Theologisch etwas unsauber

Anders als Bergoglio sieht Papst Pius XI. nicht den konfessionellen Staat übel enden, sondern gerade den laizistischen: „Es sind freilich sehr bittere Früchte, die ein solcher Abfall sowohl der einzelnen Bürger als auch der Staaten von Christus für gewöhnlich und schon seit langem gezeitigt hat. Wir haben sie in dem Rundschreiben Ubi Arcano beklagt und beklagen sie auch heute wieder: Allüberall hat man den Samen der Zwietracht gesät; man hat die Flammen des Hasses und der Rivalität zwischen den Völkern geschürt, welche so sehr das Hindernis für den Frieden bilden. Die Begierden sind maßlos geworden… Und aus all dem sind die Zerwürfnisse unter den Bürgern hervorgegangen; es ist jene blinde und ungebändigte Selbstliebe entstanden, die auf nichts anderes als auf die private Bequemlichkeit und den eigenen Vorteil sieht, und die deshalb ganz und gar alles nur danach beurteilt und abmißt. Zerstört von Grund auf ist durch Pflichtvergessenheit und Pflichtvernachlässigung der Friede im privaten Bereich. Die Gemeinschaft und der Bestand der Familie ist untergraben worden. Mit einem Wort: Die menschliche Gesellschaft ist zerrüttet und dem Untergang nahegebracht.“

Ob also nicht doch das Mittel gegen die Zeitübel, von denen auch Bergoglio immer wieder einige beklagt wie den überall grassierenden Egoismus oder eben die „Vergötzung“ des Geldes, eher im Christkönigtum bestünde als im „Laizismus“ mit starker „Religionsfreiheit“ und einer sozialistischen Weltökonomie? Auf jeden Fall sind die Worte Pius‘ XI. wirklich die eines Stellvertreters Christi, während die eines Bergoglio die eines Liberalen, eines Atheisten und Kommunisten sind. So antwortet er auch auf die folgende Frage, wie denn die Katholiken ihre Positionen in einigen gesellschaftlichen Punkten wie „Euthanasie“ oder „gleichgeschlechtliche Ehe“ verteidigen sollten, wie folgt: „Es ist Sache des Parlaments, (diese Dinge) zu diskutieren, zu erörtern, zu erklären und zu erwägen. Das ist die Art, wie eine Gesellschaft wächst.“ Nicht mehr Gottes Gebote sind entscheidend, sondern die Beschlüsse des Parlaments. „Jedoch“, so meint „Franziskus“, „wenn ein Gesetz einmal angenommen ist, muß der Staat auch die Gewissen (der Leute) respektieren. Das Recht auf Gewissenseinwand muß in jeder gesetzlichen Struktur anerkannt werden, weil es ein Menschenrecht ist. Das gilt auch für einen staatlichen Vertreter, der ebenfalls eine menschliche Person ist. Der Staat muß auch Kritik hinnehmen können. Das wäre eine echte Form der Laizität.“ In der Tat: Die liberale Person im liberalen Staat. Nicht mehr Christus mit Seinen Geboten der Liebe ist der oberste Gesetzgeber des einzelnen wie der Staaten, sondern das Gewissen bzw. das Parlament mit seinen Beschlüssen. Und solches aus dem Munde eines „Papstes“! Auch die Gewissen und die Parlamente haben sich nach Jesus Christus zu richten; das ist die katholische Lehre.

5. „La Croix“ ist eine französische Zeitung, und so muß sie natürlich vor allem fragen, was Frankreich für „Franziskus“ bedeutet. Interessant, welche „großen Denker“ Frankreichs es sind, die Bergoglio da aufzählt, nämlich Jean Guitton, Maurice Blondel, Emmanuel Levinas, „der kein Katholik war“, und Jacques Maritain. All diese „Denker“ haben die philosophischen Grundlagen der „nouvelle théologie“ der Modernisten gelegt. So wundert es uns nicht, daß Bergoglio als namhafteste französische Theologen, „welche der Gesellschaft Jesu so viel geholfen haben“, ausgerechnet Henri de Lubac und Michel de Certeau zu nennen weiß.

