Wahrnehmungsstörungen

Wir zitieren weiter: „Es sei an dieser Stelle ausdrücklich betont: Es kann keine katholische Kirche ohne Rom und ohne den Papst geben. Die Kirchengeschichte zeigt in unzähligen Fällen, dass Missionierungen und Unternehmungen nur dann Erfolg hatten, wenn sie in Abstimmung und mit Erlaubnis des Papstes erfolgt sind. Abspaltungen von Rom haben, wenn wir z.B. an England denken, nur schlimmste negative Folgen. Die Verbindung mit Rom muss daher unbedingt vorhanden sein. Wenn man aber mit den römischen Autoritäten wegen ihren bewussten häretischen Überzeugungen keinen offiziellen Kontakt pflegen kann, so muss man im Herzen zutiefst mit Rom verbunden sein. Genau das ist unser Weg. Wir hängen am Rom des hl. Petrus. Wir lieben das ewige Rom und die guten und heiligen Päpste. Niemand wird es schaffen, uns von Rom loszureißen.“

Schließlich: „Vom heutigen Rom müssen wir uns aber distanzieren, denn man kann nicht zwei Herren dienen: Jenem Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt, hangen wir an, und jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet, lehnen wir ab. Einige Beispiele des neuen Rom:
• Der Papst feiert eine Mahlmesse, in der er keine Kniebeuge mehr macht. Diese Tatsache kann nur so interpretiert werden, dass sie frei und leer von Gott ist, also eine rein innerweltliche, religiöse Feier – zumindest aus seiner Sicht.
• Der Papst ist ein Befreiungstheologe, der sich von jeglicher Autorität über sich befreit hat und selber die letzte Instanz ist. Genau so redet, entscheidet und handelt er. Kein Mensch weiß, was er morgen oder übermorgen sagen und tun wird.
• Der Papst besucht Synagogen, Moscheen, protestantische Tempel und praktiziert damit einen völlig unakzeptablen Ökumenismus, der nichts anderes als Verrat an Jesus Christus ist.
• Der Papst hat eine Enzyklika über die Umwelt geschrieben, die viele gute Formulierungen enthält, aber klar vom Geist der Befreiungstheologie und des Globalismus erfüllt ist.
• Durch das Vatikanum II ist die französische Revolution mit ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Freiheit ist zur Religionsfreiheit, die Gleichheit zur Ökumene und die Brüderlichkeit zum demokratischen Aggiornamento geworden) in die katholische Kirche eingedrungen. Diesen Geist ändern auch einige Prälaten und junge Kleriker nicht, die im Vatikan arbeiten, ansatzweise traditionell denken und mit unserer Priesterbruderschaft St. Pius X. sympathisieren. In der Entscheidungsebene sind sie völlig bedeutungslos.
• Der Papst hat in jüngster Zeit ein Dokument über die Vereinfachung der Annullierung der sakramental geschlossenen Ehen veröffentlicht.
Drei Dikasterien hat er bei der Verfassung des Dokumentes einfach übergangen. Sie hätten ja Einspruch erheben können. Das ist nichts anderes als Ehescheidung auf katholisch.
Ich denke, dass damit zur Genüge bewiesen ist, das man sich von diesem modernistischen, ökumenischen, liberalen, häretischen Rom fernhalten muss. Diese Tatsache hat Weihbischof Fellay, unser Generalobere, vor etwa 5 Jahren mit folgenden Worten ausgedrückt: ‚Die Kirche hat Krebs und wenn wir die Kirche umarmen, dann bekommen wir auch Krebs.’“

In diesem Text wird nicht nur die lehrmäßige Schizophrenie Mgr. Lefebvres vom doppelten Rom unter der Führung eines Oberhaupts auf die Spitze getrieben, in der Folge erreicht auch die Wahrnehmungsstörung ein beängstigendes Ausmaß: „Wir hängen am Rom des hl. Petrus. Wir lieben das ewige Rom und die guten und heiligen Päpste. Niemand wird es schaffen, uns von Rom loszureißen. Vom heutigen Rom müssen wir uns aber distanzieren, denn man kann nicht zwei Herren dienen: Jenem Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt, hangen wir an, und jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet, lehnen wir ab.“

