Glaube und Unglaube

Die hl. Kirche verdient also deswegen unseren unbedingten Glauben, der dadurch seinem Wesen nach übernatürlich ist, weil „die als Mutter und Lehrerin aller Kirchen den von Christus, dem Herrn, überlieferten Glauben immer unversehrt und unverletzt bewahrt und ihn die Gläubigen gelehrt hat, indem sie allen den Weg des Heiles und die Lehre der unverfälschten Wahrheit zeigte“.

Derselbe Papst schreibt in seiner Enzyklika „Quanta cura“ vom 8. Dezember 1864: „Wir können ferner auch die Verwegenheit derer (gemeint sind die sog. liberalen „Katholiken“, heute würde man sie Modernisten nennen) nicht mit Stillschweigen übergehen, die die gesunde Lehre unerträglich finden und die Behauptung aufstellen, ‚jenen Entscheidungen und Erlassen des Apostolischen Stuhles, die das allgemeine Wohl der Kirche, ihre Rechte und Zucht zum Gegenstand haben, sofern derselbe nur die Glaubens- und Sittenlehre nicht berührt, könne ohne Sünde und ohne jegliche Gefährdung des katholischen Bekenntnisses die Zustimmung und der Gehorsam verweigert werden‘. Wie sehr dies im Widerspruch steht zum katholischen Glaubenssatz von der Vollgewalt, die dem römischen Papst von Christus dem Herrn selbst aus göttlicher Macht übertragen worden ist, die gesamte Kirche zu weiden, zu leiten und zu verwalten, muß jedermann klar und offen sehen und verstehen“ (Summa Pontifica, Band I. Verlag Josef Kral, Abensberg, 1978, S. 473).

Abschließend sei noch auf Pius VI. verwiesen, der in seiner Konstitution „Auctorem fidei“ vom 28. August 1798 gegen die Synode von Pistoia den irrigen Satz anführt: „In diesen letzten Jahrhunderten wurde eine allgemeine Verdunkelung über die Wahrheiten größeren Gewichts gebreitet, die sich auf die Religion beziehen und die die Grundlage des Glaubens und der Morallehre Jesu Christi sind“, der sicherlich die Ansicht nicht weniger sog. Traditionalisten wiedergibt, welche die derzeitige römische Menschenmachwerkskirche für die wahre Kirche Jesu Christi halten, in welcher durchaus „eine allgemeine Verdunkelung über die Wahrheiten größeren Gewichts gebreitet“ ist, Wahrheiten, „die sich auf die Religion beziehen und die die Grundlage des Glaubens und der Morallehre Jesu Christi sind“, wie auch jene Traditionalisten immer wieder lamentierend zugeben müssen. Nun, Pius VI. beurteilt diesen Irrtum als „häretisch“ (vgl. DH 2601). In der wahren Kirche Jesu Christi kann es nämlich niemals zu einer Verdunkelung der Wahrheit kommen, ist sie doch durch den Beistand des Heiligen Geistes allezeit irrtumslos in der Bewahrung des göttlichen Glaubens.

Als häretischen Kontrast zu den obigen Aussagen der Päpste sei hier an die Worte Mgr. Fellays, des Vereinsvorsitzenden der FSSPX, erinnert: „Einige behaupten, es sei vorausgehend notwendig, daß sie von jedem Irrtum gereinigt ist, damit man ‚in Sicherheit‘ in der Kirche arbeiten könne. …Es genügt, die Vergangenheit der Kirche sich näher anzusehen; oft und fast immer sieht man in der Kirche ausgestreute Irrtümer.“ Sie haben ganz richtig gelesen, es heißt wirklich „von jedem Irrtum gereinigt“ und „in der Kirche oft und fast immer ausgestreute Irrtümer“. Nach dem unfehlbaren Urteil Papst Pius VI. ist, wie wir gesehen haben, diese Ansicht häretisch.

Kommen wir nochmals kurz zum entscheidenden Beweggrund unseres übernatürlichen Glaubens zurück, weil in der heutigen Verwirrung seine klare Erkenntnis unerläßlich ist. Im Katechismus der katholischen Lehre des hl. P. Pius X. ist zu lesen:

„114 Was bilden der Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe?
Der Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe bilden die lehrende Kirche. Sie wird so genannt, weil sie von Jesus Christus die Sendung hat, die göttlichen Wahrheiten und Gesetze allen Menschen zu lehren. Nur von ihr erhalten die Menschen deren volle und sichere Kenntnis, die notwendig ist, um christlich zu leben.
115 Kann die lehrende Kirche irren, wenn sie uns die von Gott geoffenbarte Weisheit lehrt?
Nein, die lehrende Kirche kann nicht irren, wenn sie uns die von Gott geoffenbarte Wahrheit lehrt: ihre Lehre ist unfehlbar, weil ‚der Geist der Wahrheit‘ ihr fortwährend beisteht, wie es Jesus Christus versprochen hat.
116 Kann der Papst allein irren, wenn er uns die von Gott geoffenbarten Wahrheiten lehrt?
Nein, der Papst allein kann nicht irren, wenn er uns die von Gott geoffenbarten Wahrheiten lehrt; er ist unfehlbar wie die Kirche, wenn er als Hirte und Lehrer aller Christen Lehrentscheidungen für endgültig erklärt, die den Glauben und die Sitte betreffen.“

