Tätige Teilnahme

In Kapitel IX führt er aus: „Damit aber die Gläubigen tätiger am Gottesdienst teilnehmen, soll der gregorianische Gesang beim Volke wieder eingeführt werden, soweit er für das Volk in Betracht kommt. Es ist in der Tat höchst notwendig, daß die Gläubigen nicht wie Fremde oder stumme Zuschauer [!], sondern, von der Schönheit der Liturgie zuinnerst ergriffen, an den heiligen Zeremonien so teilnehmen, daß sie mit dem Priester und dem Sängerchor nach den gegebenen Vorschriften im Gesange abwechseln. Das gilt auch, wenn bei feierlichen Umzügen, Prozessionen genannt, Klerus und fromme Vereine in geordnetem Zuge mitgehen. Wenn das gut gelingt, wird es nicht mehr vorkommen, daß das Volk entweder gar nicht oder kaum mit schwachem, unterdrücktem Gemurmel auf die gemeinsamen Gebete antwortet, die in der liturgischen oder in der Volkssprache vorgetragen werden.“ Dabei werden übrigens, wie Dr. Byrne anmerkt, liturgischer und außerliturgischer Gottesdienst durcheinandergewirbelt, was später immer wieder als Scharnier benutzt wurde, um gewisse Dinge wie etwa den Gebrauch der Volkssprache über den außerliturgischen in den liturgischen Bereich einzuschmuggeln.

Ganz offensichtlich stand für diese Vorstellungen nicht der heilige Pius X., sondern Dom Beauduin Pate. Pius XI. selber gibt in der Einleitung an, mit seiner Konstitution auf die „Wünsche“ zu reagieren, „die auf so vielen Musikkongressen, besonders auf dem jüngst in Rom abgehaltenen, nicht wenige Seelenhirten und eifrige Vorkämpfer dieser Sache Uns vorgetragen haben“, also kurzum auf die Impulse der „Liturgischen Bewegung“. Unter diesen „Vorkämpfern“ befand sich wohl vor allem Kardinal Mercier, der in seiner Diözese lange vor „Divini cultus“ bereits den Choral-Volksgesang eingeführt hatte. Eine weitere „Vorkämpferin“ war eine Dame namens Justine Ward, eine wohlhabende Amerikanerin und großzügige Gönnerin verschiedener kirchlicher Einrichtungen, welche im Jahr 1920 den „Internationalen Kongress über den Gregorianischen Choral“ an der St. Patrick’s Cathedral in New York veranstaltete. Ein Teilnehmer des Kongresses, der englische Benediktiner-Prior Dom Augustine Gatard, schrieb: „Was sie vor allem anstrebt, das ist die Gläubigen, und zwar alle Gläubigen, in die Lage zu versetzen, so weit wie möglich aktiv an der Liturgie und dem Gesang in der katholischen Kirche teilzunehmen.“ Sie unterstützte und ermutigte zu diesem Zweck vor allem Mädchenchöre. In einer Privataudienz erteilte ihr Papst Pius XI. 1924 den Segen für ihr Werk.

Dr. Byrne macht auf die „liturgische Revolution“ aufmerksam, die sich hinter dieser Konstitution verbirgt, nämlich die Einführung von Frauen in den liturgischen Dienst. Im Gegensatz zu Papst Pius X., der wollte, daß Sängerscholen von Männern oder Knaben gebildet und entsprechend unterrichtet würden, fordert Pius XI. dazu auf, daß „vor allem die Schulen, frommen Bruderschaften und anderen religiösen Vereine im liturgischen Gesang unterrichtet werden“, denn „solche Unterweisung ist ja ein Stück des Religionsunterrichts“. „Die Kommunitäten der Ordensleute, Schwestern und frommen Frauen sollen dieses Ziel mit allem Eifer zu erreichen suchen in den verschiedenen Anstalten, in denen ihnen Erziehung und Unterricht anvertraut sind.“ Diese den „Schwestern und frommen Frauen“ anvertrauten Anstalten waren aber in aller Regel Mädchenschulen. Indem also Frauen und Mädchen am liturgischen Gesang beteiligt wurden, übertrug man ihnen gleichsam ein liturgisches Amt.

