Tätige Teilnahme – Teil 2

6. Auch im dritten Kapitel der Konstitution über die „übrigen Sakramente und Sakramentalien“ darf die „tätige Teilnahme“ nicht fehlen. So heißt es in Nr. 79: „Die Sakramentalien sollen überarbeitet werden, und zwar im Sinne des obersten Grundsatzes von der bewußten, tätigen und leicht zu vollziehenden Teilnahme der Gläubigen und im Hinblick auf die Erfordernisse unserer Zeit.“ Man fragt sich schon, wie etwa die „bewußte, tätige und leicht zu vollziehende Teilnahme der Gläubigen“ bei der Weihe einer Kerze oder der Segnung eines Automobils aussehen soll (vielleicht indem sie das Weihwasser reichen oder die Kerze halten oder sich ins Auto setzen und hupen) und was „die Erfordernisse unserer Zeit“ an solchen Segnungen ändern. Doch das sind Nebensächlichkeiten. Denn schließlich geht es vor allem darum, das anmaßend „aristokratische“ Amtspriestertum durch das „demokratische“ allgemeine Priestertum der Laien zu ersetzen.

Kommen wir zu Kapitel sechs über die „Kirchenmusik“. Über diese fand ja die „tätige Teilnahme“ ihren Eingang in die Liturgie, weshalb sie natürlich auch in unserer Konstitution in prominenter Weise auftauchen muß. Hierbei wird direkt auf Papst Pius X. und seine Nachfolger Bezug genommen, denn es ist von den Päpsten die Rede, „die in der neueren Zeit im Gefolge des heiligen Pius X. die dienende Aufgabe der Kirchenmusik im Gottesdienst mit größerer Eindringlichkeit herausgestellt haben“ (Nr. 112). „Ihre vornehmste Form nimmt die liturgische Handlung an, wenn der Gottesdienst feierlich mit Gesang gehalten wird und dabei Leviten mitwirken und das Volk tätig teilnimmt“, heißt es in Nr. 113. Also nicht bereits durch Gesang und Leviten, sondern erst durch die „tätige Teilnahme“ des Volkes gewinnt die „liturgische Handlung“ ihre „vornehmste Form“.

„Die Sängerchöre sollen nachdrücklich gefördert werden, besonders an den Kathedralkirchen. Dabei mögen aber die Bischöfe und die übrigen Seelsorger eifrig dafür Sorge tragen, daß in jeder liturgischen Feier mit Gesang die gesamte Gemeinde der Gläubigen die ihr zukommende tätige Teilnahme auch zu leisten vermag, im Sinne von Art. 28 und 30“ (Nr. 114). In Nr. 116 wird der Artikel 30 (die „tätige Teilnahme“) ausdrücklich als „Geist der Liturgie“ genannt. Bei „liturgischen Feiern mit Gesang“ darf dieser also nicht dem Sängerchor vorbehalten bleiben, sondern auch „die gesamte Gemeinde der Gläubigen“ hat „die ihr zukommende tätige Teilnahme“ zu leisten, muß daher auch am liturgischen Gesang beteiligt sein. Deshalb sollen die Kirchenmusiker „Vertonungen schaffen, welche die Merkmale echter Kirchenmusik an sich tragen und nicht nur von größeren Sängerchören gesungen werden können, sondern auch kleineren Chören angepaßt sind und die tätige Teilnahme der ganzen Gemeinde der Gläubigen fördern“ (Nr. 121). Letzteres ist leider vielfach nicht gelungen, mit Ausnahme vielleicht von Taizé-Gesängen.

In Kapitel sieben wird schließlich auf die sakrale Kunst eingegangen. Hier lesen wir: „Beim Bau von Kirchen ist sorgfältig darauf zu achten, daß sie für die liturgischen Feiern und für die tätige Teilnahme der Gläubigen geeignet sind“ (Nr. 124). Da haben wir die ganzen modernen Sakralbauten vor unserem Auge, bei welchen sich die „Gemeinde“ elliptisch um die beiden Zentren, „Tisch des Gotteswortes“ alias Ambo und „Tisch des Herrenleibes“ alias „Volksaltar“, schart, um solcherart gemeinschaftlich und tätig „Liturgie“ zu feiern, mit Auf- und Abtritten verschiedener Akteure, gemeinsamem Singen, Beten, Tanzen, Händeschütteln, Prozession zur „Gabenbereitung“, Antreten zur „Mahlfeier“ und was dergleichen Aktivitäten mehr sind. Nicht nur Kirchenneubauten wurden nach diesen Vorgaben errichtet, sondern auch die alten Kirchen wurden, soweit möglich, den neuen Bedürfnissen der „tätigen Teilnahme“ angepaßt, durch Aufstellen von Ambo und „Volksaltar“ (wenn möglich mit Beseitigung von Kanzel, Hoch- und Seitenaltären), Entfernung der Kommunionbank etc.

