Die Erde über dem Himmel

Oder wie der hl. Anselm schreibt:

„Herr, als wir noch deine Feinde waren und der alte Tod über alles Fleisch seine Zwingherrschaft ausübte —, war doch das ganze Geschlecht Adams ihm kraft der Erbschuld verfallen —, da warst du eingedenk deiner überreichen Barmherzigkeit. Du schautest von deinem Hochsitze herab in dieses Tal der Tränen und des Jammers. Herr, du sahst an die Drangsal deines Volkes, und im Inneren gerührt von zarter Liebe, dachtest du wieder an uns mit Gedanken des Friedens und der Erlösung. Obschon du warst der Sohn Gottes, wahrer Gott, Gott dem Vater und dem Heiligen Geiste gleich ewig und wesensgleich, wohnend in unzugänglichem Lichte, das All tragend durch das Wort deiner Kraft, hast du es doch nicht verschmäht, Erhabener, dich zu neigen in den Kerker unserer Sterblichkeit. Dort wolltest du kosten und austrinken unser Elend, um uns wieder einzusetzen in die Herrlichkeit.
Es war deiner Minne zu wenig, einen Cherub, einen Seraph oder einen aus den Engeln zu bestimmen, daß er das Werk unserer Rettung vollzöge. Du selbst hieltest es nicht unter deiner Würde, zu uns zu kommen im Auftrage des Vaters, dessen übergroße Minne wir in dir erfahren haben.
Du kamst, sage ich — doch hast du deinen Platz nicht geändert —, und schenktest uns deine Gegenwart im Fleische. Du stiegst herab vom königlichen Throne deiner erhabenen Herrlichkeit — in die Maid, die sich selbst so klein und verächtlich vorkam, die sich als Erste gesiegelt hatte mit dem Gelübde jungfräulicher Keuschheit. In ihrem heiligen Schoße ließ die unaussprechliche Kraft des Heiligen Geistes dich empfangen und geboren werden in einer wahren menschlichen Natur. Doch dieses Geborenwerden tat weder der göttlichen Hoheit in dir Abbruch, noch verletzte es in der Mutter die jungfräuliche Unversehrtheit.
Arm geboren.
Welch liebenswerte, welch staunenswerte Herablassung! Du, unermeßlich herrlicher Gott, hast es nicht verschmäht, ein verachteter Wurm zu werden. Der du Herr bist über alle, wolltest erscheinen als Mitknecht deiner Knechte. Wenig dünkte es dich, unser Vater zu sein, du, Herr, würdigtest dich, auch unser Bruder zu werden. Und du, Herr des Alls, über jeden Mangel erhaben, schrecktest nicht davor zurück, gleich bei deiner Geburt zu verkosten die Härte der drückendsten Armut. Gab es doch, wie die Schrift uns erzählt, keinen Platz mehr in der Herberge für dich, als du geboren wurdest. Auch hattest du keine Wiege, die deine zarten Glieder aufnahm; sondern du wurdest in Windeln gehüllt und in die elende Krippe eines schmutzigen Stalles gelegt — und doch umspannst du den Erdball mit deiner Hand — von vernunftlosen Tieren borgte deine Mutter eine Krippe als Lagerstätte für dich.
So tröstet euch, tröstet euch, die ihr aufwachset in schmutzigen Lumpen der Armut — teilt doch Gott mit euch die Armut. Er ruht nicht auf molligem Pfühl eines Prunkbettes; man findet ihn nicht im Lande der Weichlinge. — Was rühmst du dich noch, Reicher? Du versinkst im Pfühl eines buntgestickten und weichlichen Bettes, während der König der Könige es vorzog, durch seine Liegestatt das Stroh der Armen zu ehren. Was verwünschest du ein hartes Lager, während doch das zarte Knäblein, dem alles in die Hand gegeben ist, rauhe Viehstreu vorzog deinen Seidendecken und deinen Daunenkissen!“ (aus: Betrachtungen des hl. Anselm, Theatinerverlag München, 1926).