Bereits 1922 und 1925 zelebrierte Papst Pius XI. persönlich sog. „dialogisierte Messen“ und ermutigte auch sonst die „Liturgische Bewegung“ in jeder Weise. Diese experimentierte daher bereits in den späten 1920er Jahren in ihren verschiedenen Zentren wie etwa der Benediktiner-Abtei Maria Laach mit Neuerungen wie Zelebration „versus populum“, also hin zum Volk, Einführung der Volkssprache in die Messe, Prozessionen zur „Gabenbereitung“, Händeschütteln und dergleichen mehr, um die Liturgie zu „demokratisieren“.

5. Als Pius XII. 1939 den päpstlichen Thron bestieg, waren die Dinge schon weit gediehen und die liturgische Revolution bereits im vollen Gange, was natürlich auf der anderen Seite auch Widerstand erregte. Pius XII., Diplomat der er war, versuchte beiden Seiten gerecht zu werden. Er orakelte über den „Selbstmord“ der Veränderung des Glaubens in der Liturgie, ernannte aber gleichzeitig Bugnini zu ihrem Totengräber, indem er ihn 1948 zum Sekretär der Kommission für die Liturgiereform machte. Er verurteilte 1947 in „Mediator Dei“ die Mißbräuche der „Liturgischen Bewegung“ und erklärte 1956, nachdem er die Verbreitung ebendieser Mißbräuche in der ganzen Kirche zugelassen hatte, daß „die liturgische Bewegung als ein Zeichen der göttlichen Vorsehung für unsere Zeit erschien, als eine Bewegung des Heiligen Geistes in Seiner Kirche“. Er hielt in „Mediator Dei“ an der Notwendigkeit der lateinischen Sprache fest und gestattete gleichzeitig großzügig den Gebrauch der Landessprache in vielen Ländern. Er lehrte, daß der inneren Teilnahme an der Liturgie die Priorität zukomme, pries jedoch gleichzeitig die „Tätigkeit“ der Laien als bestes Mittel, um wirklich teilzunehmen. Er zeigte Verständnis für das Bedürfnis der Laien nach dem betrachtenden Gebet in der Stillen Messe, gleichzeitig drängte er auf die verstärkte Einführung der „dialogisierten Messe“. Kein Wunder, daß Bugnini in der Enzyklika „Mediator Dei“ von 1947 das „Siegel“ sah, das die „höchste Autorität“ der „Liturgischen Bewegung“ verliehen hatte, „die von nun an überall in der Kirche präsent sein würde“.

In Nr. 250 von „Mediator Dei“ lesen wir: „Die kirchliche Hierarchie hat jederzeit von ihrem Recht in liturgischen Dingen Gebrauch gemacht; sie hat den Gottesdienst eingeführt, geregelt und mit immer neuer Pracht und Würde zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen bereichert. Sie hat auch kein Bedenken getragen – immer unter strenger Wahrung der wesentlichen Eigenart des eucharistischen Opfers und der Sakramente – zu ändern, was sie nicht für angebracht hielt; hinzuzufügen, was geeignet schien zur größeren Verherrlichung Jesu Christi und der Heiligsten Dreifaltigkeit, wie zur Belehrung und heilsamen Aneiferung des christlichen Volkes.“ Nr. 251: „Die heilige Liturgie besteht nämlich aus menschlichen und göttlichen Bestandteilen; die letzteren lassen, da sie vom göttlichen Erlöser festgesetzt sind, natürlich in keiner Weise Änderungen durch Menschenhand zu; die ersteren hingegen können, den Forderungen der Zeiten, Verhältnisse und Seelen entsprechend, mannigfache Umgestaltungen erfahren, so wie sie die kirchliche Hierarchie unter dem Beistand des Heiligen Geistes gutheißt.“

