Erfüllt vom Heiligen Geist

All das hat der hl. Johannes auf dem Antlitz Jesu erschaut und an dessen Herzen ruhend erlauscht. Es gibt nichts Schöneres auf der ganzen Erde, als das Angesicht des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, aus dem uns das verschleierte Antlitz des Heiligen Geistes entgegenleuchtet und sich uns der Vater offenbart. Aber nur diejenigen Menschen mit reinen Augen und demütigem Herzen können den Heiligen Geist erkennen, heißt es doch in der sechsten Seligpreisung: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5, 6). Deswegen hat auch Moses mit seiner Bitte auf dem Berge Sinai, Gott schauen zu dürfen, ein vierzigtägiges Fasten verbunden. Moses wußte noch: Erst durch die Buße gereinigt durfte er das Abenteuer der Gotteserkenntnis wagen – und nochmals sei es in Erinnerung gerufen: „Wenn ich dann meine Hand zurückziehe, wirst du mich von hinten schauen. Aber mein Angesicht darf niemand schauen!“

Das verborgene Antlitz des Heiligen Geistes

Wenn also auch wir das verborgene Antlitz des Heiligen Geistes in der Gestalt Jesu schauen wollen, müssen wir uns ebenfalls um die Reinigung des Herzens bemühen. Nur dann dürfen wir hoffen, daß der Heilige Geist unsere Bitte erfüllt: Laß mich dein Angesicht sehen, zeige mir deine Herrlichkeit! Schauen wir also noch ein wenig eingehender auf die Gestalt unseren Herrn Jesus Christus, um darin den Heiligen Geist zu erkennen.

Es war in der Synagoge von Nazareth. Jesus nimmt die Schriftrolle des Propheten Isaias und: „Er rollte die Schriftrolle auf und fand die Stelle, wo geschrieben steht: ‚Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt. Er sandte mich, den Armen die Frohbotschaft zu bringen, [zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,] den Gefangenen die Befreiung zu künden, den Blinden das Augenlicht wiederzugeben, Bedrückte in Freiheit zu setzen, und auszurufen das Gnadenjahr des Herrn‘“ (Lk. 4,17-19). Als alle voller Spannung auf IHN blicken – „Er rollte die Schriftrolle zusammen, gab sie dem Diener zurück und setzte sich“ – und ungeduldig warten, „begann er zu ihnen zu sprechen: ‚Heute ist dieses Schriftwort in Erfüllung gegangen‘“ (Lk. 4,20f).

All die Worte, die Jesus bei der Bergpredigt und am See Genezareth, im Tempel oder in den Häusern unter vier Augen wie bei Nikodemus (Joh. 3), bei der Samariterin (Joh. 4) oder vor dem Volk im Tempel (Joh. 5, 7, 8) gesprochen hat, waren vom Heiligen Geist eingegeben. Es waren Worte des Vaters, die nur im Geist der Liebe verstanden werden konnten, denn: „Wer mich nicht liebt, bewahrt meine Worte nicht. Das Wort aber, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat“ (Joh. 14,24). Johannes weist zudem darauf hin: „…der Gottgesandte verkündet Gottes Worte; denn ohne Maß gibt er den Geist.“ (Joh 3, 34). Der Apostel Johannes hat in seinem Evangelium all das aufgeschrieben, was er mit seinen eigenen Ohren gehört hat und es weitergegeben als kostbaren Schatz, den es zu bewahren gilt. Wer diese Worte hört, hört nämlich die Worte des Heiligen Geistes.

Dabei hat der hl. Evangelist Johannes nicht nur die aus dem Heiligen Geist gesprochenen Worte Jesu überliefert, sondern auch die über den Heiligen Geist gesprochenen Worte Jesu gehört. Er saß so oft zu Füßen des Meisters oder stand an seiner Seite, wenn er in tiefer Ergriffenheit vom Heiligen Geist redete. Denken wir etwa an das nächtliche Gespräch mit Nikodemus oder mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Wie wunderbar wußte der göttliche Lehrmeister seine Zuhörer in die Tiefen des Geheimnisses Gottes hineinzuführen! Wie hebt ER z.B. den Nikodemus allmählich im Laufe des Gesprächs zur himmlischen Welt empor: „‘Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.‘ Nikodemus entgegnete ihm: ‚Wie kann dies geschehen?‘ Jesus antwortete ihm: ‚Du bist der Lehrer von Israel und verstehst das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; aber ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. Wenn ihr nicht glaubt, da ich von irdischen Dingen zu euch rede, wie werdet ihr glauben, wenn ich von himmlischen zu euch spreche? Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist, dem Menschensohn.‘“

