Tätige Teilnahme

von antimodernist2014

1. Das Zauberwort bei den „liturgischen Reformen“ des vorigen Jahrhunderts, welche in den „Novus Ordo Missae“ mündeten, war die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen. Dieses Schlagwort, das die „Liturgische Bewegung“ eifrig in die katholische Welt streute, ging angeblich auf keinen geringeren zurück als den heiligen Papst Pius X., näherhin auf sein Motu proprioTra le SollecitudiniInter pastoralis officii“, auch „Gesetzbuch der Kirchenmusik“ genannt, vom 22. November 1903. Die einschlägige Passage findet sich in Nr. 3 und lautet in der deutschen Übersetzung: „Im besonderen sorge man dafür, daß der gregorianische Gesang beim Volke wieder eingeführt werde, damit die Gläubigen am kirchlichen Gottesdienst wieder tätigeren Anteil nehmen, so wie es früher der Fall war.“

Daraus entnahmen die „liturgisch bewegten“ Reformer zweierlei, nämlich erstens, daß das Volk oder die „Gemeinde“ früher sehr viel aktiver an der Liturgie beteiligt gewesen sei, zweitens, daß man diesem Ziel sich wieder nähern müsse, indem man etwa als ersten Schritt das Volk den Choral singen lasse, um ihnen später noch weitere liturgische Funktionen anzuvertrauen, denn schließlich handelt es sich beim Choralgesang nach Aussage desselben heiligen Papstes um ein „echtes liturgisches Amt“.

Letztere Aussage findet sich in genanntem Motu proprio unter Nr. 13, und der Kontext mag uns ein wenig stutzig machen. Schon in der vorhergehenden Nr. 12 wird über die „Sänger“ gehandelt, und da lesen wir: „Einige Gesänge sind dem Zelebranten am Altare und der Assistenz vorbehalten und dürfen stets nur im gregorianischen Gesang und ohne jede Orgelbegleitung ausgeführt werden. Alle anderen Stücke des liturgischen Gesanges fallen der Schola der Kleriker zu. Die Kirchensänger vertreten also, auch wenn sie Laien sind, im eigentlichen Sinne die kirchliche Schola.“ Daher führt die Nr. 13 aus: „Aus demselben Grundsatz ergibt sich, daß die Sänger in der Kirche ein echtes liturgisches Amt ausüben und daß daher Frauen, die doch zu einem solchen Amt nicht fähig sind, zur Mitwirkung in der Schola oder im Chor nicht zugelassen werden dürfen. Will man Sopran- und Altstimmen verwenden, so haben nach uraltem Brauch der Kirche Knaben diese Aufgabe zu erfüllen.“

Die Nr. 14 ergänzt: „Schließlich soll man in den Kirchenchor nur anerkannt fromme und rechtschaffene Männer aufnehmen, die sich aufgrund ihres bescheidenen und andächtigen Benehmens während der liturgischen Handlungen des heiligen Dienstes, den sie ausüben, würdig erweisen. Auch wird es geziemend sein, daß die Sänger, wenn sie in der Kirche singen, das geistliche Gewand und den Chorrock tragen. Wenn sie auf einer Empore ihren Platz haben, die allzusehr den Blicken der Leute ausgesetzt ist, sollen sie durch ein Gitter abgeschirmt sein.“

Das klingt nicht so, als wolle der Papst, daß das „Volk“ die liturgischen Gesänge übernehme. Im Gegenteil. Gerade, weil der Gesang in der Hl. Messe ein „echtes liturgisches Amt“ ist, das normalerweise „der Schola der Kleriker“ zufällt, sind nach ihm etwa Frauen ausgeschlossen und auch von den Männern nur bewährte zuzulassen, die möglichst liturgische Kleidung tragen und nicht „allzusehr den Blicken der Leute ausgesetzt“ sein sollen. Wie vereinbart sich das mit der „tätigen Teilnahme“ des Volkes am liturgischen Gesang?

2. Der Brite Dr. Carol Byrne hat sich in einer auf der Internet-Seite „traditioninaction.org“ erschienenen bzw. noch erscheinenden Reihe von Artikeln mit der Frage der „tätigen Teilnahme“ der Gläubigen an der Liturgie befaßt. Dabei stieß er auf die bemerkenswerte Tatsache, daß sich der Ausdruck „tätig“ in der einzig relevanten lateinischen amtlichen Fassung des Motu proprio von Pius X. gar nicht findet. Im Lateinischen lautet die entsprechende Passage so: „Praesertim apud populum cantus gregorianus est instaurandus, quo vehementius Christicolae, more maiorum, sacrae liturgiae sint rursus participes.“ Also etwa: „Insbesondere beim Volk ist der gregorianische Gesang wieder herzustellen, damit die Christgläubigen nach Art der Alten wieder inniger mit der heiligen Liturgie verbunden sind.“

