Wahrnehmungsstörungen

Der Chefredakteur des „Pur-Magazins“ muß sodann – Verschwörungstheorie hin oder her – zumindest Kardinal Danneels zugestehen, daß wenigstens er in seinem Leben ganz gemäß den Vorgaben des „mafia-ähnlichen“ Clubs von Kardinälen konsequent gewesen ist: „Er war seiner Sache, die Kirche umzugestalten, immer treu geblieben. Der ehemalige Vorsitzende der Belgischen Bischofskonferenz, der sich über Jahrzehnte nicht ungern als papabile ansehen und sich als Intellektuellen und Kunstliebhaber feiern ließ, machte schon im Jahr 1990 Kirchenpolitik im Verborgenen. Damals hatte die belgische Koalitionsregierung unter dem Christdemokraten Wilfried Martens eines der liberalsten Abtreibungsgesetze Europas beschlossen. König Baudoin, ein praktizierender Katholik, weigerte sich aber aus Gewissensgründen, dieses Gesetz zu unterzeichnen und löste damit eine Verfassungskrise aus. In dieser Phase, so enthüllten im vergangenen April, 25 Jahre später, zwei ehemalige Politiker, hatte Danneels Druck auf den König ausgeübt, dieses Tötungsgesetz zu unterschreiben, was Baudoin dennoch nicht tat.“

Und damit noch nicht genug, denn es heißt noch weiter: „Im Sommer 2013, als inzwischen 80jähriger, machte er noch einmal Schlagzeilen, als er die Einführung der zivilrechtlichen Homo-Ehe als eine positive Entwicklung begrüßte und die katholische Position hinterfragte: ‚Wie kann sich jemand nicht mit seiner Orientierung identifizieren? Ich glaube es gibt eine klare Entwicklung im Denken der Kirche.‘ Er verglich die Situation mit jener der Selbstmörder, die in früherer Zeit nicht kirchlich begraben wurden, während die Kirche heute die ‚Ganzheit der Person‘ sehe.“

Was ist nach einer solchen Enthüllung über das Wirken des „Kardinals“ zu erwarten? Was folgt als Schlußfolgerung aus diesem glaubens- und sittenwidrigen Verhalten? Der Leser wird es schon erraten können, die Schlußfolgerung fällt ganz in Sinne der schon festgestellten Wahrnehmungsstörung natürlich aus! Wobei der Chefredakteur des „Pur-Magazins“ sogar noch weiter geht, anstatt einfach zu schweigen, versucht er noch einmal besonders geistreich zu erscheinen – „Doch dazu kann man nur mit einem Satz Kurt Tucholsyks enden, mit dem wir begonnen haben: ‚Erfahrung heißt gar nichts – man kann seine Sache auch 35 Jahre lang schlecht machen.’“ – was die Wahrnehmungsstörung letztlich auf die Spitze treibt.

Zugegebenermaßen haben es diese Halbkonservativen besonders schwer, sich in der jetzigen konzilskirchlichen Situation zurechtzufinden. Seit dem Amtsantritt Bergoglios kann man schon fast amüsiert feststellen, wie Bergoglio diese Leute in den Wahnsinn treibt. Man hätte eigentlich meinen können, daß nun jeder Blinde sehend werden müßte – angesichts der haarsträubenden Taten Bergoglios. Aber wenn dieselben Leute angesichts der Taten eines Danneels nicht sehend werden, warum sollten sie jetzt plötzlich angesichts der Taten Bergoglios ihre Wahrnehmungsstörungen heilen können.

Seit die Piusbrüder ihren Romkurs eingeschlagen haben – der durchaus keine Neuorientierung ist, sondern an sich aus ihrer Ideologie mit Notwendigkeit folgt –, befinden sie sich in derselben Lage wie die halbkonservativen Steigbügelhalter. Auch sie müssen ständig an der Wahrheit vorbeischauen, um mit den neurömischen Entwicklungen mithalten zu können. Genau betrachtet hat die jedoch bei ihnen auch schon eine lange Tradition, wie man leicht feststellen kann. Im Mitteilungsblatt des deutschen Distrikts etwa kann man einen Auszug aus einem Vortrag ihres Gründers lesen, der mal wieder das Thema „Papst“ berührt. Der Vortrag stammt aus dem Jahre 1983, also aus einer Zeit, in der Mgr. Lefebvre wieder einmal auf Annäherungskurs mit Karol Józef Wojtyla alias Johannes Paul II. war. Um einen Text Mgr. Lefebvres richtig verstehen zu können, ist es nämlich jeweils wichtig zu bedenken, in welcher Situation er gesprochen hat.

