Erfüllt vom Heiligen Geist

Der Geist machte Johannes zum ersten und glaubwürdigsten Zeugen Jesu. Er konnte von sich schreiben: „Der dies gesehen hat, legt Zeugnis davon ab, und sein Zeugnis ist wahr. Und jener weiß, daß er die Wahrheit spricht, damit auch ihr glaubt“ (Joh 19,35). Mit der Öffnung der Seite Jesu hat die Ausgießung des Heiligen Geistes begonnen. Sie erreichte ihren sichtbaren Höhepunkt am ersten Pfingstfest. Sie geht weiter bis an das Ende der Zeiten. Der Vater sendet Seinen Geist durch das geöffnete Herz seines Sohnes – zunächst in seine Kirche und durch diese in die Welt. Die Seite Jesu schließt sich nicht mehr. Immer fließt aus dieser Quelle der Heilige Geist mit seinen Gaben und Früchten. Diese Quelle des Lebens und der Heiligkeit fließt für jeden Menschen, für den größten Sünder genauso wie für den größten Heiligen. Sie floß für den rechten Schächer wie auch für seine Feinde. Folgen wir nochmals den Erwägungen Scheebens, um diese Gedanken noch zu vertiefen. Im 1. Kapitel mit der Überschrift SEELE DER KIRCHE heißt es unter I. Geist und Glieder der Kirche:

„1. Der Geist des Bräutigams macht alle Glieder der Kirche zu seinen Tempeln, in denen er wohnt und seine göttliche und vergöttlichende Kraft offenbart. Er leitet die Kirche mit Weisheit und Ordnung; er heiligt die seelischen Krankheiten, indem er die Sünden nachläßt, ja, er wirkt in der Kirche ähnlich wie im Leibe Christi; er erfüllt sie mit der Gottheit. Er überschattet die Braut Christi. Durch seine Glut verklärt er sie in das Bild der göttlichen Natur. Er gestaltet ihr ganzes Sein um von Klarheit zu Klarheit. Er durchweht sie so tief und mächtig mit seinem göttlichen Leben, daß nicht mehr sie, sondern Gott in ihr lebt. Die Kirche wird durch den Heiligen Geist ihrem göttlichen Haupte und Bräutigam so gleichförmig, daß sie Christus selbst zu sein scheint.
Wenn bei menschlichen Gemeinschaften ihre Mitglieder ein Leib und eine Seele, oder wie Äste an einem Baum zu sein scheinen, so ist das nur ein Gleichnis. Als Glied der Kirche aber wird der Mensch wirklich in einen neuen, himmlischen Boden gepflanzt: er wird auf einen neuen Stamm, der Christus ist, aufgepfropft. Sein inneres Wesen, die Wurzel seines Lebens wird durch den Heiligen Geist umgestaltet; ein neues Leben wird ihm eingegossen, das vom Licht und Tau des neuen Himmels genährt und gepflegt wird.
Wie der Heilige Geist in der Menschheit Christi wohnt und wirkt, so wirkt er auch in der Kirche. In und durch Christus wohnt er mitten unter uns, gleichsam die Seele der Kirche.
2. Die Kirche ist nach dem Plan des Gottmenschen wahrhaft Mutter über ihre Kinder, da sie ja die Braut Christi ist. Deshalb vermählt sich Christus durch das unauslöschliche Merkmal des Sakramentes der Priesterweihe mit seinen Priestern, den Organen der Kirche; er legt die mystischen Gnaden seiner Kirche in ihre Hände und beschattet sie mit der besonderen Kraft des Heiligen Geistes, damit sie ihm im Namen der Kirche seine Kinder gebären und sie mit ihm vereinigen. Der Priester vermittelt zwischen Christus und seinen Kindern wie eine Mutter zwischen Vater und Kindern. Wie Maria vom Heiligen Geist überschattet wurde und der Welt den Sohn Gottes schenkte, so empfängt der Priester bei den Wandlungsworten durch die Kraft desselben Heiligen Geistes den eucharistischen Sohn Gottes, um ihn der Kirche zu schenken. Der Priester bildet die geheimnisvolle Mutterschaft Marias aus dem Heiligen Geiste nach und dehnt sie auf die Kirche aus“ (Ebd. S. 69ff).

