Nachtrag zum Sonntag vom Guten Hirten

von antimodernist2014

Der Gute-Hirt-Sonntag ist ein katholischer Sonntag, so könnte man pointiert sagen, bringt er doch eine ganz und gar katholische Wahrheit zum Ausdruck – eine einzig in der katholischen Kirche verwirklichte Wahrheit, denn welche andere Kirche ist ein Schafstall und eine Herde, weil sie ein Guter Hirte sicher durch die Zeiten leitet?

Zudem handelt es sich um eine Wahrheit, die heute verlorengegangen ist – das ist wohl die beste Beschreibung für das Geschehen, das wir seit Jahrzehnten beobachten können. Man könnte auch sagen, unterwegs, im Eifer des Gefechtes inmitten des sog. Kirchenkampfes ist sie verloren gegangen, unsere katholische Wahrheit. Und nun weiß man nicht mehr so genau, wo sie liegt und deswegen ist sie auch schwer wiederzufinden, sehr schwer wiederzufinden. Welche Wahrheit ist damit gemeint?

Richten wir zunächst unser Augenmerk auf das Gleichnis unseres göttlichen Lehrmeisters, welches das heutige Evangelium uns zu bedenken gibt. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, das Haupt der hl. Kirche sagt uns: ICH bin der Gute Hirt. Dieses Bild macht unmittelbar einsichtig, daß ER, der Meister und Lehrer der göttlichen Wahrheit, die höchste Hirtengewalt in Seiner Kirche innehat und daß auch nur ER sie innehaben kann. Denn Aufgabe des Hirten ist es, die Schafe sicher zu weiden, was in der hl. Kirche dem Auftrag entspricht, die Gläubigen mit der göttlichen Wahrheit zu belehren und sie mit Hilfe der hl. Sakramente zur Gnade und zum ewigen Leben zu führen. Wer könnte das als ER, der wahre Sohn des ewigen Vaters?

Damit das jedoch möglich ist, müssen die Gläubigen den Guten Hirten als solchen erkennen. Sie müssen klar einsehen: Auf IHN kann ich mich vollkommen verlassen, weil ER Gott und die Wahrheit ist. Diese Einsicht bewirkt allein der hl. Glaube. Im hl. Gauben erkennen wir unseren Herrn Jesus Christus als den Guten Hirten schlechthin. ER allein enthüllt uns die Geheimnisse des göttlichen Seins, indem ER uns den Vater offenbart, und ER allein schenkt uns das übernatürliche, göttliche Leben der Gnade, das ER uns mit Seinem Erlösungswerk verdient hat. Nur in Seiner Wahrheit, nur durch und mit und in IHM kann man das göttliche Gnadenleben erlangen und bewahren. Dieser Hirte verdient somit allein unser absolutes Vertrauen. Kein Mensch kann ein solches Vertrauen für sich in Anspruch nehmen, weil ein absolutes Vertrauen nur Gott allein gebührt. Jeder Mensch dagegen ist irrtumsfähig und zur Sünde geneigt, weshalb er immer nur ein relatives Vertrauen verdient. Der Gute Hirte weidet nicht nur Seine Schafe und sorgt für sie aufs Beste, er ist sogar bereit, Sein Leben für sie einzusetzen.

In der Catena Aurea schreibt der hl. Thomas von Aquin: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Er tat, wozu er ermahnt; er zeigte, was er befahl, indem er für seine Schafe sein Leben hingab, indem er in unserem Geheimnis seinen Leib und sein Blut verwandelte, und die Schafe, welche er erlöst hatte, mit der Speise seines Fleisches sättigte. In Bezug auf die Verachtung des Todes wurde uns der Weg gezeigt, dem wir folgen sollen, und die Form hinzugesetzt, die uns eingedrückt werden soll. Zuerst müssen wir alle unsere äußeren Güter aus Barmherzigkeit seinen Schafen geben, zuletzt aber, wenn es notwendig sein sollte, sogar unser Leben für diese Schafe in den Tod hingeben. Wer aber für seine Schafe nicht seine Habe hingibt, wie wird er sein Leben für die lassen?“

Der Gute Hirt liebt seine Schafe. ER liebt sie so sehr, daß er sein eigenes Leben für das Leben der Schafe hingibt. Dabei ist das für uns Katholiken keine Wahrheit der Vergangenheit, weil wir Tag für Tag auf unseren Altären im hl. Meßopfer dafür den lebendigen Beweis haben. Immer noch gibt der Gute Hirt Sein Leben für uns hin, um uns mit der Gnade erfüllen zu können: „indem er in unserem Geheimnis seinen Leib und sein Blut verwandelte, und die Schafe, welche er erlöst hatte, mit der Speise seines Fleisches sättigte“. Darum haben auch die Märtyrer ihr Blut für IHN hingegeben – sie haben nämlich die Liebe Christi erkannt und waren deswegen bereit, Leben für Leben, Blut für Blut einzusetzen, um das ewige Leben zu erben, um ewig bei Christus zu sein.

