Zur Oktav der Unbefleckten

von antimodernist2014

„Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand, kann Schönres nicht malen ein englische Hand“, so heißt es im Kirchenlied. Und jeder Katholik weiß, da er diese Wahrheit in der Festmesse der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria feiert, diese Aussage ist im umfassendsten Sinne wahr, im umfassendsten Sinne, der sich nur irgendwie denken läßt. Maria ist die Schönste von allen Geschöpfen, sodaß ihre Schönheit nicht nur die aller Heiligen, sondern selbst die der höchsten Engel übertrifft. Damit wird auch sofort klar, diese Schönheit Mariens ist nicht im natürlichen Sinne gemeint, sondern im übernatürlichen Sinne. Alle irdische Schönheit ist ja immer nur kurzlebig, ist vergänglich und heutzutage sogar mehr als zweifelhaft – die Schönheit der Gnade dagegen währt in Ewigkeit!

Die eigentliche Schönheit Mariens ist unsichtbar, sie ist unserer sinnlichen Erkenntnis verborgen. Die Liturgie bringt für uns diese wahre Schönheit zum Leuchten: „Voll des Frohlockens bin ich im Herrn und meine Seele jauchzt auf in meinem Gott; denn Er hat mich gekleidet in Gewänder des Heiles, hat mich umhüllt mit dem Mantel der Gerechtigkeit, wie eine Braut im Schmucke ihres Geschmeides.“

Was für ein beeindruckender, zutiefst wahrer Text im Eingangslied der Festmesse der Immaculata. Maria ist die Auserwählte schlechthin – auserwählt von Gott aus allen Menschen und allen Engeln und deswegen gekleidet mit Gewändern des Heiles und dem Mantel der Gerechtigkeit. Ja, sie tritt vor uns, „wie eine Braut im Schmucke ihres Geschmeides“. Was für ein tiefgründiges Bild malt die hl. Liturgie also schon im Introitus der Festmesse vor unseren Geist. In Maria findet sich wieder Gnade und Heiligkeit, welche seit dem Sündenfall unserer Stammeltern verloren waren. Mit Maria beginnt ganz und gar unerwartet der Gnadenfrühling in unserer verlorenen Menschenwelt.

P. Ferdinand Kastner schreibt in seinen Marienherrlichkeiten (Lahn Verlag, Limburg/Lahn, 1946): „Wer Sinn für eine göttliche Dramatik hat — und Gottes Werke sind allerhöchste Kunst — der mag dieses Schauspiel schauen: Wie der alte Drache gewissermaßen das Eingangstor zur Welt bewacht, und wie er sie alle faßt, seitdem er die Stammeltern zu Falle gebracht, allesamt: Kain, dem er schon im Mutterschoße das Mal der Sünde eingebrannt, und seinen Bruder Abel; Seth und Henoch, Noe und die Patriarchen ohne Ausnahme. Gewiß: viele entwinden sich ihm wieder in der Kraft des Glaubens an den verheißenen Erlöser — aber zunächst sind sie seine Sklaven. Und so geht es fort: er packt Moses und Elias und die Propheten allesamt, bis auf Johannes den Täufer, der ihm freilich schon im Mutterschoße durch Christi Ankunft strittig gemacht wird, und das Licht der Patriarchen, den hl. Josef; es gibt keine Ausnahme bis jetzt. Und das Drama steigert sich zu seinem Höhepunkte: wie der Feind von Anbeginn nun lauert auf jene, von der ihm die alten Weissagungen und jene furchtbare Geisterkatastrophe vor der Erschaffung der Erde schon gesagt, daß sie die einzigartige Königsbraut sein wird und die Herrin aller Welten — denn auch sie muß ihm gehören, weil sie ihm als Adamstochter nicht entrinnen kann, sondern dasselbe Tor durchschreiten muß wie wir alle. Doch siehe! In jenem Augenblicke, da die Gebenedeite die Schwelle in dieses Jammertal betritt, in primo instanti, wo sie ihre Seele aus Gottes Hand empfängt und Satan sie in seine Gewalt bringen könnte und müßte — da greift Gott zuvor und legt seine Hand auf sie, denn ‚dieses Gesetz gilt für alle, aber nicht für sie‘, die Esther des Neuen Bundes, um des Blutes Christi willen, um des Ewigen Wortes willen, dessen auserwähltes Eigentum und dessen Braut sie ist durch ewigen Beschluß.“

„Wahrhaftig, eine göttliche Dramatik, und ein göttlicher Triumph! Die Immaculata ist der Triumph Christi und der Vollsieg der Erlösung! Muß man es nicht, von allem anderen abgesehen, für recht wahrscheinlich halten, daß Gott sich die Gelegenheit eines solchen Triumphes über die Hölle nicht hat entgehen lassen! Und ist es nicht von hier aus verständlich, warum seitdem Satan immer wieder in neuer Wut entbrennt und alles Höllengift ausspeit, wo Maria ihm begegnet oder Menschen, die sich ihrem Dienst verschrieben?“ Inmitten einer Welt der Sünde ist Maria die Sündenlose, die Makellose, die reinste Jungfrau, die Immaculata! Ja, wie P. Kastner so treffend schreibt: „Die Immaculata ist der Triumph Christi und der Vollsieg der Erlösung!“

