Die Erde über dem Himmel

Die hier beschriebenen irrigen Ansichten über die Gottheit Christi sind inzwischen zum Allgemeingut der modernistischen Theologen und der modernen Menschenmachwerkskirche geworden. Unter der Worthülse „Sohn Gottes“ gähnt eine unheimliche Leere, deren Folge endloses Theologengeschwätz ist. Denken wir etwa an das Jesusbuch Josephs Ratzingers. Was steckt letztlich hinter diesen irrigen Ansichten? M. J. Scheeben zitiert in seinem Artikel aus der Jesuitenzeitschrift „Civilta Cattolica“ (Die katholische Gesellschaft): „Der große Irrtum unserer Zeit ist der offene oder versteckte Rationalismus. Der Rationalismus ist die Vergötterung der Vernunft und konsequenterweise des Menschen. In Deutschland hat er zur Selbstvergötterung, zur Anbetung des eigenen Ich geführt und zum Pantheismus, welcher nur eine Form der Vergötterung des Menschen ist. Die unvermeidliche Konsequenz dieses Systems ist die Leugnung des Sündenfalles der ersten Menschen und der Fortpflanzung der Erbsünde mit ihren Folgen. Der Rationalismus behauptet, der Mensch sei vollkommen, er genüge sich selbst; er brauche nur seine natürlichen Eigenschaften zu entwickeln, um glücklich zu sein; er finde in sich selbst sein Glück. Das Übel, die Leiden und Mühseligkeiten, denen er begegnet, schreibt er nicht den Fehlern und Schwächen der menschlichen Natur, sondern den religiösen und bürgerlichen Einrichtungen, welche er abschaffen, und an deren Stelle er aus seinem Schoß entsprungene Institutionen setzen will, und zwar mittels neuer Gesetze, die er als eine Quelle des Fortschritts und des Glücks in der Zukunft anpreist.“

Nur wenn wir diese Ausführung ruhig durchdenken und die weitere Entwicklung der Gesellschaft daraus deuten, verstehen wir unsere heutige Situation – sowohl in der Kirche als auch im Staat. Der Mensch, der den Erlöser leugnet, hat begonnen, sich selbst zu erlösen und eine neue, vermeintlich bessere Welt zu erbauen. Trotz zweier Weltkriege ist er nicht zur Einsicht gelangt, daß dieses Unternehmen Wahnsinn ist. Im Gegenteil, er baut fleißig an dieser neuen Weltordnung weiter, einer Weltordnung, in der Jesus Christus, der einzige Erlöser des Menschengeschlechtes, keinerlei Platz mehr hat. In der Jesuitenzeitschrift „Civilta Cattolica“ heißt es weiter: „Das Dogma von der Erbsünde zählt zu den unbestreitbaren Wahrheiten des Glaubens schon seit den ersten Jahrhunderten der Kirche. Demnach ist es passender, indirekt eine positive Wahrheit aufzustellen, welche dieses alte Dogma bestätigt und sozusagen erneuert; und diese positive Wahrheit ist keine andere, als die ‚unbefleckte Empfängnis Mariä‘, da der Glaube an sie alle Wahrheiten umfaßt, welche den modernen Irrtümern entgegenstehen. Diese Wahrheit hat den Vorteil, daß sie nicht rein spekulativ ist und nur den Geist aufklärt, wie dies der Fall sein würde bei einer feierlichen Beurteilung der umlaufenden Irrtümer; sie wendet sich auch ans Herz, indem sie anknüpft an den Gegenstand eines den Gläubigen teuren Kultes. Dadurch, daß die ‚unbefleckte Empfängnis‘ als Dogma des Glaubens verkündet wird, wird bestätigt: daß der Mensch gefallen ist, daß die Erbsünde auf alle Kinder Adams übergeht, daß Jesus Christus für den ersten Sündenfall des ersten Menschen genugtun mußte, daß die Gnade zur Sühne der Sünde notwendig ist, daß der Mensch sein Glück nicht in sich selbst findet, daß wir hier auf Erden in der Verbannung leben, daß wir unsere Sünden sühnen müssen durch Aneignung der Verdienste des Erlösers, wenn wir anders zur Seligkeit gelangen wollen.“