Da wir den Leser nicht unnötigerweise ermüden wollen, möchten wir nur auf den wichtigsten Gedanken eingehen. Nachdem Lefebvre darauf verwiesen hat, daß er immer wieder mißverstanden würde, fährt er fort: „Ich weiß, dass wir uns in schwierigen und schmerzlichen Zeiten befinden. Es gibt keine Autorität mehr, keine Leitung. Der Papst ist nicht häretisch, aber unglücklicherweise lässt er zu, dass überall Häresie verbreitet wird, eben durch die Begünstigung, die er diesem Ökumenismus und dieser Stimmung zukommen lässt, welche die Frage aufkommen lässt, ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist. Aber letzten Endes denke ich nicht, dass man sagen kann, die liberalen Päpste, die wir seit Papst Johannes XXIII. hatten, seien formale Häretiker.“

Eine recht kuriose Zusammenstellung von Gedanken, oder etwa nicht? Der Katholik befindet sich nach Lefebvre in schwierigen schmerzlichen Zeiten. Das wohl besonders deshalb, weil es keine Autorität und keine Leitung mehr gibt. Damit wäre eigentlich, so meint man wenigstens, alles Wichtige gesagt: Eine Kirche ohne Autorität und Leitung! Dieser Einsicht entsprechend hat Mgr. Lefebvre auch stets gehandelt, er hat sich weder um Papst noch um Bischöfe geschert, sondern stets das getan, was ihm beliebte, was er für das Richtige hielt. So hat er etwa seine von Rom aufgelöste Gemeinschaft über die ganze Welt verbreitet und sogar trotz des ausdrücklichen Verbots Roms Priester und Bischöfe geweiht usw.

Aber wie so oft in seinen Vorträgen bleibt Mgr. Lefebvre nicht bei dem Gesagten stehen, er macht von einem Satz zum anderen eine Kehrtwendung um 180 Grad. Da heißt es plötzlich weiter: „Der Papst ist nicht häretisch, aber unglücklicherweise lässt er zu, dass überall Häresie verbreitet wird, eben durch die Begünstigung, die er diesem Ökumenismus und dieser Stimmung zukommen lässt, welche die Frage aufkommen lässt, ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist.“

Gerade haben wir noch gehört, daß es „keine Autorität mehr, keine Leitung“ mehr gibt – und nun gibt es plötzlich doch wieder einen Papst. Ist denn der Papst keine Autorität? Besitzt der Papst keine Leitungsvollmacht? Was ist der Papst für Mgr. Lefebvre? Der Papst ist ein Mann bei dem man zweifeln kann, „ob der Glaube an die Kirche, an die Wahrheit der katholischen Kirche und an die Einheit der katholischen Kirche in seinem Denken und in seiner Sichtweise noch fest verankert ist“. Er ist also ein Stellvertreter Christi und Oberhaupt der Kirche, der nicht mehr an die Kirche, ihre Wahrheit und Einheit glaubt – aber „letzten Endes denke ich nicht, dass man sagen kann, die liberalen Päpste, die wir seit Papst Johannes XXIII. hatten, seien formale Häretiker“.

So einfach ist das also! Oder doch nicht? Wenigstens meint Mgr. Lefebvre in seinem Vortrag noch ein wenig nacharbeiten zu müssen, denn er fabuliert weiter: „Und so denke ich gleichermaßen, dass wir uns immer ins Gedächtnis zurückrufen müssen, dass es keinen anderen Papst geben kann als denjenigen auf dem Stuhle Petri, als den Bischof von Rom. Der Papst ist der Papst, weil er der Bischof von Rom ist. Zuerst ist er Bischof von Rom. Und dann, weil er der Bischof von Rom ist, hat er den Stuhl Petri inne, ist er der Nachfolger Petri und also Hirte der universalen Kirche. Das ist sehr wichtig, grundlegend für die Kirche. Selbst wenn der Papst irgendwann Rom verlassen müsste, wenn er aus dem von den Feinden verwüsteten Rom verjagt würde, dann wäre er immer noch der Bischof von Rom, der Nachfolger des heiligen Petrus, sogar in der Diaspora; selbst wenn er Rom verlassen hätte, wäre er immer noch derjenige, den der römische Klerus erwählt hat.“

