Das heilige Buch

von antimodernist2014

Die Fastensonntage schreiten ihrem Höhepunkt zu – dem Sonntag Laetare, dem Freudensonntag –, um sodann nahtlos in die Passionszeit hinüberzugleiten, die Zeit, in welcher man nur noch das Leiden Jesu Christi zu betrachten und dessen Geheimnis innezuwerden sucht. In der Karwoche wird sodann dieses Leiden und Sterben in einem liturgischen Drama erlebbar gemacht – gnadenhaft erlebbar anhand der vielen Zeremonien.

Die heilige Liturgie schöpft dabei aus dem reichen Schatz der Heiligen Schrift. Sie macht uns anhand vieler Texte aus dem Alten Testament greifbar und einsehbar, was unser göttlicher Lehrmeister den Jüngern auf ihrem Gang nach Emmaus rügend sagte: „O ihr Unverständigen! Was seid ihr so schwerfällig, aufgrund dessen, was die Propheten verkündet haben, mit dem Herzen zu glauben! Mußte denn der Messias nicht leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Der Text des Lukasevangeliums fügt sodann hinzu: „Und er begann mit Moses und allen anderen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften sich auf ihn bezieht.“

Wie ergreifend werden all diese Texte, sobald sie durch die hl. Liturgie gedeutet werden – etwa die Klagelieder des Propheten Jeremias in den Trauermetten der drei heiligen Tage. In der ersten Lesung des Karfreitags heißt es:
„Aus den Klageliedern des Propheten Jeremias 1. Lesung Kap. 2, 8-11
Heth. Der Herr gedachte, die Mauer der Tochter Sion zu zerstören. Er spannte die Meßschnur und wandte seine Hand nicht ab von der Vernichtung. Die Vormauer klagte, die Mauer ward ebenso eingerissen.
Teth. Ihre Tore sind in die Erde versunken. Er hat zerstört und zerbrochen ihre Riegel. Ihr König und ihre Fürsten sind unter den Heiden. Das Gesetz ist nicht mehr, ihre Propheten erhalten kein Gesicht mehr vom Herrn.
Jod. Schweigend sitzen am Boden die Ältesten der Tochter Sion, sie streuen Asche auf ihr Haupt, sind mit Trauergewändern umgürtet. Zur Erde senken das Haupt die Jungfrauen Jerusalems.
Kaph. Meine Augen schwinden vor Tränen, mein Inneres ist erschüttert, meine Leber zerfließt am Boden ob der Vernichtung der Tochter meines Volkes, da Kind und Säugling verschmachten auf den Plätzen der Stadt.
Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, deinem Gott!“

