Tätige Teilnahme – Teil 2

Das allgemeine Priestertum der Getauften besteht also in der Befähigung und Berechtigung dazu, „alle übrigen Sakramente, sowie alle Segnungen und Wohltaten, welche der Herr in seiner Kirche niedergelegt hat, zu empfangen“, darunter vor allem auch die Wirkungen des heiligen Meßopfers. Es besteht aber nicht darin, die heilige Messe selber zu feiern oder andere liturgische Handlungen vorzunehmen; dafür gibt es im Mystischen Leib Christi einen eigenen Stand, welcher den Charakter des Priestertums trägt. Dem Priester allein steht es zu, das Altarsakrament zu spenden, dem Gläubigen jedoch gebührt das Recht, das Altarsakrament aus der Hand des Priesters zu empfangen. Da sehen wir so recht den Unterschied zwischen dem Priestertum, zu welchem den Charakter der Priesterweihe ermächtigt, und dem allgemeinen Priestertum der Laien, zu welchem die Taufe befähigt. Wir sehen zugleich jene wunderbare hierarchische Gliederung, welche dem Mystischen Leib Christi gebührt.

Die Ordnung, die in der Kirche immer herrschte, war dieser Struktur vollkommen angemessen und entsprechend. Der Priester ist derjenige, der die Heilige Messe „liest“ und vollzieht, der Laie ist es, der die Messe „hört“ und innerlich mitvollzieht. Dieser innerliche Mitvollzug besteht im wesentlichen in drei inneren Akten: Aufopferung, Anbetung, Vereinigung mit dem göttlichen Erlöser; entsprechend den drei Hauptakten der Heiligen Messe, die der Priester am Altar vollzieht: Opferung, Wandlung, Kommunion. Das ist die wahre „tätige Teilnahme“ der Gläubigen, das „allgemeine Priestertum“ der Getauften.

4. Daß diese innere Teilnahme den „liturgisch bewegten“ Neuerern nicht mehr genügte, haben wir bereits gesehen. Und so fand es schon Pius XI., wie wir gleichfalls gesehen haben, „in der Tat höchst notwendig, daß die Gläubigen nicht wie Fremde oder stumme Zuschauer [!], sondern, von der Schönheit der Liturgie zuinnerst ergriffen, an den heiligen Zeremonien so teilnehmen, daß sie mit dem Priester und dem Sängerchor nach den gegebenen Vorschriften im Gesange abwechseln“, also auch äußerlich tätig sind. Im gleichen Sinn ermahnt denn auch die Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ in Nr. 19: „Die Seelsorger sollen eifrig und geduldig bemüht sein um die liturgische Bildung und die tätige Teilnahme der Gläubigen, die innere und die äußere, je nach deren Alter, Verhältnissen, Art des Lebens und Grad der religiösen Entwicklung. Damit erfüllen sie eine der vornehmsten Aufgaben des treuen Spenders der Geheimnisse Gottes.“

In der Nr. 21 der Konstitution wird die „volle und tätige Teilnahme“ der Gläubigen zum Hauptziel der gesamten liturgischen „Reformen“ erklärt: „Damit das christliche Volk in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden mit größerer Sicherheit erlange, ist es der Wunsch der heiligen Mutter Kirche, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten. … Bei dieser Erneuerung sollen Texte und Riten so geordnet werden, daß sie das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen, und so, daß das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann.“

Für die in Angriff genommene „allgemeine Erneuerung der Liturgie“ werden uns nun „Regeln aus der Natur der Liturgie als einer hierarchischen und gemeinschaftlichen Handlung“ vorgelegt. Deren erste lautet: „Die liturgischen Handlungen sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche, die das ‚Sakrament der Einheit‘ ist; sie ist nämlich das heilige Volk, geeint und geordnet unter den Bischöfen. Daher gehen diese Feiern den ganzen mystischen Leib der Kirche an, machen ihn sichtbar und wirken auf ihn ein; seine einzelnen Glieder aber kommen mit ihnen in verschiedener Weise in Berührung je nach der Verschiedenheit von Stand, Aufgabe und tätiger Teilnahme“ (Nr. 26).