Ein ganz außerordentlicher Moment göttlicher Offenbarungen war die Zeit des letzten Abendmahles. Damals saß der hl. Johannes unmittelbar neben dem göttlichen Herrn und erlauschte während der Abschiedsreden die Geheimnisse des Heiligen Geistes. Weil er als wahrer Freund Jesus so sehr liebte, hat er auch Seine Worte so gut verstanden, sie tief im Herzen bewahrt und den kommenden Zeiten wie ein überaus kostbares Kleinod weitergereicht. Beim Niederschreiben der Worte Jesu hat der Heilige Geist Johannes inspiriert, d.h. Er hat ihm die Feder geführt, so daß er alle Worte Jesu getreu wiedergeben konnte und alles genau so niederschrieb, wie es der Heilige Geist wollte.

Nach dem hl. Johannes nannte unser Herr den Geist Gottes: Beistand, Geist der Wahrheit und Heiliger Geist. Jesus, des ewigen Vaters ewiger Sohn, war bis jetzt der Beistand der Apostel. Jesus war ihr Mut, ihr Halt, ihre Stärke, ihre Sicherheit. Aber er wird bald die Welt verlassen, weshalb der Heilige Geist an Seine Stelle treten muß. Dieser ist der andere Beistand, der sie nicht wieder verlassen wird. Der Heilige Geist wird immer bei ihnen bleiben.

Dieser ist Gott gleich wie Jesus. Er ist der Geist, der lebendig macht. Er wird die Apostel leiten und in der Wahrheit festigen. Wenn er ihnen geschenkt wird, um sich aufs Innigste mit ihnen zu verbinden, so ist das nur möglich, weil er in innigster Verbindung mit Gott, dem Vater und dem Sohn steht und sein ewiges Dasein vom Vater und von ihm, dem Sohn hat: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommt, wird er euch in alle Wahrheit einführen. Denn er wird nicht aus sich reden, sondern alles, was er hört, wird er reden, und was zukünftig ist, euch verkünden. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von Meinem nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt von Meinem und wird es euch verkünden“ (Joh. 16,13-15).

Wenn der Heilige Geist vom Vater und Sohn gesendet wird, verläßt er den Schoß derer, die Ihn senden, nicht. Er hat keine von Ihnen verschiedene Natur. Er ist heilig, allmächtig, allwissend, gütig und barmherzig wie der Vater und der Sohn. Johannes hat uns die tiefste Offenbarung Jesu über den Heiligen Geist überliefert: Der Heilige Geist ist vom Vater und Sohn nicht gemacht, nicht geschaffen, nicht gezeugt, sondern aus beiden hervorgehend. „Bei seinem Ausgang von Vater und Sohn entfernt sich der Heilige Geist nicht von ihrem Wesen. Er bleibt dem Herzen beider verbunden, wie die Flamme mit der Glut, der sie entspringt, wie die Blüte mit der Pflanze, der sie entsprießt. Der Vater kann nicht ohne den Sohn sein und Vater und Sohn nicht ohne den Heiligen Geist. Jeder besitzt die göttliche Natur aus den andern und für die andern. Dieser unterschiedliche Besitz ist wesentlich für ihre Gemeinschaft. Der Heilige Geist verbindet Vater und Sohn als Ergebnis ihrer gegenseitigen Liebe. Er ist Krone und Siegel des Dreieinen“, so erklärt M. J. Scheeben das Geheimnis des Hervorgehens des Heiligen Geistes.

Die wortlose Sprache des Heiligen Geistes

An der Brust des Herrn ruhend hat Johannes nicht bloß die Worte Jesu über den Heiligen Geist gehört, er hat vielmehr die wortlose Sprache des Heiligen Geistes verstehen gelernt. Sie ist die Ursprache der Liebe, die von Ewigkeit an im Schoß der Dreifaltigkeit gesprochen wird und die nur der Mensch verstehen kann, der Gott liebt.

