Tätige Teilnahme – Teil 2

von antimodernist2014

1. Im ersten Teil dieser Arbeit haben wir im Anschluß an Dr. Byrne unserem sinistren Verdacht Ausdruck verliehen, finstere Kräfte im Vatikan hätten bereits im Jahr 1903 die Worte des hl. Pius X. verfälscht und so hinterrücks die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen in sein „Motu proprio“ über die Kirchenmusik eingeschmuggelt, die dort ursprünglich gar nicht zu finden war. Damit lagen wir falsch. Tatsächlich stammt der Ausdruck original von Pius X. selber, wie uns ein aufmerksamer Leser aufklären konnte.

Wir zitieren aus seinem Schreiben: „Ich glaube …, daß sich zum hl. Pius X. leider eine Fehlinterpretation eingeschlichen hat, die so nicht stehen bleiben sollte, wenn auch, wie ich glaube, Ihre Argumentation davon nicht wesentlich beeinträchtigt wird. Es liegt mir natürlich fern, der ‚actuosa participatio‘, so, wie sie sich in der liturgischen Bewegung entwickelt hat, das Wort zu reden. Wir wissen alle, wie diese Tendenz immer mehr ausgeartet ist. Ich glaube aber, und das muß man klar bedauern, daß auch der hl. Pius X. (wie später in verstärktem Maße die Päpste Pius XI. und Pius XII.) in diesem Zusammenhang ungewollt gewissen Tendenzen Vorschub geleistet hat, die dann zu Praktiken geführt haben, die nicht in seinem Sinne und im Sinne der Kirche waren und sind.“

Weiter: „Sie schreiben (aufgrund einer Studie von einer Frau Dr. Byrne, ich glaube ‚Carol‘ ist eine Frau!): ‚Das Motu proprio Papst Pius‘ X. [erschien] in den ‚Acta Sanctae Sedis‘ (ASS) des Jahres 1903 in zwei Versionen, einer italienischen und der lateinischen. Die italienische fand sich mehr als fünfzig Seiten vor der lateinischen Version, mit etlichen anderen Dokumenten dazwischen. Auch war die italienische Fassung vom 22. November datiert, die lateinische mit ‚X Kalendas Decembris‘, was zwar dasselbe Datum in der lateinischen Zählweise darstellt, einen der Sache unkundigen Leser jedoch verleiten könnte zu glauben, die lateinische Fassung sei erst im Dezember nach der italienischen entstanden. Das ist deshalb von Bedeutung, weil schon die italienische Übersetzung den eigentlichen Sinn der Aussage des hl. Pius X. an der genannten Stelle verfälscht.‘ Nun ist aber die italienische Fassung, entsprechend ihrer Erstveröffentlichung, gut 50 Seiten vor der lateinischen, in der Tat die Originalfassung dieses Motu proprio, das der Papst selber in seiner Muttersprache geschrieben hat. Somit ist der italienische Wortlaut der primär vom Papst intendierte und authentische. Entsprechend heißt es auf S. 329 der ASS 36/1903, wo der italienische Text abgedruckt wird, in einer Fußnote: Haec Instructio de Musica sacra, quamvis a Romano Pontifice italico idiomate exarata sit, tamen totum catholicum Orbem respicit; proindeque nos omnibus lectoribus nostris prospicere volentes, eiusdem versionem latinam, quam maxime fidelem in proximo fasciculo dabimus. Und im nächsten Heft erscheint dann tatsächlich wie angekündigt die lateinische Übersetzung, offenbar von der Redaktion der ASS verfaßt, und dazu S. 387 die Bemerkung: Textus officialis, italice exaratus, prostat in hoc ipso volumine pag. 329 (hier vernetzt: http://www.vatican.va/archive/ass/documents/ASS-36-1903-4-ocr.pdf ; zahlreiche Scanfehler, auch in den Seitenzahlen).“

Unser Leser kommt daher zu dem Fazit: „Offensichtlich ist also die lateinische (und dann auch andere Fassungen) tatsächlich nach der italienischen entstanden und liegt keine Verfälschung der Aussagen des Papstes vor. Trotz dieser Einschränkung meine ich, daß Ihre Schlußfolgerung aufrechterhalten werden kann.“ Wir hatten damals geschrieben: „Der Papst will somit sagen: Der Gregorianische Choral, wie er seit Jahrhunderten in der Kirche gepflegt wurde, soll durch geschulte männliche Sängerscholen in den verschiedenen Kirchen wieder verstärkt eingeführt und gesungen werden, um so den Gläubigen wieder zu jener innigen und innerlichen Anteilnahme an der Liturgie zu verhelfen, wie sie von jeher üblich war und in neuerer Zeit durch gewisse kirchenmusikalische Entgleisungen verdunkelt wurde.“ Dies hält unser Leser für zutreffend, denn „auch die italienischen Ausdrücke des Papstes nell’uso del populo (= apud populum, aber doch eigentlich sinngleich!), parte più attiva (=vehementius), come anticamente solevasì (=gemäß dem mos maiorum =wie von jeher üblich, eigentlich auch fast sinngleich!) lassen bei ihrer doch sehr allgemein gehaltenen Aussagekraft (die in der lateinischen Version wohl bewußt noch allgemeiner wurde, wie Sie bemerkt haben) m.E. nicht die pointierten viel weiter gehenden (und katholischerseits nicht mehr zu vertretenden) Schlüsse zu, welche die Neuerer, allen voran Dom Beauduin, einige Jahre später darin lesen wollten und allgemein einführen bzw. auferlegen (auch schon allein deswegen, daß die Stillmessen in diesem Motu Proprio überhaupt nicht einbezogen sind, und also das laute Mitbeten keineswegs im Sinne des hl. Papstes gewesen sein kann).“

