Glaube und Unglaube

Die abschließenden Worte des hl. Augustinus erinnern uns an die unvorstellbare Dynamik des Gottesglaubens. Niemand kann an Gott glauben, der das höchste, unendliche Gut ist, ohne dadurch gedrängt zu werden, sich IHM anzuschließen und hinzugeben. Die eingegossene Tugend des Glaubens muß sich darum im Laufe des Lebens immer mehr entfalten. Ad. Tanquerey beschreibt in seinem „Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie“ die heiligende Aufgabe der Tugend des Glaubens (Desclées & Co., Paris 1931, S 816ff). Wir wollen daraus einen etwas längeren Abschnitt wiedergeben:

II. Heiligende Aufgabe der Tugend des Glaubens.
1172. Dem so verstandenen Glauben muss begreiflicherweise ein bedeutender Anteil an unserer Heiligung zufallen. Als Teilnahme an den Gedanken Gottes ist er die Grundlage des übernatürlichen Lebens und vereinigt uns aufs innigste mit Gott.
1173. 1. Er ist die Grundlage unseres übernatürlichen Lebens. Wie wir sagten, gilt Demut als Grundlage der Tugenden. In welchem Sinne, haben wir erklärt (N. 1138). Der Glaube ist nun, seinerseits, die Grundlage der Demut, die, wie wir bereits sagten, den Heiden unbekannt war. Folglich ist er, noch tiefer gehend, die Grundlage aller Tugenden.
Zur Vermittlung noch besseren Verständnisses brauchen wir nur die Worte des Konzils von Trient auszulegen. Es bestätigt, der Glaube sei der Anfang, die Grundlage und die Wurzel der Rechtfertigung und somit der Heiligung. „Humanae salutis initium, fundamentum et radix totius justificationis.“ (Beginn des menschlichen Heiles, Fundament und Wurzel der ganzen Rechtfertigung.)
A) Er ist deren Anfang, weil er das von Gott gebrauchte, geheimnisvolle Mittel zur Einführung in das göttliche Leben ist, in die Art und Weise, auf die Gott sich selbst kennt. Unsererseits ist er die erste übernatürliche Verfassung, ohne die wir weder hoffen noch lieben können. Er ist sozusagen die Besitzergreifung Gottes und göttlicher Dinge. Tatsächlich muss man das Übernatürliche erst kennen, ehe man es erfasst und davon lebt. „ Nil volitum quin praecognitum.“ (Nichts wird gewollt, was nicht vorher erkannt wird.) Wir erkennen es durch den Glauben, ein dem Lichte der Vernunft hinzugefügtes, neues Licht, durch das wir in eine neue Welt, nämlich in die übernatürliche Welt, eindringen. Er ist wie ein Teleskop, das uns die mit bloßem Auge nicht wahrnehmbaren, entfernten Dinge zeigt. Und doch ist dieser Vergleich sehr hinkend, denn das Teleskop ist ein äußerlich vorhandenes Instrument, während der Glaube in das Innerste unseres Verstandes eindringt, dessen Schärfe er erhöht und dessen Wirkungsfeld er erweitert.
1174. B) Er ist auch die Grundlage des inneren Lebens. Dieser Vergleich zeigt uns, dass die Heiligkeit ein sehr umfangreicher, hoher Bau ist, dessen Grundstein der Glaube bildet. Je tiefer und breiter nun die Grundmauern eines Gebäudes gelegt werden, desto mehr kann es, ohne Gefahr für seine Festigkeit, sich nach oben erheben. Aus diesem Grunde ist es so wichtig, dass der Glaube bei frommen Menschen, besonders bei Theologiestudierenden und Priestern gefestigt werde, damit sich auf dieser unerschütterlichen Grundlage der Tempel der christlichen Vollkommenheit erhebe.
C) Endlich ist er die Wurzel der Heiligkeit. Die Wurzeln holen sich aus dem Erdboden die zur Ernährung und zum Wachstum eines Baumes notwendigen Säfte. Ähnlich macht es der Glaube, der seine Wurzeln bis ins Innerste der Seele senkt, sich dort von den göttlichen Wahrheiten nährt und der Vollkommenheit reichliche Speisung gewährt. Sind die Wurzeln recht tief, so geben sie auch dem Baum, den sie tragen, Festigkeit. Ebenso widersteht die im Glauben gefestigte Seele allen inneren Stürmen. Zur Erlangung hoher Vollkommenheit gibt es daher nichts Wichtigeres, als tiefeingewurzelten Glauben zu besitzen.