Hingewiesen auf den Priestermangel und das Fehlen priesterlicher Berufungen in Frankreich meint Bergoglio, dies sei nicht so schlimm. Er verweist auf das Beispiel Korea, das nach Ausweisung der Missionare, die aus China gekommen waren, durch Laien „evangelisiert“ worden sei. Nunmehr sei es ein Land von Heiligen und Märtyrern mit einer starken Kirche. „So braucht es nicht notwendigerweise Priester zur Evangelisierung“, meint „Franziskus“, die Taufe gebe die Kraft dazu. Ohnedies sei der Heilige Geist der „Motor“ für alles, was in der Kirche geschehe, wovon sich die meisten Christen zu wenig bewußt seien. „Auf der anderen Seite ist die entgegengesetzte Gefahr für die Kirche der Klerikalismus. Dies ist eine Sünde, die von zwei Parteien begangen wird, wie ein Tango! Der Priester will die Laien klerikalisieren, und die Laien wollen klerikalisiert werden, weil es einfacher ist.“ Besonders in Lateinamerika sei dieser „Klerikalismus“ weit verbreitet. „Wenn die Volksfrömmigkeit stark ist, dann genau deswegen, weil es die einzige Laieninitiative ist, welche nicht klerikalisiert wurde. Das wird vom Klerus nicht verstanden.“

Gewiß haben die Laien ihren Platz und ihre Aufgabe in der Kirche, die nicht unterschätzt werden sollen, und gerade in Notzeiten wie der unseren kommt ihnen eine große Bedeutung zu. Wir sehen ja auch, daß der Widerstand gegen die „Konziliare Kirche“ massiv von Laien organisiert und getragen wurde. Dennoch ist und bleibt die Kirche priesterlich und können die Laien die Priester nicht ersetzen, zumal auch die autoritative Verkündigung des Evangeliums den Aposteln und ihren Nachfolgern sowie deren Beauftragten anvertraut worden ist. Auch die Laien in Korea hätten nichts oder wenig ausgerichtet, hätten nicht zuerst Priester in ihrem Land missioniert. Es ist und bleibt eine große Notsituation, wenn es an Priestern fehlt.

6. „Am 1. April haben Sie Bischof Bernard Fellay empfangen, den Generalsuperior der Priesterbruderschaft St. Pius X. Steht die Wiedereingliederung der Lefebvristen in die Kirche wieder zur Diskussion?“ So lautet eine weitere Frage, auf welche Bergoglio wie folgt antwortet: „In Buenos Aires habe ich oft mit ihnen gesprochen. Sie grüßten mich, baten mich auf ihren Knien um den Segen. Sie sagen, sie sind katholisch, sie lieben die Kirche. Bischof Fellay ist ein Mann, mit dem man Dialog führen kann. Das ist nicht der Fall bei anderen Elementen, die etwas sonderbar sind, wie etwa Bischof Williamson oder die anderen, die radikalisiert worden sind. Doch ansonsten glaube ich, wie ich in Argentinien sagte, daß sie Katholiken sind auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft.“ Solches Lob aus dem Munde Bergoglios wird zwar dem Vereinsvorsitzenden der „Piusbrüder“ wieder wohl gefallen, ist in Wahrheit aber wenig schmeichelhaft, besagt es doch nichts anderes als daß „Franziskus“ Bischof Fellay und den größten Teil der „Piusbruderschaft“ als liberal einschätzt.