Offensichtlich löst sich hier jegliche Realität der Kirche und des Lehramtes in lauter Fata Morgana auf, denn jenes „Rom, das kompromisslos die Lehre Jesu Christi verteidigt“, ist nicht mehr als ein Hirngespinst. Das wirklich existierende Rom ist „jenes Rom, das den Geist der französischen Revolution atmet“. Während der H.H. Pater der Piusbrüder meint, dem einen anhangen zu können, während er das andere ablehnt, sieht die Realität ganz anders aus. Denn es geht doch nicht um einen imaginären Papst, sondern es geht um jene konkrete Person, die zur Zeit als Bischof von Rom die Machtmittel der Kirche in Händen hält. Dieser konkreten Person sind sodann alle jene Handlungen zuzuschreiben, welche im folgenden Text aufgelistet werden. Nur enthält diese Auflistung einen entscheidenden Fehler, denn es heißt immer „Der Papst“. Und es werden somit mit dem Papst, also nach katholischer Lehre mit der nächsten Regel unseres hl. Glaubens, eine ganze Reihe Handlungen in Zusammenhang gebracht, welche mit dieser in vollkommenem Widerspruch stehen.

Solch eklatante Widersprüche nicht mehr wahrzunehmen, ist schon ein Zeichen von weit fortgeschrittenen, habituellen Wahrnehmungsstörungen. Dementsprechend heißt es dann auch: „Ich denke, dass damit zur Genüge bewiesen ist, das man sich von diesem modernistischen, ökumenischen, liberalen, häretischen Rom fernhalten muss.“ Und mit „Rom“ meint der H.H. Pater der Piusbrüder selbstverständlich seinen Papst, also seine nächste Norm seines Glaubens. Für einen Katholiken ist so ein Gedanke ein völliges Absurdum, denn wie sollte man sich als Katholik von seiner nächsten Glaubensregel fernhalten können, ohne damit die Grundlage des eigenen, übernatürlichen Glaubens zur verleugnen? Für einen Piusbruder ist solch ein Absurdum die Lösung seiner Probleme.

Vielleicht hätte der H.H. Pater nicht seinen Generaloberen zu Rate ziehen sollen – „Die Kirche hat Krebs und wenn wir die Kirche umarmen, dann bekommen wir auch Krebs“, als könnte man sich beim Umarmen der heiligen Kirche, der makellosen Braut Jesu Christi eine Krankheit zuziehen, krank scheint hier allein das Denken Mgr. Fellays zu sein -, sondern eine katholische Dogmatik. Dort hätte er etwa bei J.B. Heinrich im zweiten Band über das „Wesen der göttlichen Tradition“ folgendes lesen können: „Die traditio divina (=göttliche Tradition) im objektiven Sinne ist nichts Anderes, als das unter dem Beistande und Einflusse Christi und seines Heiligen Geistes durch das authentische Zeugnis und die autoritative, öffentliche und unfehlbare Lehrverkündigung des apostolischen Lehramtes, und den daraus gegründeten einmütigen, offenkundigen und göttlichen Glauben der katholischen Christenheit, von den Aposteln her allezeit in der katholischen Kirche unversehrt, unverfälscht und in seinem richtigen Verständnisse bewahrte christliche Glaubens-Depositum. Im activen Sinne aber ist sie eben die gesamte von Christus durch den Heiligen Geist getragene Lehr- und Glaubenstätigkeit der Kirche, wodurch das apostolische Glaubens-Depositum in der angegebenen Weise bewahrt und überliefert wird.“

Auf dem Goldgrund dieser echtkatholischen Erwägungen des großen deutschen Dogmatikers Heinrich erscheinen obige Gedankenspiele der Piusbrüder wie Farbkleckse moderner abstrakter Malereien. Möge uns Gott helfen, daß wir fähig bleiben, beides klar zu unterscheiden.