Die Erde über dem Himmel

von antimodernist2014

In dieser schnellebigen Zeit ist jeder in der Gefahr, am Wesentlichen vorbeizugehen, weil er nur allzu schnell meint, gar keine Zeit dafür zu haben. Für die modernen „Katholiken“ etwa ist die Weihnachtszeit meist schon mit Neujahr wieder zuende. Mancher schafft es womöglich noch bis zum Dreikönigsfest, einen Gedanken an das Christkind in Erinnerung zu halten, aber dann ist sicher alles vorbei, denn es ist ja inzwischen schon Fasching geworden. Wie gut, daß nach der alten Ordnung die Weihnachtszeit bis zum Fest Maria Lichtmeß ausgreift und uns somit längere Zeit gewährt, dem Weihnachtsgeheimnis auf den Grund zu gehen. Darum wollen wir auch die Gedanken vom Dezember (Göttlicher Gast) nochmals aufgreifen und fortführen, ist ja das Geheimnis der Menschwerdung Gottes ganz und gar grundlegend für unseren christkatholischen Glauben.

Das göttliche Geheimnis erfordert ein offenes und bereites Herz, denn nur diesem kann es sich auch offenbaren. Die göttliche Wahrheit ist nicht allein für den Verstand, sie ist letztlich für das Herz bestimmt, weswegen man ihr nicht distanziert und mit kühlem Intellekt begegnen kann, wie etwa ein Mathematiker einer mathematischen Aufgabe. Dementsprechend muß man die göttliche Wahrheit nicht nur einfach verstehen, sondern man muß sie lieben und leben. Wobei man sogar sagen kann, daß nur derjenige, der sie auch liebt, sie auch recht zu leben versteht. In der Enzyklopädie der theologischen Wissenschaften von Staudenmaier aus dem Jahre 1834 ist zu lesen:

„Wer wahrhaft Theologe (Gottesgelehrter) sein will, muß das Göttliche schon ergriffen haben, er muß es lieben und leben. Wie es kein wahres Leben gibt ohne Erkenntnis, so gibt es auch keine wahre Erkenntnis ohne Leben. Erkennen und Leben bedingen sich gegenseitig; die klar erkannte Wahrheit erregt mächtig Gemüt und Wille; aber das Erkennen wird weder klar, noch fest, noch sicher, wenn es uns nicht zum Leben und zur Tat wird. Die größten Meister des christlichen Erkennens waren stets auch große sittliche Charaktere. Was wir lieben, das leben wir; was wir aber lieben, das offenbart uns durch die Liebe sein Innerstes; was wir daher lieben und leben, das kommt in unserem Bewußtsein zu unendlicher Klarheit. Der also, dessen einzige und höchste Liebe das Göttliche ist, wird auch das Göttliche verstehen; der Gleichgültigkeit oder gar dem Hasse bleibt es ewig fremd… Wir müssen zurückkehren zur Einfachheit der Idee und des Lebens, in der die Unschuld und die Lauterkeit des Kindessinnes wohnt, der das Göttliche am reinsten zu schauen vermag. Deshalb hat die kindliche Unbefangenheit für den Theologen eine so große Bedeutung; und Christus setzt sie selbst als das an, nach dem seine Jünger als nach etwas Größerem, als sie schon hatten, zu streben hätten. Es ist sein eigener Geist, sein eigener Sinn, was der Erlöser an den Kindern liebt und will und segnet… Das Erste im Erkennen des Übersinnlichen ist überall die Kontemplation (das betrachtende Anschauen), nicht die Reflexion (das vernünftige Erwägen), die erst nachfolgt… Johannes, der Jünger, den der Herr liebhatte, er hat am reinsten und wahrsten und tiefsten das Wort vom ewigen WORTE verstanden. Wer daher in die Theologie eintreten will, diesen Sinn aber verloren hat, muß ihn durch geistige Wiedergeburt zuvor wiedergewonnen haben.“

Wo könnte man diesen lauteren Kindessinn, welcher die Voraussetzung für ein echtes Glaubensverständnis ist, besser erlernen als an der hl. Krippe? Dem göttlichen Kind sollte doch jeder in kindlicher Unbefangenheit begegnen können, da sich die erschreckende göttliche Majestät in so unbegreiflicher Weise verbirgt, um für uns anziehend zu erscheinen. Die Begegnung mit dem Kind in der Krippe ist darum immer auch ein Selbsttest dafür, ob man noch kindlich glauben kann oder schon von der modernen Zweifelssucht angekränkelt ist, die den eigenen Verstand zum Maß aller Dinge macht und deswegen am Ende an jeglicher Erkenntnismöglichkeit der Wahrheit ver-zweifelt.