Hierdurch offenbart sich uns die Heilige Schrift als geheimnisvolles Buch, in dem Gott zu uns über die wichtigsten Wahrheiten unseres Menschenlebens spricht und uns darüber belehrt, wie man den Weg vom irdischen zum himmlischen Leben findet. Bernhard Overberg schrieb in seinem Vorwort zur Biblischen Geschichte von 1800: „Der ewige, unsichtbare Gott, allmächtig und allweise, allgütig und gerecht, voll unendlicher Schönheit und Liebe, hat seine Seligkeit nicht allein genießen, sondern auch andern mitteilen wollen. Darum schuf er nebst unzählbaren Engeln auch die Menschen nach seinem Ebenbilde, damit sie fähig seien, ihn zu erkennen und zu lieben und an seiner Seligkeit teilzunehmen.
Die ersten Stammeltern ließen sich vom Satan zur Sünde verführen und verderbten das ihnen verliehene göttliche Ebenbild. Dadurch wären sie mit ihren Nachkommen der ewigen Seligkeit verlustig gegangen, hätte nicht Gott in demselben ewigen Wissen, in welchem er die menschliche Sünde sah, auch ihre Heilung vorgesehen und sich der gefallenen Menschen erbarmt. Er ließ sie zwar das Unheil aus der Sünde erfahren, aber verzieh, wie er es noch immer tut, den Reuigen die Schuld um des kommenden Erlösers willen. Denn in einem, so verhieß er, sollten alle gesegnet werden, die im Glauben an die rettende Gnade Gottes die Hand des Vaters ergreifen. Hierzu mahnte er sie, wie er es noch immer tut, schon durch die Gaben der sichtbaren Schöpfung. Hierzu gab er ihnen die innere Stimme des Gewissens, die einen jeden vor dem Bösen warnt und ihn zum Guten mahnt. Hierzu gab er ihnen unsichtbare Geister zu Helfern und Beschützern. Hierzu sandte er Boten, mit seinem Geiste ausgerüstet, die Menschen zu belehren und sie im Glauben und in der Hoffnung aufzurichten. Hierzu wählte er ein Volk, daß es inmitten der Verderbnisse des Heidentums den Glauben und die Hoffnung auf den Erlöser bewahre und ihm den Weg bereite: Er berief Abraham und schloß mit ihm einen ‚Bund‘ für ihn und seine Nachkommen, d. h. eine Verfügung der Gnade und des Gebotes von seiten Gottes, daß das Volk ihn anbete und ihm diene. Und hierzu sandte er endlich seinen wesensgleichen Sohn, der für uns Mensch wurde, Jesus Christus, der die Herrschaft Gottes und seine Liebe für alle Menschen verkündete, für uns sein Leben opferte, aus dem Tode auferweckt wurde und uns vom Vater den Heiligen Geist sandte, damit sich sein Reich, das Reich der Wahrheit und Liebe auf Erden – die Kirche Jesu Christi – verbreite und mit seinem Beistand bleibe bis zum Ende der Welt. Das ist es, was uns die Geschichte des Alten und Neuen Testamentes lehrt. Eine so denkwürdige, heilsame und trostvolle Geschichte gibt es sonst keine auf Erden.“

Um diesen Gedanken noch etwas zu vertiefen, geben wir im folgenden zwei Kapitel aus dem Buch von Dr. J. Klug „Die ewigen Dinge – Gedanken über das erste Hauptstück des Katechismus“ wieder. Das Buch ist 1915 im Verlag Ferdinand Schöning / Paderborn erschienen und zeigt uns wieder einmal, daß Wahrheit niemals veraltet.

Das heilige Buch

I.

Der moderne Mensch pflegt sich gut auszukennen in der Literatur unserer Zeit. Er kennt die Klassiker seines Volkes und der Weltliteratur und er hielt es für einen Bildungsmangel, nicht in den neuesten literarischen Erscheinungen wohl bewandert zu sein. Ein Buch aber ist dem gebildeten Menschen unserer Tage zum großen Teil fremd geworden. Das ist das alte, heilige Buch, die Heilige Schrift. Viele Gründe spielen dabei mit. Es ist für manchen Menschen eine Erinnerung an die Jugendzeit, die ihm die Freude an dem heiligen Buch der Offenbarung verbittert, der Erinnerung an jene Tage und Jahre der Schulzeit, wo man vielleicht in mehr oder minder mechanischer Weise die sogenannte biblische Geschichte auswendig lernte, und wo vielleicht nicht immer der rechte Lehrer zur Stelle war, um den jugendlichen Geist in das Verständnis der Bibel einzuführen und das jugendliche Herz zu begeistern für alles Schöne und Hohe, das unzweifelhaft aus der heiligen Schrift auch für das kindliche Gemüt hervorleuchtet. –

Bei anderen ist es wieder der mehr oder weniger unklar empfundene Widerspruch der heiligen Schrift zu den Naturwissenschaften unserer Zeit. Ich meine: der mehr oder weniger unklar empfundene Widerspruch; denn nicht jeder Gebildete, der den Buchdeckel der heiligen Schrift für immer zuklappt, hat sich vorher die Mühe gemacht, diese sogenannten Widersprüche der Schrift und der Naturwissenschaften gründlicher zu studieren, und auch nicht jeder hat sich auch nur einigermaßen in die katholische Literatur vertieft, die auf diesem Gebiet vorhanden ist. Man spricht das Urteil anderer gerne nach und empfindet es als eine Art Genugtuung, wenn man Fehler und Irrtümer des Offenbarungsbuches annehmen zu dürfen glaubt in Dingen der Wissenschaft, weil dann der Rückschluß um so erlaubter erscheint, daß auch die sittlichen Anschauungen der Bibel nur zeitgeschichtlich zu beurteilen seien und daß sie keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit und Dauer beanspruchen könnten. –

