Erfüllt vom Heiligen Geist

Damals erging der erste Lockruf des göttlichen Geistes an ihn. Dieser wiederholte sich in den folgenden Tagen und wurde immer stärker. Einige Zeit später traf Jesus den Johannes wieder und zwar am See Genezareth. Er selber war mit seinem Vater Zebedäus und seinem Bruder Jakobus im Boot, um die Netze instand zu setzen. Jesus rief die beiden Brüder zu sich: „Folgt mir! Dann will ich euch zu Menschenfischern machen“ – „Auf der Stelle verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm“ (vgl. Mt 4, 18ff).

Aus Liebe zu Jesus also verließ Johannes das Boot und seine Eltern. Fortan ging er mit Jesus und blieb bei ihm. Nie hat er seine erste Liebe verlassen. Seine Liebe zum Herrn wurde nur von der Liebe der Mutter des Herrn übertroffen. In seiner Liebe hat er dem Wunsch seines sterbenden Erlösers entsprechend, Maria zu sich genommen. Die Liebe des Johannes war eine jungfräulich-reine, vollkommen übernatürliche Liebe, denn er erkannte Jesus als seinen Herrn und Gott. Der Heilige Geist aber, der das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn im Schoß der Heiligen Dreifaltigkeit ist, hat das Band der Liebe zwischen Jesus und Johannes geschlungen. In den drei Jahren, während Johannes an der Seite Jesu lebte und die Liebe seines göttlichen Freundes erfuhr, wurde seine Liebe immer mehr gereinigt. Der Geist des Herrn hat ihn verwandelt. Er hat das Band der Freundschaft mit Jesus übernatürlich gefestigt, so daß das Wort sich bewahrheitete: Das Gleiche wollen und das Gleiche nicht wollen, das ist wahre Freundschaft.

Die umwandelnde Wirkung des Heiligen Geistes

Trotzdem war Johannes immer noch der stürmische junge Mann. Jesus nannte ihn und seinen Bruder „Donnersöhne“. Als Jesus einst mit Seinen Aposteln unterwegs war nach Jerusalem, wollten sie in einem Dorf in Samaria halt machen, aber man nahm sie nicht auf. „Als die Jünger Jakobus und Johannes dies sahen, sagten sie: ‚Herr, willst du, daß wir befehlen, Feuer falle vom Himmel und verzehre sie?‘ Er aber wandte sich um und wies sie zurecht, mit den Worten: ‚Ihr wißt nicht, wes Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Seelen zu verderben, sondern zu retten.‘ – Und sie gingen in ein anderes Dorf.“

Immer noch hatten die Donnersöhne nicht begriffen, daß Jesus nicht das Feuer des göttlichen Zornes und der Vernichtung auf die Welt bringen wollte, sondern das heilige Feuer der Liebe des Heiligen Geistes. Das aufbrausende Temperament des Johannes und seines Bruders war wohl ein Erbstück seiner Mutter Salome, die in ihrem berechtigten Stolz auf ihre beiden Söhne für diese im Reiche Jesu um die Ehren und Vorzugsplätze zur Rechten und Linken des Messias bat. Johannes mußte sich vom Herrn deswegen die Belehrung anhören: „Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker mit Gewalt regieren und daß die Großen sie unterdrücken. Bei euch soll es nicht so sein! Vielmehr – wer bei euch der Größte sein will, soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt. 20, 25-28).

Der hl. Kirchenvater Johannes Chrysostomus kommentiert diese Schriftstelle: „Niemand beunruhige sich, wenn wir sagen, die Apostel seien noch so unvollkommen gewesen, denn noch war die Gnade des Heiligen Geistes nicht in ihre Herzen eingegossen. Wenn du aber ihre Tugenden kennenlernen willst, dann betrachte sie, wie sie nach Empfang der Gnade des Heiligen Geistes waren und du wirst sehen, daß sie jede verkehrte Neigung vergessen haben. Deshalb wird eben jetzt ihre Unvollkommenheit gezeigt, damit du deutlich sehen kannst, wie sie mit einem Male durch die Gnade geworden sind.“