Der wunderbare Austausch

Die ganze Weihnachtszeit stehen wir immer wieder staunend vor dem Wunder Gottes, der „durch seines Sohnes Erniedrigung die erniedrigte Welt wieder erhoben hat“, und wir beten die heilige Menschheit dessen an, der „Mensch geworden ist wie wir, damit wir der göttlichen Natur teilhaftig werden können“ (Hl. Leo d. Große). Herr, kann ich das wirklich glauben: Du, der Reiche, bist um meinetwillen arm geworden – damit ich durch Deine Armut reich würde? „Ich hatte nicht, was Dein eigenstes ist, und Du hattest nicht, was mein eigenstes ist. Darum nahmst Du an, was mein ist, um mir zu erwirken, was Dein ist“, so der hl. Ambrosius. Und die hl. Liturgie faßt in klassischer Kürze unseren wichtigsten Weihnachtswunsch in die Worte: „Gott, wir bitten dich in Demut: daß der menschgewordene Heiland der Welt, wie er für uns Urheber der Gotteskindschaft ist, ebenso auch Spender der Unsterblichkeit sei!“

Wenn die Kirchenväter über das Weihnachtsgeheimnis nachsinnen, beginnen sie über jenen wunderbaren Austausch zu jubeln, der in dem Kind in der Krippe sichtbar vor uns liegt. Die göttliche Allmacht hat eine wunderbare Einheit geschaffen — eine Einheit, einzig, einmalig im ganzen Weltgeschehen: der Mensch Jesus kann sagen: ich bin Gott — das göttliche WORT kann sprechen: ich bin Mensch.

Eine unbegreifliche Einheit, Nähe, Gegenwart. Nicht nur wie Gott in seiner Schöpfung und mit ihr „eins“ ist durch seine Allgegenwart ist ER in diesem Kind. Nicht nur wie Gott in seinem Tempel wohnt und ihn „erfüllt“, ihn durch seine besondere Nähe durchdringt und heiligt — nirgends hier ist ein Geschaffenes, trotz aller Nähe, in die Einheit einer göttlichen Person aufgenommen. Nur im Gottmenschen ist unsere Natur zur Würde des Gotteseins erhoben. Und so geschieht der wunderbarer Austausch: „Unsichtbar in seinem Bereich — ist er sichtbar geworden in unserem. Der Unbegreifliche — wollte sich von uns mit Händen greifen lassen. Vor aller Zeit und über aller Zeit — nahm er einen Anfang in der Zeit. Der HERR des Weltalls — hat seine Gottesmajestät verhüllt und Knechtsgestalt angenommen. Gott, von dem jedes Leid fern ist — wollte als Mensch leiden können. Der Unsterbliche — hat sich dem Gesetz des Todes unterworfen“ (Hl. Leo d. Große).

Wir müssen in diesen Weihnachtstagen besonders um die Gnade eines erleuchteten Glaubens bitten, eines Glaubens, der dieses Wunder festhält, um es mehr und mehr zu bestaunen. Hören wir nochmals den hl. Papst Leo d. Großen:

„Nimm die Kraft des WORTES weg — und keine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, der Jesus heißen soll; nimm die Wirklichkeit des Fleisches weg — und kein Kind liegt in Windeln in einer Krippe.
Nimm die Kraft des WORTES weg — und keine Weisen kommen, das Kind anzubeten, zu dem ihnen der Wunderstern den Weg gewiesen; nimm die Wirklichkeit des Fleisches weg — und kein Kind muß vor Herodes nach Ägypten in Sicherheit gebracht werden.
Nimm die Kraft des WORTES weg — und du hörst keine Stimme des Vaters; Das ist mein vielgeliebter Sohn; nimm die Wirklichkeit des Fleisches weg — und kein Johannes bezeugt: Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegnimmt!
Nimm die Kraft des WORTES weg — und kein Kranker wird von ihm geheilt, kein Toter zum Leben erweckt; nimm die Wirklichkeit des Fleisches weg — und er braucht nicht Speise für seinen Hunger und keinen Schlaf für seine Müdigkeit.
Das ist eben unser katholischer Glaube, daß er beides umfaßt: der eine Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist für uns wie für Petrus Gott und Mensch.“

Kardinal Newman

Den Schluß unserer Erwägungen soll ein etwas längerer Text von Kardinal John Henry Newman bilden. Dieser Text war ursprünglich von Newman nur für sich selbst geschrieben und erst nach seinem Tod von den Vätern des Oratoriums in Birmingham herausgegeben worden. Man hört es aus diesen Zeilen Wort für Wort heraus, sie sind über Jahre hinweg gereift und die Frucht langer Betrachtungen. Uns führen sie von der Krippe weg mitten ins Leben dessen, welcher der Sohn des ewigen Vaters und der zugleich der Sohn Mariens ist.

