Göttlicher Gast

von antimodernist2014

Im alten Heidentum war das Wissen noch lebendig, daß sich unsere Welt, unsere irdische, sichtbare Menschenwelt mit der himmlischen, unsichtbaren Welt überschneidet. Die Götterwelt der Heiden zeigte jedem gläubigen Heiden, über den natürlichen Dingen, Kräften, Geschehnissen steht eine transzendente Wirklichkeit. So sagt etwa Lucius, dessen Einweihung in die Mysterien der Isis in den Metamorphosen des Apuleius beschrieben werden, mit Überzeugung: „Ich war unter die Sterne entrückt, dann bin ich wieder an meinen Ort zurückgekehrt; ich habe die Schwelle der Proserpina (der Göttin der Unterwelt) betreten und mich allen Göttern genähert.“ Wenn auch diese Vorstellungen von der Transzendenz unserer Welt und der Welt der Götter auch nur ein pompöse Art ist, dort symbolische Zeremonien zu sehen, wo natürliche Kräfte für Offenbarungen an den Eingeweihten gehalten werden, wenn hier sich auch Göttliches und Menschliches irrtümlicher Weise auch allzu sehr vermischten, war dennoch das Wissen um eine überirdische Wirklichkeit dem damaligen Heiden noch eine Selbstverständlichkeit.

Anders ist es im Neuheidentum. Der Neuheide ist seinem Wesen nach – wenigstens zunächst und zur Zeit noch – atheistisch, also gottlos. Jegliches Gespür für eine transzendente Welt ist bei ihm verloren gegangen, ein bloßer, plumper oder auch naiver Materialismus hat sich der Geister bemächtigt, die nichts so sehr meinen und wollen, als ungeistig sein zu sollen. Man könnte in vielen Bereichen der modernen Forschung meinen, es habe die Leute ein geistiger Masochismus ergriffen, da sie mit unglaublich viel intellektuellem Aufwand zeigen wollen, daß es gar keinen Geist geben kann, weshalb sie jeglichen Ansatz von Transzendenz, ja jegliche Erkenntnis, die auch nur in diese Richtung zu zielen droht, sofort wieder mit Stumpf und Stiel ausrotten, worüber sie dann eine geradezu dämonische Freude zu empfinden scheinen. Das alles geschieht nicht fernab in irgendeinem immer noch heidnischen Land, sondern im Bereich des ehemals christlichen Abendlandes, also vorwiegend in jenen Ländern, denen der Glaube an Jesus Christus bis vor nicht allzu langer Zeit noch etwas bedeutete und irgendwie etwas Selbstverständliches war.

Das Neuheidentum ist durchaus nicht so neutral, wie man es meist darstellt, es ist seinem Wesen nach antichristlich, wächst es doch aus Renaissance und Aufklärung heraus. In der Renaissance hat man sich ausdrücklich auf das antike Heidentum rückbesonnen und dieses gegen die eigene christliche Vergangenheit gestellt und es als das Höherstehende, Überlegene darzustellen begonnen. In der folgenden Zeit der Aufklärung wurde das Licht der menschlichen Vernunft über alles gepriesen und als Überwindung der selbstverschuldeten Unmündigkeit hingestellt, womit nichts anderes gemeint war als die Bereitschaft, das eigene Urteil dem des göttlichen Glaubens unterzuordnen.

Wer das übersieht, der übersieht letztlich das Wesentliche der heutigen, modernen Gesellschaft und wird dadurch zu einer ganzen Reihe von Fehlurteilen verleitet. Die Folge dieser Fehlurteile wiederum ist, daß man die aktuelle Gefahr, die konkrete Situation des Verfalls des christlichen Glaubens, der christlichen Kultur und Moral ständig schönredet. Man muß nur an die meisten Würdenträger der Menschenmachwerkskirche denken, die geradezu einen eigenen literarischen Stil des Schönredens entwickelt haben, um ja nicht der Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen. Der wahre Katholik dagegen kann durchaus der Wahrheit ins Gesicht sehen, ja er will ihr gerade ins Gesicht sehen, denn nur dadurch gelingt es auch, den Glauben heute noch zu leben.