Bei anderen wiederum ist es die Beschäftigung mit den geschichtlichen Wissenschaften, welche sie zu einem wegwerfenden Urteil über die heiligen Schriften kommen ließ. Eine Armee von Forschern außerhalb der katholischen Kirche und außerhalb des Christentums überhaupt hat sich daran gemacht, den heiligen Boden der Offenbarung zu durchwühlen und zu untergraben und das Gebäude, das sich auf diesem Boden erhob, zum Einsturz zu bringen. Man möchte Israel hinstellen als ein Volk der Geschichte, wie andere Völker es auch gewesen sind, seine Schicksale als Volksschicksale, wie andere Völker ähnliche erlebten; man möchte seine religiöse Entwicklung begreifen, ohne eine übernatürliche Einwirkung anzunehmen. Und das alles hat seinen verlockenden Zauber. Es ist immer anziehender, die ewigen Dinge als irdische Tatsachen abzustempeln, weil es vernunftgemäßer erscheint, von all den Dingen und Erscheinungen dieser Welt auch irdisch zu denken. Und auf dem Wege geschichtlicher Forschung ist mancher Mensch vom Glauben seiner Kindheit abgekommen und sieht in dem alten heiligen Buch Israels und der Christenheit nicht mehr eine Sammlung religiöser Schriften eines Volkes, der ein überragender Wert, geschweige denn ein Ewigkeitswert zukommt.

Aber diesen Gründen, mit denen man den erhabenen Charakter des Offenbarungsbuches bestreitet, ließen sich mancherlei Gegengründe entgegenstellen. Die unangenehme Erinnerung an den Mechanismus kindlichen Lernens ist gewiß kein Grund, die Schrift selber zu verwerfen. – Was dem Kind schwer und unfaßlich erschien, das möge der Gereifte zum zweiten Mal vor seine Seele und vor sein Auge treten lassen, und es wird ihm so ergehen wie dem Mann, der nach langen Lehr- und Wanderjahren zurückkehrt an die Stätten seiner Jugend. Da wird er erst den ganzen Zauber und die ganze Schönheit schätzen lernen, denn er hat das Vergleichen gelernt. Er hat Erfahrungen hinter sich, die ihn wieder gerne zurückkehren lassen an die Orte, wo Kindesseligkeit ihn umfing. Und so ist es vielen Menschen schon ergangen, wenn sie in reiferen Jahren die Heilige Schrift öffneten, und wenn sie mit den Augen, die durch manche Träne heller und klarer geworden sind, den Inhalt dieses Buches wieder lesen.