Die Kirche als „Sakrament der Einheit“ ist ebenfalls ein Lieblingstopos der Neuerer. Demnach ist die Kirche berufen, die Einheit der Menschen untereinander und mit Gott herzustellen, sodaß sie in erster Linie gemeinschaftsstiftenden Charakter hat und nicht so sehr als Heilsanstalt zur Rettung und Heiligung der Seelen dient. Darum muß auch die Liturgie und namentlich die Messe, in welcher dieser Zug der Kirche zum Ausdruck kommt, vor allem Gemeinschaftscharakter haben. Daraus folgt: „Wenn Riten gemäß ihrer Eigenart auf gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt sind, dann soll nachdrücklich betont werden, daß ihre Feier in Gemeinschaft – im Rahmen des Möglichen – der vom Einzelnen gleichsam privat vollzogenen vorzuziehen ist. Das gilt vor allem für die Feier der Messe – wobei bestehen bleibt, daß die Messe in jedem Fall öffentlichen und sozialen Charakter hat – und für die Spendung der Sakramente“ (Nr. 27).

Die Messe ist also „gemäß ihrer Eigenart auf gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt“, weshalb ihre „Feier in Gemeinschaft … der vom Einzelnen gleichsam privat vollzogenen vorzuziehen ist“. Eigentlich müßte man dann auf die „vom Einzelnen gleichsam privat vollzogenen“, die sog. Privatmessen, ganz verzichten, da sie ja der „Eigenart“ der Messe nicht entsprechen, doch ganz so weit konnten die Neuerer damals noch nicht gehen. Sie wollen jedoch, daß bei den liturgischen Feiern „jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgabe nur das und all das tun, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt“ (Nr. 28). Erstmals gibt es auch für die teilnehmenden Gläubigen eine „Aufgabe“ mit entsprechenden „liturgischen Regeln“. Daher rühren die Anordnungen, wie die Gläubigen sich in der Heiligen Messe zu verhalten haben, wann sie aufstehen und wann sie hinsitzen müssen usw., wie sie auch bei den „Traditionalisten“ unserer Tage im Schwange sind. Kirchliche Tradition ist das nicht, wohl aber Tradition der „Liturgischen Bewegung“ mit ihrer „tätigen Teilnahme“.

Tatsächlich lesen wir in Nr. 30: „Um die tätige Teilnahme zu fördern, soll man den Akklamationen des Volkes, den Antworten, dem Psalmengesang, den Antiphonen, den Liedern sowie den Handlungen und Gesten und den Körperhaltungen Sorge zuwenden. Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden.“ Und in Nr. 31: „Bei der Revision der liturgischen Bücher soll sorgfältig darauf geachtet werden, daß die Rubriken auch den Anteil der Gläubigen vorsehen.“ Rubriken für die Teilnahme der Gläubigen sind in der Tat ein absolutes Novum, aber folgerichtig. Rubriken regeln den Vollzug der Liturgie. Sind die Gläubigen Mitvollziehende, so müssen auch sie den Rubriken gehorchen. Vorbei also die Freiheit, der Heiligen Messe in Stille und Sammlung nach dem Zug des eigenen Herzens zu folgen. Fortan ist gemeinschaftliches Tun angesagt, in dauernder Beschäftigung mit „Akklamationen“, „Antworten“, „Psalmengesang“, „Antiphonen“, „Liedern“, unter sorgfältiger Beachtung der wechselnden „Handlungen und Gesten und … Körperhaltungen“. Damit da noch Platz für das „heilige Schweigen“ bleibt, muß ihm freilich „zu seiner Zeit“ ein eigener Platz eingeräumt werden. Und wieder merken die „Traditionalisten“ nicht, wie sehr sie sich ihrerseits durch solche „liturgische Animation und Gymnastik“ bereits in den Spuren der Neuerer hin zum „Novus Ordo“ bewegen.