Apud populum – beim Volk“ bedeutet hier: dort, wo die Christgläubigen sich versammeln, wie Dr. Byrne zeigt, also in den Kirchen. Es bedeutet jedoch nicht, daß das Volk selber den Choralgesang übernehmen soll. Dieser ist vielmehr, wie wir gesehen haben, einer Sängerschola anzuvertrauen. Tatsächlich führt Pius X. aus: „Auch lasse man es sich angelegen sein, wenigstens an den bedeutenderen Kirchen die alten Sängerscholen wieder ins Leben zu rufen, wie es an mehreren Orten bereits mit größtem Nutzen geschehen ist. Es wird einem eifrigen Klerus nicht schwerfallen, solche Scholen sogar an kleineren und an Landkirchen zu errichten. Ja, man wird darin ein ganz einfaches Mittel finden, Kinder und Erwachsene um sich zu sammeln zu deren eigenem Nutzen und zur Erbauung für das Volk“ (Nr. 27).

Es sollen mithin in den jeweiligen Kirchen „beim Volk“ Sängerscholen eingerichtet werden, welche „zur Erbauung für das Volk“ die Choralmelodien singen, was zu einer innigeren Anteilnahme der Gläubigen an der Liturgie beiträgt. Daß der vom Volk gesungene Choral eher selten zur Erbauung und somit zur innigen Teilnahme an der Liturgie beiträgt, weiß jeder, der mit den verschiedenen Gemeinden seine Erfahrung hat, vornehmlich wenn sie sich an einer anderen als der 8. Choralmesse, der sog. „Missa de Angelis“, versuchen. Der heilige Papst spricht auch nicht von einer „aktiven“ Teilnahme der Gläubigen, sondern wünscht, daß sie „vehementius“, also inniger, mit mehr innerer Teilnahme an der Liturgie partizipieren. Gerade das Gegenteil äußerer Aktivität ist hier ausgesagt. „More maiorum“ heißt soviel wie nach altem Brauch und Herkommen, und es soll nicht aussagen, es sei das Volk in früheren Zeiten aktiver an der Liturgie beteiligt gewesen als heute, sondern bezieht sich auf die überlieferte Musik des Gregorianischen Chorals, die eine Teilnahme „nach der Sitte der Alten“, also der Christenheit der vorangegangenen Jahrhunderte, ermöglicht.

Der Papst will somit sagen: Der Gregorianische Choral, wie er seit Jahrhunderten in der Kirche gepflegt wurde, soll durch geschulte männliche Sängerscholen in den verschiedenen Kirchen wieder verstärkt eingeführt und gesungen werden, um so den Gläubigen wieder zu jener innigen und innerlichen Anteilnahme an der Liturgie zu verhelfen, wie sie von jeher üblich war und in neuerer Zeit durch gewisse kirchenmusikalische Entgleisungen verdunkelt wurde.

3. Wie Dr. Byrne herausfand, erschien das Motu proprio Papst Pius‘ X. in den „Acta Sanctae Sedis“ (ASS) des Jahres 1903 in zwei Versionen, einer italienischen und der lateinischen. Die italienische fand sich mehr als fünfzig Seiten vor der lateinischen Version, mit etlichen anderen Dokumenten dazwischen. Auch war die italienische Fassung vom 22. November datiert, die lateinische mit „X Kalendas Decembris“, was zwar dasselbe Datum in der lateinischen Zählweise darstellt, einen der Sache unkundigen Leser jedoch verleiten könnte zu glauben, die lateinische Fassung sei erst im Dezember nach der italienischen entstanden. Das ist deshalb von Bedeutung, weil schon die italienische Übersetzung den eigentlichen Sinn der Aussage des hl. Pius X. an der genannten Stelle verfälscht.

Heißt es im Lateinischen, daß „apud populum“, also einfach beim Volk der Gregorianische Gesang wieder hergestellt werden soll, so lautet die italienische Version „nell’uso del populo“, also zum Gebrauch des Volkes. Spricht der lateinische Text davon, daß die Gläubigen „vehementius“, also inniger Anteil nehmen sollen an der Liturgie, so sagt der italienische, sie mögen „piú attiva“, also tätiger Anteil nehmen. Bezieht sich die lateinische Fassung auf die „mos maiorum“, also die kirchliche Überlieferung, so heißt es im italienischen „come anticamente solevasì“, also „wie es früher üblich war“. Man fragt sich, wer es fertiggebracht hat, diese falsche Übersetzung bereits 1903 in den „Acta Sanctae Sedis“ unterzubringen.