Das Kind in der Krippe ist unser Erlöser. Diese Tatsache wird uns besonders durch seine heiligste Mutter vor Augen gestellt, denn die Immaculata ist die Ersterlöste und als solche zugleich die vollendetste Frucht der Erlösung. Aber ihr Sohn wird all die Gnaden erst noch verdienen müssen, die Seiner heiligsten Mutter im Voraus geschenkt wurden. Deswegen ist Sein Leben von Anfang an ein Opferleben, in das auch Seine Mutter und der hl. Josef von Anfang an einbezogen waren – und schließlich jeder einzelne Mensch. Durch die „unbefleckte Empfängnis“ wird somit bestätigt: „daß der Mensch gefallen ist, daß die Erbsünde auf alle Kinder Adams übergeht, daß Jesus Christus für den ersten Sündenfall des ersten Menschen genugtun mußte, daß die Gnade zur Sühne der Sünde notwendig ist, daß der Mensch sein Glück nicht in sich selbst findet, daß wir hier auf Erden in der Verbannung leben, daß wir unsere Sünden sühnen müssen durch Aneignung der Verdienste des Erlösers, wenn wir anders zur Seligkeit gelangen wollen“.

Die neue Schöpfung in Jesus Christus

Kommen wir nun nochmals auf Pierre de Bérulle zurück und lassen wir ihn seinen Gedanken zuende führen. „So geht von dieser neuen Ordnung eine Änderung und ein neues Verhalten der göttlichen Vorsehung aus. Denn nicht mehr der Himmel herrscht jetzt über die Erde, sondern die Erde herrscht über den Himmel, und der Erste Beweger ist nicht mehr in den Himmeln, sondern auf der Erde, seitdem Gott sich auf der Erde inkarniert hat. Der menschgewordene Gott ist fortan der Erste Beweger, der erste Himmel, der die anderen bewegt; sogar Ordnung, Zustand und Lage der Hauptteile der Welt sind umgeworfen durch die von Gott in diesem Mysterium vorgenommene Umwerfung seiner selbst. Jetzt ist der Himmel nicht mehr oberhalb der Erde, sondern eine Erde ist oberhalb aller Himmel, nämlich die Erde unserer Menschheit, die in Jesus Christus lebt. Sie subsistiert im ewigen Wort, ist ein neuer Himmel, unbewegt in sich selbst, aber alles bewegend, ein neues Zentrum des Alls, auf das alle geistige und körperliche Kreatur zustrebt, das alles in seine Einheit hinein versammelt, alles durch seine Kraft an sich zieht, ein Zentrum, das nicht in der Mitte der Welt, sondern höher als die Welt steht. Und nicht mehr der Engel beherrscht die Menschen, sondern ein Mensch beherrscht alle Menschen und alle Engel. Sie alle, und selbst der oberste der Engel, nehmen ihre Weisungen auf Erden von diesem Menschen entgegen, einem Kind von drei Jahren, drei Monaten, drei Tagen. Ja, die Engel lernen sogar von Menschen, die diesem Gottmenschen anhängen und dienen, von armen Sündern, von törichten und unwissenden Menschen, nur weil diese ihm nachfolgen und seine Jünger sind; die Engel, sage ich, lernen demütig auf Erden von ihnen die Geheimnisse der göttlichen Allmacht, von der niedrigen, geheimnisvollen Ökonomie der Menschwerdung. Dinge, die sie im Himmel und im Licht der Glorie in ihrem ganzen Umfang und in all ihren Wundern nicht kennen. Das hat den Apostel, da er vom gleichen Mysterium sprach, zu sagen veranlaßt, daß ihm der Auftrag zufiele, die Herrlichkeit und den unfaßlichen Reichtum Jesu Christi zu verkünden und das seit Äonen in Gott verborgene Mysterium kundzutun, damit die vielfältige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten offenbar werde durch die Kirche (vgl. Eph 3,3.9f).“

Das Kind in der Krippe ist wahrer Gott und als solcher steht es über allen Dingen dieser Welt, ja es ist diesen als Erster Beweger innerlich gegenwärtig, denn ohne Gott könnten sie weder sein noch tätig sein. Mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes verändert sich unsere Welt grundlegend, wenn auch unsichtbar. Unsere Welt wird nämlich in der menschlichen Natur Jesu hinaufgehoben bis zur ewigen Gottheit: Sie subsistiert im ewigen Wort, ist ein neuer Himmel, unbewegt in sich selbst, aber alles bewegend, ein neues Zentrum des Alls, auf das alle geistige und körperliche Kreatur zustrebt, das alles in seine Einheit hinein versammelt, alles durch seine Kraft an sich zieht, ein Zentrum, das nicht in der Mitte der Welt, sondern höher als die Welt steht.

Diese neue Wirklichkeit macht uns allein unser hl. Glaube ansichtig. Mit seiner Hilfe durchschauen wir die menschliche Natur dieses Kindes in der Krippe und nehmen seine verborgene göttliche Natur wahr, die in der Einheit der zweiten göttlichen Person der eine Gottmensch Jesus Christus ist. In IHM eingeschlossen ist unser aller ewiges Heil. Das ganze Christentum ist letztlich Jesus Christus, der Gottmensch: Und nicht mehr der Engel beherrscht die Menschen, sondern ein Mensch beherrscht alle Menschen und alle Engel. Sie alle, und selbst der oberste der Engel, nehmen ihre Weisungen auf Erden von diesem Menschen entgegen, einem Kind von drei Jahren, drei Monaten, drei Tagen.

