Tätige Teilnahme

Unter dem Vorwand, die Liturgie wieder so herzustellen, wie sie vor ihren „Entstellungen“ durch das Mittelalter und die Neuzeit gewesen sei, und unter der Vorgabe, man habe nur die Tageszeit geändert, zu welcher die Liturgien gefeiert werden, scheute man sich nicht, ganz gravierende Änderungen und Neuerungen vorzunehmen. Gerade jene „Liturgie der Heiligen Woche“, die nach Aussage des Dekrets so eine „einzigartige Würde“ und „besondere sakramentale Kraft und Fruchtbarkeit für das christliche Leben“ besitzt, wurde zur bevorzugten Zielscheibe und Spielball der Neuerer bei ihrem Generalangriff auf die Liturgie der Kirche. Pater Braga sprach später in diesem Zusammenhang vom „Kopf des Rammbocks“, mit „welchem die Festung der bis anhin statischen Liturgie eingerissen wurde“. Tatsächlich hat man ganz im Sinn von „Mediator Dei„kein Bedenken getragen … zu ändern“, was man „nicht für angebracht hielt“, „hinzuzufügen, was geeignet schien“, „neue Riten einzuführen“ und „jene zu ändern“, die man „für änderungsbedürftig“ hielt.

Wichtigste Neuerungen entsprechend den Zielen der „Liturgischen Bewegung“ waren u.a. die Einführung der Volkssprache in die Liturgie (bei den Lesungen des Karfreitags oder der Osternacht), das Verdrängen des Priesters vom Altar (etliche Zeremonien leitet er vom Lesepult aus oder sitzt gar auf den Sedilien und „lauscht“, während ein Laie die Lesung in der Landessprache vorliest), der Vollzug einiger Riten „versus populum“ und mit dem Rücken zum Altar und Tabernakel (etwa die Palmweihe am Palmsonntag oder die Wasserweihe in der Osternacht), das Weglassen von Stufengebet und Schlußevangelium (Palmsonntag und Ostervigil) und vieles mehr. Am schlimmsten traf es freilich den Karfreitag, dessen Liturgie der uralten „missa praesanctificatorum“ beraubt und in ein Modell des „Novus Ordo“, bestehend aus Wortgottesdienst und Kommunionfeier, umgewandelt wurde. Von diesem Schlag sollte sich die Liturgie nicht mehr erholen.

7. Zu Weihnachten 1955, am 25. Dezember, erschien die Enzyklika Papst Pius‘ XII. über die Kirchenmusik, „Musicae sacrae disciplina“. Darin wird erstmals offen der liturgische Gesang auch Frauen und Mädchen übertragen. Es heißt darin: „Wo aber solche Sängerscholen nicht eingerichtet werden können oder sich die entsprechende Zahl von Sängerknaben nicht findet, ist es gestattet, daß ‚ein Chor von Männern und Frauen oder Mädchen an einem nur für ihn bestimmten Platz außerhalb des Altarraumes im Hochamt die liturgischen Texte singen könne, vorausgesetzt, daß die Männer von den Frauen und Mädchen ganz getrennt sind…‘.“ Wir dürfen dagegen noch einmal den Text des „Motu proprio“ des hl. Pius X. setzen, in welchem noch stand, „daß die Sänger in der Kirche ein echtes liturgisches Amt ausüben und daß daher Frauen, die doch zu einem solchen Amt nicht fähig sind, zur Mitwirkung in der Schola oder im Chor nicht zugelassen werden dürfen“.