Aus dem Gesagten geht nochmals mit aller nur wünschenswerten Klarheit hervor, daß unser übernatürlicher Glaube allein von der Kirche kommt, die nicht irren kann, wenn sie uns die von Gott geoffenbarte Wahrheit lehrt. Ihre Lehre ist unfehlbar, „weil ‚der Geist der Wahrheit‘ ihr fortwährend beisteht“, wie es Jesus Christus versprochen hat. Der Papst allein ist ebenfalls „unfehlbar wie die Kirche, wenn er als Hirte und Lehrer aller Christen Lehrentscheidungen für endgültig erklärt, die den Glauben und die Sitte betreffen“. Daraus folgt aber auch, daß man keiner anderen Autorität als der lehrenden Kirche allein, diesen Glauben schenken darf. Pater Pierre de Cloriviere S.J. betont entsprechend: „… Selbst dann, wenn man die Kirche oder ihren obersten Hirten, dem die Unfehlbarkeit verheißen wurde, nicht um Rat fragen kann, darf man keiner wie auch immer gearteten Autorität blindes Vertrauen schenken, da es keine Autorität gibt, die nicht selbst dem Irrtum verfallen und uns mit hineinziehen könnte“ (Etudes sur la Revolution, Ed. Sainte Jeanne d’Arc, S. 132-133).

Anders gesagt: Wer einem Mgr. Lefebvre, einem Mgr. Fellay, einem Mgr. Williamson, usw. einen Glauben schenkt, wie er ihn als Katholik allein der lehrenden Kirche schenken darf, der hat damit seinen übernatürlichen katholischen Glauben verloren, denn sein Glaube stützt sich nicht mehr auf das konkrete göttliche Zeugnis der hl. Kirche, sondern auf Menschenzeugnis. Damit ist er zu einem Mitglied der Lefebvresekte, Piussekte, Williamsonsekte oder was sonst für einer Sekte geworden. Ganz sicher aber hat er aufgehört, Katholik zu sein.

Ein klares Zeichen solchen Sektenverhaltens ist etwa in Piuskreisen darin zu sehen, daß man zwar jederzeit ihren vermeintlichen „Papst“ in Rom kritisieren darf, sobald man jedoch Mgr. Fellay kritisiert, trifft einen der vehemente Unwille der Anhänger. Während also offensichtlich ihr „Papst“ jederzeit irrtumsfähig und kritisierbar ist, erscheint den Anhängern der Piusbruderschaft Mgr. Fellay allzeit unfehlbar und deswegen über jeglichen Verdacht und Kritik erhaben zu sein. Diese Leute haben leider vergessen, was Pater Pierre de Cloriviere S.J. den damaligen Katholiken noch eingeschärft hat: Wenn man die lehrende Kirche nicht um Rat fragen kann, „darf man keiner wie auch immer gearteten Autorität blindes Vertrauen schenken, da es keine Autorität gibt, die nicht selbst dem Irrtum verfallen und uns mit hineinziehen könnte“. Nun, die Piusbrüder und ihre Anhänger wurden inzwischen in vielerlei Irrtümer hineingezogen und bilden sich dennoch ein, sie würden die Kirche retten.

Doch wenden wir uns abschließend nochmals ernsthafteren Denkern zu und übergeben wir nochmals John Henry Newman das Wort:

„An A.J. Hanmer. Sie sprechen gegen die Haltung, Wagnisse in Sachen des Glaubens einzugehen. Ging nicht Abraham ein Wagnis ein, … als er auszog, ohne zu wissen, wohin er ging? – Er hatte nicht einmal die Gelegenheit, die Sie haben, Leute zu fragen, die vor ihm gegangen waren. – Heute gilt, obwohl die Umstände verschieden sein können, insofern dasselbe: daß ohne Glaube nichts Gutes getan werden kann. … [Man] darf niemals vergessen, daß jeder, der der Kirche beitritt, im Geiste eines Kindes zu einer Mutter kommen muß, nicht um zu kritisieren, sondern um anzunehmen. Und wenn wir [persönlich] keine Glaubensprüfungen hatten, so ist dies zweifellos als natürliche Folge eine Belohnung dafür (ich hoffe, daß ich es ohne Prahlen sagen darf), daß wir in diesem Geiste zur Kirche gekommen sind. Wie ernstlich ich mich auch sehne, daß alle Menschen, die ich kenne, Katholiken werden, wünsche ich doch, sie mögen erst um Glauben beten, denn eine rein äußerliche Übereinstimmung mit der Kirche oder ein Aufstand der Vernunft nach dem Übertritt wären elend – aber Gott steht uns bei. Ist auch der Glaube schwer und steht er über der Vernunft so läßt doch Er, der die Kirche sprechen läßt, auch uns hören und annehmen, wenn wir inständig um diese Gabe beten“ (The Letters and Diaries of John Henry Newman, Clarendon Press, Oxford, 1961-1980. XII S. 168, 10.2.1848).

„Laß mich nie auch nur für ein Augenblick vergessen, daß Du Dir auf Erden ein Königreich errichtet hast, daß die Kirche Dein Werk ist, Deine Gründung, Dein Instrument; daß wir unter Deiner Herrschaft, Deinen Gesetzen und Deinem Auge stehen – daß, wenn die Kirche spricht, Du es bist, der spricht. Laß nicht zu, daß ein allzu vertrauter Umgang mit dieser wunderbaren Wahrheit mich dazu führe, ihr gegenüber unempfindlich zu sein; laß nicht zu, daß die menschliche Schwachheit Deiner Repräsentanten mich dazu führe, zu vergessen, daß Du es bist, der durch sie spricht und wirkt“ (Meditations und Devotions of the late Cardinal Newman, Christian Classics Inc., Westminster, Md., 1975, S. 378 – 379 (Hrsg. 1893)).