Übernatürlich betrachtet ist das Versinken des ehemals christlichen Abendlandes ins Neuheidentum etwas zutiefst Erschütterndes, eine Strafe Gottes für die durch Jahrhunderte wachsende Untreue im Glauben. Denn diese allgemeine Apostasie konnte unmöglich ohne eigenes Verschulden geschehen, wie es der hl. Paulus im Hebräerbrief erklärt: „Denn, die einmal erleuchtet worden sind und von der himmlischen Gabe genossen haben, die teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und gekostet haben das herrliche Wort Gottes und die Kräfte der künftigen Welt und trotzdem abgefallen sind, die kann man nicht wieder zur Sinnesänderung erneuern, da sie für ihre Person den Sohn Gottes aufs neue kreuzigen und verhöhnen. Denn ein Boden, der den reichlich niederströmenden Regen trinkt und denen, die ihn bebauen, das erwünschte Gewächs erzeugt, empfängt Segen von Gott; bringt er Dornen und Disteln hervor, so ist er verwünscht und fast verflucht, und schließlich wird er ausgebrannt“ (Hebr. 6, 4-8).

Deshalb findet derjenige, welcher der einmal erkannten Wahrheit nicht treu bleibt, selten wieder zum göttlichen Glauben zurück. Meist verstockt er immer mehr im Unglauben und wird schließlich zum Feind des hl. Kreuzes und zum Verfolger der Kirche Jesus Christi. Die Schuld ist dabei umso größer, als Gott Jahrhunderte hindurch die Wahrheit des hl. Evangeliums wunderbar geoffenbart hat. Eine ganze Heerschar von Heiligen bezeugten die Wahrheit von der göttlichen Erlösung durch ihr heroisches Leben und unzählige Wunder. Dennoch hat sich der Glaube an Jesus Christus und Seine hl. Kirche inzwischen in einem Maße verflüchtigt, daß man unwillkürlich an die Zeit des großen Abfalls denken muß, von dem der hl. Paulus sagt, daß er kommen muß, ehe der Sohn des Verderbens auftreten kann.

Für uns, die wir mit der Gnade Gottes den heiligen übernatürlichen Glauben bewahren durften, ist es sicherlich hilfreich, während des kommenden Advents besonders auf die Wirklichkeit desjenigen zu schauen, der in unsere Welt gekommen ist, um uns von unseren Sünden zu erlösen und eine Fülle von Gnaden zuzuwenden. Während die allermeisten Menschen ihren hl. Glauben aufgegeben haben und die hl. Evangelien für Märchenerzählungen halten, erkennen wir in ihnen die Offenbarung der unergründlichen göttlichen Erlöserliebe. An dieser unergründlichen göttlichen Erlöserliebe kommt niemand mehr vorbei, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben Seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1, 14).

Der kommende Advent gibt uns erneut eine ganze Reihe von Anregungen, das übernatürliche Wesen unseres hl. Glaubens wieder einmal von Grund auf, d.h. von den Anfängen her zu durchdenken. Die hl. Liturgie beginnt das neue Kirchenjahr jeweils mit einem Blick in die Zeit des langen Weltenadvents, der sehnsuchtsvollen Zeit der Erwartung des Erlösers im Alten Bund, um uns dadurch auf das Fest der Geburt unseres göttlichen Erlösers vorzubereiten. Es dauerte viele Jahrhunderte, ehe die Zeit für das Wunder der Menschwerdung reif war. Die Geheimnisse der göttlichen Vorsehung, des göttlichen Wartenlassens, sind für uns weitgehend unergründlich. Diesen so langen Advent, dieses mühsame Warten über Generationen und Generationen auf die verheißene göttliche Hilfe, können wir mit unserem begrenzten Menschenverstand niemals recht erklären. Unser kurzsichtiger Menschenverstand fragt etwa: Hätte der Erlöser viel mehr wirken können, wenn er früher in unsere verlorene Welt gekommen wäre? Wenn er den Menschen die Gnadenmittel schon Jahrhunderte vorher gebracht hätte, wie viele Menschen hätten dadurch gerettet werden können? Wie viele Menschen hätte die Frohbotschaft des hl. Evangeliums schon damals im Alten Bund zu einem heiligen Leben angeeifert und wie hätte die Gestalt des göttliche Erlösers die Herzen erobert, die so aber kalt und gleichgültig geblieben sind, wenn nur der Erlöser früher auf die Erde gekommen wäre?

