemanden geduldet wird, das läßt man in diesem Fachbereich einfach durchgehen. Erscheint bei den modernen Physikern der Kosmos nicht zuweilen wie ein riesiges Perpetuum-Mobile? Damit man uns nicht der Ignoranz bezichtigen kann, möchten wir der Vollständigkeit halber noch einmal das Lexikon der Physik zitieren: „Scheinbare Widersprüche ergeben sich bei Betrachtung von Systemen auf astronomischer Längenskala. Betrachtet man z.B. das Weltall als abgeschlossenes System, so ist offensichtlich, daß sich dieses System im Zustand des thermodynamischen Ungleichgewichts befindet, der keineswegs einem Zustand maximaler Entropie entspricht. Die Lösung dieses Widerspruchs liefert die Allgemeine Relativitätstheorie, der zufolge die Welt nicht als abgeschlossenes, sondern als sich in einem zeitveränderlichen Gravitationsfeld befindliches System zu betrachten ist, dessen äußere Bedingungen also nicht stationär sind.“ Ob diese Widersprüche in der Tat so einfach zu lösen sind? – Nun, darüber ließen sich sicherlich eine ganze Reihe von Büchern schreiben.

Diese Arbeit wollen wir nun nicht auf uns nehmen, sind wir als Katholiken doch vollkommen überzeugt – wissen wir es schließlich durch die göttliche Offenbarung sogar mit letzter Sicherheit – daß unsere Welt niemals von selbst entstanden sein kann, weil aus nichts niemals von selbst Seiendes werden kann, außer durch die Allmacht Gottes, und weil die natürlichen Kräfte sich selbst überlassen immer nur ins Chaos und nicht in einen geordneten Kosmos führen. Auch wenn die heutigen Wissenschaftler sich zudem verzweifelt bemühen zu zeigen, daß das uns umgebende Weltall gar kein Kosmos sei, sondern ganz im Gegenteil durch und durch chaotische Züge trage, so müssen sie dennoch andererseits dauernd von einer Selbstorganisation der Materie sprechen, um auch nur die Entstehung von so etwas wie einem Sonnensystem erklären zu können. Und wenn diese Wissenschaftler eine Anwandlung von Wahrhaftigkeit überkommt (oder sie, wie schon einmal angemerkt, noch mehr Geld brauchen), geben sie dann doch auch wieder zu, daß sie nicht einmal wissen, wie ein solcher Planet, geschweige denn ein ganzes Planetensystem entstanden sein soll.

Der hl. Paulus zeigt uns in bezug auf die Heiden des alten Roms, wie die damaligen Menschen durch eigene Schuld ihren Blick auf die Wirklichkeit verloren haben: „… denn das Unsichtbare von ihm, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden, wird geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien; weil sie, Gott kennend, ihn weder als Gott verherrlichten, noch ihm Dank darbrachten, sondern in ihren Überlegungen in Torheit verfielen, und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde: indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unverweslichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes von einem verweslichen Menschen und von Vögeln und von vierfüßigen und kriechenden Tieren“ (Röm. 1, 20-23).

Nimmt man diese gottgeschenkte Erkenntnis glaubend an und nimmt man sie auch ernst, dann stellt sich das Ganze doch ganz anders dar, als man es heute allgemein präsentiert. Wenn Gott sicher existiert und jeder, wenn er nur will, diese Existenz auch mit Sicherheit einsehen und verstehen kann, dann ist die heutige Sicht der modernen Wissenschaft nichts anderes als eine Voreingenommenheit. Sobald man Gottes Wirken bei der Schöpfung und Seine ständige Mitwirkung in Seiner Schöpfung von vorneherein ausklammert, ja systematisch als unmöglich ausschließt, so muß man sich nicht wundern, wenn man niemals mehr zu einer wahren Einsicht über das Werden unserer Welt kommt. Der Versuch, „alles“ – also die ganze Schöpfung – aus der Natur heraus und aufgrund rein natürlicher Kräfte zu erklären, muß nicht nur ständig sich als unausführbar erweisen, er muß auch die Forschungsarbeit in die Irre, ja immer mehr in eine ausweglose Sackgasse führen.

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