7. Im Jahr 1964 hatte Montini alias „Paul VI.“ ein „Consilium zur Durchführung der Liturgiereform“ eingesetzt, dessen Sekretär abermals Annibale Bugnini hieß. Das „Consilium“ war bis 1969 tätig, wieder an der „Ritenkongregation“ vorbei wie schon unter Pius XII., danach wurde Bugnini als Sekretär für die neugeschaffene römische „Gottesdienstkongregation“ übernommen. 1975 fiel er ein zweites Mal in Ungnade und wurde als Nuntius nach Teheran verbannt. Bugnini selbst bezeichnete rückblickend die Zeit von 1948 bis 1975 als die Zeit der großen „Liturgiereform“.

Am 5. März 1967 veröffentlichte die „Ritenkongregation“ erneut eine „Instruktion über die Musik in der heiligen Liturgie“, in welche vor allem die Ergebnisse des „II. Vatikanums“ eingearbeitet worden waren. Bezeichnend ist, daß diese Instruktion an erster Stelle von „Giacomo Kardinal Lecaro“ unterzeichnet ist, „Erzbischof von Bologna, Vorsitzender des Rates zur Ausführung der Konstitution über die heilige Liturgie“, und erst danach auch von „Arcadio M. Kardinal Larraona, Präfekt der Ritenkongregation“, und dem „Sekretär der Ritenkongregation“, Ferdinando Antonelli. Es handelt sich also weniger um ein Dokument der „Ritenkongregation“ als vielmehr um eines des „Consilium“ mit Sekretär Bugnini.

Geradezu hymnisch beginnt der Abschnitt „Allgemeine Richtlinien“: „Ihre vornehmere Form nimmt eine liturgische Handlung an, wenn man sie singend vollzieht, die liturgischen Diener jeder Stufe ihr Dienstamt ausüben und das Volk sich an ihr beteiligt. In dieser Form wird nämlich das Beten inniger zum Ausdruck gebracht, das Mysterium der heiligen Liturgie und ihr hierarchisches und gemeinschaftliches Wesen besser verdeutlicht, durch den Einklang der Stimmen die Einheit der Herzen vertieft, durch den Glanz des heiligen Geschehens der Geist leichter zu Höherem erhoben, und die ganze Feier wird klarer zum Vorausbild der himmlischen Liturgie der heiligen Stadt Jerusalem“ (Nr. 5).

Nach dieser schwärmerischen Einleitung geht es etwas banaler weiter, und es folgt die eigentliche Instruktion: „Darum sollen die Seelsorger eifrig danach trachten, diese Form der Feier zu erreichen. Sie sollen sogar die für die singend gefeierten heiligen Handlungen eher charakteristische Verteilung der Aufgaben und Teile in angemessener Weise auch auf andere Feiern ohne Gesang übertragen, die mit dem Volke gehalten werden; dabei sollen sie vor allem für die benötigten fähigen Ministri und für die Förderung der tätigen Teilnahme des Volkes sorgen“ (ebd.). Nichts mehr ist es fortan mit „stillen Messen“, „für die Förderung der tätigen Teilnahme des Volkes“ ist stets zu sorgen, ob mit oder ohne Gesang. Damit jedoch „die Gläubigen ihre tätige Teilnahme freudiger und fruchtbarer leisten, empfiehlt sich im Rahmen des Möglichen bei den Formen der Feiern und dem Grad der Teilnahme eine geeignete Abwechslung je nach Fest und Gemeinde“ (Nr. 10). Wie ermüdend und abstumpfend die „tätige Teilnahme“ auf Dauer ist, haben wohl auch die Macher der „neuen Liturgie“ schon bemerkt.

Über die „Teilnehmer an den liturgischen Feiern“ weiß unsere Instruktion: „Der Priester steht der versammelten Gemeinde in der Person Christi vor“ (Nr. 14). Er ist nicht mehr der Zelebrant, sondern der „Vorsteher“, wie er dann auch im „Novus Ordo“ genannt wird. „Die Gläubigen erfüllen ihren liturgischen Dienst, indem sie die vom Wesen der Liturgie selbst verlangte volle, bewußte und tätige Teilnahme leisten, zu der das christliche Volk kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist“ (Nr. 15). Die Gläubigen erfüllen durch die Teilnahme an der Heiligen Messe nicht nur ihre Sonntagspflicht, sondern gar einen „liturgischen Dienst“, allerdings nur, wenn sie „die vom Wesen der Liturgie selbst verlangte volle, bewußte und tätige Teilnahme leisten“, zu der sie im übrigen nicht nur berechtigt, sondern auch „verpflichtet“ sind. Da hat die Kirche all die Jahrhunderte über die Gläubigen arg betrogen und zur Sünde verführt, indem sie im ersten Kirchengebot lediglich anordnete: „Du sollst an allen Sonntagen und an den anderen gebotenen Feiertagen die Messe mit Andacht hören.“ Nunmehr erfahren wir, daß es nicht damit getan ist, die Messe zu „hören“, sondern daß alle Gläubigen durch „volle, bewußte und tätige Teilnahme“ ihren „liturgischen Dienst“ dabei zu leisten haben!