Die Tendenz der Fälschung ist klar. Dr. Byrne faßt sie in vier Punkten zusammen: „1. Ein Appell, die liturgische Praxis der frühen Kirche hinsichtlich des Gemeindegesangs wiederaufzunehmen (‚wie es früher üblich war‘). 2. Die Suggestion, daß das Ertönen der Stimme der Lackmustest für ihre wahre Teilnahme an der Liturgie ist. 3. Ein gewaltiger Schritt hin zum ‚allgemeinen Priestertum der Getauften‘ und weg vom sakramentalen Priestertum des Priesters, der die Messe alleine darbringt in offizieller Beauftragung für die Lebenden und die Toten. 4. Eine implizite Kritik an der stillen Teilnahme durch die Laien, welche während der Messe private Gebete verrichten.“

Dom Lambert Beauduin, ein ehemaliger „Arbeiterpriester“, der dann Benediktiner geworden war, ohne jedoch nach eigenem Eingeständnis mit der Liturgie je etwas anfangen haben zu können (er sprach z.B. vom Missale als einem „livre fermé et scellé“, einem verschlossenen und versiegelten Buch, betrachtete die liturgischen Bücher generell als nicht mehr denn „mumbo jumbo“, „Beschwörungen und magische Formeln“, und gestand, das Brevier nie mit auch nur der geringsten Andacht oder Teilnahme gebetet zu haben), dieser Mann also griff die durch Falschübersetzung insinuierte Idee auf und startete damit 1909 die liturgische Revolution.

In diesem Jahr 1909 fand im belgischen Malines auf Einladung von Kardinal Désiré Joseph Mercier ein Kongress der Nationalen Katholischen Aktion statt, der allgemein als Beginn der „Liturgischen Bewegung“ gewertet wird. Auf diesem Kongress hielt Dom Beauduin einen vielbeachteten Vortrag, in welchem er ausführte, daß eine „aristokratische Elite“ des Klerus das Volk seiner ursprünglichen „aktiven Teilnahme“ an der Liturgie beraubt und die Laienschaft so für Jahrhunderte um ihre Rechte gebracht habe. „Was für eine Schande, wenn die Liturgie die Pfründe einer Elite bleibt“, so seine damalige Anklage. „Wir sind Aristokraten der Liturgie. Jedermann sollte die Möglichkeit haben, sich von ihr zu nähren, selbst das einfachste Volk. Wir müssen die Liturgie demokratisieren.“ Hier sprach eindeutig der „Arbeiterpriester“.

Dr. Byrne: „Es war Beauduin, der als erster den Mythos verbreitete (oder nennen wir es vielmehr die Lüge), daß der Brauch der stillen Teilnahme die Laien von der Liturgie ‚abhängte‘, was dazu führte, daß die Messe ihren Gemeinschaftscharakter verlor und die Laien ihren ‚Gemeinschaftsgeist‘.“ „Beauduin war auch verantwortlich für eine andere Lüge: Die Laien, in ihre eigenen privaten Gebete versunken, ergingen sich in individualistischer Andacht und ließen den Priester ohne sie zelebrieren. Er interpretierte die Abwesenheit von ‚aktiver Teilnahme‘ als Zeichen einer ‚beinahe vollständigen Ignoranz oder Apathie unter den Gläubigen in bezug auf den liturgischen Gottesdienst‘ und folgerte, daß sie nichts von der Messe verstanden.“ Diesen Gedanken griff später Bugnini auf, der große Architekt des „Novus Ordo“, der seine „Reformen“ mit einem „Mangel an Verständnis, Ignoranz und finsterer Nacht“ begründete, die seit dem 6. Jahrhundert in der Liturgie geherrscht hätten.

4. Der von Beauduin gefaßte Begriff der „tätigen Teilnahme“ wurde zum „politisch korrekten“ Mantra der Liturgischen Bewegung und sämtlicher von ihr in Gang gebrachten „Reformen“. Bereits nach weniger als 20 Jahren hatte die Idee den Vatikan erobert. Papst Pius XI. erließ am 20. Dezember 1928 eine „Apostolische Konstitution über die Liturgie, den gregorianischen Gesang und die Kirchenmusik, die täglich immer mehr zu fördern sind ‚Divini cultus sanctitatem‚“. Darin nimmt er in der Einleitung Bezug auf das Motu proprio des heiligen Pius X. und sagt, es kämen die Gläubigen „im Gotteshaus zusammen, dort die Frömmigkeit gleichsam aus erster Quelle zu schöpfen durch tätige Teilnahme an den verehrungswürdigen Mysterien und am öffentlichen feierlichen Gebet der Kirche“.

Seiten: 1 2 3