Erfüllt vom Heiligen Geist

von antimodernist2014

Der Tag des hochheiligen Pfingstfestes ist der 50. Tag nach Ostern, wobei diese fünfzig heiligen Tage wie ein einziger Ostertag erscheinen, ein Tag, der immer heller wird, immer mehr vom göttlichen Licht des Auferstandenen durchlichtet wird, so daß man den ewigen Tag darin erahnen kann. Denn das ist schließlich mit der Auferstehung gemeint, übernatürliche Hoffnung auf das ewige Leben zu schenken. Die sieben Wochen nach Ostern stellen die Fülle des Ostergeheimnisses dar. Die Zahl 7 ist die Zahl der Vollkommenheit, 50 aber ist 7 x 7 + 1 oder 49 + 1. Die 7 x 7 bedeutet die Vollendung alles Irdischen, die Fülle der Gnadenmöglichkeiten, mit der 50 aber beginnt eine neue Zeit und eine neue Welt soll und muß Wirklichkeit werden, die Welt der hl. Kirche, die an Pfingsten ihren Anfang nimmt. Der kommende Heilige Geist vollendet das österliche Geheimnis, es bricht jener Tag an, von dem gesagt wird: „Der Pfingsttag kennt keinen Abend, denn die Sonne, die Liebe, kennt keinen Untergang.“ Dementsprechend fleht auch die hl. Liturgie inständig: „Vollende, o Herr, was Du begonnen hast.“ Die Vollendung ist unsere Teilnahme am Heiligen Geist, der mit Seiner unerschöpflichen göttlichen Fülle auf uns herabkommt.

In der morgenländischen Kirche ist während der ganzen Osterzeit die Kniebeuge untersagt. Erst am Abend des hochheiligen Pfingstfestes kniet man bei der Vesper und betet tief gebeugt die drei berühmten Kniebeuggebete, um das Kommen des Heiligen Geistes zu erflehen. Auch unsere römische Liturgie kennt etwas Vergleichbares. In jeder hl. Messe der ganzen Pfingstoktav, kniet der Priester bei den Worten des Allelujaverses nieder: „Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner Liebe.“ Nur kniend kann man wagen, dem Heiligen Geist zu begegnen, nur auf die Demütigen kommt ER mit Seinen Gaben herab.

Die Vorbereitung auf die Herabkunft des Heiligen Geistes

Bedenkt man dies und betrachtet die heutigen sog. modernen Menschen, so erscheint das Pfingstfest plötzlich in einem unheimlichen Licht, denn wie sollte der Heilige Geist noch zu diesen Menschen kommen, die in ihrem Stolz und ihrer Verblendung nicht einmal mehr glauben, daß es überhaupt eine Wahrheit gibt, eine erkennbare, den Geist durch und durch erleuchtende, eine faszinierende, über alles beglückende Wahrheit?

Viele Jahrhunderte ist der Heilige Geist im ungestümen Rauschen des Sturmes auf unsere Menschenwelt herabgekommen, denn die Christen waren Begeisterte, dem Heiligen Geist standen die Herzen offen. ER konnte auf sie herabsteigen mit den Flammen der göttlichen Liebe, waren sie doch bereit, sich von IHM entzünden zu lassen. Wie der hl. Johannes der Täufer es vorhersagte: „Ich taufe euch nur mit Wasser, damit ihr euch bekehrt. Der aber nach mir kommt, ist mächtiger als ich. Ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen. Er wird euch mit Heiligem Geist und Feuer taufen“ (Mt. 3,11). Und unser göttlicher Erlöser äußert einmal seinen Herzenswunsch: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, wenn es schon entzündet wäre!“ (Lk 12,49).

Jahrhunderte hindurch hat dieses Feuer der göttlichen Liebe gebrannt, doch: „Weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe der meisten erkalten“ (Mt 24,12). Das ist in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr geschehen, weshalb der Sturm verstummt und nur noch das leise Säuseln des Windes zu hören ist. Wir müssen schon unsere inneren Ohren spitzen, wollen wir den Heiligen Geist inmitten des Lärmes der modernen Welt nicht überhören – und wenn wir IHN überhören, geht ER dann achtlos an uns vorüber! Das aber wäre unvorstellbar furchtbar, ein nicht wiedergutzumachender Schaden für unsere Seele!