Ganz anders als der Gute Hirt ist der Mietling. Lassen wir uns zunächst wieder vom hl. Thomas anhand der Kirchenväter erklären, was ein Mietling ist: „Mietling heißt der, der nicht aus innigster Liebe, sondern nur wegen zeitlichen Gewinns die Schafe des Herrn weidet. Denn ein Mietling ist der, welcher die Stelle eines Hirten einnimmt, aber den Nutzen der Seelen nicht sucht, auf zeitlichen Gewinn sieht, und sich über die Ehre des Vorrangs freut. – Er sucht also in der Kirche etwas anderes, nicht Gott. Wenn er Gott suchte, wäre er keusch, weil die Seele Gott zum rechtmäßigen Bräutigam hat. Wer bei Gott etwas außer Gott sucht, sucht Gott nicht rein.“

Der Mietling ist nur ein Lohnarbeiter, der zuerst um seines Lohnes willen Dienst tut. Wenn er keinen Lohn erhalten würde, würde er auch nicht dienen. Es geht ihm nicht zuerst und vor allem um Gott, darum geht es ihm auch nicht um das ewige Wohl seiner Schafe. Der hl. Thomas fährt weiter: „Ob aber jemand ein Hirt oder ein Mietling ist, kann man nicht wahrhaft erkennen, wenn die Not keine Gelegenheit dazu gibt. Denn zur Zeit der Ruhe wacht bisweilen über die Herde wie der wahre Hirt, so auch der Mietling.“

In ruhigen Zeiten kann auch ein Mietling seinen Dienst tun – und er unterscheidet sich gar nicht vom Guten Hirten, weil es keine Notwendigkeit dazu gibt. Das ändert sich sofort, sobald der Wolf kommt: „aber der kommende Wolf zeigt an, mit welcher Gesinnung jeder für die Herde wachte.“ Sobald der Wolf auftaucht, wird es ernst. Der Hirt muß sich dem Wolf entgegenstellen, um die Schafe zu beschützen. Aber will er das, wenn er nur Mietling ist? „Der Wolf aber ist der Teufel und die ihm folgen. Denn es heißt, dass sie äußerlich in Schafskleider gehüllt, aber innerlich reißende Wölfe sind. – Sieh, der Wolf ergreift das Schaf bei der Kehle, der Teufel überredete den Gläubigen zum Ehebruch. Er ist auszuschließen; aber ausgeschlossen, wird er ein Feind sein, wird er nachstellen, wird er schaden, sowie er kann. Daher schweigst du und schiltst ihn nicht aus. Du sahst den Wolf kommen und bist geflohen; dem Leib nach bist du stehen geblieben, der Seele nach geflohen. Denn unsere Affekte sind die Bewegungen der Seele; die Freude ist die Ausgießung, die Traurigkeit aber die Zusammenziehung der Seele. Die Begierlichkeit ist das Fortgehen, die Furcht die Flucht der Seele.“

Der Mietling meidet schon die Anstrengung, wo er nur kann, deswegen meidet er natürlich auch jeden Kampf. Sobald der Wolf kommt – und der Wolf ist der Teufel – verstummt er, schweigt er, und irgendwann läuft er davon. Er verteidigt seine Schafe nicht, weil ihm an den Schafen gar nichts liegt, nur an seinem eigenen Gewinn. Darum wird er für die Schafe nichts riskieren. Der Mietling wird letztlich immer seine Fahne in den Wind hängen und mit der Masse mitlaufen. Er wird sich niemals dem Irrtum, sobald er zu sehr verbreitet, zu allgemein geworden ist, entgegenstellen. Er wird sich vielmehr immer diplomatisch verhalten. Nur nicht anecken, nur nichts übertreiben, nur nicht zu scharf reden, nur nicht auffallen – und vor allem kein Hardliner sein.

Nun, wie sieht die Wirklichkeit heute aus? Haben wir eine Mietling-Kirche, wie viele Traditionalisten meinen? Oder wie ist die gegenwärtige Situation zu beurteilen?