Wie staunen wir, wenn wir einen anderen Text damit vergleichen: „Damit das christliche Volk in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden mit größerer Sicherheit erlange, ist es der Wunsch der heiligen Mutter Kirche, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten. Denn die Liturgie enthält einen kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen Teil und Teile, die dem Wandel unterworfen sind. Diese Teile können sich im Laufe der Zeit ändern, oder sie müssen es sogar, wenn sich etwas in sie eingeschlichen haben sollte, was der inneren Wesensart der Liturgie weniger entspricht oder wenn sie sich als weniger geeignet herausgestellt haben.“ Dies ist der Abschnitt 21 aus der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ des „II. Vatikanums“, welche zur Grundlage für den „Novus Ordo Missae“ Pauls VI. wurde. Spricht hier nicht derselbe Geist, der die Liturgie der Kirche, vom Heiligen Geist geformt und durch die Jahrhunderte getreu bewahrt, geübt und überliefert, der Beliebigkeit der Menschen ausliefert – zumal in beiden Dokumenten nicht gesagt wird, was denn nun „menschlich“ ist an der heiligen Liturgie und wie weit die „kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen“ Teile reichen. So kommt schon Papst Pius XII. zu der sonderbaren Aussage: „Deshalb steht nur dem Papst das Recht zu, eine gottesdienstliche Praxis anzuerkennen oder festzulegen, neue Riten einzuführen und gutzuheißen, sowie auch jene zu ändern, die er für änderungsbedürftig hält“ (Nr. 258). Eine solche Willkür in liturgischen Dingen hätte man in früheren Zeiten selbst dem Papst nicht zugestanden. Kein Wunder aber, daß in der Folge ein „Konzil“ und sein „Papst“ sich für berechtigt hielten, eine völlig „neue Messe“ einzuführen.

Auch der folgende Abschnitt aus der Enzyklika Papst Pius‘ XII. klingt schon sehr nach „II. Vatikanum“: „Der Gebrauch der lateinischen Sprache, wie er in einem großen Teil der Kirche Geltung hat, ist ein allen erkennbares und schönes Zeichen der Einheit und eine mächtige Schutzwehr gegen jegliche Verderbnis der wahren Lehre. Bei manchen kirchlichen Zeremonien kann indes die Verwendung der Landessprache dem Volke sehr nützlich sein“ (Nr. 260). In „Sacrosanctum Concilium“ heißt es so: „Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben, soweit nicht Sonderrecht entgegensteht. Da bei der Messe, bei der Sakramentenspendung und in den anderen Bereichen der Liturgie nicht selten der Gebrauch der Muttersprache für das Volk sehr nützlich sein kann, soll es gestattet sein, ihr einen weiteren Raum zuzubilligen …“ (Nr. 36).

6. 1948 gründete Pius XII. die „Päpstliche Kommission für eine allgemeine Reform der Liturgie“. Ihr Präsident war Kardinal Clemente Micara, ihr Sekretär der Lazaristenpater und spätere Erzbischof Annibale Bugnini, der Schöpfer der „Neuen Messe“, ihr Generaldirektor P. Giuseppe Antonelli, später Kardinal und Mitautor des „Novus Ordo“. Mitglieder waren außerdem u.a. P. Augustin Bea, der schon für „Mediator Dei“ von großem Einfluß war, Beichtvater von Pius XII., später ebenfalls Kardinal und einer der Drahtzieher für den Ökumenismus des „II. Vatikanums“, P. Dante, der päpstliche Zeremonienmeister von 1947 bis 1967, seinerseits auch später zur Kardinalswürde erhoben, P. Joseph Löw, der zusammen mit Antonelli an der „erneuerten Osternacht“ von 1951 sowie der Änderung der Zeremonien der Karwoche von 1955 beteiligt war, sowie P. Carlo Braga, ein enger Mitarbeiter Bugninis, der unter Paul VI. Sekretär des „Consilium“ für die Liturgiereform wurde. Diese Kommission arbeitete weitgehend im Geheimen und völlig an der päpstlichen Ritenkongregation vorbei, nur direkt dem Papst verantwortlich.