Jesus, die Quelle aller Heiligkeit

Lassen wir uns nochmals von Pierre de Bérulle in die Wunderwelt des Stalles von Bethlehem entführen, seine Worte besitzen ja, wie wir inzwischen wissen, eine eigene Kraft, uns zu verzaubern.

„‘O neue und unerhörte Mischung! Wunderbare Zubereitung! Der Seiende ist im Werden; der Ungeschaffene wird geschaffen, der alle Bereichernde wird arm, der die Fülle ist, ist erschöpft, damit wir seiner Fülle teilhaft werden!‘ (Gregor von Nazianz). Daß der Mensch, der nur ein vergehender Hauch ist, nunmehr Gott wird, und daß dieser Gott-Mensch durch alle Stufen, alle Zustände des Menschen hindurchgeht, sie adelnd, heiligend, ja vergöttlichend! Und durch diese neue Einheit entsteht nicht nur ein neues Wesen, ein neuer Mensch, ein neuer Adam, sondern auch eine neue Weltordnung, ein neuer Zustand des Alls. Gott stellte bei der Schöpfung die Ordnung der Natur auf und gleichzeitig setzte er die Ordnung der Gnade auf Erden und die der Glorie im Himmel fest. Drei verschiedene, wunderbare Ordnungen, an denen er den Menschen Anteil geben wollte. Aber nun entsteht eine neue Ordnung in der Welt, ein neuer Zustand des Alls, weit erhabener über den Stand der Glorie als der des Himmels über der Erde, als der Stand der Glorie erhaben ist über der Ordnung der Gnade, und diese über der Natur, und diese über dem Nichts. Und diese Einheit göttlicher Subsistenz führt die Welt in eine so erhabene und mächtige und einmalige Einheit ein, daß sie alle Dinge in sich faßt und durch alle übrigen Ordnungen hindurchwirkt. Denn alles, was aus Gott durch Schöpfung hervorging und durch Heiligung in ihn zurückkehrt, ist nunmehr auf diese letzte Ordnung hin ausgerichtet: auf das höchste Mysterium, die Inkarnation als Quell und Prinzip aller Dinge, als Punkt, bei dem alles endet, als Ziel, worauf alles sich beziehen muß, da es Gott selbst gefallen hat, hier Ursprung zu nehmen, sich hier einzuschließen, hier zu enden und sich daraufhin zu beziehen.“

Auf den Flügeln des göttlichen Glaubens schwingt sich der Theologe, der wahre Gottesgelehrte und Gottbegeisterte, empor in die Wunderwelt Gottes – über die Welt der Natur hinweg ins Reich der Gnade und der Glorie des Himmels. Drei verschiedene, wunderbare Ordnungen, an denen er den Menschen Anteil geben wollte. Leider haben die Menschen nicht genügend Glaubensfestigkeit und Gottvertrauen bewiesen, weshalb sie seit der Erbsünde aus dem zweiten und dritten Reich herausfielen und ein gottfernes Leben fristen mußten, das allein durch die gottgegebene Verheißung eines kommenden Erlösers erträglich war. Erst der Gott-Mensch war wieder fähig, durch alle Stufen, alle Zustände des Menschen aufs Neue hindurchzugehen, sie adelnd, heiligend, ja vergöttlichend! Wie aufregend erscheint auf diesem Hintergrund das Leben Jesu Christi, wie bedeutsam wird jede Seiner Handlungen, auch der kleinsten. Aber Jesus Christus durchschreitet nicht einfach nur unsere Welt, indem er 33 Jahre darin lebt, nun entsteht eine neue Ordnung in der Welt, ein neuer Zustand des Alls, weit erhabener über den Stand der Glorie als der des Himmels über der Erde, als der Stand der Glorie erhaben ist über der Ordnung der Gnade, und diese über der Natur, und diese über dem Nichts.

Sobald das göttliche Kind in der Krippe liegt, ist die neugeschaffene Gnadenordnung in unserer Welt jedem Menschen, der Augen hat zu sehen, sichtbar geworden, denn in diesem Kind, im menschgewordenen Gottessohn, ist unsere Sündenwelt wieder mit der Welt der Gnade und Glorie innigst und unlösbar verbunden. Ein neuer Anfang ist gemacht, die Zeit der Erlösung beginnt und die Gnade erobert mehr und mehr unsere Menschenwelt, indem sie die Sünde zurückdrängt. Denn alles, was aus Gott durch Schöpfung hervorging und durch Heiligung in ihn zurückkehrt, ist nunmehr auf diese letzte Ordnung hin ausgerichtet: auf das höchste Mysterium, die Inkarnation als Quell und Prinzip aller Dinge, als Punkt, bei dem alles endet, als Ziel, worauf alles sich beziehen muß, da es Gott selbst gefallen hat, hier Ursprung zu nehmen, sich hier einzuschließen, hier zu enden und sich daraufhin zu beziehen.

