Tätige Teilnahme – Teil 2

Wir haben hier das Baukastenprinzip, das den „Novus Ordo“ ganz beherrschen wird. Aus verschiedenen Elementen und Wahlmöglichkeiten kann man kreativ und individuell Liturgie „gestalten“. So kommt es zu diesen buntscheckigen und sonderbaren Mischformen zwischen Gesang und Gerede, wo beispielsweise die Einleitung zum Evangelium feierlich gesungen wird, das Evangelium selber aber im eintönigen Sprechton vorgelesen. Daß dies weder den „überlieferten und geltenden liturgischen Gesetzen“ entspricht noch auch der noch 1958 festgelegten „Unterscheidung zwischen Missa sollemnis, cantata und lecta“ (s. den ersten Teil unserer Arbeit), brauchen wir nicht zu betonen.

Nr. 33 wünscht, die Gläubigen sollten sich „möglichst am Gesang des ‚Proprium‘ beteiligen, vornehmlich durch leichtere Kehrverse oder andere geeignete Formen des Singens“, wobei unter den Gesängen des „Proprium“ der „in der Art des Graduale oder des Antwortpsalms ausgeführte Gesang nach den Lesungen eine besondere Bedeutung“ habe. Wieso ausgerechnet dieser Gesang so eine „besondere Bedeutung“ hat, liegt wohl daran: „Seinem Wesen nach ist er Teil des Wortgottesdienstes.“ Aha. Und das macht diesen Gesang so besonders bedeutsam? Jedenfalls sollen daher „während seines Vortrags alle sitzen und zuhören, ja nach Möglichkeit sich beteiligen“. Meistens klappt das nicht so gut, außer der „Kantor“ – oder die „Kantorin“ – stimmt das „Halleluja“ nach der Ostermelodie an, die so eingängig ist, daß fast alle sie singen können. Und so wird es dann auch meistens gemacht – zu Lasten der „Abwechslung“.

In Nr. 34 wird zugestanden: „Wenn die Gesänge des sogenannten ‚Ordinarium Missae‘ mehrstimmig gesungen werden, können sie vom Sängerchor in der gewohnten Weise mit oder ohne Instrumentalbegleitung vorgetragen werden“, allerdings nur „unter der Voraussetzung, daß das Volk nicht gänzlich von der Teilnahme am Gesang ausgeschlossen wird“. Schließlich steht es dem Volk zu, sich am liturgischen Gesang zu beteiligen, es ist sein Recht und seine Pflicht! „Sonst aber können die Teile des ‚Ordinarium Missae‘ im fortlaufenden Wechsel oder in sinnvoller Zusammenfassung größerer Textteile zwischen Sängerchor und Volk oder auch innerhalb des Volkes aufgeteilt werden. In diesen Fällen möge man beachten: Das Symbolum [Credo] als eine Form, den Glauben zu bekennen, soll nach Möglichkeit von allen gesungen werden, oder in einer solchen Form, die eine entsprechende Teilnahme der Gläubigen gestattet.“ Außerdem soll das „Sanctus als abschließende Akklamation zur Präfation … regelmäßig von der ganzen Versammlung, gemeinsam mit dem Priester, gesungen werden“. Früher hat der Priester, während der Chor das Sanctus sang, dieses für sich gebetet und dann bereits mit dem Kanon begonnen. Das geht jetzt nicht mehr, denn erst muß er zusammen mit dem Volk singen und danach den Kanon laut beten, damit sich auch daran das Volk beteiligen kann.

„Das Agnus Dei kann so oft als nötig gesungen werden, insbesondere bei der Konzelebration, da es die Brotbrechung begleitet.“ An der Brotbrechung kann man das Volk schlecht beteiligen, aber wenigstens die „Konzelebranten“. „Es ist zu wünschen, daß das Volk wenigstens in die Schlußbitten einstimmt“ (ebd.), damit es ja nicht zu lange untätig bleibt. „Das Gebet des Herrn soll in der Regel von Volk und Priester gemeinsam vorgetragen werden“ (Nr. 35). Denn es heißt ja „Vater unser“ und verlangt daher danach, von „uns“ allen gebetet zu werden.

Ein eigener Abschnitt der Instruktion ist der „Vertonung muttersprachlicher Texte“ gewidmet. Das „II. Vatikanum“ hat in seiner Liturgie-Konstitution bekanntlich festgestellt, daß „nicht selten der Gebrauch der Muttersprache für das Volk sehr nützlich sein kann“ (SC 36). Dabei empfiehlt es sich, „daß im Rahmen des Möglichen eine oder mehrere gemeinsame Singweisen für die Teile des Priesters und der Ministri sowie für die Antworten und Akklamationen des Volkes vorliegen, damit eine gemeinsame Teilnahme aller, die sich derselben Sprache bedienen, gefördert werde“ (Nr. 58). Die Mühe hätte man sich sparen können, wäre man einfach bei der lateinischen Sprache und den bewährten Choralmelodien geblieben.