1175. 2. Der Glaube vereinigt uns mit Gott und lässt uns an seinen Gedanken und seinem Leben teilhaben. Die Erkenntnis, mit der Gott sich selbst erkennt, wird dem Menschen teilweise verliehen. „Durch ihn“, sagt Mgr. Gay „wird das Licht Gottes unser Licht, seine Weisheit unsere Weisheit, seine Wissenschaft unsere Wissenschaft, sein Geist unser Geist, sein Leben unser Leben.“
Unseren Verstand vereinigt er unmittelbar mit der göttlichen Weisheit. Weil aber der Glaubensakt nicht ohne Mitwirkung des Willens zustande kommt, ist dieser ebenfalls an den glücklichen Wirkungen beteiligt, die der Glaube in der Seele hervorbringt. Daher kann man behaupten, der Glaube sei die Lichtquelle für den Verstand, Kraft und Trost für den Willen, Grundlage von Verdiensten für die ganze Seele.
1176. A) Er ist das Licht zur Erleuchtung des Verstandes und unterscheidet den Christen vom natürlich Weisen, wie die Vernunft den Menschen vom Tier unterscheidet. Wir besitzen ein dreifaches Erkenntnisvermögen: das sinnliche, das sich durch die Sinne betätigt, das vernünftige, das durch den Verstand ermöglicht wird, das geistliche oder übernatürliche, das der Glaube verleiht. Dieses letztere ist viel kostbarer als die beiden anderen.
a) Er erweitert den Kreis unserer Kenntnisse von Gott und göttlichen Dingen. Durch die Vernunft kennen wir so wenig von Gottes Wesen und innerem Leben. Durch den Glauben erfahren wir vieles. Er sagt uns, dass es einen lebendigen Gott gibt, der von Ewigkeit her einen Sohn erzeugt und dass aus der gegenseitigen Liebe zwischen Vater und Sohn die dritte Person, der Hl. Geist, hervorgeht. Ferner, dass der Sohn Mensch geworden ist, um uns zu erlösen. Die an ihn glauben, werden die angenommenen Kinder Gottes. Der Hl. Geist nimmt Wohnung in unserer Seele, heiligt sie und schenkt ihr einen übernatürlichen Organismus, so dass wir gottähnliche und verdienstliche Akte vollziehen können. Und das ist nur ein Teil der uns gewordenen Offenbarungen.
b) Er verhilft zur Vertiefung der von der Vernunft bereits erkannten Wahrheiten. Wieviel genauer und vollkommener ist z. B. die Sittlichkeitslehre des Evangeliums im Vergleiche zur natürlichen!
Man beachte die Bergpredigt: Gleich bei Beginn wagt es der Heiland, die Armen, Sanftmütigen und die Verfolgten selig zu preisen. Von seinen Jüngern verlangt er, die Feinde zu lieben, für sie zu beten und ihnen Gutes zu tun. Die von ihm verkündete Heiligkeit ist nicht die gesetzliche oder äußere Heiligkeit, es ist die innere, die auf der Liebe zu Gott und zum Nächsten beruht. Zu unserer Aneiferung stellt er uns das vollkommenste Ideal, Gott und seine Vollkommenheiten, vor Augen. Da aber Gott fern von uns zu sein scheint, steigt sein Sohn vom Himmel herab, wird Mensch, lebt unser Leben und bietet uns so ein leichtfassliches Beispiel des vollkommenen Lebens, das wir auf Erden führen sollen. Um uns die zu einem solchen Unternehmen nötige Kraft und Ausdauer zu verleihen, begnügt er sich nicht damit, uns voranzugehen, er kommt selbst in uns, um mit seinen Gnaden und Tugenden in uns zu leben. Wir können also keine Entschuldigungen für unsere Schwäche vorbringen. Er selbst ist unsere Kraft, ebenso unser Licht.

Wem glaube ich?

Es bleibt nun noch eine Frage zu klären, die den konkreten, tatsächlichen Glauben des Katholiken betrifft. Nach Tanquerey ist der Glaube eine „göttliche Tugend, die, unter Einfluß des Willens und der Gnade, unseren Verstand geneigt macht, den geoffenbarten Wahrheiten wegen der Autorität Gottes fest zuzustimmen“.

