Glaube und Unglaube

Aber kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Thema. Wir haben gesehen, wenn wir das Wort „Glauben“ in seiner eigentlichen Bedeutung gebrauchen, dann ist — wohl bemerkt: nach jedermanns Meinung! — von einer uneingeschränkten, vorbehaltlosen, an keine Bedingung geknüpften Zustimmung die Rede. Josef Pieper gibt zu bedenken: „In Bezug auf das Kennen des Sachverhalts ist der ‚Dabeigewesene‘ und der Wissende dem Glaubenden überlegen, nicht aber in Bezug auf die unbeirrbare Festigkeit der Zustimmung.“ Glaubender und Wissender kommen also überein in ihrer Festigkeit der Zustimmung zu einem bestimmten Wissen, weshalb der hl. Thomas von Aquin grundsätzlich feststellt: „Es gehört zum Begriff des Glaubens selbst, daß der Mensch dessen sicher sei, woran er glaubt“ (II-II. 112,5 ad 2). Dieselbe Einsicht formuliert John Henry Newman auf eine fast herausfordernde Weise: „Wenn einer sagt ‚Ja, jetzt, in diesem Augenblick glaube ich…; aber ich kann nicht versprechen, daß ich auch morgen noch glauben werde‘ — dann glaubt er auch jetzt nicht.“

Freiheit des Glaubensaktes

Weil der Glaube kein selbstgewonnenes Wissen schenkt und schenken kann – würde mir jemand etwas mitteilen, was ich selbst weiß, dann würde, bräuchte ich das nicht zu glauben, sondern könnte antworten: Das weiß ich selbst schon – ist der Glaube immer frei. Nichts zwingt mich dazu zu glauben. Die Vernunft kann den Menschen immer nur an den Glauben heranführen, ihn aber niemals aufzwingen. John Henry Newman formuliert diesen Sachverhalt vollkommen treffend, wenn er schreibt: „Sobald du überzeugt bist, daß du glauben müßtest, hat die Vernunft das Ihre getan; was nun vonnöten ist zum Glauben, ist nicht ein Argument, sondern ein Willensakt.“

Sobald man nun beides erwägt, auf der einen Seite die Sicherheit des Glaubens, auf der anderen Seite die Freiwilligkeit des Glaubensaktes, wird einem greifbar, daß Glauben seinem Wesen nach zwiespältig ist. Josef Pieper weist darauf hin: „Niemand, der glaubt, muß glauben; Glaube ist ein von Natur freier Akt. Die Einsicht in die Glaubwürdigkeit des Zeugen kann niemals dazu hinreichen, einen Menschen zum Glauben zu nötigen; und der Sachverhalt, dessen Offenbarkeit den Erkennenden sehr wohl zu zwingen vermag, zeigt sich dem Glaubenden gerade nicht. Immer also ist der Glaubende, indem er glaubt, frei. Weil übrigens dies so ist, darum ist der Glaube ein in besonderem Maße unaufhellbares Phänomen. Nicht allein der religiöse Offenbarungsglaube, sondern auch das Glaubenschenken der Menschen untereinander ist, weil aus der Freiheit entspringend, von Natur dem Geheimnis benachbart und verwandt“ (S. 298).

Im Akt des Glaubens wird uns ein Grundverhalten der Menschen im gegenseitigen Umgang ansichtig, nämlich das Vertrauen. Wir sagten schon: Glauben heißt immer jemandem glauben. Die Sicherheit des Glaubens stammt nicht aus der eigenen Einsicht in den Sachverhalt, sondern aus dem persönlichen Vertrauen dem bezeugenden Menschen gegenüber. Dieses Vertrauen hat jedoch immer etwas Schwebendes, weil es unmöglich ist, einem Menschen vollkommenes, absolutes Vertrauen entgegenzubringen. Diesen Sachverhalt formuliert in anschaulichster Weise das Sprichwort: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, selbst wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Dieses Sprichwort verweist auf die zerbrechliche Basis menschlichen Glaubens: Eine einzige Lüge kann diese Basis in Frage stellen und zerstören – wenigstens diesem einen Menschen gegenüber. Eine offenbarwerdende Lüge fördert sozusagen die grundsätzliche Schwäche menschlichen Glaubens zu Tage. Es ist, als würde mit einem Mal dem Glaubenden der Boden unter den Füßen weggezogen. Mit einem Mal ist jeglicher Glaube verschwunden und es bleibt die bittere Einsicht: Und ich habe dir geglaubt!

