Glaube und Unglaube

Während das antike Heidentum sich dem Licht des Evangeliums immer mehr geöffnet und allmählich den Glauben an Jesus Christus als den Sohn Gottes und einzigen Erlöser des Menschengeschlechtes angenommen hat, hat sich der moderne Mensch von Ihm wieder entfernt. Die unbändige Glaubensfreude wich mehr und mehr einer immer radikaler werdenden Skepsis. John Henry Newman bemerkt schon im Jahre 1877: „Der religiöse Skeptizismus breitet sich unheilvoll aus -, und das große Unglück besteht darin, daß von vornherein eine allgemeine Neigung zur Seite des Unglaubens vorherrscht, da er vernünftiger und wahrscheinlicher zu sein scheint. Ein Gedanke gewinnt die Oberhand, nämlich daß große Wandlungen kommen werden, sodaß die Menschen an den Atheismus glauben, bevor sie die Offenbarung entdeckt haben“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Clarendon Press, Oxford, 1961-1980. XXVIII S. 207 (16.6.1877)).

Und einige Jahre später schreibt er über dasselbe Thema: „Ich sehe darin eine wirkliche Seuche, seltsam um sich greifend. Sie breitet sich nicht durch einsichtige Gründe, sondern durch Einbildung aus. Diese täuscht nämlich eine mögliche und glaubhafte Sicht der Dinge vor, welche den Geist verfolgt und ihn schließlich überwältigt. Es beginnt damit, daß man sich die Frage stellt: ‚Wie können wir sicher sein, daß dies nicht so ist?‘ Dieser Gedanke verbirgt vor unserem Geiste das wirklich vernünftige Fundament, auf welchem unser Glaube gründet. Damit geben wir unseren Glauben auf. Und wie kann er überhaupt noch zurückgewonnen werden, wenn nicht allein durch ein wundervolles Eingreifen der Gnade Gottes. Möge Gott uns alle vor diesem schrecklichen Trug der letzten Tage bewahren! Ich blicke mit großer Besorgnis – ja, ich muß sagen mit Bangen – auf die nächste Generation“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Clarendon Press, Oxford, 1961-1980. XXX S 102 (15.6.1882)).

Wie wir heute wissen, hat sich Newmans bange Ahnung nur allzu schnell bewahrheitet. Der große Abfall vom christkatholischen Glauben hatte begonnen – und alle Befürchtungen um vieles übertroffen! Wie notwendig ist es darum, das vernünftige Fundament, auf welchem unser Glaube gründet, inmitten der Ruinen zu bedenken, erscheint doch der Gottesglaube den meisten modernen Menschen inzwischen als absurd. Der Zugang zum rationalen Fundament ist ihnen offensichtlich versperrt. Aber auch viele Christen finden den Weg zum wahren Glauben nicht mehr, sondern verlieren sich in einer der vielen verbreiteten irrigen Vorstellungen, weil sie die Wahrheit nicht mehr kennen.

Vom Wesen des Glaubens

Wir wollen uns in der Folge schrittweise dem Wesen des Glaubens nähern, damit der Begriff sich entsprechend klärt und wir wieder verstehen, daß „Glauben“ wesentlich zu unserem Menschsein gehört, solange wir in dieser irdisch-vergänglichen Welt uns befinden. In unserer Analyse des Glaubensbegriffs wollen wir uns vornehmlich an der Arbeit von Josef Pieper orientieren – „Josef Pieper – lieben, hoffen, glauben“, Kösel Verlag München, 1986. Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Werk.

Wortbedeutung

Wie viele Wörter unserer Sprache, wird auch das Wort „Glaube“ in einem eigentlichen und uneigentlichen Sinn gebraucht. Es ist zum richtigen Verständnis dessen, was Glaube wirklich meint, entscheidend, den eigentlichen Sinn von dem uneigentlichen klar zu unterscheiden. Die meisten Mißverständnisse und Fehlinterpretierungen entstammen einer mangelnden Unterscheidung und daraus folgend einer Verwirrung des Begriffs.