Wir können es immer nur erahnen, was für eine Freude es für Gott gewesen sein muß, inmitten unserer Sündenwelt auf die makellose Jungfrau zu schauen – und was für eine Freude ist es für uns, in ihr die Macht der Gnade zu erkennen und so zu lernen, auf diese zu vertrauen. Eine ist also ganz unberührt geblieben von dem Makel der Erbsünde – jene Sünde, die den Verlust der heiligmachenden Gnade bedeutete, den Verlust der Gottesfreundschaft, den Verlust der Unversehrtheit der Natur, den Verlust all dessen, was ein Widerschein der unendlichen Güte Gottes in der Welt des Paradieses gewesen ist. Maria wird von Gott von Beginn ihrer Existenz an wieder ins verlorene Erbe eingesetzt – oder wie es Pius IX. im Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias ausdrückt: „Die allerseligste Jungfrau ist im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von der Makel der Erbsünde rein bewahrt geblieben.“

Die Größe dieses Gnadenwunders können wir niemals ermessen. Bedenken wir nur einmal, alle Einfälle der unendlichen göttlichen Liebe, Seiner allmächtigen, unbegreiflichen, zärtlichen Liebe werden in Maria Wirklichkeit! Sie ist die neue Eva und das neue Paradies. Und dieses neue Paradies ist noch viel schöner, viel reiner, viel heiliger als das alte. Maria ist das Entzücken Gottes über Seine Schöpfung, denn die Immaculata ist in ihrer Gnadenfülle Gott unendlich wohlgefällig.

Der Grund für diese Überfülle an Gnade aber ist Jesus! Alle Schönheit Mariens ist für Jesus, den ewigen Sohn des Vaters, der in ihr Mensch werden wird. Maria wurde auserwählt um Jesu willen. Seit Ewigkeit hat Gott in Seiner unendlich weisen Vorsehung auf sie mit unendlichem Wohlgefallen geschaut, denn der ganze Sinn der Welt faßt sich zusammen in Jesus und Maria. Dazu erklärt P. Ferdinand Kastner: „Derjenige, dem Maria ihren mütterlichen Lebensdienst geschenkt hat, ist der eingeborene Sohn Gottes. Deswegen grüßen wir sie mit Recht als die ‚Gottesgebärerin‘. Zwar hat sie dem Sohne Gottes bloß die fleischliche Hülle der menschlichen Natur geschenkt, nicht seine geistige Seele, erst recht nicht seine göttliche Natur oder seine göttliche Person. Aber diese menschliche Natur hat keinen Augenblick für sich bestanden, sie besteht und existiert nur in der Existenz und Subsistenz des Sohnes Gottes. Diesen selber hat Maria in der heiligen Stunde von Nazareth in ihrem reinsten Schöße empfangen; ihn hat sie beherbergt und genährt in jungfräulicher Mutterschaft; ihn, den menschgewordenen Sohn Gottes, hat sie in der heiligen Weihnacht uns allen zum Heile geboren. Mutterschaft ist eben nicht bloß ein Verhältnis von Körper zu Körper, sondern darüber hinaus von Person zu Person, und deswegen ist nicht die isolierte Leibesmaterie, sondern der konkrete Gottmensch Jesus Christus der ‚terminus completus‘ der göttlichen Mutterschaft: er, der im Schoße des Vaters wohnt (Joh. 1,18), ist gleichzeitig, wenn auch auf ganz verschiedene Weise, Gottes und Mariens Sohn.“

Er fährt fort: „Dadurch ist Maria in eine Gottesnähe getreten, die jedem anderen Geschöpfe unerreichbar ist. Deswegen übertrifft sie alle anderen Geschöpfe an Heiligkeit und Würde. Die Gottesgelehrten scheuen sich nicht, diese Würde ‚in gewissem Sinne‘ (secundum quid) unendlich zu nennen. Sie folgen dabei dem hl. Thomas, der erklärt: ‚Die selige Jungfrau besitzt dadurch, daß sie Mutter Gottes ist, eine gewisse unendliche Würde von dem unendlichen Gute her, nämlich von Gott; und insofern kann es nichts Vollkommeneres geben als sie, so wie es auch nichts Vollkommeneres geben kann als Gott‘ (S. th. I q 25 a 6 ad 4). Dadurch ist Maria die sonnengewandete Frau (Geh. Off. 12,1), der alle Schöpfung zu Füßen liegt, geschmückt von den Sternen aller Vollkommenheit und Tugendschönheit. Deswegen ist sie, nicht irgendwie und zufällig, sondern wesentlich hineingestellt in die Ordnung unseres Heiles. Deswegen ist ihre Person ein Gegenstand des Dogmas und der katholischen Glaubenslehre, aber auch der Gegenstand einer Verehrung und einer Liebe des Herzens, höher und inniger, als sie je einem Heiligen geschenkt wird.“

Je mehr man die Auserwählung Mariens begreift, desto tiefer dringt man auch in das Geheimnis ihrer makellosen Reinheit ein. Dabei darf man niemals vergessen, die Ermöglichung dieses Wunders der Immaculata hängt letztlich vollkommen von Jesus Christus, unserem alleinigen Erlöser ab, wie es das Dogma erklärt: Sie ist „im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von der Makel der Erbsünde rein bewahrt geblieben“.