Nun fragt man sich – so ist wenigstens zu hoffen – was haben diese Erläuterungen mit der im Raum stehenden Frage zu tun? Nichts, gar nichts! Mgr. Lefebvre lenkt einfach vom Thema ab und redet über etwas ganz anderes, etwas, das von niemand jemals in Frage gestellt wurde. Inwieweit dieses Ablenkungsmanöver willentlich war oder nicht, können wir natürlich nicht wissen. Aber die Art und Weise, mit dem Thema Papst umzugehen, hat der Gründer an die ganze Gemeinschaft weitergegeben. Für Mgr. Lefebvre ist ein Papst nach dem Gesagten ein Mann in weißer Soutane, der zwar keine Autorität, keine Leitungsvollmacht hat, aber da er sich in Rom befindet und irgendwie Bischof von Rom ist, deswegen ist er immer auch Papst, Punkt! Nach diesen Ansichten des Prälaten aus Ecône wundert es uns nicht, daß seine geistigen Söhne selbst einen Bergoglio noch für einen Papst halten. Während bei einem Josef Ratzinger man noch mildernde Umstände hätte gelten lassen können, ist das bei einem Bergoglio sicher nicht mehr möglich. So stellt sich aktuell die Frage: Was müßte wohl der weiße Mann in Rom machen, daß ihn Lefebvre und sein Söhne nicht mehr für einen Papst halten? Ehrlich gesagt, scheint es da nun wirklich nichts mehr zu geben, was diese Herren vom Nichtpapstsein selbst eines Bergoglio überzeugen könnte, keine Häresie, Apostasie, Götzendienst, Blasphemie, die man nicht wieder schönreden würde.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Distriktobere der Piusbrüder von Kanada. Dieser drückt angesichts der von Bergoglio zusammengerufenen Familiensynode und dem Schlußdokument in seinem jüngsten Rundbrief an die Freunde und Wohltäter seine schiere Verzweiflung aus. Dort ist zu lesen: „Nach dieser Synode müssen wir, vielleicht mehr als je zuvor in der Geschichte der Kirche, einen Akt blinden Glaubens vollziehen an die dem heiligen Petrus gegebene Verheißung der Unfehlbarkeit.“ Der arme Pater fühlt sich angesichts dieser furchtbaren Geschehnisse sogar an den Tod Christi am Kreuz und die Verzweiflung der Jünger erinnert und fährt fort: „Wir fühlen ein wenig ebenso, nachdem das Dokument vom 24. Oktober 2015 durch den Nachfolger Petri approbiert wurde. Nein, das ist nicht möglich, ein Papst kann so etwas nicht tun. Unser Herr kann nicht zulassen, daß die Feinde der Kirche so weit gehen. Was ist also mit der Unfehlbarkeit der Kirche, die dem heiligen Petrus verheißen wurde?“

Letzteres ist nun wirklich die alles entscheidende Frage, die man als Katholik nicht ernst genug nehmen kann. Der Dogmatiker Scheeben spricht in einem solchen Fall von einem Akt absoluter Temerität. Wenn ein Papst unter den Bedingungen der Unfehlbarkeit eine Irrlehre verkünden würde, würde er sofort aufgrund dieser Tat sein Amt verlieren. In einem solchen Fall hätte man also die absolute Sicherheit dafür, daß dieser Mann in der weißen Soutane nicht mehr unfehlbares Oberhaupt der Kirche sein kann. Würde man aber diese Einsicht verweigern, so würde man damit selber augenblicklich in eine Häresie fallen. Somit gibt es also nur eine Lösung aus dem von dem Distriktoberen von Kanada angesprochenen Dilemma, man muß feststellen, dieser Mann kann unmöglich unfehlbarer Lehrer der Kirche, also Papst sein.

Wie nicht anders zu erwarten, kommt ein Distriktoberer der Piusbrüder nicht mehr zu diesem Schluß, sondern er spricht von einem „blinden Glauben“ in eine Unfehlbarkeit, die jedoch unter diesen Umständen nicht mehr existieren kann. Wenn man auch dem H.H. Pater aufgrund seiner Ratlosigkeit und ideologischen Bindung mit Nachsicht begegnen sollte, so wirkt doch allein schon der gewählte Ausdruck „blinder Glaube“ auf jeden Katholiken befremdlich. Denn unser Glaube ist in keiner Weise blind, blind in dem hier gemeinten Sinne; der göttliche Glaube kann niemals irrational sein. Ein irrationaler Glaube kann niemals Wahrheit verbürgen, sondern ist immer Zeichen eines Wahns.

Wie weit der Glaube der Piusbrüder schon irrational geworden ist, zeigt ein Text aus einer Gottesdienstordnung eines deutschen Priorats. Nachdem in dem Text eine Reihe von Aussagen von Mgr. Lefebvre aus seiner Predigt zu den Bischofsweihen von 1988 zusammengestellt wurde, ist sodann folgendes zu lesen: „Unser Erzbischof warnt also vor einem zu engen Kontakt mit Rom. Er tut es mit eindringlichsten Worten, obwohl das Rom von 1988 noch lange nicht so verdorben war wie das Rom von 2015, mit einem Papst Franziskus an der Spitze. Also müssen wir heute im Vergleich zu 1988 noch vorsichtiger und zurückhaltender im Umgang mit dem offiziellen Rom sein.“