Josef Pieper geht deswegen zunächst der Frage nach: „Was alles aber meinen die Menschen wirklich, wenn sie vom Glauben sprechen; welches ist die wahre, runde, komplette Bedeutung dieses Begriffs?“ Die Antwort auf diese Frage wird vorerst anhand eines Beispiels gegeben, das die ganze Bandbreite dessen, was „Glauben“ sein kann, aufzeigt: „Jemand gibt mir eine Nachricht zu lesen, die er selber für einigermaßen verwunderlich hält; und nachdem ich sie zur Kenntnis genommen habe, fragt er mich: Glaubst du das? — Was eigentlich will er von mir hören? Er will hören, ob ich der Meinung bin, daß die Nachricht »stimmt«; er will wissen, wie ich mich dazu »stelle«, ob ich die Meldung für wahr, das heißt, ob ich den darin berichteten Sachverhalt für wirklich halte. Es ist klar, daß es außer »Ja« und »Nein« verschiedene mögliche Antworten gibt. Ich könnte etwa sagen: Ich weiß nicht, ob es stimmt; ich finde, es kann ebensogut nicht stimmen. Oder meine Antwort könnte so lauten: Ich vermute, die Meldung ist zutreffend; ich meine, es hat mit ihr seine Richtigkeit – obwohl auch das Gegenteil mir nicht als völlig ausgeschlossen erscheint. Es wäre ferner denkbar, daß ich entschieden mit »Nein« antworte. Dies »Nein« freilich könnte mehreres bedeuten. Es könnte bedeuten, daß ich die Nachricht für unwahr halte, für einen Irrtum, für eine Lüge, für eine »Ente«. Möglicherweise aber könnte ich mit dem »Nein« auch das Folgende meinen: Du fragst mich, ob ich das glaube; nein, ich »glaube« es nicht; ich weiß nämlich, daß es stimmt; ich habe, was da berichtet wird, mit meinen eigenen Augen gesehen; ich bin zufällig »dabeigewesen«. Endlich aber könnte meine Antwort sein: Ja, ich glaube, daß die Nachricht wahr ist, das heißt, daß es sich so verhält, wie es da geschrieben steht. Das freilich werde ich vielleicht erst sagen, nachdem ich mich noch rasch vergewissert habe, wer für den Bericht als Autor zeichnet oder auch, in was für einer Zeitung die Nachricht erschienen ist“ (S. 264).

Anhand der hier durchspielten Möglichkeiten wird jedem sofort ansichtig, wie vielfältig „Glauben“ im alltäglichen Leben sein kann. Aber was ist nun der diesen vielen Möglichkeiten zugrundeliegende Sachverhalt? Was verbindet diese Vielheit von Möglichkeiten zu einer vergleichbaren Einheit? Josef Pieper formuliert diesen gemeinsamen Sachverhalt folgendermaßen: „Eine erste annähernde Kennzeichnung müßte demnach so lauten: Glauben heißt soviel wie Stellung nehmen zu der Wahrheit einer Aussage und zu der Tatsächlichkeit des ausgesagten Sachverhalts; Glauben bedeutet, genauer gesagt, daß man eine Aussage für wahr und das Ausgesagte für wirklich, für objektiv zutreffend hält.“

Grundsätzlich gibt es hierbei vier klassische Möglichkeiten der Stellungnahme eines Menschen zur Aussage eines anderen, nämlich: Zweifeln, Meinen, Wissen, Glauben.
Der Unterschied ist dabei folgender: Meinen, Wissen, Glauben sind Formen der zustimmenden Stellungnahme, wobei aber nur der Wissende und der Glaubende uneingeschränkt zustimmen, wohingegen der Meinende einen Vorbehalt in seiner Zustimmung macht. Der Wissende und der Glaubende sagen: „Ja, so ist es und nicht anders!“ Der Meinende setzt als stillschweigende Bedingung etwa hinzu: „So scheint es jedenfalls zu sein“ oder „Soweit ich das beurteilen kann“ usw. Der Zweifelnde dagegen glaubt gar nicht, denn er verweigert aufgrund seines Zweifels die Zustimmung.

Glaube als feste Zustimmung

Wahrer Glaube ist seinem Wesen nach bedingungslos. Es ist nun näherhin zu zeigen, inwieweit dies gilt und wie es genau zu verstehen ist. Josef Pieper faltet den Gedanken wiederum anhand eines Beispiels weiter aus: „Nehmen wir an, ein mir völlig unbekannter Mann, der, wie er sagt, soeben aus langjähriger Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist, komme zu mir ins Haus mit der Nachricht, er habe meinen Bruder in einem »Schweigelager« gesehen; dieser seit langer Zeit verschollene, totgeglaubte Bruder sei am Leben und werde wohl gleichfalls bald heimkehren. Manches von dem, was mir nun berichtet wird, paßt zu dem Bilde, das ich selbst von meinem Bruder habe; es ist durch innere Wahrscheinlichkeit in etwa ausgewiesen. Das Entscheidende aber, ob er nämlich lebt und wie es um ihn bestellt sein mag – dies kann ich auf gar keine Weise nachprüfen. Nachprüfbar bis zu einem gewissen Grade ist auch die Glaubwürdigkeit des Zeugen. Und natürlich lasse ich keine Möglichkeit aus, etwas über ihn zu erfahren. Eines Augenblicks aber stehe ich unvermeidlich vor der Entscheidung: Soll ich glauben oder nicht, was er berichtet; soll ich ihm glauben oder nicht? – In diesen Fragesätzen, das ist völlig klar, läßt sich die Vokabel »glauben« auf keine Weise durch ein anderes Wort ersetzen. Und das heißt: hier ist »Glauben« in seiner vollen, strikten, eigentlichen Bedeutung gemeint. Zweierlei tritt hiermit sogleich ans Licht. – Der im eigentlichen Sinn Glaubende hat es, erstens, nicht nur, wie etwa der Wissende, mit einem Sachverhalt zu tun, sondern zugleich mit einem Jemand, mit dem Zeugen nämlich, der den Sachverhalt verbürgt und auf den der Glaubende sich verläßt. Zweitens zeigt sich das, wonach die gegenwärtige Erörterung vor allem fragt: daß Glauben [im eigentlichen Sinn] wirklich eine vorbehaltlose Zustimmung und ein unbedingtes Fürwahrhalten meint“ (S. 271).