Wann aber spricht der Heilige Geist zu uns? Woran erkennen wir Seine Sprache? Sicher erkennen wir sie an den Wirkungen. Die inneren Einsprechungen, die zur Vermehrung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe führen, kommen sicher vom Heiligen Geist. Selig, die des Heiligen Geistes Stimme hören und ihr allezeit freudig folgen!

Mit dem heiligen Johannes wollen wir ein wenig hinhören, was der Geist zu uns spricht. Die Voraussetzung des Hörens aber ist die Stille. Zunächst muß es also in und um uns herum still werden. Alle weltlichen Sorgen müssen verstummen, damit unser Herz bereit wird, den göttlichen Gast zu empfangen. M. J. Scheeben gibt zu bedenken:

„1. Irgendwie müssen wir vom Geiste Gottes ergriffen, erleuchtet und belebt werden, wenn wir die Lehre des Geistes über die Tiefen der Gottheit und die Gaben, welche aus diesen Tiefen geschöpft sind, lebendig auffassen sollen (vgl. 1 Kor 2,10). Der Heilige Geist strahlt uns sein Licht ein und macht uns die Übernatur anschaulich und deutlich; er beleuchtet die Wahrheit und erleuchtet unsern Verstand.
2. Damit ist naturgemäß die Glaubensgnade verbunden; denn der Heilige Geist öffnet das Ohr unseres Herzens und die Augen unserer Seele, damit wir willig und fest die Reichtümer der göttlichen Erbschaft richtig und klar erfassen (vgl. Eph 1,17). Die Begriffe unserer Vernunft werden verklärt; sie werden lebendig und anschaulich; sie entsprechen den übernatürlichen Wahrheiten, soweit diese sich überhaupt erklären lassen. Wenn wir uns demütig bewußt sind, von der Übernatur nichts aus uns selbst verstehen zu können, sind wir reif für die Erleuchtung des Heiligen Geistes. Wie vom Stolz, so muß auch das Auge des Herzens von allem Schmutz frei sein. Demut und Reinheit führen uns, obwohl auch sie schon vom Heiligen Geiste bewirkt werden, noch nicht über unsere Natur hinaus; sie entfernen nur die Hindernisse für den Glauben und machen uns empfänglich für die Einstrahlung und Lebenswärme des Heiligen Geistes.“

Johannes‘ Messias-Erwartung – Ein Beispiel des rechten Wartens

Blicken wir nun auf das Leben des hl. Apostels Johannes. Sein Beispiel kann uns ermuntern, uns auf das Kommen des Heiligen Geistes richtig vorzubereiten. Der hl. Evangelist Johannes hatte sich schon von Jugend auf nach dem Messias gesehnt und die Ankunft seines Reiches erwartet. Darum schloß er sich zunächst Johannes dem Täufer an, der sich als Wegbereiter des Messias bekannte. Da kam Jesus an den Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Als der göttliche Täufling aus dem Wasser gestiegen war, kam der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herab und eine Stimme erscholl aus der Wolke: „Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören!“ Hierauf bezeugt der Täufer: „Ich sah den Geist gleich einer Taube vom Himmel herabsteigen, und auf ihm bleiben. Ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, mit Wasser zu taufen, sagte zu mir: Auf wen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft. Ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes“ (Joh. 1,32-34).

Am anderen Tag ging Jesus an der Taufstelle vorüber. Der Täufer zeigte auf ihn und sprach zu seinen Schülern: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!“ (Joh 1,29). Nach diesem Wort fühlte sich Johannes wie von einer geheimen Kraft gezogen. Er löste sich mit Andreas aus dem Kreis der Täuferschüler, ging auf Jesus zu und folgte ihm. Jesus schaute plötzlich zurück und fragte: „Was suchet ihr hier?“ Die beiden Jünger antworteten überrascht und wohl auch etwas verlegen: „Wo wohnst du, Rabbi?“ Jesus antwortete: „Kommt und seht!“ Sie gingen mit ihm, sahen wo er wohnte und verbrachten den Rest des Tages mit Ihm. Es war ungefähr um vier Uhr nachmittags (vgl. Joh 1, 35ff). Auch wenn Johannes in seinem Evangelium schon im hohen Alter diese erste Begegnung mit dem Herrn erzählt, hört man immer noch das Herzklopfen heraus. Er erinnerte sich nach Jahrzehnten noch genau an die Stunde, an der das geschah. Es war ja auch die Sternstunde seines Lebens.