„Die Liebe (sympathy) kann ein ewiges Gesetz genannt werden; denn sie ist Sinnbild der unaussprechlichen gegenseitigen Liebe der allerheiligsten Dreifaltigkeit oder besser, die Liebe der drei göttlichen Personen ist Urbild und Erfüllung aller menschlichen Liebe. Gott, die unendliche Einheit, war immer in drei Personen. Der Vater war von Ewigkeit her selig in seinem Sohne und seinem Geiste, und sie in Ihm; von Ewigkeit der Eine Gott und doch nicht einsam, genießt Er in der unbegreiflichen Vielheit seiner selbst und in der Wiederholung seiner Person eine unendlich vollkommene Seligkeit, die durch nichts Geschaffenes vermehrt werden kann. Satan allein ist unfruchtbar und einsam, eingeschlossen in sich selber, er und seine Anhänger.
Als der Sohn für uns auf die Erde kam und unser sterbliches Fleisch annahm, wollte Er nicht ohne menschliche Liebe leben. Dreißig Jahre lang verbrachte er mit Maria und Joseph und bildete auf Erden einen Schatten der himmlischen Dreieinigkeit. Oh, welch vollkommener, seelischer Einklang herrschte zwischen diesen Dreien! Jeder Blick des einen wurde von den anderen verstanden, besser, als wenn er in tausend Worten ausgesprochen wäre; und nicht nur verstanden, sondern auch aufgenommen, erwidert und erfüllt. Es war wie das vollkommene Zusammenstimmen dreier Instrumente, die alle klingen, wenn eines angeschlagen wird, und in vollkommener Harmonie denselben Ton geben. Gestört wurde die heilige Einheit zuerst durch den Tod Josephs. Es trat zwar keinerlei Mißton ein; denn bis zum letzten Augenblicke seines Lebens war er eins mit ihnen, und ihre Bande wurden nur noch fester und inniger, als der Verfall seiner Kräfte eintrat und die letzte Krankheit und der Tod kamen. Es war wie eine Melodie, die in bestimmten Akkorden ein Lied durchzieht und von allen in voller Harmonie gesungen wurde. Dieses Lied schloß bei Josephs Tode mit einem tieferen und schwächeren Ton; nicht als ob Joseph mit seiner Heiligkeit die Fülle der Harmonie vermehrt hätte; aber die Liebe schließt schon an sich eine Zahl ein, und als Joseph starb, legte sich über eine der drei Harfen stummes Schweigen.
Oh, welcher Augenblick der Liebe zwischen den drei Personen in der Stunde, da Joseph starb! Sie gebeugt über ihn und ihn haltend, er in rückhaltloser, tiefster Andacht sie anschauend und auf sie gestützt, in den Armen Gottes und der Gottesmutter! Wie eine Flamme zum letztenmal aufleuchtet und dann zusammensinkt, so dieser letzte, unaussprechliche Augenblick, in dem alle drei den Schmerz der Trennung vorausempfanden. Nur ein Moment, sehr verschieden durch Freude, nicht durch Trauer, kommt ihm an Stärke der Empfindung gleich: nämlich der Augenblick der Geburt Jesu. Jesu Geburt und Josephs Tod, zwei Momente von unaussprechlicher Lieblichkeit und Anmut, ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit! Der heilige Joseph geht ein in die Vorhölle, fern vom Angesicht Gottes, um zu warten, bis seine Zeit gekommen sei; Jesus geht predigen, leiden und sterben, und Maria soll Zeuge seiner Schmerzen sein und nach der Auferstehung weiter leben ohne Ihn, inmitten der Wirrnisse des Lebens und der Herzenshärte der Heiden.
Jesu Geburt und Josephs Tod, mit diesen beiden Momenten beginnt und endigt die lebendige, reine, vollkommene Liebe zwischen den drei Gliedern der irdischen Dreieinigkeit. Der Tod Josephs, der sie zerbrach, war der Aufbruch für anderes; denn mit ihm begann die Änderung, die sich auch auf den Sohn und die Mutter erstreckte. Dreißig Jahre lang hatten beide in völliger Verborgenheit vor der Welt füreinander gelebt. Nun sollte Jesus scheiden, um seine Predigt und sein Leiden zu beginnen, und als erste unvermeidliche Probe eigener Wahl beraubte Er sich selbst der freudevollen Gemeinschaft der Herzen, die zwischen Ihm und seiner heiligen Mutter vom Augenblick der Empfängnis an bestand und deren Urbild Er eine ganze Ewigkeit hindurch mit dem Vater und dem Heiligen Geiste besessen hatte.