Es gibt kein Buch der Welt, das in seinen Personen und seinen Worten und in seiner ganzen Geschichtserzählung einen Inhalt besäße, an den sich gleich reiche Belehrungen knüpfen lassen, wie die Heilige Schrift. Ihr Anfang, das Sechstagewerk, ist in der ganzen Weltliteratur nicht überboten worden, und man muß ihn nur vergleichen mit den Fabeln der heidnischen Völker vorchristlicher Zeit, um die Erhabenheit des Offenbarungsgottes und seiner Schöpfertätigkeit leuchten zu sehen. Das Schicksal des ersten Menschenpaares, seine Versuchung und sein Fall, sind sie nicht vorbildlich für unsere eigenen Versuchungen und für unser eigenes Straucheln auf dem Pfade der Pflicht und der Gehorsamshingabe an Gottes heiligen Willen? Ist nicht die Art, wie der erste Mensch im Kampf mit der verfluchten Erde, die ihm Dornen und Unkraut tragen sollte, seine Schuld gesühnt hat in gehorsamer Erfüllung des göttlichen Strafbefehls; ist sie nicht eine ewige Mahnung, unsere Schuld mit gleichem Gehorsam und gleicher Ergebenheit zu sühnen? Die alte Erzählung von Abraham, der sein Liebstes opfern soll, und der im Gehorsam den Willen Gottes tut, auch wenn ihm das Herz brechen möchte, ist mustergültig für ähnliche Lebensschicksale, die uns selber treffen. Wer am Sarg steht, der einen teuren Toten, eine teure Tote birgt, kann keine heldenmütigere Gesinnung und keine tiefere Religiosität beweisen, als der Patriarch Israel, der seinen Knaben, seinen Liebling bindet, um ihn dem ewigen Gott zu weihen. Und Gott selbst konnte Abraham nicht schöner erziehen, als in dieser Geschichte vom Opfer des Isaak erzählt ist. Abraham lebte in seiner heidnischen Umgebung, und die neueren Ausgrabungen auf dem alten israelitischen Boden haben gezeigt, daß zur Zeit Abrahams in Kanaan die heidnische Sitte der Kinderopfer herrschte. Der Gott Israels, der wahre Gott, will dem Patriarchen zeigen, daß er nicht wie der karthagische Moloch ist, der Menschenleben fordert, bloß um ihrer Vernichtung willen. Der Gott Israels läßt den Augenblick kommen, wo das Messer den Lebensfaden des Knaben Isaak zerschneiden soll. Und in diesem Augenblick gebietet er dem erhobenen Arm des Vaters Halt, um Abraham zu belehren, daß die gehorsame Gesinnung, die Gott zuliebe alles tut und alles opfert, der Kern der Gottesverehrung sein muß, und nicht fließendes Blut und nicht verrinnendes Leben. – Man muß die Geschichte vom Flüchtling Jakob, den der Zorn des Bruders vertrieb, einmal im Zwischendeck eines Auswandererschiffes vorlesen, um ihren ganzen Ewigkeitsgehalt erst zu verstehen. Die Grundgedanken, die diese Geschichte enthält, werden für jeden, den das Schicksal in die Fremde zwingt, eine Himmelsleiter sein, auf der er die Engel Gottes auf- und niedersteigen sieht, daß sie ihn beschützen und beschirmen. Welch unvergängliches Schicksal entrollt die Josephsgeschichte vor den Augen des Bibellesers. Der hebräische Jüngling, vom Heimweh nach dem Vater und den Fluren der Heimat umfangen, in fremdem Hause … in schwerer Versuchung … im Kerker … im Glanz der Königsnähe und des hohen ägyptischen Staatsamtes … und wiederum in der alten Sehnsucht nach dem Vater, in seiner verzeihenden Liebe gegenüber den Brüdern, und während all dieser Schicksalssendungen in unveränderlicher Treue gegenüber dem ewigen Gott – wem böte das nicht immer neuen Stoff zum Nachdenken? Wer muß sich nicht beugen vor Moses, in ehrfürchtiger Bewunderung vor dem großen Mann, der wie eine Gestalt aus Erz und Granit ein Volk überragt? Der vor einem König sich nicht beugt, wo es gilt, den Willen des Ewigen durchzusetzen … der die Volkswut erträgt, die rings um ihn brandet … der ein Volk sterben und betrogen werden sieht und unentwegt weiter wandert, dem verheißenen Ziel entgegen … der den Aufruhr bändigt unter den Stammesgenossen, und mit fremden Horden Schlachten schlägt, der eisern ist in seinem Willen und doch die Hände betend emporhält, bis er sie nicht mehr halten kann und man ihn stützen muß, dessen Stirne düster werden kann wie eine Wetterwolke, wenn das Volk die Gesetze des Ewigen verletzt, und dessen Gesicht leuchten kann im Abglanz der Herrlichkeit Gottes, und der dann stirbt einsam und groß und mit herber Tragik, ohne das Ziel seiner Sehnsucht besitzen zu dürfen! –Welch eine unergründliche Menschengestalt ist Saul, Israels erster König? Saul, der als Held Gottes sein Volk sammelt zum heiligen Krieg und als gebrochener Mensch vor der Hexe von Endor steht, um den Geist eines Toten heraufzubeschwören und der dann als Selbstmörder endet – ein Mensch, der vor Jahrtausenden lebte und fast doch so modern anspricht, der in Übermenschentum beginnt und in Zerbrochenheit endet! – Und David, der alle Höhen und alle Tiefen der Menschheit geschaut! Der, um einen ganz modernen Ausdruck zu gebrauchen, „krank am Weibe wurde“, und dennoch ein Büßer, aus der Tiefe sich zur Höhe der Läuterung emporgerungen hat. –

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