In einer ersten „Instruktion zur ordnungsgemäßen Durchführung der Liturgiekonstitution ‚Inter Oecumenici’“ vom 26.9.1964 war dem zelebrierenden Priester bereits seine Sonderstellung beschnitten worden. „Singen oder rezitieren Schola oder Volk die ihnen zufallenden Teile, so werden diese vom Zelebranten nicht privat gesprochen“ (Nr. 32). „Auch die Lesungen, die vom zuständigen Kleriker oder Ministranten vorgetragen oder gesungen werden, liest der Zelebrant nicht privat“ (Nr. 33). Schließlich ist die Liturgie ein gemeinschaftliches Tun der Gemeinde, da gibt es für den Zelebranten nichts „privat“ zu tun oder zu beten.

Daher hat überhaupt das stille Gebet des Priesters darin eigentlich nichts mehr verloren. Deshalb bestimmt schon die Instruktion von 1964: „Die Sekret, d.h. das Gebet über die Opfergaben, soll bei der ‚gesungenen Messe‘ gesungen, in den anderen Messen mit lauter Stimme gesprochen werden“ (Nr. 48). „Die Doxologie am Schluß des Kanons von den Worten ‚Per ipsum‘ an bis zum ‚Per omnia saecula saeculorum. Amen‘ einschließlich soll gesungen oder laut gesprochen werden“ (ebd.). Am 4. Mai 1967 verfügte die „Ritenkongregation“ in einer weiteren „Instruktion zur ordnungsgemäßen Durchführung der Liturgiekonstitution ‚Tres abhinc annos’“: „Sofern es angebracht erscheint, darf der zelebrierende Priester in Meßfeiern mit dem Volk, auch wenn es sich nicht um eine Konzelebration handelt, den Kanon mit vernehmlicher Stimme vortragen. Bei Meßfeiern mit Gesang darf er jene Teile des Kanon singen, die nach dem Ritus der konzelebrierten Messe gesungen werden“ (Nr. 10). Endlich gestattet sie, daß die „zuständige territoriale Autorität die Verwendung der Muttersprache bei liturgischen Feiern, die mit dem Volk gehalten werden“ auch „für den Kanon der Messe“ beschließen kann (Nr. 28).

Ihren krönenden Abschluß fanden alle diese Bemühungen um „tätige Teilnahme“ des Volkes an der Liturgie schließlich 1969/1970 mit der Einführung des „Novus Ordo Missae“. Der Erfolg war durchschlagend. Wir zitieren „Wikipedia“ aus dem Artikel „Liturgiereform“: „Die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher ging in den letzten Jahrzehnten deutlich zurück. Nahmen 1950 noch 50,4 % der deutschen Katholiken regelmäßig sonntags an der Heiligen Messe teil, so waren es 1985 nur noch 25 % und 2005 nur noch 14 %.“ Je „tätiger“ die Teilnahme wurde, desto geringer wurde sie offensichtlich.

9. Wir müssen abschließend feststellen, daß die unglückliche Formulierung des heiligen Pius X. eine recht traurige Entwicklung im Gefolge hatte. Zugleich sehen wir mit Erschrecken, wie weit verbreitet die falsche Auffassung der Neuerer wie Bauduin von der „tätigen Teilnahme“ auch unter „Traditionalisten“ ist. Zwar lehnen diese den „Novus Ordo“ ab, sein Prinzip aber, die möglichst auch äußere „tätige Teilnahme“ der Gläubigen an der Liturgie, haben sie übernommen. Sie bevorzugen und forcieren „dialogisierte Messen“ und „Volkschoral“, erlassen Vorschriften, wie sich die Gläubigen bei der Messe zu verhalten haben, wann sie stehen und wann sie sitzen müssen usw. Und natürlich feiern sie die Liturgie nach der früh-bugninischen Form von 1962. Dabei brüsten sie sich jedoch, die „messe de toujours“, die „alte Messe“, die „überlieferte Liturgie der Kirche“ gerettet zu haben und eifrig zu pflegen. Den Geist dieser Liturgie haben sie jedoch längst verloren, mögen sie auch noch so bombastische Pontifikalämter mit viel Gold, Brokat, Weihrauch, Orgel, Choral und Heerscharen von Altardienern inszenieren.

Wie lieb ist uns dagegen eine stille Messe, nach dem vorbugninischen Missale zelebriert, mag es unter noch so einfachen und armseligen Umständen geschehen, und wenn auch gar niemand oder vielleicht ein oder zwei „alte Weiblein“ dabei sind, die unterdessen ihren Rosenkranz beten. Dennoch ist es wahre Liturgie, der öffentliche Kult der katholischen Kirche, feierliche Verehrung und Anbetung Gottes, ein gesegnetes, bei Gott eingetragenes, gültiges, geistiges und Ihm genehmes Opfer! Darauf allein kommt es an.