O meine Seele, du darfst diese Einheit der drei Herzen betrachten und selber Anteil haben an ihrer Liebe durch den Glauben, wenn auch nicht durch Schauen. O mein Gott, ich glaube und ich weiß, daß eine Gemeinschaft himmlischer Dinge damals auf Erden begonnen und seither nie mehr aufgehört hat. Es ist meine Pflicht und meine Freude, darin einzutreten; es ist meine Pflicht und meine Freude, ein Akkord in dieser wunderbaren Musik zu sein, die in dem Hause von Nazareth zu erklingen begonnen hat. Gib mir Deine Gnade, die allein mich diese Harmonie vernehmen und begreifen läßt, auf daß sie in mir nachklinge. Laß meine Seele mit Jesus, Maria und Joseph atmen; laß mich in Verborgenheit mit ihnen leben, fern von der Welt und ihren Gedanken. Laß mich auf sie schauen in Freud und Leid und leben und sterben in ihrer süßen Liebe.
Der letzte Tag der irdischen Gemeinschaft zwischen Jesus und Maria war der der Hochzeit zu Kana. Damals wurde schon die beglückende Innigkeit in etwa gestört, weil sie nicht mehr allein füreinander leben konnten; mit dem Schritt in die Öffentlichkeit begannen sie, ihren Platz in der neuen Ordnung der Dinge einzunehmen, die sich nun vor ihnen auftat. Jesus offenbarte seine Herrlichkeit durch sein erstes Wunder und auch die Herrlichkeit seiner Mutter, indem Er es auf ihre Bitte hin wirkte. Er ehrte sie noch besonders, indem Er auf ihr Wort die Ordnung seiner Pläne änderte und, obwohl die Zeit seiner Wunder noch nicht gekommen war, auf ihre Bitte hin das erste gewissermaßen vorwegnahm. Jedoch mit Erfüllung ihres Wunsches nahm Er Abschied von der Mutter in den Worten: »Frau, was ist zwischen Mir und dir?« So ging Er segnend, aber unwiderruflich von ihr und verließ einsam und ohne Hilfe sein Paradies. In der Tat, der wahre Hohepriester der Welt mußte, um seine Mission an dem Menschengeschlecht zu erfüllen, frei von menschlichen Banden und von der Anhänglichkeit an Fleisch und Blut sein. Ein Grund für sein langes Zusammensein mit der Mutter in Nazareth mag der gewesen sein, zu zeigen, daß Er, um Mensch zu werden, auf die Glorie und Seligkeit im Himmel verzichten wollte und, um Priester zu werden, auch auf die unschuldigen und reinen Freuden des irdischen Herdes verzichten wollte. Von Melchisedech wird im Alten Bunde weder Vater noch Mutter erwähnt; die Leviten zeigten sich ihres Priesteramtes erst würdig und wurden dem Priesterstande eingereiht, wenn sie sich gegen natürliche Neigungen stark erwiesen und zu Vater und Mutter sprachen: »Ich kenne euch nicht«, ja sogar das Schwert gegen ihre Blutsverwandten erhoben, wenn die Ehre des Herrn der Heerscharen dieses Opfer verlangte. In ähnlicher Weise sagte auch der Herr zu seiner Mutter: »Was ist zwischen Mir und dir?« Das war die Weihe-Trennung des Opfers, der erste klare Schritt zu der großen Opferhandlung, die feierlich für das Heil der Welt vollzogen werden sollte; es ist die Opferung vor der Darbringung der Hostie. O mein teuerster Erlöser, der Du für mich auf Deine Mutter verzichtet hast, gib mir die Gnade, um Deinetwillen auf alle meine irdischen Freunde und Angehörigen mit Gleichmut zu verzichten!“ (Aus: Kardinal Newman, Gott und die Seele, Matthias-Grünewald-Verlag Mainz, 1937)