Wie sollen wir uns also vorbereiten auf das Kommen des Heiligen Geistes am hochheiligen Pfingstfest? Wie sollen wir Sein Geheimnis verstehen lernen, damit wir auf IHN achten können und lernen, auf IHN zu hören? Wer kann uns das Geheimnis des Heiligen Geistes enthüllen, so daß wir es soweit verstehen können, daß unsere Herzen offen und bereit sind? Der hl. Evangelist Johannes wird von den Kirchenvätern „der Theologe“ genannt. Sein ganzes Evangelium ist nämlich ein wunderbares Zeugnis für unseren göttlichen Glauben. In seinem Prolog besingt er die Menschwerdung des göttlichen Wortes und endet mit der unfaßlichen Feststellung: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzigerzeugte, Gott, der im Schoß des Vaters ist, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Der hl. Apostel Johannes ist zudem der Theologe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und damit besonders auch des Heiligen Geistes. Sobald man die Abschiedsreden einigermaßen aufmerksam und nachdenklich liest, spürt man das Wehen des Heiligen Geistes. Wenn unser göttlicher Herr den Aposteln etwa verspricht: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommt, wird er euch in alle Wahrheit einführen. Denn er wird nicht aus sich reden, sondern alles, was er hört, wird er reden, und was zukünftig ist, euch verkünden.“

Man kann sicher ohne Übertreibung sagen: Der heilige Johannes hat in seinem Evangelium, in seinen Briefen und in seiner Geheimen Offenbarung über den Heiligen Geist so tief und schön wie kein anderer Evangelist und Apostel geschrieben. Alles was die Kirchenväter, die Konzilien, die Päpste, die Theologen und Mystiker über den Heiligen Geist zu sagen wissen, ist keimhaft in den Schriften des heiligen Johannes enthalten. So wollen wir ein wenig bei ihm in die Schule gehen und uns den Glauben über den Heiligen Geist von ihm näher erklären lassen.

Der hl. Apostel und Evangelist Johannes – Der aufmerksame Lauscher am Herzen Jesu

Eine der verbeitesten Darstellungen des hl. Apostel Johannes zeigt ihn, wie er am Herzen Jesu ruht. Johannes hat am Herzen Jesu geruht und dort die Geheimnisse Gottes erlauscht, wie die Väter immer wieder betonen. Unter diesen Geheimnissen ist natürlich auch das Geheimnis der dritten göttlichen Person, der Heilige Geist. Man könnte sagen, Johannes hat nicht nur in das verborgene Antlitz Jesu, sondern auch in das verborgene Antlitz des Heiligen Geistes geschaut. Anders als den Vater und den Sohn, können wir uns den Heiligen Geist nicht vorstellen. Er ist die verborgenste der drei göttlichen Personen. Wie aber offenbarte sich der Heilige Geist dem hl. Johannes? Jesus sprach einst zu Philippus: „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater“ (Joh 14, 9). Er hätte genauso gut sagen können: Wer mich sieht, der sieht auch den Heiligen Geist. Johannes hat im Angesicht Jesu wie in einem Spiegel das verborgene Angesicht des Heiligen Geistes erschaut. Moses hat einst Gott gebeten: „Laß mich deine Herrlichkeit schauen“ (Ex 33, 18). Ein wahrhaft himmelhohes und zugleich wagemutiges Wort! Aber Gott geht dennoch auf das Wort Moses ein und gibt ihm zu Antwort: „‘Du kannst mein Angesicht nicht schauen. Kein Mensch sieht mich und bleibt am Leben.‘ Weiter sagte der Herr: ‚Siehe, bei mir ist Platz! Da magst du dich auf den Felsen stellen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorüberzieht, werde ich dich in die Höhlung des Felsens stellen und meine Hand über dich decken, bis ich vorüber bin. Wenn ich dann meine Hand zurückziehe, wirst du mich von hinten schauen. Aber mein Angesicht darf niemand schauen!‘“