Nun ist es eine von jedem erfahrbare Tatsache, daß Gott durchaus nicht persönlich zu uns spricht, weshalb wir IHM auch nicht in derselben direkten Weise Glauben schenken können wie etwa einem Menschen. Wie komme ich daher zu einem wahren, übernatürlichen Glauben? Einen Glauben, bei dem ich mich letztlich nicht wieder auf eigene Einsicht stütze, sondern wirklich auf Gott? In einem Katechismus aus dem Jahre 1889 wird genau diese Frage gestellt: „Offenbart sich Gott auch uns?“

Eine sehr berechtigte Frage, denn nur dann kann ich Gott im eigentlichen Sinne Glauben schenken, wenn ER sich mir in irgendeiner Weise konkret, erkennbar offenbart. Die Antwort auf diese Frage in dem Katechismus aber lautet: „Gott offenbart sich uns durch die Lehre der heiligen römisch-katholischen Kirche, die von Christus eingesetzt ist als unfehlbare Lehrerin der göttlichen Offenbarungen, der wir daher glauben müssen“ (Die Heilslehre der katholischen Kirche von Leopold Uffenheimer, Benzinger Einsiedeln, 1889, S. 16).

Da sich Gott nicht jedem einzelnen Katholiken offenbart und ihn nicht persönlich im Glauben unterweisen will, hat ER die hl. Kirche als unfehlbare Lehrerin der göttlichen Offenbarungen eingesetzt. Sie nimmt durch den ständigen Beistand des Heiligen Geistes an der Irrtumslosigkeit des göttlichen Lehrers teil, weshalb sie auch allein unseren göttlichen Glauben gewährleistet und gewährleisten kann. Wäre die hl. Kirche nicht unfehlbar, so könnte sie von uns keine andere Glaubwürdigkeit erwarten und einfordern als jeder andere Mensch oder rein menschliche Gemeinschaft auch. Somit wäre aber der ihr entgegengebrachte Glaube nur ein rein natürlicher. Er würde sich von einem einem Menschen geschenkten Glauben nicht wirklich unterscheiden.

Im Römischen Katechismus, Erster Teil, Zehntes Hauptstück, heißt es darum: „18. Die Kirche kann in Lehren des Glaubens oder der Sitten nicht irren. Aber wie diese eine Kirche nicht irren kann in der Überlieferung der Glaubens- und Sittenlehre, da sie vom Heiligen Geiste regiert wird: so sind notwendigerweise alle übrigen, welche sich den Namen ‚Kirche‘ anmaßen, da sie vom Geiste des Teufels geleitet werden, in den gefährlichsten Irrtümern bezüglich der Lehre und der Sitten befangen.“

Es wird also der Unterschied zu allen anderen Gemeinschaften, die sich den Namen „Kirche“ anmaßen, aber in Wirklichkeit nicht Kirche sind, darin gesehen, daß die wahre Kirche die Wahrheit irrtumslos bewahrt, weil sie vom Heiligen Geiste regiert wird, wohingegen die verschiedenen Sekten vom Geiste des Teufels geleitet werden, weshalb sie in den gefährlichsten Irrtümern bezüglich der Lehre und der Sitten befangen sind.

Aus diesem Grund stellt Pius IX. in seiner Enzyklika „Qui pluribus“ vom 9. Febr. 1878 fest: „Und hieraus wird ganz deutlich, in welch großem Irrtum sich auch jene befinden, die, die Vernunft mißbrauchend und die Worte Gottes als menschliches Werk erachtend, aus eigener Willkür jenes zu erklären und blindlings auszulegen wagen, während doch Gott selbst eine lebende Autorität einsetzte, die den wahren und rechtmäßigen Sinn seiner himmlischen Offenbarung lehren, festlegen und alle Streitfragen im Bereich des Glaubens und der Sitten mit unfehlbarem Urteil entscheiden sollte, damit die Gläubigen nicht durch jeden Windstoß der Lehre in der Verworfenheit der Menschen der Arglist des Irrtums in die Arme getrieben würden [vgl. Eph 4,14]. … Und weil, wo Petrus, dort die Kirche , und Petrus durch den Römischen Bischof spricht und immer in seinen Nachfolgern lebt, das Richteramt ausübt und den Suchenden die Wahrheit des Glaubens verbürgt, deshalb sind die göttlichen Worte ganz in dem Sinne anzunehmen, den diese römische Kathedra des seligsten Petrus behauptete und behauptet, die als Mutter und Lehrerin aller Kirchen den von Christus, dem Herrn, überlieferten Glauben immer unversehrt und unverletzt bewahrt und ihn die Gläubigen gelehrt hat, indem sie allen den Weg des Heiles und die Lehre der unverfälschten Wahrheit zeigte“ (DH 2781).