Wobei nicht allein die Lüge, sondern auch noch die Täuschung eine Möglichkeit darstellt, den geschenkten Glauben in Frage zu stellen. Jemand kann auch etwas mit bestem Wissen und Gewissen bezeugen – und dennoch muß er womöglich nach einiger Zeit feststellen, daß er sich trotz aller Sorgfalt der Prüfung oder des Studiums getäuscht hat. Jeder Mensch ist irrtumsfähig!

Aufgrund dieser beiden Möglichkeiten werden die Grenzen menschlichen Glaubens deutlich. Glaube einem Menschen gegenüber kann niemals absolut sein. Einen solchen absoluten Glauben gibt es – zunächst wenigstens theoretisch – allein Gott gegenüber, der sich nicht täuschen kann, weil er allwissend ist und auch nicht lügen kann, weil er die Wahrheit ist.

Natürlicher und übernatürlicher Glaube

Der religiöse Glaube stellt die vollkommene Form des Glaubens dar. Denn im religiösen Glauben habe ich einen Zeugen, auf den ich mich in jedem Fall, vollkommen, rückhaltlos verlassen kann. Das einzusehen ist grundlegend, um die Wesensart des übernatürlichen Glaubens verstehen zu können.

Nur dann, wenn man das festhält, ist man auch befähigt, den nächsten Schritt zu gehen, vernünftigerweise zu gehen: Nämlich Gott auch dann zu glauben, wenn ER uns Wissen offenbart, das unsere Vernunft wesentlich übersteigt, also Geheimnisse im wahren Sinne des Wortes. Damit ist ein Wissen gemeint, das auch nach der Offenbarung für unsere Vernunft unerkennbar bleibt. Diese Möglichkeit am göttlichen Wissen durch Glauben teilzunehmen, hat durchaus etwas Geheimnisvolles an sich.

Der hl. Thomas von Aquin umschreibt dieses Geheimnis mit folgendem Satz: „Unter sonst gleichen Bedingungen ist Sehen mehr als Hören; wenn aber der, von dem man hörend etwas erfährt, weit mehr zu erfassen vermag, als was man selber sehend zu Gesicht bekommt, dann ist Hören mehr als Sehen“ (II-II, 4, 8 ad 2). Dies gilt zwar auch schon für einen natürlichen Glauben – denken wir an das Verhältnis eines Lehrers, der selbstverständlich mehr wissen sollte, zu seinem Schüler – aber im eigentlichen Sinne besonders für den übernatürlichen Glauben. Kann doch Gott zweifelsohne unendlich mehr erfassen, als man selbst sehend zu Gesicht bekommt, weshalb hier Hören unendlich mehr ist als selber Sehen!

Die Tragweite dieser Einsicht wird einem freilich nur dann wirklich einleuchten, wenn für einem die Wirklichkeit Gottes zweifelsfrei feststeht und man Gott als Person erkannt hat, die sich in einer Wahrheit verbürgenden Rede uns Menschen zuwenden kann und es auch tut. Damit wird deutlich, der theologische Glaube trägt eine unvergleichlich höhere Spannung in sich als der natürliche Glaube. Steht darin doch ständig die höchste Glaubwürdigkeit Gottes der Unmöglichkeit, das offenbarte Glaubensgeheimnis rational zu verstehen, gegenüber. Das Mißverstehen dieser Tatsache hat in der Aufklärungszeit dazu geführt, dem solchermaßen Glaubenden vorzuwerfen, er würde seine Vernunft dem Glauben opfern. Dieser Vorwurf ist natürlich in diesem Zusammenhang vollkommen unsinnig und zeigt seinerseits, daß man das Wesen des theologischen Glaubens schon lange nicht mehr verstand. Denn die göttliche Wahrheit hebt auch in ihrem Geheimnischarakter die menschliche Vernunft nicht auf und zwingt sie nicht dazu, Irrationales anzuerkennen; vielmehr hebt sie die menschliche Vernunft über sich hinaus und hilft ihr mit dem geschenkten gnadenhaften Licht des Glaubens, das Geheimnis immer tiefer zu erfassen.