Anhand dieses persönlich sehr bewegenden Beispiels wird direkt erlebbar, was Glauben meint. Ein fremder Mann steht plötzlich an der Haustüre und überbringt eine Nachricht, die eine Zentnerlast von der eigenen Seele nimmt – nämlich die Ungewißheit, ob der eigene Bruder im Krieg gefallen ist, oder ob er womöglich doch noch lebt. Dem Angesprochenen geht es wohl schlagartig durch den Kopf: Es sind doch in letzter Zeit immer wieder Berichte veröffentlicht worden von solchen Fällen. Eine Todesmeldung ist niemals eingetroffen. Andere Kameraden sind doch auch noch am Leben… Mit einem Mal gibt es ein Lebenszeichen! Ein Augenzeuge steht vor einem und berichtet, der seit langer Zeit verschollene, totgeglaubte Bruder ist am Leben, er habe ihn gesehen, gesprochen und von ihm den Auftrag erhalten, das mitzuteilen. Auch der Bruder wird wohl gleichfalls bald heimkehren.

Josef Pieper gibt nun zu bedenken: „Würde ich dem Heimkehrer, der nun als Gast an meinem Tische sitzt, als Resultat meines Nachdenkens etwa sagen: sein Bericht habe mich stark beeindruckt und ich sei durchaus geneigt, ihn für zutreffend zu halten, aber, da ich ja schließlich nicht die Möglichkeit der Nachprüfung besitze … — wollte ich so sprechen, dann müßte ich mich darauf gefaßt machen, daß der andere mich unterbrechen könnte mit der knappen Feststellung: Mit einem Wort, Sie glauben mir nicht! Darauf würde ich vielleicht, um das Verletzende solcher Direktheit ein wenig zu mildern, antworten: Doch, er habe durchaus mein Vertrauen, und ich sei auch bereit, ihm zu glauben; freilich, völlig sicher sei ich eben doch nicht. Wenn dann mein Gegenüber unnachgiebig dabei bleiben würde, daß ich ihm demnach nicht glaube — dann hätte er damit ganz und gar recht. »Ich glaube zwar, aber ich bin nicht völlig sicher«: wer so spricht, meint entweder Glauben in uneigentlicher Bedeutung, oder er redet Unsinn.“

Hiermit kommt ein weiterer Aspekt des Glaubens griffig zur Sprache: Glaube heißt immer jemandem glauben, heißt, sich auf einen glaubwürdigen Zeugen stützen. Womit die Sprache bildhaft das Wesen des Glaubens zum Ausdruck bringt: Der Glaubende verläßt sich auf das Wissen eines anderen. Insofern er diesem, den Sachverhalt Bezeugenden, vertraut, weil er sein Wissen für zuverlässig hält, stützt er sich auf dieses Wissen und macht es sich damit selber zu eigen.

Wobei es sicher ein den eigenen Glauben sehr erhellender Gedanke ist, nüchtern einzusehen, daß der Großteil unseres vermeintlichen „Wissens“ gar nicht wirkliches, also selbst gewonnenes Wissen ist, sondern Wissen, das auf dem Wege des Glaubens erworben wurde. Josef Pieper stellt wohl auch deswegen seinen Erwägungen „Über den Glauben“ den Satz des griechischen Philosophen Aristoteles voran: „Wer lernen will, muß glauben.“ Es ist ein Zeichen der schon unheimlich zu nennenden Naivität des modernen Menschen, daß er sich wahrlich einbildet, mehr zu wissen, als die Menschen aller früheren Jahrhunderte, die seiner Meinung nach alle noch im finsteren Aberglauben gefangen waren. Wobei doch ganz anders als der heutige Mensch die Menschen früherer Jahrhunderte sicherlich einen viel größeren Teil ihrer lebenstragenden Erkenntnisse aus eigener Erfahrung gewonnen haben, wohingegen der moderne Mensch diese vorwiegend einem viereckigen Kasten entnimmt, dem er großteils unreflektiert alles glaubt, was er – oder besser es, nämlich, die Maschine – sagt und zeigt oder auch einfach nur dem „Zuschauer“ vorgaukelt. Aber auch in fast allen „Wissens“gebieten verläßt sich der moderne Mensch auf irgendwelche „Fachmänner“, bei denen er, wenn er ehrlich ist, in keiner Weise sicher weiß und wirklich einschätzen kann, was sie nun wirklich wissen oder was sie nur meinen oder sich auch nur zusammenphantasieren, erinnert doch die moderne Wissenschaft in vielen Bereichen durchaus schon an Science fiction Romane. Dieses naive Vertrauen auf die vermeintlichen Einsichten der modernen Wissenschaft speist sich letztlich allein aus dem Vertrauen auf den technischen Fortschritt. Wobei die im wahrsten Sinne des Wortes todbringenden Komponenten dieses Fortschritts vollkommen ignoriert werden.