Solange wir in diesem Leben weilen, können wir die Herrlichkeit Gottes nicht direkt sehen, wir können IHN höchstens von hinten schauen. Der Schleier, der Sein Wesen verbirgt, bleibt trotz der Offenbarung bestehen. Das gilt besonders für die dritte göttliche Person, für den Heiligen Geist. Wir können ihn nicht von Angesicht zu Angesicht schauen, sondern nur wie im Spiegel. Ein Spiegel des Schöpfergeistes etwa ist die Schöpfung. Jeder Stern, jede Blume, jedes leuchtende Kinderauge ist wie eine Feuerflamme des Heiligen Geistes, ist wie ein Aufleuchten seines verhüllten Angesichtes. Sein reinster Spiegel aber ist das Angesicht Jesu, das Leben Jesu, das Johannes drei Jahre lang aus nächster Nähe betrachten konnte. Dabei durfte der hl. Johannes sowohl in das blutige Angesicht des Gekreuzigten, als auch in das verklärte Antlitz des Auferstandenen schauen. Darum bekannte er: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater voll der Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1, 14). In der Herrlichkeit Jesu sah Johannes zugleich die Herrlichkeit des Vaters und des Heiligen Geistes, also das innerste Geheimnis des Dreifaltigen Gottes. Johannes sah vor allem und erkannte immer tiefer, wie das Angesicht Jesu immerfort voll Liebe dem Vater zugewandt war, wie er ganz für den Vater lebte und nicht Seine, sondern allein des Vaters Verherrlichung suchte. Johannes hörte auch, wie er zum Vater betete und im Heiligen Geist vor ihm frohlockte und sterbend Seinen Geist in die Hände des Vaters übergab.

Johannes sah zudem, wie das Angesicht Jesu auch voller Liebe den Menschen zugewandt war. In Jesus war die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes sichtbar geworden. Jesus ging den Kranken nach und richtete die Niedergebeugten auf, ER nahm sich der Sünder an und er gab den Menschen Seinen Frieden. Mit jedem Tag, den der hl. Johannes mit unserem göttlichen Herrn zusammen war, erkannte er klarer: Ein tiefes Geheimnis, eine unendliche Liebe trug Jesus in sich, so daß Johannes nur staunend stammeln kann: „Und wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und an sie geglaubt. – Gott ist Liebe; wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Das ist die Erkenntnis aller Erkenntnisse, schließt sie doch wirklich alles ein. Damit wir dieses „alles“ etwas greifen können, lassen wir den hl. Thomas von Aquin im Prolog seines Sentenzenkommentars zu Wort kommen: „‘Ich, die Weisheit, habe ausgegossen die Ströme‘ [Sir 24, 40]. Diese Ströme verstehe ich als das Fluten des ewigen Hervorgehens, in welchem der Sohn vom Vater und der Heilige Geist von beiden auf unaussprechliche Weise ausgeht. Diese Ströme waren einst verborgen und in gewissem Sinn unklar, sowohl in den Gleichnissen der Schöpfung wie auch in den Rätselreden der Schriften, so daß kaum einzelne Weise das Geheimnis der Dreieinigkeit geglaubt haben. Dann ist der Sohn Gottes gekommen und hat die eingeschlossenen Ströme ausgegossen.“

Welch atemberaubendes Geschehen ist die Menschwerdung! Ein unauslotbares Wunder ist dieser Jesus von Nazareth: „Dann ist der Sohn Gottes gekommen und hat die eingeschlossenen Ströme ausgegossen.“ ER ist gekommen, um unendliche Schätze der Erkenntnis und der Gnade auszugießen in unsere, in Seine Menschenwelt, doch: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Die Seinen nahmen Ihn nicht auf – warum? „Das Licht ist in die Welt gekommen. Die Menschen aber hatten die Finsternis lieber als das Licht; denn ihre Werke waren böse“ (Joh 3,19). Seine Feinde gingen in ihrer Verblendung sogar so weit zu behaupten, er sei vom Teufel besessen. Seine Freunde hingegen erkannten in ihm das Geheimnis der göttlichen Liebe. Dieses aber ist der Heilige Geist, was der hl. Thomas von Aquin in seiner Summa in dem Sinne erklärt: „Im Bereich der göttlichen Dinge kann der Name ‚Liebe‘ bezogen werden auf die Wesenheit und auf die Person. Sofern er auf die Person bezogen wird, ist er der eigentümliche Name des Heiligen Geistes, wie ‚Wort‘ der eigentümliche Name des Sohnes ist.“ Die göttliche Liebe ist nicht einfach eine Eigenschaft Gottes, sondern eine eigene göttliche Person! Was für ein Geheimnis! Dringen wir mit Hilfe des hl. Thomas noch etwas tiefer, schwindelerregender in dieses Geheimnis ein: „Wie der Vater sich selbst und alle Kreatur aussagt in dem Worte, das er gezeugt, sofern das gezeugte Wort zulänglich abbildet den Vater und alle Kreatur, so liebt der Vater sich selbst und alle Kreatur im Heiligen Geiste, sofern der Heilige Geist hervorgeht als die Liebe der Ur-Gutheit, gemäß welcher der Vater sich selbst und alle Kreatur liebt.“

Seiten: 1 2 3 4