Man muß vor dem Kind in der Krippe niederknien, muß es lange schweigend betrachten und seine Kleinheit, Hilflosigkeit, Verletzlichkeit und seine völlige Angewiesenheit auf die Liebe seiner Mutter tief erwägen, um sodann vollkommen überrascht und außer sich zu erkennen: Ihm gehorchen alle Engel des Himmels und jedes Ding in unserer Welt, von den größten Sternen bis hin zum kleinsten Sandkorn. Nur mit einem Wink Seines Willens bewegt ER die ganze Welt! Das hat den Apostel, da er vom gleichen Mysterium sprach, zu sagen veranlaßt, daß ihm der Auftrag zufiele, die Herrlichkeit und den unfaßlichen Reichtum Jesu Christi zu verkünden und das seit Äonen in Gott verborgene Mysterium kundzutun, damit die vielfältige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten offenbar werde durch die Kirche (vgl. Eph 3,3.9f).

Nach dem hl. Paulus ist also die eigentliche, wichtigste, hauptsächliche Aufgabe der katholischen Kirche, das seit Äonen in Gott verborgene Mysterium kundzutun, nämlich den Gottmenschen Jesus Christus, sodaß selbst den Mächten und Gewalten die vielfältige Weisheit Gottes offenbar werde durch die Kirche. Was für ein aufregender Gedanke! SEIN Kommen besitzt notwendigerweise eine weltbewegende und weltverwandelnde Kraft, denn GOTT ist immer allmächtig – auch wenn ER als Kind in einer Krippe liegt. Wer darum wirklich an IHN glaubt und aus Seiner Gnade lebt, der wird selbst durch IHN verwandelt werden, denn: „Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5, 17).

Schaut man unter dieser Voraussetzung auf das moderne Europa, so muß man feststellen, das Christentum ist alt geworden und das Bekenntnis Jesu Christi lau. Wer ist noch fasziniert von den göttlichen Möglichkeiten, welche uns durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes eröffnet wurden? Wir nennen diese göttlichen Möglichkeiten Heiligkeit. In Christus Jesus unserem Herrn wurden uns wunderbare, schwindelerregende Möglichkeiten, unsere Leben verwandeln zu lassen und zu verwandeln, wiedergeschenkt. Es ist heute jedem leicht einsichtig, nur wenn wir die übermenschliche, göttliche Größe und Lebensfülle des göttlichen Wortes glaubend und anbetend erfaßt haben, werden wir auch sein „Kommen“ in unsere Welt als das gewaltigste Ereignis begreifen können, das jemals in unserer Welt geschehen ist, sodaß dieses Ereignis uns auch zur entsprechenden Tat bewegt. Wie unfaßlich ist letztlich SEIN Kommen und wie unermeßlich groß SEIN Geheimnis. Die liturgischen Texte der hl. Weihnacht gebrauchen mit Vorliebe das schlichte „venit“, „Er kam“ als Antwort auf die Menschenbitte des „veni“, „komm“ der Adventszeit. Dieses schlichte „Er kam“ entspricht letztlich auch allein dem äußerlich so stillen Kommen des Herrn. Dieses „Kommen“ heißt für Ihn natürlich nicht den Ort wechseln, sondern: vor unseren Augen sichtbar werden, während Er vorher unsichtbar war. „Nicht durch eine bloße örtliche Veränderung kam Gottes Weisheit zu uns, sondern in der Weise, daß sie im sterblichen Fleisch den sterblichen Menschen erschien. Sie kam dorthin, wo sie schon war, weil sie ja in dieser Welt war und die Welt durch sie gemacht worden ist“ (Hl. Augustinus).

Warum ist Er denn eigentlich gekommen? Er, der Reiche ist dem Armen nachgegangen, der Arzt kommt zu dem Kranken — denn wir waren zu schwach, um zu Ihm zu gehen: „… unser Blick war an das Dunkel gewohnt, Er aber wohnt im unnahbaren Licht; wir lagen wie jener Gelähmte auf unserem Elendsbett, und da konnten wir nicht hinaufreichen bis zu seiner Höhe. Deshalb ist der gütige Helfer und Arzt unserer Seelen von seinem Thron herabgestiegen zu uns und hat das Leuchten seiner Herrlichkeit unseren schwachen Augen angepaßt“ (Hl. Bernhard).