„Während des Jahres der Barmherzigkeit“, fährt Bergoglio fort, „fühlte ich, daß ich ihre Beichtväter autorisieren sollte, von der Sünde der Abtreibung zu absolvieren. Sie dankten mir für diese Geste. Zuvor hatte Benedikt XVI., den sie überaus schätzen, den Gebrauch des tridentinischen Meßritus liberalisiert. So findet ein guter Dialog und eine gute Arbeit statt.“ Abermals dürfte dem „Pius“-Vereinsvorsitzenden vor Freude und Stolz die Brust schwellen. Doch wenn man bedenkt, daß dies derselbe Mann sagt, der oben davon sprach, daß der Staat laizistisch sein müsse, daß alle Religionen gleich seien, kein Unterschied bestehe zwischen Kreuz und Burka sowie dem Missionsbefehl Christi und dem „Dschihad“, und nicht mehr Christus, sondern das Parlament und das Gewissen oberste Herren und Gesetzgeber sind, dann fragt man sich doch, wie da ein „guter Dialog und eine gute Arbeit“ stattfinden sollen mit der „Piusbruderschaft“, die doch angeblich für das Christkönigtum im Sinne von Pius XI. eintritt.

La Croix“ will wissen, ob „Franziskus“ bereit sei, den „Piusbrüdern“ den Status einer Personalprälatur zu verleihen, und dieser antwortet, das sei eine „mögliche Lösung“, doch zuvor werde es notwendig sein, zu einer grundsätzlich Übereinstimmung mit diesen zu gelangen. „Das Zweite Vatikanische Konzil hat seinen Wert“, betont Bergoglio. „Wir werden langsam und geduldig voranschreiten.“ Das dürfte dann doch ein Dämpfer für den Vereinsvorsitzenden der „Piusbrüder“ sein, der seit einiger Zeit überall triumphierend verkündet, Rom verlange nicht mehr die Zustimmung zum „II. Vatikanum“ von ihnen. „Das Anhangen an das Konzil wird wird nicht mehr das Kriterium für die Zugehörigkeit zur Kirche sein“, sagte er bei einer Predigt in Montréal-de-l’Aude am 1. Mai 2016. „Kürzlich konnten wir erstmals in Rom hören, daß wir nicht mehr verpflichtet seien, das Konzil anzunehmen. … Bis vor zwei Jahren hieß es immer: ‚Wenn Sie katholisch sein wollen, müssen Sie das Konzil annehmen, müssen Sie anerkennen, daß die neue Messe gut ist‘. Doch nun sagt man uns: ‚Nein, Sie müssen es nicht, denn das hat nicht den Charakter der Verpflichtung.’“ Tja, wie es aussieht, ist Herr Bergoglio da wieder anderer Meinung.

7. Die letzte Frage betrifft den „langen Prozess“ der beiden „Familiensynoden“ und ob dieser nach Einschätzung Bergoglios die Kirche geändert habe. „Ich denke, wir alle sind aus den verschiedenen Prozessen anders herausgekommen, als wir hineingegangen sind, einschließlich mir“, antwortet Herr „Franziskus“. In der „postsynodalen Exhortation“ mit dem schönen Titel „Amoris Laetitia“ habe er versucht, die Synode so weit wie möglich zu respektieren. „Sie werden keine kanonischen Vorschriften finden darüber, was man darf oder nicht. Es ist eine ruhige, friedvolle Betrachtung über die Schönheit der Liebe, wie man Kinder erzieht, sich auf die Ehe vorbereitet… Sie betont Verantwortlichkeiten, die durch den Päpstlichen Rat für die Laien in Form von Richtlinien weiterentwickelt werden könnten.“ Bergoglio hat seine „Exhortation“ eben ganz im Sinne seiner „Synodalität“ abgefaßt, auf welche er sogleich zu sprechen kommt: „Jenseits dieses Prozesses müssen wir über echte Synodalität nachdenken oder wenigstens die Bedeutung der katholischen Synodalität. Die Bischöfe sind cum Petro, sub Petro (mit Petrus und unter Petrus). Das unterscheidet sie von der orthodoxen Synodalität oder der der griechisch katholischen Kirchen, wo der Patriarch nur als einzelne Stimme zählt.“

