Wahrnehmungsstörungen

Die schlimmste Folge der verweigerten Erkenntnis ist die Verblendung des Geistes und die sich immer mehr verfestigenden Wahrnehmungsstörungen. Jedes Forschungsergebnis, jeder Hinweis, der die Notwendigkeit eines Schöpfers nahelegen würde, wird in der heutigen Wissenschaft aufgrund des atheistischen Apriori selbstverständlich ausgelesen, d.h. man läßt all diese störenden Daten einfach unter den Tisch fallen. Auch wenn die Welterklärungstheorien immer abenteuerlicher werden – mit wachsendem Wissen über die Kräfte des Kosmos ist das notwendigerweise der Fall – so wird man dennoch niemals mehr zu der Einsicht kommen, daß die Annahme, ein allmächtiger Schöpfer müsse die Dinge in ihrer jeweiligen Bestimmtheit, ihrem jeweiligen Sosein ins Dasein gerufen haben, durchaus keine allzu billige, sondern die einzig mögliche Erklärung für die konkrete Gestalt unserer Welt ist.

Diese Einsicht betrifft übrigens nicht nur die Naturwissenschaften, sondern ebenfalls die Gesellschaftswissenschaften und die Geisteswissenschaften. Hier begegnet man nämlich demselben Phänomen. So hat man etwa den Leuten solange eingeredet, daß eine Gesellschaft ohne Gott besser sei als eine Gesellschaft mit Gott, bis sie es endlich auch glaubten. Darum mußten Kirche und Staat getrennt werden. Ja, zuweilen hat man sogar den Eindruck, daß diese Leute meinen, eine Religion ohne Gott sei besser als eine mit Gott, denn ein echter Gott stört nur allzu sehr die liberalen Gleichgültigkeiten. Also lauter Seltsamkeiten, welche den modernen Menschen zutiefst prägen und ständig umtreiben.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Geisteswissenschaften. Jedem auch nur rudimentär gebildeten Mitteleuropäer müßte auffallen, daß das Bild des heutigen Menschen von jener Zeit, die man gemeinhin das Mittelalter nennt, von einer besorgniserregenden Wahrnehmungsstörung zeugt. Speziell diesem Zeitalter unterschiebt man eine wilde Barbarei der Sitten, bis hin zu allen möglichen Perversitäten, die man sich womöglich insgeheim nur selbst wünscht und in jene Zeit hineinprojiziert, weswegen die Filme, in denen derlei Absurditäten publikumswirksam in Szene gesetzt sind, von den Massen geradewegs verschlungen werden. Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, warum die modernen Revolutionäre nicht die Renaissance oder die Zeit der Aufklärung mit ihren barbarischen Revolutionen in der Folge als abschreckende Antithese wählten? Warum mußte es gerade das Mittelalter sein? Warum mißt man hier so offensichtlich mit unterschiedlichem Maß? Übertrifft der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki nicht bei weitem alle sog. Barbareien des Mittelalters zusammengenommen? Je ausgiebiger man sich mit solchen Geschichtsfälschungen beschäftigt (hier böte sich übrigens ein umfangreiches Arbeitsfeld), desto klarer sieht man die dahinterstehende Absicht, vor allem die katholische Kirche, deren universaler Einfluß zu dieser Zeit offensichtlich ist, zu treffen. Um die Kirche schlecht zu machen, ist kein Mittel zu schäbig und keine Lüge zu plump. Letztlich geht es darum, den Zeitgenossen einzureden, daß wir doch froh sein können, nicht in dieser finsteren Zeit leben zu müssen, in denen die Menschen noch von den niedrigsten Instinkten geleitet wurden und einem primitiven Aberglauben nachhingen, während wir heutzutage in einem Zeitalter des Lichts leben – ein Zeitalter des Lichts mit jährlich mindestens 50 Millionen Abtreibungen! Wenn das keine Wahrnehmungsstörungen sind!

Wie konnte es zu diesem Phänomen kommen? Diese Wahrnehmungsstörungen sind nur deswegen möglich geworden, weil jene Instanz, welche allein die Wahrheit mit göttlicher Sicherheit verbürgen kann, die Kirche, zunächst mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, sodann in Bedeutungslosigkeit versank, um schließlich nicht nur ausgeschaltet, sondern in raffiniertester Weise okkupiert, umfunktioniert und ins Gegenteil verkehrt zu werden. Was für ein genialer Schachzug der Feinde der Kirche – und was für ein blamables Versagen der Katholiken!