Die Immaculata, auch wenn sie vollkommen sündenlos ist und in ihrem Leben nicht die kleinste läßliche Sünde begangen hat, ist dennoch von Jesus Christus erlöst. Sie ist die Vorerlöste, wie die Theologen sagen, denn Jesus Christus mußte alle ihr im Voraus geschenkten Gnaden erst noch verdienen. Darum kann man sagen, die ganze Schönheit Mariens erblüht in höchster Weise unterm Kreuz als Schmerzensmutter. Da zeigt sich ihre Makellosigkeit in ihrem unbegreiflichen Mitleiden mit ihrem göttlichen Sohn und Erlöser. Auch sie kann vollkommen eins mit ihrem Sohn sagen: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden“ (Joh. 4,34). Im Leiden offenbart sich die inwendige Schönheit einer Seele, die Größe ihrer Tugenden und vor allem die Vollkommenheit ihrer Liebe. Maria erduldet vollkommen freiwillig das größte Leid aus Liebe zu ihrem göttlichen Sohn und aus Liebe zu den Seelen. Darin wird sie ganz eins mit dem Erlöserleiden und Erlöserherzen Jesu Christi. Somit wird die Immaculata zur Miterlöserin, zur Gehilfin ihres göttlichen Sohnes auf Seinem bitteren Kreuzweg und in Seinem bitteren Leiden und Sterben am Kreuz. Treu steht sie an Seiner Seite und weicht auch im größten Leiden nicht zurück. Dadurch offenbart sich uns in ihr die unvorstellbare Macht der Gnade, die sich auch an uns offenbaren soll. Auch wir sollen mit Maria für Jesus makellose Seelen werden. Seelen, die den Namen eines Kindes Gottes und Kind Mariens zurecht tragen.

Ferdinand Kastner schreibt dazu: „So stehen wir denn in Ergriffenheit, Bewunderung und Vertrauen vor der Wunderwelt der Immaculata. Wir begreifen: jene, die der eingeborene Sohn Gottes von Ewigkeit auserwählt und sich zugesellt hat als Teilhaberin seiner Geheimnisse und Gehilfin seiner Werke, mußte Immaculata sein! Denn mit ihr sollte, nach dem allgemeinen Ruin des Menschengeschlechtes, ein neuer Anfang gemacht werden; er wäre verfehlt, wenn die neue Eva doch wieder irgendwie in der alten Verderbnis stünde. Hier sehen wir auch den engen Zusammenhang des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis mit dem Gesamtgefüge des katholischen Glaubens. Der Protestantismus (im Sinne der alten Reformatoren) konnte keine Immaculata gebrauchen, weil nach seiner Auffassung die Erlösung gar keinen wirklichen neuen Anfang bedeutet und gar keine neue Schöpfung bewirkt, sondern bloß eine äußerliche Nichtanrechnung der Sündenschuld und ein Zudecken des Sündenelends. Nach dem katholischen Glauben bedeutet aber die Erlösung einen wirklichen neuen Anfang; wir sind in Christus eine neue Schöpfung — wir freilich erst infolge einer nachträglichen Befreiung von der Erbsünde und von persönlichen Sünden. Aber weil wir in Christus ein neues Geschlecht sind, deshalb sollte an dessen Anfang neben dem neuen Adam die neue Eva stehen, rein, heilig und unversehrt!“

Es ist schon wahr, man muß die Immaculata in ihrem Gnadengeheimnis wieder und wieder betrachten, damit man selbst ein Gespür für die unendlich reiche Gnadenwelt Gottes und die darin herrschenden Gesetze entwickelt: „Hier sehen wir auch den engen Zusammenhang des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis mit dem Gesamtgefüge des katholischen Glaubens.“ Dieses Gespür für das Gesamtgefüge des katholischen Glaubens ist in dieser Zeit des großen Abfalls jedem Katholiken besonders notwendig. Je mehr nämlich die Gnadenwelt um uns herum zerbricht, desto gefährdeter sind wir selbst in unserem übernatürlichen Glauben. Gefährdet nicht nur durch die Sittenlosigkeit, sondern auch durch den sich immer noch vermehrenden und weiter verderbenden Unglauben. Wie schwer ist es da, das Übernatürliche noch als Wirklichkeit zu sehen und es sodann so festzuhalten, daß man es auch recht zu leben weiß.

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