Das Wirken des Heiligen Geistes im Abendmahlsaal

Am stärksten hörte Johannes den Lockruf des göttlichen Geistes an der Seite des leidenden und sterbenden Erlösers. Am Abend vor seinem Leiden ging Jesus nach Jerusalem, um mit seinen Jüngern ein letztes Mal das Osterlamm zu essen. Zur Vorbereitung schickte er Johannes mit Petrus voraus. Die Stunde des Abschieds war gekommen. Sie war für Johannes auch eine außergewöhnliche Stunde des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist war einst bei der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel in der Kammer der Mutter Gottes zu Nazareth gegenwärtig, denn von Ihm hat Maria den Sohn Gottes empfangen. Durch Ihn begann Jesus sein menschliches Dasein. Nicht weniger als in Nazareth war der Heilige Geist auch im Abendmahlsaal gegenwärtig, da Jesus sein geheimnisvolles Dasein in der hl. Hostie beginnen wollte. Der Duft des Heiligen Geistes erfüllte den Saal. Dieser wunderbare Duft ging vom göttlichen Herrn aus, der durch eine geheimnisvolle Stiftung an diesem Abend sein Herz gleichsam öffnete, damit sein Geist, der Geist der Einheit und der Sühne, in die Welt ausströmen konnte.

Die Apostel saßen alle um den Tisch und waren eins wie Brüder, eins in der gemeinsamen Liebe zum Herrn. Der Heilige Geist, der Geist der Einheit, hat das einigende Band um sie geschlungen. Nur ein Apostel hat sich von dieser Einheit losgerissen, ihm hatte Satan ins Herz gegeben, seinen Meister zu verraten. Der Apostel Judas sündigte gegen den Heiligen Geist, indem er das Angebot der Liebe Gottes ablehnte. Seine Sünde fand keine Vergebung, weil er keine Vergebung mehr wollte. Judas spürte nur allzu deutlich, daß er nicht mehr hierher, nicht mehr dazu gehörte. Darum stand er auf und ging hinaus in die Nacht. Doch war es nicht bloß draußen Nacht, es war auch Nacht, finsterste Nacht in seiner Seele. Und die Finsternis der Sünde stürzte ihn in die Verzweiflung – „Da warf er die Silberlinge gegen den Tempel, lief weg und erhängte sich“ (Mt 27,5).

Im Abendmahlsaal machte Jesus eine geheimnisvolle Stiftung, Er brachte in sakramentaler Weise das Sühneopfer für die Sünden der Welt dar, als Er über Brot und Wein die Worte voll göttlicher Allmacht sprach: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, das ist mein Blut, das für euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19ff).

So feierte der einzig wahre, ewige Hohepriester das Opfer, das wir Tag für Tag unter Anrufung des Heiligen Geistes im hl. Meßopfer feiern, wodurch wir ständig an den göttlichen Abgrund erinnert werden, über dem die Gnade unserer Erlösung schwebt, wie der Geist über den Wassern der Urflut. Unser großer Dogmatiker, M. J. Scheeben läßt uns einen Blick in diesen Abgrund werfen:

„1. Die Idee des Opfers Christi treibt ihre tiefsten Wurzeln bis in die Abgründe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Wie die Menschwerdung die ewige Zeugung nach außen fortsetzt und weiterführt und auch nur von daher verstanden werden kann, so sollte der Gottmensch sich opfern und hingeben, um jene göttliche Liebe auszudrücken, durch die er als Gottsohn den Heiligen Geist haucht und ausgießt. Durch sein Opfer stellt Christus die Liebe, die er als Sohn zum Vater trägt, aufs erhabenste dar: ‚Damit die Welt erkenne, daß ich den Vater liebe, — so kommt, laßt uns gehen‘ (Jo 14,31)!
Wie Vater und Sohn ihr ganzes Herzblut an den Heiligen Geist verströmen und sich ihm als Pfand ihrer unendlichen Liebe schenken, so wollte das Göttliche WORT in seiner Menschheit all sein Herzblut bis auf den letzten Tropfen vergießen, um seine vollkommene Hingabe an seinen Vater würdig darzustellen. Durch dieses Blut belebte der Heilige Geist den Menschen Christus, da das Blut der Lebensträger im Organismus ist. Von seiner Lieblichkeit war es durchweht, durchwürzt, geheiligt. So konnte es am Kreuz mit lieblichem Wohlgeruch zum Vater emporsteigen. Der Heilige Geist bringt es dar, vermittelt das Opfer: er ist die priesterliche Liebe in der Kreuzesliturgie; er ist der Engel, der das Opfer zum Altare Gottes hinaufträgt. Im Römischen Kanon beten wir nach der heiligen Wandlung: „In Demut flehen wir, allmächtiger Gott, dein heiliger Engel trage dieses Opfer auf deinen himmlischen Altar, vor deine göttliche Herrlichkeit.“ (Vgl. Hebr 9,14) Der Heilige Geist hat den Heiland zum Opfer getrieben und bringt selbst das geopferte Blut vor den Vater. Wort und Geist huldigen im Blut des Lammes dem Vater.
So wird das von Christus vergossene Blut zum wirklichen Pfand und heiligsten Sakrament für die Ausgießung des Heiligen Geistes: Vater und Sohn teilen uns im Geist gleichsam ihr innerstes Mark mit. Ist nicht das Herzblut Jesu mit seiner reinigenden, erwärmenden und belebenden Kraft das Sakrament der Gnaden, die der Geist Gottes in uns hervorbringt? Und wird nicht auch aus dem Herzblut des Erlösers durch die Kraft des in ihm wohnenden Geistes der Mystische Leib und die leibliche Braut des Gottmenschen, die Kirche, gebildet, ähnlich wie aus dem Herzen des Vaters und des Sohnes ihr Geist und bräutlicher Mitgenosse hervorsproßt?
Deswegen steht die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, dem Altar der göttlichen Liebe, in der innigsten Verbindung mit der Andacht zum Heiligen Geist als dem göttlichen Vertreter dieser Liebe. Versenken wir uns tief in das Geheimnis des göttlichen Herzens und des Heiligen Geistes, besonders in unserer kalten, frivolen Zeit!
So ist das Herzblut Christi das Band zwischen Gott und der Welt, in welchem Himmel und Erde zusammenfließen, wie in der Dreifaltigkeit der Heilige Geist als der Ausfluß der wechselseitigen Hingabe des Vaters und des Sohnes das ewige Band ist, welches Vater und Sohn untereinander und auch mit den Geschöpfen verbindet.“
(Matthias Josef Scheeben, Der Heilige Geist, Petrus Verlag – Kirchen/Sieg, 1973,S. 56ff).

Zeugnisgeben durch den Heiligen Geist

Am nächsten Tag sehen wir Johannes als einzigen Apostel mit Maria unterm Kreuz stehen. Er war hierhergekommen, nicht bloß um ein Bekenntnis für seinen gekreuzigten Freund und Herrn abzulegen, sondern auch, um ihm Sühne zu leisten für den Haß und Undank der Menschen und mit Jesus dem Vater das Opfer der Sühne darzubringen. Nach außen hin konnte er dem Heiland nicht helfen. Aber innerlich hat er ihm viel geholfen. Er hat Jesus getröstet und mit Maria ergänzt, was an dem Sühnopfer Jesu noch ausstand.

Es kostete Mut, Kraft und eine große Liebe, hier auszuharren. Wer hat ihn gestärkt, wenn nicht die „Kraft aus der Höhe“ (Apg 1,8). Der Geist der sühnenden Liebe des Johannes ist in die Kirche eingegangen, auf viele eifrige Seelen übergegangen und in ihnen lebendig geblieben.

In der Stunde, da der Herr am ohnmächtigsten schien, war Sein Geist am stärksten. Johannes hat uns das Wort Jesu an Nikodemus überliefert: „Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alles an mich ziehen“ (Joh 12, 32). Während seines öffentlichen Lebens hat Jesus die Menschen durch Sein Wort und Seine Wunder an sich gezogen. Jetzt, da er am Kreuze gestorben war, hat er sie an sich gezogen durch seinen Geist. Nachdem Jesus durch den Tod in Seine Herrlichkeit eingegangen war, sind innerhalb weniger Wochen mehr Menschen zum Glauben an Christus gekommen, als während der dreijährigen öffentlichen Tätigkeit des Herrn. Nun begann auch die andere Verheißung sich zu erfüllen: „Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, wird er Zeugnis von mir geben. Aber auch ihr sollt Zeugnis geben, weil ihr von Anfang an bei mir seid“ (Joh 15,26f).