Der Heilige Geist – Die Quelle des Heils

Die ersten, die zu dieser Quelle des Heils gekommen sind und an der Quelle des durchbohrten Herzen Jesu von dem Wasser, das Jesus versprochen hat und mit dem er den Heiligen Geist meinte, getrunken haben, waren Maria und Johannes. Wer vom Wasser des Heiligen Geistes getrunken hat, der will „nicht allein den Herrn verherrlichen, nicht allein ihn lieben, nicht allein ihn umfangen“ (Augustinus). Er will auch andere Menschen Jesus zuführen. Dies tut er, indem er für Jesus Zeugnis gibt. Seitdem Johannes bei der Durchbohrung des Herzen Jesu den Heiligen Geist aus der Seite Jesu empfangen hatte und ihn schließlich am Pfingstfest in seiner ganzen Fülle auf sich herabkommen sah, war das ganze Leben des Evangelisten ein Zeugnisgeben für Jesus geworden. Das war fortan der einzige und tiefste Sinn seines Lebens. Mit Petrus ging er in den Tempel, um von Jesus Christus zu predigen, nach Samaria, um den dortigen Christen das Sakrament der heiligen Firmung zu spenden und er stand vor dem Hohen Rate, um Zeugnis dafür abzulegen, daß Jesus der Sohn Gottes ist. Wegen seines Zeugnisses für diese Wahrheit wurde er auf die Insel Patmos verbannt.

Dort, in der Verbannung, gab ihm der Herr die Offenbarungen über die Zukunft der Kirche. Johannes schrieb diese Offenbarung im Auftrag des Herrn in ein Buch. „Diese Worte sind zuverlässig und wahr, und der Herr, der Gott der Geister der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten kundzutun, was bald geschehen muß. Siehe, ich komme bald. Selig, wer die Worte der Weissagung dieses Buches festhält!“ (Apk. 22,6f). „Denn das Zeugnis Jesu ist der Geist der Prophetie“ (Off 19, 10). Das Zeugnis jenes einen, der sprechen kann: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommen wird, der Allmächtige“ (Apk. 1,8).

ER führt uns durch die Dunkelheiten dieser Zeit ins ewige Licht des dreifaltigen Gottes. „Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, um euch dies für die Gemeinden zu bezeugen. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der glänzende Morgenstern. Und der Geist und die Braut sagen: Komm! – Wer es hört, sage: Komm! – Der Dürstende komme; wer Verlangen hat, empfange umsonst Wasser des Lebens“ (Apk. 22, 16f).

Der Geist und die Braut versprechen die ewige Sabbatruhe. Nach diesem Tag sehnt sich die Kirche, das ist die Braut Christi. Die Kirche fleht zusammen mit dem Heiligen Geist um das Kommen des himmlischen Bräutigams. Die Auserwählten dürfen zur Quelle des Lebens hintreten und das Wasser des Lebens und des ewigen Heiles schöpfen. „Niemand kann zum Erbe jenes Landes der Seligen gelangen, wenn er nicht vom Heiligen Geist bewegt wird“ (hl. Thomas von Aquin).

Wie Johannes dürfen auch wir die Kraft des Heiligen Geistes im Herzen Jesu tragen. Der Herr hat einst den Juden gesagt: „Mein Vater ist noch am Werk, und ich bin es auch“ (Joh 5, 17). Jesus ist auch heute noch am Werk. Aber er wirkt heute nicht mehr wie einst, da er im hl. Land sichtbar unter uns wandelte, sondern unsichtbar durch Seinen Geist. Durch ihn, den Finger an des Vaters Hand, wirkt er Seine Großtaten. Eine solche ist die seelische Verwandlung der Menschen, welche der Heilige Geist in uns wirken möchte. In dem oben schon erwähnten Buch, erklärt dazu M. J. Scheeben:

„Während Christus die sieben Gaben durch den Heiligen Geist, der ihn salbte, in unermeßlicher Fülle geschenkt sind, nehmen wir nur an seinen Gaben teil. ‚Die Glieder am Leibe Christi sind mit Gaben ausgestattet, die sich unterscheiden je nach der Gnade, die uns verliehen ward‘ (Röm 12,6).
Da Christus aufs innigste mit Gott vereinigt ist und ihn deshalb auch so erkennt und liebt, daß sein geistliches Leben aufs höchste entfaltet ist, so lebt die Gabe in ihm nicht schlafend oder keimend, sondern höchst bewußt und seelengründig. Daher können die sieben Gaben das geistliche Leben in Christus weder fördern noch ergänzen: auch können sie selbst nicht wachsen oder zunehmen. Uns aber werden sie wie Keime geschenkt, die durch den Heiligen Geist innerlich gedeihen und äußerlich sich betätigen. Er schenkt der wachen und folgsamen Seele immer neues Licht und stärkere Kraft. Die Gaben führen uns der Fülle des Vollalters Christi entgegen. Sie erleuchten und ermuntern uns, dem Heiligen Geist so zu folgen, daß es auch unsere Speise wird, den Willen des himmlischen Vaters zu erfüllen. Glaube, Hoffnung und Liebe werden in uns wach und blühen auf durch jede dieser Gaben.
Die Gaben brauchten Christus nicht vor der Sünde zu schützen oder gegen Leidenschaften zu stärken; er war ja personhaft mit dem Göttlichen WORT verbunden und daher gegen Versuchung und Sünde gefeit. Uns aber sollen sie gegen jedwede Leidenschaft sicherstellen und im Guten fördern.
Die Furcht des Herrn war bei Christus nicht der Beginn der Weisheit noch schreckte sie ihn von der Sünde ab, sondern stellte die Frucht aller andern Gaben dar; sie durchdrang als Duft des Heiligen Geistes den ganzen Menschen Christus. Uns dagegen ist sie das Gegengift gegen jede Sünde. Mit ihr beginnt bei uns die Weisheit. Durch sie lernen wir einsehen, wie sehr wir durch die Sünde den Zorn und das Mißfallen Gottes hervorrufen und wie er uns dann seine Gnaden entziehen und in seinem Zorn bestrafen muß. Wir werden vorbereitet, ein gottähnliches Leben zu beginnen.
Die Furcht des Herrn schenkt uns nicht schon wie bei Christus den Gipfel der Gottesverehrung, die durch kindliche Liebe vollendet und getragen wird, sondern wir lernen zu streben und zu arbeiten, wie wir Gott ehren und lieben können, soweit er es von unsern schwachen Kräften verlangt. Er verheißt uns sogar Lohn, wenn wir diese Gabe recht benutzen und droht uns Strafe an, wenn wir sie bewußt und freiwillig zurückweisen.
So wird die Furcht des Herrn für uns eine kostbare und mächtige Gabe. Wie ein scharfes Schwert durchbohrt sie unser Herz; alle Bande, die uns durch sündhafte Liebe irgendwie fesseln, durchschneidet sie mit heiliger Gewalt und schwebt beständig über unserm Haupt, bis wir uns unter den Mantel der Gnade geflüchtet und uns im Schöße des Vaters geborgen haben. Wenn wir diese Gabe in uns nicht gebrauchen wollen, sondern verstockt und hartherzig in unsern Sünden dahinleben, so hören wir auch die Mahnrufe des Heiligen Geistes nicht und kümmern uns nicht um die entsetzlichen Strafen, welche Gott über die Verächter seiner Gnadengaben verhängen wird“ (Ebd. S. 138ff).

Unterscheidung der Geister

Gegen Ende des Lebens des Evangelisten traten in der Kirche Irrlehrer auf, die Spaltung unter den Christen hervorriefen. Es waren die Gnostiker, die eine Erkenntnis unter Angleichung an die Weisheit der Welt verkündigten, die Ebioniten und die Chiliasten, die mit ihren schwärmerischen Gedanken Verwirrung hervorriefen. Ja, es gab damals schon Christen, die wie später Arius die Gottheit Christi und auch die des Heiligen Geistes leugneten. Vor Ihnen warnte Johannes in seinem ersten Brief: „Geliebte, traut nicht jedem Geist! Prüft vielmehr die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgezogen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus ist im Fleisch gekommen, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichristen, von dem ihr gehört habt, daß er kommt und der jetzt schon in der Welt ist“ (1 Joh 4, 1ff).

Bitten wir in dieser wahrhaft antichristlichen Zeit den Heiligen Geist ganz besonders um die Gabe der Unterscheidung der Geister und um wunderbare Stärkung unseres hl. Glaubens, denn beides ist uns notwendiger denn je! Wir wollen unsere Gedanken mit den ernsten Schlußworten Kardinal Mannings aus seiner Schrift „Der Antichrist“ aus dem Jahre 1861 enden: „Die täglichen Ereignisse führen die Menschen immer weiter und weiter auf der Laufbahn, die sie betreten haben. Jeden Tag werden sie mehr und mehr geteilt. Dies sind Zeiten der Prüfung. Unser Herr steht in der Kirche: ‚Er hat seine Wurfschaufel in seiner Hand, und wird seine Tenne reinigen; seinen Weizen wird er in seine Scheune sammeln, die Spreu aber mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.’ Es ist eine Zeit der Prüfung, wo ‚einige von den Erleuchteten’ fallen werden, und nur die werden gerettet werden, die standhaft sind bis ans Ende. Die zwei großen Widersacher sammeln ihre Kräfte zum letzten Streite. Derselbe mag vielleicht nicht in unsere Tage fallen, vielleicht auch nicht in die Zeit derer, die nach uns kommen; aber Eines ist gewiß, daß wir jetzt ebenso auf die Probe gestellt werden, wie es die sein werden, welche in der Zeit leben, wo es geschehen soll. Denn so sicher als der Sohn Gottes in der Höhe herrscht und herrschen wird, bis Er alle seine Feinde sich zu Füßen gelegt hat, ebenso sicher wird ein Jeder, der einen Fuß erhebt oder eine Waffe schwingt gegen seinen Glauben, gegen seine Kirche oder gegen seinen Statthalter auf Erden, Teil haben an dem Gerichte, das dem Antichrist aufbewahrt ist, welchem er dient!“