Man könnte Fragen um Fragen dieser Art formulieren und sodann endlos darüber diskutieren, was hätte sein können, wenn, doch hat solches Fragen keinerlei Sinn, denn in Wirklichkeit war es von Gottes Allwissenheit und Allweisheit seit Ewigkeit anders gefügt und Gott hatte es allein für richtig befunden, daß Jesus Christus zu genau dieser Zeit hat geboren werden sollen, denn: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, der aus einem Weibe geboren und dem Gesetz unterworfen war. Er sollte die unter dem Gesetz Stehenden erlösen, damit wir die Annahme an Kindes Statt empfingen. Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater“ (Gal. 4,4-7).

Der Mensch befand sich seit der Erbsünde am Rande eines Abgrundes und dieser Abgrund heißt Hölle, ewige Verdammnis, selbstverschuldete Gottesferne. Niemand aus unserer Welt konnte den Menschen aus dieser Not befreien, denn alle standen zusammen unter dem Fluch der Sünde. Keiner war mehr fähig zur Not-Wende, die absolut notwendig war, sollte das durch die Sünde vorherbestimmte Los nochmals abgewendet werden. Darum mußte Gott eingreifen. ER selbst mußte die Initiative ergreifen, sollte es für die Menschen noch irgendeine Rettung geben.

Unser hl. Glaube beschreibt das Wunder dieser außerordentlichen Rettung. Einer Rettung, die alle Erwartung des Menschenherzens himmelweit übertrifft. Das Staunen über diesen göttlichen Einfall, über diese überraschende göttliche Hilfe kennzeichnete vor allem die frühe Christenheit, aber auch die ganzen Jahrhunderte hindurch jedes wahrhaft christliche Herz. Dieses Staunen kommt in den vielen Weihnachtsgeschichten zum Ausdruck, welche mithin zum Schönsten gehören, was man in unserer Menschenwelt erzählen kann. Jede dieser Geschichten gibt eine Nuance des Geheimnisses wieder oder berichtet davon, wie ein Mensch durch das Wunder der hl. Weihnacht verwandelt wurde. Immer wieder enthüllt sich in den Erzählungen etwas Neues vom Wunder der Heiligen Nacht, das man letztlich vielmehr liebend erahnen kann als intellektuell erfassen. Wie ist es nur möglich, daß ER selber in unsere Menschenwelt kommt als göttlicher Gast? Nicht in Seiner göttlichen Unnahbarkeit oder Größe, nicht in Seiner erschreckenden Majestät, sondern als Kind, geboren aus der Jungfrau Maria – oder wie es der hl. Paulus schon hymnisch formuliert: „Er, der in Gottesgestalt war, hat dennoch nicht geglaubt, das Gottgleichsein wie ein Beutestück festhalten zu sollen; nein, er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und ward im Äußern als ein Mensch erfunden“ (Phil. 2, 6f).

Versuchen wir im Folgenden, dem Geheimnis der Heiligen Nacht gedanklich ein wenig nachzuspüren und zwar als Hilfe für den kommenden Advent. Denn der Advent ist vor allem eine Zeit des stillen Nachsinnens über dieses verborgene Geheimnis, ein Hineinschauen in die Wunderwelt des göttlichen Ratschlusses. Wer in diesen Tagen meint, nichts zum Nachdenken zu haben, der wird schließlich vergeblich darauf warten, daß es Weihnachten wird…

Das Kind, das in der Krippe im Stall von Bethlehem liegt, kommt vom Himmel. So pointiert formuliert, erahnt man besser, worum es letztlich bei der weihnachtlichen Wahrheit geht. Das Kind in der Krippe ist ein Kind ohne irdischen Vater, ein Kind, das nicht wie alle anderen Kinder geboren werden wird – nicht in Schmerzen, sondern auf wunderbare Weise, eine Jungfrauengeburt, denn die Mutter bleibt vor, während und nach der Geburt Jungfrau. Warum das so geschieht, ja geschehen muß, erkennt man, sobald man auf den Ursprung dieses Kindes schaut, also auf den Himmel. Und was sieht man, sobald man auf den Himmel schaut und zu verstehen beginnt, woher das Kind eigentlich kommt?

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