Aber schauen wir ein wenig in die Geschichte. Schon mit der beginnenden Aufklärung setzte diese Verblendung auch bei den Katholiken ein. Ein neues Zeitalter des Lichts sollte mit einem Mal anbrechen, wobei man mit „Licht“ das Licht der autonomen Vernunft meinte, und zwar im Gegensatz zur Finsternis des göttlichen Glaubens. Allein schon diese Sprachregelung hätte jeden Katholiken in höchste Alarmbereitschaft versetzen müssen, was jedoch eher nur in Ausnahmen der Fall war. Angesichts des modernen Lebens litten die Katholiken immer mehr unter Minderwertigkeitskomplexen, die ihnen von den sog. Gelehrten dieses lichtreichen Jahrhunderts fleißig eingeredet wurden. Die Katholiken mit ihrem nunmehr mittelalterlichen Glauben paßten nicht so recht in die moderne Welt, sie waren die Ewiggestrigen. Eigentlich hätten sie froh darüber sein sollen, denn so genial war diese moderne Welt ja gar nicht, wie man sie darstellte, ein kurzer Blick in die griechische Geistesgeschichte hätte genügt, um zu zeigen, daß dieses Jahrhundert des Lichts nichts anderes als ein schlechtes Plagiat war, wie hätte es auch anders sein können, gibt es doch nichts Neues unter der Sonne.

Dennoch leistete die Kirche mehr als zwei Jahrhunderte tapfer Widerstand gegen die liberale Verdummung der Massen und bemühte sich, die göttliche Wahrheit gegen die modernen Angriffe zu verteidigen und ihren Gläubigen verständlich zu machen, daß es in diesem geistigen Kampf um nichts anderes als den ganzen göttlichen Glauben ging.

Leider wurde die Mannschaft, die sich klar und getragen von einem übernatürlichen Glauben hinter das kirchliche Lehramt stellte, immer kleiner. Die Gefahr der Wahrnehmungsstörungen in den eigenen Reihen wuchs im dem Maße an, als die Masse immer mehr der „neuen“ Welt mit ihren falschen Propheten hinterherlief, weil die Meinungsmacher immer gekonnter Meinung machten und den manipulierten Massen zugleich einredeten, daß sie noch nie so frei, so gut, so aufgeklärt und selbständig waren wie in diesem glorreichen Zeitalter der Erleuchteten.

Die Folge war verheerend: Immer mehr Katholiken glaubten nicht mehr dem ihnen von Gott geschenkten unfehlbaren Lehramt, sondern den falschen Propheten einer neuen Welt und Zeit. Man nannte das neu entstandene Monster liberalen Katholizismus – und hier sind wir schon bei einer der grundlegendsten Wahrnehmungsstörung der Katholiken in den letzten Jahrhunderten. Ein Katholik, also jemand, der einen übernatürlichen, göttlichen Glauben und daraus folgend ein von Gott eingegossenes Glaubenslicht besitzt, müßte eigentlich jederzeit fähig sein einzusehen, daß katholischer Glaube und Liberalismus sich völlig ausschließende Gegensätze sind. Es müßte ihm eine evidente Wahrheit sein, also eine leicht, spontan und direkt einsehbare Wahrheit, daß Liberalismus Sünde ist. Wie man leicht feststellen kann, war diese Einsicht schon Mitte des 19. Jahrhunderts unter Katholiken nur noch wenig verbreitet, der Liberalismus war auch unter Katholiken salonfähig geworden und auf dem Vormarsch.

Nun muß man freilich ergänzend hinzufügen, daß eine Wahrnehmungsstörung in Bezug auf den katholischen Glauben viel leichter um sich greifen kann, da dieser Glaube uns eine unsichtbare und zudem noch übernatürliche Wirklichkeit offenbart. Wir glauben wirklich und mit absoluter Gewißheit, was wir nicht sehen können, weil wir uns dabei auf die göttliche Allwissenheit und Wahrhaftigkeit stützen. Der Dreh- und Angelpunkt unseres übernatürlichen Glaubens aber ist das unfehlbare Lehramt der Kirche. Der Katholik konnte trotz dieses durchaus bedenkenswerten Sachverhalts (unsichtbare, übernatürliche Glaubenswirklichkeit) leicht und vollkommen sicher durch die gottgeschenkte Gnade des Glaubens diese andere Welt des Glaubens wahrnehmen, weil dieser Glaube ständig durch das lebendige Lehramt unfehlbar verbürgt wurde. Zu welcher Blüte ist in den vergangenen Jahrhunderten die Gotteswissenschaft gekommen und wie hat sich das Wissen über die unsichtbar verborgene Welt jenseits des Todes vertieft und gefestigt! Selbst im 19. Jahrhundert gab es noch große Gottesgelehrte, große Theologen, wenn diese auch allmählich einsame Denker geworden waren.

Aber kommen wir allmählich zur Gegenwart. Nach dem 2. Vatikanum sind die Wahrnehmungsstörungen vor allem im kirchlichen Bereich zur Epidemie ausgeartet. Obwohl man eine neue Kirche baute, die alten Gotteshäuser bilderstürmend verwüstete, alle Sakramente verfälschte und jegliche Volksfrömmigkeit auszumerzen versuchte, trotteten die allermeisten Katholiken den Wölfen mit oder auch ohne Schafspelz treuherzig-doof hinterher, wie das Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird – fast niemand war auf die Revolution in Rauchmantel und Tiara vorbereitet. Die meisten Katholiken waren nicht mehr fähig, oder wollten gar nicht fähig sein, die offensichtliche, vor der Nase liegende Wahrheit zu sehen. Während ein solches Verhalten in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil noch einigermaßen verständlich war, ist es den 80er Jahren nur noch verwunderlich – oder wenn man will auch wieder nicht verwunderlich, sobald man die Möglichkeit der freiwilligen Verblendung in Rechnung stellt und mit den daraus folgenden Wahrnehmungsstörungen sodann auch konkret rechnet.