Der hl. Thomas von Aquin hat den Doppelcharakter des Glaubens minutiös aufgearbeitet und erklärt sodann zusammenfassend, es finde sich im Glauben „aliquid perfectionis et aliquid imperfectionis“, also sowohl ein Element von Vollkommenheit, als auch eines von Unvollkommenheit. Dabei liege die Vollkommenheit in der Festigkeit der Zustimmung, wohingegen die Unvollkommenheit darin liege, daß kein Sehen zustande komme. Aus diesem Grund bleibe im Glaubenden eine „Denk-Unruhe“ zurück, wie Josef Pieper hier das vom hl. Thomas gebrauchte lateinische Wort „cogitatio“ übersetzt.

Der katholische Glaube, der eine göttliche Tugend ist, eröffnet uns einen Blick in die Welt Gottes hinein, die unserer natürlichen Vernunft ihrem Wesen nach unerreichbar ist – und auch nach der Offenbarung bleibt! Es kann darum gar nicht anders sein, aus diesem Ansichtigwerden der göttlichen Geheimnisse muß eine Denk-Unruhe entspringen, die umso größer ist, als die Glaubenswahrheit mit absoluter Sicherheit festgehalten wird und werden muß, aufgrund des die Wahrheit verbürgenden Zeugnisses Gottes. Der Mensch möchte das offenbare Geheimnis immer tiefer begreifen, was ihm mit Hilfe des göttlichen Glaubenslichtes auch gelingt. Dabei ist es entscheidend, immer zu bedenken, daß diese „Denk-Unruhe“ kein Zweifel ist, weil doch der Glaube keinen Zweifel duldet, dieser wäre eine Sünde gegen die Tugend des Glaubens. Newman bemerkt einmal sehr fein unterscheidend: „Zehntausend Schwierigkeiten bilden noch keinen Zweifel …“ (Apologia pro vita sua, Longmans, Green und Co., London 1888).

Die klassische und kürzeste Umschreibung des Begriffs „Glauben“ lautet: „cum assensione cogitare“. Wollte man dies im Deutschen wörtlich übersetzen mit „mit Zustimmung denken“, würde das eigentliche der lateinischen Aussage verlorengehen. Es muß viel eher heißen: „Mit Zustimmung be-denken“. Wobei wir wissen, ein Glaubensgeheimnis kann und muß ein ganzes Leben lang bedacht werden, wenn es in einem lebendigen Glauben festgehalten werden soll, weshalb J.H. Newman mahnt: (279) „Der Glaube ist ein göttliches Geschenk. Er wird durch Gebet gewonnen. Das Gebet muß geduldig und beharrlich sein“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Clarendon Press, Oxford, 1961-1980. XXXI S. 177 (11.12.1886)).

Damit kommt etwas Entscheidendes zur Sprache, das man im persönlichen Glaubensleben niemals außer Acht lassen darf: Unser Glaube hat es zunächst nicht mit etwas zu tun, mit einer Lehre, nicht mit Glaubenssätzen und Geboten, sondern mit Jemandem, mit einer Person – ja, mit dem Geheimnis der drei göttlichen Personen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die eines Wesens sind in ihrer Gottheit und damit ein einziger Gott! Der hl. Ambrosius stellt hierzu die alles entscheidende Frage: „Cui magis de Deo quam Deo credam“ – „wem sollte ich in bezug auf Gott eher glauben als Gott?“ Die ganze christkatholische Tradition ist nur zu verstehen, wenn man begreift, daß es letztlich immer nur darum geht, diese Einsicht ernst zu nehmen: Wenn es um Gott geht, ist Gott der oberste, erste, beste und mithin sogar der einzige zuverlässige und glaubwürdige Zeuge. Der hl. Augustinus faltet diesen Gedanken noch etwas weiter aus, indem er dreierlei unterscheidet: Deo credere, Deum credere, in Deum credere. Er erklärt dazu: „Deo credere heißt: glauben, daß wahr ist, was Gott sagt…; so glauben wir auch einem Menschen, während wir nicht ‚an‘ einen Menschen glauben. Deum credere heißt: glauben, daß Er Gott ist. In Deum credere heißt: glaubend lieben, glaubend zu Ihm hingehen, glaubend Ihm anhangen und Seinen Gliedern zugesellt werden“ (Augustinus, Enarr. in Psalmos 77,8, Migne PL 36, 988).