Der Menschensohn, ein bloßer Mensch?

Der göttliche Glaube offenbart uns die verborgenen Ratschlüsse Gottes und läßt uns das höchste Geheimnis erkennen, das Gott in unserer Welt gewirkt hat und wirken kann, die Menschwerdung Gottes nämlich, die Inkarnation als Quell und Prinzip aller Dinge, als Punkt, bei dem alles endet, als Ziel, worauf alles sich beziehen muß. Von diesem Geheimnis waren die wahren Christen aller Zeiten fasziniert und durchdrungen. Voller Dankbarkeit gegen die unbegreifliche Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes haben sie das neue Leben der Gnade angenommen und sich mit höchstem Ernst bemüht, sich Gott ganz zu schenken, indem sie Seine hl. Gebote inmitten des Heidentums achteten und beharrlich nach Heiligkeit strebten. Davon ist leider heutzutage kaum noch etwas übrig geblieben. Der übernatürliche Glaubensgeist ist in den letzten 150 Jahren fast vollkommen erloschen, weshalb auch die weltverändernde Kraft des Glaubens erlahmte. Im Zuge der modernistischen Irrlehren hat man letztlich aus dem Gott-Menschen einen Menschen gemacht, der vielleicht noch durch manche seiner Taten aus der Menge herausragt und ein besonderes Vorbild für uns sein kann, aber damit durchaus nichts Einmaliges, Einzigartiges, Göttlichgeheimnisvolles mehr ist und sein muß. Von diesem Einmaligen, Einzigartigen, Göttlichgeheimnisvollen bleiben im Modernismus allein ein paar wenige Worthülsen übrig – mit denen jedoch die modernen „Katholiken“ offensichtlich zufrieden sind. Was für ein armseliger Rest ist das, wenn man das gottgeschenkte Geheimnis betrachtet, Jesus Christus, das Alpha und Omega, der Anfang und das Ende allen Seins. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren eine Vielzahl von Katholiken von einem gefährlichen Rationalismus und Naturalismus befallen, so daß M. J. Scheeben im Jahre 1871 in seinem Aufsatz „Die theologische und praktische Bedeutung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes, besonders in seiner Beziehung auf die heutige Zeit“, schreibt:

„Es ist höchst charakteristisch, daß dieselben oben erwähnten theologischen Schulen in Deutschland, welche die Fülle des übernatürlichen Einflusses Christi auf seine Mutter und seinen Stellvertreter geleugnet, auch die Fülle der Gnade der Wahrheit, die aus der Gottheit Christi für seine eigene menschliche Natur sich ergab, mehr oder minder geleugnet oder beeinträchtigt, und die übernatürliche Vollkommenheit dieser heiligen Menschheit nicht nach der göttlichen Macht und Würde ihres Inhabers, sondern nach dem Maße der natürlichen Vollkommenheit und Entwicklung gewöhnlicher Menschen beurteilt haben – man sprach von einem allmählich sich entwickelnden Messias- und Gottesbewußtsein, einer Freiheitsprobe, einer Bewährung durch die Versuchungen u.s.w., woraus sich dann ergab, daß die Gottheit Christi nicht bloß für andere Menschen unter dem Schleier seiner menschlichen Natur verhüllt war, sondern der Sohn Gottes sogar für sich selbst ein Deus absconditus (= ein verborgener Gott) blieb. Solche Anschauungen verraten eine weitgreifende Verkennung der Gottheit Christi und können nur dazu beitragen, ihren Glanz zu verdunkeln. Gottlob, daß die Kirche, vom Heiligen Geiste geleitet, die Gottheit Christi und ihre Bedeutung anders versteht, und solchen naturalistischen Auffassungen gegenüber, die das Übernatürliche möglichst weit von der Natur fernhalten wollen, in unseren beiden Dogmen die eminentesten und glänzendsten Ausstrahlungen der Sonne der Gnade und Wahrheit und damit die göttliche Würde und Kraft dieser Sonne selbst in ihr volles Licht gestellt hat.“

Seiten: 1 2 3