1956 machte Pius XII. Bugnini zum Berater der Ritenkongregation, was dieser sofort nützte, um eine größere Brevierreform einzuleiten, nachdem er schon 1955 mit Erlaubnis des Papstes einige Kürzungen und Erleichterungen zur „Vereinfachung“ des göttlichen Offiziums vorgenommen hatte. Ebenfalls im Jahr 1956 fand in Assisi ein liturgischer Kongress statt, auf dem die Neuerer ihre Siege feierten. Es war dies der letzte einer Reihe großer Kongresse, welche die liturgischen Neuerungen vorangebracht hatten. So war etwa 1953 bereits ein Kongress in Lugano gehalten worden, auf welchem Kurien-Kardinal Ottaviani, Kardinal Frings von Köln, 15 Erzbischöfe und Bischöfe und einige hundert Priester anwesend waren. Die Resolutionen dieses Kongresses lauteten u.a.: verstärkte „aktive Teilnahme“ der Laien an der Liturgie, eine Forderung, welche Mgr. Montini (der spätere „Paul VI.“) aus Rom durch eine Botschaft unterstützte; die Forderung nach Gesang und Vortrag sämtlicher Schriftlesungen in der Hl. Messe in der Volkssprache; Revision der gesamten Karwoche (wie sie dann 1955 auch erfolgte). Diesem Kongress hatte Pius XII. mit einer Botschaft vom 9. September 1953 seine Ermutigung und seinen Segen übersandt. Kardinal Ottaviani (später bekannt für seine „Intervention“ gegen den „Novus Ordo“) feierte anläßlich dieses Kongresses eine Messe „versus populum“.

Der Kongress von Assisi 1956 wurde später in Rom fortgesetzt und erhielt vom Papst eine Botschaft an die Teilnehmer, in welcher er die „Liturgische Bewegung“ als „ein Zeichen der Vorsehung Gottes für unsere Zeit und die Tätigkeit des Heiligen Geistes in der Kirche“ bezeichnete. Bugnini triumphierte später: „Wer hätte damals voraussagen können, daß drei Jahre später das größte kirchliche Ereignis des Jahrhunderts, das II. Vatikanische Konzil, angekündigt würde, bei welchem sich die in Assisi ausgesprochenen Wünsche erfüllen würden, und dies durch dieselben Männer, die auch in Assisi dabei waren?“ War es Zufall, daß ausgerechnet Assisi der Schauplatz dieses das „II. Vatikanum“ vorbildenden Triumphes war?

Am 3. September 1958 erließ die Ritenkongregation eine „Instruktion über die Kirchenmusik und die heilige Liturgie im Geiste der Enzykliken Papst Pius‘ XII. ‚Musicae sacrae disciplina‘ und ‚Mediator Dei’“. Im III. Kapitel finden wir einige „Grundregeln über die Teilnahme der Gläubigen“ an der Heiligen Messe. Da wird zwar zunächst betont: „Diese Teilnahme muß in erster Linie innerlich sein“, doch gleich darauf wird festgestellt: „Die Teilnahme der Anwesenden wird vollkommener, wenn zur inneren Aufmerksamkeit auch äußeres Mittun hinzutritt, das sich in äußeren Akten kundgibt, wie durch die Körperhaltung (durch Knien, Stehen, Sitzen), durch rituelle Handlungen und vor allem durch Antworten, Gebete und Gesang.“ Ferner: „Eine vollkommene tätige Teilnahme wird schließlich erreicht, wenn auch die sakramentale Teilnahme dazukommt“, also die sakramentale Kommunion der Gläubigen.

Im einzelnen führt das Dokument an, wie die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen jeweils zu verwirklichen sei. „Beim Hochamt kann die tätige Teilnahme der Gläubigen in drei Stufen erfolgen“, heißt es da (Nr. 25). Die erste „besteht darin, daß alle Gläubigen im Gesangston die liturgischen Antworten geben“, die zweite „darin, daß alle Gläubigen auch die Teile des Ordinariums der Messe singen“, und die dritte „schließlich besteht darin, daß die Anwesenden im gregorianischen Gesang so geschult sind, daß sie auch die Teile des Propriums der Messe singen können“. Auf diese letztere „volle Teilnahme am Gesang“ sei „vor allem in religiösen Gemeinschaften und in den Seminarien zu dringen“. Im übrigen sei „mit aller Sorgfalt darauf hinzuarbeiten, daß alle Gläubigen auf der ganzen Erde“ die „liturgischen Antworten im Gesangston geben können“, sowie dafür „Sorge zu tragen, daß auf der ganzen Erde die … leichteren gregorianischen Melodien von den Gläubigen gelernt werden“.