2. Wir sind unserem aufmerksamen Leser sehr dankbar und freuen uns, solche Leser zu haben. Es bleibt also dabei, daß der hl. Pius X. mit seiner „tätigen Teilnahme“ etwas ganz anderes im Auge hatte als Beauduin und die übrigen „Neuerer“. Zumal er, wie wir gesehen haben, den Choralgesang als liturgischen Dienst im eigentlichen Sinn betrachtete und ihn daher ausschließlich Männern oder Knaben vorbehielt, was erst unter Pius XI. und vollends unter Pius XII. aufgeweicht wurde. Zur Erinnerung: Pius X. betonte in seinem „Motu proprio“ noch, „daß die Sänger in der Kirche ein echtes liturgisches Amt ausüben und daß daher Frauen, die doch zu einem solchen Amt nicht fähig sind, zur Mitwirkung in der Schola oder im Chor nicht zugelassen werden dürfen“. In der Enzyklika Papst Pius‘ XII. über die Kirchenmusik, „Musicae sacrae disciplina“, vom 25. Dezember 1955 hingegen lesen wir: „Wo aber solche Sängerscholen nicht eingerichtet werden können oder sich die entsprechende Zahl von Sängerknaben nicht findet, ist es gestattet, daß ‚ein Chor von Männern und Frauen oder Mädchen an einem nur für ihn bestimmten Platz außerhalb des Altarraumes im Hochamt die liturgischen Texte singen könne, vorausgesetzt, daß die Männer von den Frauen und Mädchen ganz getrennt sind…‘.“

Wir hatten gesehen, wie weit die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen am Ende des Pontifikats von Pius XII. bereits fortgeschritten war, nicht zuletzt dank der liturgischen „Reformen“, welche die von ihm eingesetzte liturgische Kommission mit dem Sekretär Annibale Bugnini erarbeitet hatte. Bugnini soll als Bruder „Buan“ Mitglied der Freimaurer gewesen sein und von diesen den Auftrag zur Zerstörung der katholischen Liturgie erhalten haben. Wie dem immer sei, er hätte wohl kaum besser im Sinne der Freimaurerei agieren können.

Am 28. Oktober 1958 war Roncalli zum Gegenpapst „Johannes XXIII.“ erhoben worden, und schon im Januar 1959 kündigte er sein „Ökumenisches Konzil“ an, welches den Ideen der Neuerer endgültig den Durchbruch verschaffen sollte. In liturgischen Dingen war Roncalli eher konservativ. Auch als „Johannes XXIII.“ feierte er zumindest 1959 noch die Karwoche nach der alten, vor-bugninischen Form. Die von Pius XII. eingesetzte liturgische Kommission beendete ihr Werk im Jahr 1960. Ihr vorläufiges Ergebnis erschien in Gestalt neuer liturgischer Bücher im Jahr 1962, die sog. „Bücher Johannes‘ XXIII.“, nach welchen sich heute die „traditionalistischen“ Gemeinschaften richten.

Von 1960 bis 1962 fungierte Bugnini abermals als Sekretär, diesmal der zur Vorbereitung des „II. Vatikanums“ gebildeten Liturgischen Kommission. In dieser Eigenschaft hatte er Gelegenheit, maßgeblich den Text des Liturgieschemas zu entwerfen, der dann vom „II. Vatikanum“ verabschiedet werden sollte. Im Jahr 1962 fiel er aus irgendwelchen Gründen bei Roncalli in Ungnade und wurde von seinen Ämtern entfernt. Er war der einzige Sekretär einer vorbereitenden Konzilskommission, der nicht in die entsprechende Kommission des „Konzils“ selbst übernommen wurde. Doch sein Schema machte auch ohne ihn seinen Weg, bevor er 1964 von Montini, dem Nachfolger des 1963 verstorbenen Roncalli, abermals in eine neugeschaffene Liturgische Kommission berufen wurde, die nunmehr die vom „Konzil“ beschlossenen „Reformen“ umsetzen sollte. Und wieder arbeitete die Kommission im Geheimen, direkt unter dem „Papst“ und an der Gottesdienstkongregation vorbei.