„Auch die Ministranten, Lektoren, Kommentatoren und die Mitglieder der Kirchenchöre vollziehen einen wahrhaft liturgischen Dienst“, werden wir in Nr. 29 belehrt. Eben dies war der Grund, warum Frauen und Mädchen für solche Dienste nicht zugelassen waren, denn da sie „wahrhaft liturgisch“ sind, sind sie recht eigentlich priesterliche Dienste. Dafür gab es in der alten Kirche einen eigenen Stand der Minoristen, die durch die sog. Niederen Weihen Anteil am Priestertum erhielten. Seit die niederen Weihen nurmehr als Stufen zur Priesterweihe verliehen werden, wurden diese Dienste auch Laien übertragen, aber natürlich nur männlichen und bevorzugt unverheirateten oder Knaben. Jetzt aber werden sie auch für Frauen und Mädchen geöffnet, und dadurch dem allgemeinen Priestertum der Laien zugeordnet. Es war daher nur konsequent, daß nach der Beteiligung von Frauen und Mädchen an Kirchenchören und ihrer Einbeziehung als Lektorinnen und Kommunionhelferinnen auch ihre Zulassung als Ministrantinnen erfolgen mußte, auch wenn man aus psychologischen Gründen damit ein wenig zurückhaltender war. Die „Konservativen“, die in den 1970er Jahre und teilweise noch bis heute ein Drama daraus machen, haben nie „Sacrosanctum Concilium“ gelesen oder doch den Sinn all der liturgischen Neuerungen nicht verstanden. Die „Progressisten“ hingegen denken folgerichtig weiter und sind daher schon bei der Forderung nach Frauendiakonat und Frauenpriestertum angelangt.

5. Im zweiten Kapitel der Konstitution geht es um das „heilige Geheimnis der Eucharistie“. Hier „richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer [!] beiwohnen“ (Nr. 48). Eben das war ja schon die Sorge von Pius XI. gewesen. „Sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern, sich durch das Wort Gottes formen lassen, am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden. Sie sollen Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen. So sollen sie durch Christus, den Mittler, von Tag zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen, damit schließlich Gott alles in allem sei“ (ebd.).

So stellt sich also „Sacrosanctum Concilium“ vor, wie die Gläubigen die Messe „tätig mitfeiern“. Sie sollen sich „durch das Wort Gottes formen lassen“ und „am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden“. Das sind die beiden „Tische“, welche dem „Novus Ordo“ seine Gestalt gegeben haben: der „Tisch des Gotteswortes“ und der „Tisch des Herrenleibes“. Beide dienen nicht mehr der Verherrlichung Gottes, sondern der Formung und Stärkung der Gläubigen. Diese sollen ferner „Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm“. Damit wird jeder Laie tatsächlich zum Mitzelebranten und jede Messe zu einer wahren „Konzelebration“. Und dieses gemeinschaftliche Tun ist auch sehr notwendig, denn schließlich sollen die Gläubigen ja „von Tag zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen“ (man erinnere sich an das „Sakrament der Einheit“), und das geht nur, indem man miteinander, in Gemeinschaft handelt: „sie sollen überzeugt sein, daß die Kirche auf eine vorzügliche Weise dann sichtbar wird, wenn das ganze heilige Gottesvolk voll und tätig an denselben liturgischen Feiern, besonders an derselben Eucharistiefeier, teilnimmt“ (Nr. 41). Wie sehr eine solche Auffassung von Liturgie und Messe der Denkweise des Rationalismus und Naturalismus verpflichtet ist, brauchen wir nicht weiter darzulegen.

Dieser neuen Sichtweise gemäß soll nun der „Meß-Ordo … so überarbeitet werden, daß der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten und die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtert werde“ (Nr. 50). Zu diesem Ende sollen „die Riten unter treulicher Wahrung ihrer Substanz einfacher werden“ (ebd.), es soll „den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet“ werden (Nr. 51), es wird die „Homilie“, also die Predigt, „als Teil der Liturgie selbst sehr empfohlen“ (Nr. 52), und es soll nach Predigt und „Homilie“ „das ‚Allgemeine Gebet‘ oder ‚Gebet der Gläubigen‘ wiedereingeführt werden, damit unter Teilnahme des Volkes Fürbitten gehalten werden“ (Nr. 53). Natürlich darf der „Muttersprache … in den mit dem Volk gefeierten Messen ein gebührender Raum zugeteilt werden“ (Nr. 54), und es wird mit „Nachdruck .. jene vollkommenere Teilnahme an der Messe empfohlen, bei der die Gläubigen nach der Kommunion des Priesters aus derselben Opferfeier den Herrenleib entgegennehmen“ (Nr. 55). Konsequent soll auch „ein neuer Konzelebrationsritus geschaffen und in das Römische Pontifikale und Missale eingefügt werden“ (Nr. 58), da die Messe ohnehin immer „Konzelebration“ ist. All das ist mit dem „Novus Ordo Missae“ zweifellos geschehen und glücklich erfüllt.