Wie wir gehört haben, muß der Gute Hirte die göttliche Wahrheit predigen und diese gegen alle Irrtümer verteidigen und das übernatürliche Leben der Gnade bewahren. Das ist seine erste, eigentlichste Aufgabe, wenn er Stellvertreter Jesu Christi sein will. Kann das aber überhaupt irgendein Mensch, irgendein Priester oder selbst irgendein Bischof für sich allein? Der göttliche Glaube setzt letztlich ein göttliches Zeugnis voraus und einen göttlich beglaubigten Zeugen, denn der Glaube kommt vom Hören. Ein Mensch kann jedoch für sich immer nur einen menschlichen Glauben beanspruchen, denn jeder Mensch kann sich irren und somit andere in die Irre führen. Wie aber wird dann der göttliche Glaube in der hl. Kirche verbürgt? Worauf kommt es letztlich an?

Die meisten Traditionalisten bilden sich ein, katholisch zu sein, obwohl sie gar nicht mehr wissen, was unseren hl. Glauben zu einem katholischen macht, d.h. einem göttlichen Glauben. Wie komme ich zu einer übernatürlichen Glaubenssicherheit? Etwa dadurch, daß ich auf die sog. Tradition schaue, auf das, was die Kirche immer und überall geglaubt hat? Das ist doch die Antwort der meisten Traditionalisten heute. Diese Antwort setzt stillschweigend voraus, daß jeder Katholik jederzeit sicher beurteilen kann, was die hl. Kirche immer und überall gelehrt hat.

Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon belehrt uns hierin eines Besseren: „Bücher und Denkmäler mögen eine noch so eindringliche Sprache zu uns reden: ihr Zeugnis allein ist tot, höchstens dazu fähig, in uns eine rein menschliche, historische oder philosophische Gewißheit zu erzeugen. Die menschliche Gewißheit ist aber noch keine Glaubensgewißheit. Wo gar übernatürliche Geheimnisse zum Vortrag kommen (z.B. Trinität, hypostatische Union und Eucharistie), welche das natürliche Verständnis absolut übersteigen, da tut erst recht eine höhere, gottgesetzte Autorität not, die im Namen Gottes selber viva voce [mit lebendiger Stimme] zu uns spricht und erst so den übernatürlichen Glaubensakt in uns ermöglicht. ‘Folglich bilden auch Schrift und Tradition zusammen noch nicht eine ausreichende Glaubensregel; sie sind überhaupt nicht geeignet, durch sich alle Funktionen und Dienste zu verrichten, die zur wirksamen, allgemeinen und einheitlichen Normierung des Glaubens erforderlich sind, und können daher nicht als regula fidei proxima et immediata [nächste und unmittelbare Glaubensregel] gelten, sondern nur als remota et mediata [entfernte und vermittelte], die noch der Vermittlung bedarf’ (P. Hake)“ (Sp. 1951).

Solange sich der einzelne Katholik oder auch eine vermeintlich katholische Gemeinschaft allein auf die sog. Tradition beruft, besitzt sie nur „eine rein menschliche, historische oder philosophische Gewißheit“, d.h. sie hat nur einen rein menschlichen Glauben – und es ist besonders zu beachten: „Die menschliche Gewißheit ist aber noch keine Glaubensgewißheit“, nämlich im theologischen, übernatürlichen Sinne.

Vertiefen wir diese Einsicht nochmals anhand unseres Kirchenlexikons: „Wie die Reformatoren die heilige Schrift, so hatten die Anhänger des Valentinus [ein gnostischer Irrlehrer, der im 2. Jahrhundert sein Unwesen trieb] ihre geheimen Traditionen zur einzigen und höchsten Glaubensnorm erhoben. Auch die Jansenisten waren insofern ‘umgekehrte Protestanten’, als sie nur die geschriebene Tradition als Tradition und Glaubensregel gelten ließen und so ‘den alten und neuen Protestantismus von der Bibel auf die Tradition übertrugen’ (Scheeben)“ (a.a.O. Sp. 1950). In Wahrheit jedoch „läßt sich auf die bloße (objektive) Überlieferung ebenso wenig wie auf die bloße Bibel ein übernatürlicher Glaubensakt gründen, ja eigentlich noch weniger, da keines der uns erhaltenen Dokumente göttlicher Inspiration sein Dasein verdankt“ (Sp. 1951). Wie also kommen wir Katholiken dann zu einem übernatürlichen, göttlichen Glauben? Lesen wir weiter: „Wenn sich mit der objektiven Tradition also nicht die aktive Tradition, oder, was dasselbe ist, das kirchliche unfehlbare Lehramt als höheres Element verbindet, so ist ein festes Fürwahrhalten der überlieferten Offenbarungswahrheiten auf göttlichem Glaubensgrund nicht möglich. ‘So bilden die beiden Momente, der überlieferte Glaubensinhalt und die Art und Weise seiner Überlieferung durch das kirchliche Lehramt unter dem Beistande des heiligen Geistes den vollen Begriff der Tradition’ (Hettinger)“ (Sp. 1950 f).

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