3. Damit zur „Konstitution über die heilige Liturgie“ des „II. Vatikanums“ mit dem Titel „Sacrosanctum Concilium“ (SC). Laut Rahner-Vorgrimler (Kleines Konzilskompendium, Freiburg/Br., 20. Aufl. 1987) wurde diese „von der Vorbereitenden Kommission“ mit dem Sekretär Bugnini „entworfen“. „Das nachträglich etwas abgeschwächte Schema“ – so viel konnten die „konservativen“ unter den „Konzilsvätern“ immerhin erreichen – „wurde vom 22. Oktober 1962 ab als erster Konzilstext diskutiert und im November als Ganzes angenommen. Abänderungsvorschläge wurden bis Mai 1963 eingearbeitet. Im Oktober 1963 konnten bereits detaillierte Abstimmungen stattfinden, wobei neuerlich Änderungsvorschläge vorgebracht wurden. Die feierliche Schlußabstimmung ergab 2147 Ja- gegen 4 Nein-Stimmen; am gleichen Tag, dem 4. Dezember 1963, wurde die Konstitution feierlich verkündet.“

Trotz gewisser Abschwächung und mancher Änderungen blieb das Schema der Bugnini-Kommission in seiner Substanz erhalten. Die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen nimmt erwartungsgemäß eine eminente Stellung darin ein. So ist bereits der zweite Abschnitt des ersten Kapitels, welches „Allgemeine Grundsätze zur Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie“ behandelt, überschrieben: „Liturgische Ausbildung und tätige Teilnahme“. Dieser Abschnitt beginnt mit der Nummer 14 des Dokuments, und darin liest es sich so: „Die Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk, ‚das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, der heilige Stamm, das Eigentumsvolk‘ (1 Petr 2,9; vgl. 2,4-5) kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist. Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen.“

Wir sehen, wie die Ideen Beauduins hier in vollem Umfang durchgeschlagen haben. Denn „alle Gläubigen“, das ganze „christliche Volk“ ist „kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet“ zur „vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern“. Diese „volle und tätige Teilnahme“ ist „die erste und unentbehrliche Quelle“ für den „wahrhaft christlichen Geist“. Da kann man nur schaudern, wie sträflich die Gläubigen vergangener Jahrhunderte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein diese ihre so strenge Pflicht vernachlässigt haben bzw. dieser durch den bösen „aristokratischen“ Klerus beraubt worden waren, und braucht sich nicht wundern, daß sie keinen „wahrhaft christlichen Geist“ mehr hatten, den erst die Neuerer wundersamer Weise wieder entdeckt und uns nun zurückgegeben haben.

Das allgemeine Priestertum der Gläubigen, welches diesen durch die Taufe verliehen wird, war eine der Lieblingsideen Martin Luthers. Sie diente ihm dazu, das Weihe-Priestertum gänzlich abzuschaffen und durch ein Laien-Priestertum zu ersetzen. Im Protestantismus kann grundsätzlich jeder Laie, ob Mann oder Frau, predigen und das „Abendmahl“ feiern. Taufe und „Abendmahl“ genügen daher als Sakramente. In Wahrheit jedoch ist es nicht so. Zwar gibt es zweifellos ein allgemeines Priestertum aller Getauften, wovon ja auch der heilige Petrus spricht, den das „II. Vatikanum“ zitiert. Die Taufe bewirkt eine Eingliederung in den Mystischen Leib Christi und verleiht daher auch Anteilnahme an Seinem Hohepriestertum. Doch wie genau sieht diese Anteilnahme aus?

J.B. Heinrich schreibt in seiner Dogmatik (Bd. 9, 1901 S. 299) über die Wirkungen der Taufe: „Zugleich gibt der Taufcharakter dem Christen eine amtliche Stellung in dem kirchlichen Organismus.“ Er führt aus: „Die Gliederung dieses Organismus wird durch den dreifachen Charakter der drei Sakramente, welche Untertanen [Taufe], Streiter [Firmung] und Priester Christi [Priesterweihe] besiegeln, hergestellt. Dem Taufcharakter als dem ersten und allgemeinsten kommt es zu, die Christen aus der Welt auszuscheiden, die Christen von den Nichtchristen zu unterscheiden und alle Glieder des Leibes Christi einheitlich miteinander zu verbinden, die Einheit der Kirche in realer Weise herzustellen.“ Weiter: „Durch den Charakter bekommt der Getaufte alle Rechte und übernimmt alle Pflichten eines Untertanen Christi, eines Gliedes seines mystischen Leibes. Durch die Taufe wird der Christ erst befähigt, aber auch berechtigt, alle übrigen Sakramente, sowie alle Segnungen und Wohltaten, welche der Herr in seiner Kirche niedergelegt hat, zu empfangen“ (ebd. S. 300).

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