Hierzu ein Beispiel: Wie kann man etwa die sog. Neue Messe überhaupt noch für einen katholischen Ritus halten? Ist das allein nicht schon eindeutig ein Zeichen von erheblichen Wahrnehmungsstörungen? Oder ein weiteres Beispiel: Wie kann man jemanden, der alle Religionen der Welt versammelt, um mit diesen gemeinsam um Frieden zu beten, für den Papst der katholischen Kirche halten? Ist das nicht ein eindeutiger Beweis einer Wahrnehmungsstörung?

Kürzlich ist uns ein ganz aktuelles, eigentlich schon amüsantes Beispiel buchstäblich in die Hand gelegt worden. Im „Pur-Magazin“ vom Oktober dieses Jahres berichtet der Chefredakteur Bernhard Müller von der Ernennung des emeritierten Erzbischofs Danneels zum Synodalen der Familienkonferenz in Rom. Er bekundet mit vielen anderen seine Verwunderung darüber und gibt aus Anlaß dazu einen kurzen Einblick in das Wirken dieses „Kirchen“mannes: „Der Alt-Liberale konnte bei der öffentlichen Vorstellung einer Biografie über seine Person sein Geheimwissen nicht länger für sich behalten: Er sei Mitglied eines ‚mafia-ähnlichen‘ Clubs von Kardinälen gewesen, der gegen Papst Benedikt XVI. opponierte. Die Gruppe habe den Namen ‚St. Gallen‘ getragen und eine drastische Reform der Kirche zum Ziel gehabt, die sie ‚viel moderner‘ gemacht hätte. Ihr Kandidat für die Führung dieser Kirche sei Jorge Kardinal Bergoglio gewesen, sagte Danneels bei der Buchpräsentation. Weitere Mitglieder sollen unter anderem Kardinal Kasper und Carlo Maria Kardinal Martini gewesen sein.“

Beim Lesen dieser Zeilen denkt man doch unwillkürlich: Ein interessantes Bekenntnis des Kardinals! Dieser gehörte offensichtlich während seiner römischen Zeit einer Loge an, denn was sollte ein „Mitglied eines ‚mafia-ähnlichen‘ Clubs von Kardinälen“ mit dem Namen „St. Gallen“ anderes umschreiben. Und diese Logenbrüder haben gezielt am Stuhl Josefs Ratzingers gesägt, um ihren Kandidaten, Jorge Maria Bergoglio an die Spitze zu heben. Spätestens jetzt, so meint man, müßte es mit der Verwunderung über die Ernennung Danneels zum Synodalen der Familienkonferenz durch eben diesen Bergoglio aus sein – aber nein, durchaus nicht – folgen wir also den Gedanken des Chefredakteurs weiter. Der meint dazu: „Nun bleibt es Danneels natürlich unbenommen auf spektakuläre Weise Werbung für seine Biografie zu machen, das tun andere auch. Und es ist auch klar, dass es innerhalb der Kirche schon immer Seilschaften gab, die bestimmte kirchenpolitische Richtungen in Hinterzimmern durchsetzen wollten.“

Ob es Eminenz tatsächlich als Mann der Kirche so unbenommen ist, einer „mafia-ähnlichen“ Vereinigung anzugehören, die „eine drastische Reform der Kirche zum Ziel gehabt“ hat, darf man wohl als Katholik durchaus begründetermaßen bezweifeln und ebenso, ob es wirklich „innerhalb der Kirche schon immer“ solcherlei „Seilschaften gab, die bestimmte kirchenpolitische Richtungen in Hinterzimmern durchsetzen wollten“. Ans Absurde grenzt jedoch die anschließende Behauptung: „Ob es allerdings klug ist, angesichts der gegenwärtigen innerkirchlich aufgeladenen Situation mit solcherlei Enthüllungen Verschwörungstheoretikern und Papstgegnern Munition zu liefern bleibt dahingestellt.“ Wenn das keine Wahrnehmungsstörung ist! Der Kardinal bekennt öffentlich seine Zugehörigkeit zu einem „mafia-ähnlichen“ Club von Kardinälen, wenn man das aber öffentlich feststellen und als Tatsache ansehen sollte, dann ist man ein Verschwörungstheoretiker. Ganz treffend hat Pfr. Hans Milch solch halbkonservative Scheinkatholiken als „Steigbügelhalter der Modernisten“ bezeichnet – heute müßte es nur Postmodernisten heißen. Ob der Aktivitäten dieser Steigbügelhalter braucht sich jedenfalls ein Danneels oder Bergoglio sicher keine Sorgen machen.