Bugnini sah die Liturgie der Kirche als ein altes, vom Verfall bedrohtes Gebäude, das dringend der Reparatur oder Erneuerung bedürftig war. Ihre „Mängel, Unzulänglichkeiten und Beschwerlichkeiten“ machten sie geistig „steril“ und unzugänglich für das moderne Empfinden. Man müsse zur Einfachheit der ersten Zeiten, zur Liturgie der frühen Kirche zurückkehren und alle späteren Entwicklungen, speziell des Mittelalters und der nachtridentinischen Zeit, wieder rückgängig machen. Die Karwochenreform von 1951 bis 1955 sollte damit ernst machen.

Im Dekret der römischen Ritenkongregation „Maxima Redemptionis“ über die „liturgische Neuordnung der Karwoche“ vom 16. November 1955 heißt es: „Diese Gottesdienste wurden anfänglich an denselben Wochentagen und zu denselben Tagesstunden gefeiert, an denen sich die heiligen Geheimnisse ereigneten. … Im Mittelalter führten dann verschiedene Ursachen dazu, dass man begann, die liturgische Feier an diesen Tagen zeitlich vorwegzunehmen. Gegen Ende des Mittelalters waren alle diese liturgischen Feierlichkeiten bis an die Morgenstunden vorverlegt. Das geschah natürlich nicht ohne Schaden für den liturgischen Sinn und nicht ohne Verwirrung zwischen den Berichten der Evangelien und den zugehörigen liturgischen Darstellungen. Zumal die Liturgie der Ostervigil verlor durch die Verlegung von ihrer eigentlichen nächtlichen Stunde ihre ursprüngliche Eindrucksmächtigkeit und den Sinn ihrer Worte und Symbole. Außerdem büßte der heilige Karsamstag durch die Vorwegnahme der Osterfreude den ihm eigenen traurigen Charakter des Gedächtnisses an die Grabesruhe des Herrn ein. In neuerer Zeit kam dann noch eine Änderung der Verhältnisse hinzu, die besonders unter seelsorgerlicher Rücksicht schwerwiegend war. … Von da an ließ die Teilnahme der Gläubigen an diesen heiligen Feiern notwendigerweise nach. Der Hauptgrund lag darin, dass die Feier schon lange auf die Morgenstunden verlegt war, in denen überall auf der Welt an den Werktagen in Schule, Beruf und Öffentlichkeit gearbeitet wird. Tatsächlich beweist die allgemeine Erfahrung, dass fast überall die feierliche und ernste Liturgie des heiligen Triduums vom Klerus vollzogen wird, während die Hallen der Kirchen oft fast leer sind.“

Der Text fährt fort: „Das ist gewiß sehr zu bedauern. Denn die Liturgie der Heiligen Woche besitzt nicht nur eine einzigartige Würde, sondern auch eine besondere sakramentale Kraft und Fruchtbarkeit für das christliche Leben. Sie kann keinen ebenbürtigen Ausgleich finden in den so genannten außerliturgischen Andachten, die während der drei heiligen Tage in den Nachmittagsstunden gehalten werden. Aus diesen Gründen haben Fachleute der Liturgik, Seelsorger und vor allem auch Hochwürdigste Bischöfe in den letzten Jahren den Heiligen Stuhl dringend gebeten, er möge die liturgischen Feiern des heiligen Triduums wie ehedem auf die Nachmittagsstunden zurückverlegen, vor allem zu dem Zweck, dass alle Gläubigen leichter an ihnen teilnehmen können.“ Dies war in der Tat eine der Hauptforderungen der „Liturgischen Bewegung“ gewesen, die nunmehr voll und ganz erfüllt wurde.