Was die „Teilnahme der Gläubigen bei gesprochenen Messen“ anbelangt, so sei „mit Eifer … dafür zu sorgen, daß die Gläubigen auch der gesprochenen Messe ’nicht wie Fremde oder stumme Zuschauer‘ beiwohnen, sondern so teilnehmen, wie es das hohe Geheimnis erfordert und überreiche Früchte bringt“ (Nr. 28). Bei seinem Zitat bezieht sich das Dokument auf die Apostolische Konstitution von Pius XI. „Divini cultus“, die wir oben schon gesehen haben. Immerhin jedoch bestehe die „erste Art der Teilnahme der Gläubigen an der gesprochenen Messe“ darin, „daß jeder einzelne selbst sich um die Mitfeier bemüht, sei es innerlich, d.h. durch fromme Aufmerksamkeit auf die wichtigeren Teile der Messe, oder äußerlich, entsprechend den verschiedenen bewährten Gewohnheiten der Länder“ (Nr. 29). Hier findet das Dokument „vor allem jene lobenswert, die ein kleines, dem eigenen Verständnis angepaßtes Missale zur Hand haben und gemeinsam mit dem Priester in denselben Worten der Kirche beten“. Früher war es das Vorrecht der Priesters, das Missale zu haben und die Messe zu „lesen“, nun soll also jeder Gläubige die Messe „mitlesen“.

Da jedoch die Gläubigen nicht nur wie „stumme Zuschauer“ beiwohnen sollen, so sollen sie die Messe nicht nur mitlesen, sondern auch mitsprechen. Somit besteht die „zweite Art der Teilnahme“ darin, „daß die Gläubigen durch gemeinsames Beten und Singen sich am eucharistischen Opfer beteiligen“ (Nr. 30). „Eine dritte und zwar vollkommenere Art wird schließlich erreicht, indem die Gläubigen dem zelebrierenden Priester in liturgischer Form antworten, gleichsam in einem ‚Dialog‘ mit ihm, und die ihnen zustehenden Teile mit lauter Stimme sprechen“ (Nr. 31). Man beachte, daß hier sogar gewisse „Teile“ der Liturgie offensichtlich den Gläubigen „zustehen“, ihnen also wohl tatsächlich im Laufe der Zeit geraubt worden waren, wie es die „Liturgische Bewegung“ anprangerte. Nun soll die Messe wohl die alte Form des „Dialogs“ zwischen Priester und Gemeinde wiedererlangen. Der „Volksaltar“, welcher diesen „Dialog“ erst recht ermöglicht, ergibt sich daraus fast wie von selbst als logische Konsequenz.

Die letztgenannte „vollkommenere Art“ der „tätigen Teilnahme“ kennt wieder mehrere Stufen. Die erste ist erreicht, „wenn die Gläubigen dem zelebrierenden Priester die leichteren liturgischen Antworten geben“, die zweite, „wenn die Gläubigen auch die Teile sprechen, die nach den Rubriken dem Meßdiener zukommen“, die dritte, „wenn die Gläubigen auch Teile des Ordinariums der Messe … gemeinsam mit dem zelebrierenden Priester rezitieren“, die „vierte Stufe schließlich, wenn die Gläubigen auch die zum Proprium der Messe gehörenden Teile … gemeinsam mit dem Priester sprechen“. In Nr. 32 lesen wir dann sogar: „Bei gesprochenen Messen kann das ganze Pater noster, da es ein passendes, altes Gebet zur Kommunion ist, von den Gläubigen gemeinsam mit dem zelebrierenden Priester rezitiert werden.“ Es ist erstaunlich, was den Gläubigen plötzlich alles „zusteht“! Darunter das Mitbeten mit dem zelebrierenden Priesters und die Übernahme jener Gebete, die dem Meßdiener, also dem Klerus vorbehalten waren.

So war also der Stand der Dinge am Ende des Pontifikats von Pius XII. Er starb gut einen Monat nach Veröffentlichung dieses Dokuments, am 9. Oktober 1958. Am 28. Oktober wurde Roncalli zum Gegenpapst „Johannes XXIII.“ erhoben, und damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte der „tätigen Teilnahme“, mit dem wir uns in einem zweiten Teil dieser Arbeit beschäftigen wollen.