„Bezüglich dieser Teilnahme gilt“, so belehrt uns die Instruktion weiter: „Zunächst soll eine innerliche Teilnahme vorhanden sein, indem die Gläubigen im Herzen bei dem sind, was sie vortragen oder hören, und mit der himmlischen Gnade zusammenwirken“, was immer man sich darunter vorstellen mag. „Doch muß die Teilnahme auch eine äußere sein, das heißt die innere Teilnahme in Gesten, in der Körperhaltung, in Akklamationen, in Antworten und im Gesang ausdrücken“ (ebd.). Man beachte: Die Teilnahme MUSS auch eine äußere sein! Die innere genügt nicht!

„Deshalb soll die tätige Teilnahme des ganzen Volkes, die sich im Singen äußert, … eifrig gefördert werden“ (Nr. 16). Zwar können insbesondere „bei unzureichender Unterweisung der Gläubigen oder bei Verwendung mehrstimmiger Musik … einige Gesänge des Volkes einem Sängerchor übertragen werden, wenn nur das Volk von den anderen, ihm zukommenden Teilen nicht ausgeschlossen wird“. „Nicht zu billigen ist jedoch der Brauch, den ganzen Gesang des gesamten ‚Proprium‘ und des gesamten ‚Ordinarium‘ einem Sängerchor zuzuweisen und das Volk gänzlich von der Teilnahme am Gesang auszuschließen“ (ebd.). Denn bekanntlich kommt es dem Volk zu, die liturgischen Gesänge zu singen, es ist dazu „berechtigt und verpflichtet“!

8. Im Sinne der „Abwechslung“, die dazu dienen soll, daß „die Gläubigen ihre tätige Teilnahme freudiger und fruchtbarer leisten“, wie wir oben gesehen haben, gibt uns die Instruktion nun mehrere Möglichkeiten an, die gesungene Messe zu gestalten. Es ist nämlich für „die Feier der Eucharistie mit dem Volk, insbesondere an Sonn- und Festtagen“, die „Form der gesungenen Messe vorzuziehen, im Rahmen des Möglichen auch mehrmals am gleichen Tag“ (Nr. 27). Zunächst wird betont, daß die „Unterscheidung zwischen Missa sollemnis, cantata und lecta, wie sie durch die Instruktion vom Jahre 1958 (Nr. 3) festgelegt wurde“, den „überlieferten und geltenden liturgischen Gesetzen gemäß bestehen“ bleibe (Nr. 28). „Mit Rücksicht auf seelsorgliche Vorteile werden jedoch für die Missa cantata gestufte Formen der Teilnahme angegeben“, für welche gilt, „daß die erste Form auch für sich allein angewandt werden kann; die zweite und die dritte Form können ganz oder teilweise, jedoch nur in Verbindung mit der ersten angewandt werden“ (ebd.). Der Sinn dieser Maßnahme wird sich uns gleich erschließen, wird aber auch vorab schon angegeben: „So werden die Gläubigen stets zu einer vollen Teilnahme am Singen hingeführt.“

Bei der ersten Form nun ist also zu singen: „a) Im Eröffnungsakt: Der Gruß des Priesters mit der Antwort des Volkes; das Tagesgebet. b) Im Wortgottesdienst: Die Akklamation zum Evangelium. c) In der Eucharistiefeier: Das Gabengebet; die Präfation mit Dialog und Sanctus; die Schlußdoxologie des Kanon; das Gebet des Herrn mit Einleitung und Embolismus; Pax Domini; das Schlußgebet; die Entlassungsworte“ (Nr. 29). Das ist sozusagen das Minimum für eine gesungene Messe. In der zweiten Stufe können ferner gesungen werden: „a) Kyrie, Gloria und Agnus Dei; b) Das Glaubensbekenntnis; c) Das Fürbittgebet“ (Nr. 30). Zur „dritten Form“ schließlich gehören: „a) Die Prozessionsgesänge zum Einzug und zur Kommunion; b) Der Gesang nach der Lesung oder der Epistel; c) Das Alleluja vor dem Evangelium; d) Der Gesang zur Gabenbereitung; e) Die Lesungen aus der Heiligen Schrift, wenn es nicht angemessener erscheint, sie ohne Gesang vorzutragen“ (Nr. 31).