Wir hatten schon Gelegenheit, auf die Vorstellung Bergoglios von der „Synodalen Kirche“ einzugehen. Hier macht er erneut deutlich, wie er das meint. Der „Papst“ zählt nicht als einzelne Stimme, sondern hat die Gesamtheit der Bischöfe zu repräsentieren. Das versteht er darunter, daß die Bischöfe „cum Petro, sub Petro“ sind. Es bedeutet für ihn nicht, daß die Stimme des Petrus entscheidend ist, sondern daß es seine Aufgabe ist, die Stimme aller Bischöfe zu sein. Ganz folgerichtig ist seine „Exhortation“ entsprechend ausgefallen, und alle, die nun beklagen, diese sei widersprüchlich und unklar, haben nichts von Bergoglios „Synodalität“ verstanden.

Im „II. Vatikanum“ sieht Bergoglio das „Ideal der synodalen und bischöflichen Gemeinschaft“. Dies müsse jedoch noch „entwickelt“ werden, auch auf der Ebene der Pfarreien. Da gebe es leider immer noch Pfarreien, die weder einen Pfarrgemeinderat noch einen Verwaltungsrat hätten, obwohl diese nach dem kanonischen Recht verpflichtend seien. „Synodalität ist auch auf dieser Ebene wichtig“, sagt „Franziskus“. Er will endlich ernst machen mit der vollen „Demokratisierung“, der „Kirche von unten“. Wir verweisen auf unseren Artikel „Synodale Kirche“ für weitere Aufschlüsse zu diesem Thema.

8. Das „Interview“ ist zuende, und wir stellen fest, daß es noch keinen „konziliaren Papst“ gegeben hat, der sich so eindeutig und radikal von Christus, der Kirche, dem Glauben, dem ganzen Christentum losgesagt und ihm entgegengestellt hätte wie Bergoglio. Das erschüttert uns jedoch weit weniger als die Tatsache, daß es Katholiken gibt, die immer noch in Bergoglio ihren „Papst“, den „Heiligen Vater“, den „Stellvertreter Christi“ erblicken wollen. Als hätte er nicht ohnehin schon alles getan, um klarzumachen, daß er das nicht ist und gar nicht sein will, angefangen von seiner Weigerung, etwas anderes zu sein als „Bischof von Rom“ und sich lieber noch „Pater Jorge“ zu nennen als „Franziskus“, über seine schwarzen Schuhe, sein demonstratives Wohnen im Gästehaus des Vatikan, sein ganzes bewußt zur Schau getragenes anti-päpstliches Gehabe bis hin zu seinem leeren Geschwätz und seinen Aussagen, in denen er sich penetrant und offensiv als Apostaten, Kommunisten und Atheisten „outet“ (vgl. Terror des Geschwätzes). Was muß er eigentlich noch tun, bis auch den treuherzigen „Traditionalisten“ und „Konservativen“ endlich die Augen aufgehen? Oder muß erst der Antichrist persönlich oder sein Lügenprophet auf dem „Papstthron“ sitzen, und werden sie es dann wenigstens merken oder auch diesen noch brav in den Kanon ihrer Heiligen Messe einfügen und sein Bild in ihrer Sakristei aufhängen? Letzteres ist fast zu fürchten; denn wer einen Bergoglio nicht durchschaut, wird auch den Antichristen nicht durchschauen.

Der von uns schon erwähnte und zitierte Herr Winnemöller, der oben den Vergleich des Missionsbefehls Christi mit dem „Dschihad“ mit „Hier irrt der Papst“ kommentierte, schreibt: „Und wer nun glaubt, man könne den Satz ‚Hier irrt der Papst‘ als Katholik nicht schreiben, ohne gleich das Papsttum in seiner Gesamtheit in Frage zu stellen, sei durch diesen Artikel eines Besseren belehrt. (Nebenbemerkung: Es hat auch ein bisschen Spaß gemacht.) Wer aber glaubt, einen Papst wegen einer kritischen Aussage in einem Interview gleich zum Papa haereticus stempeln zu können, sollte vielleicht doch einmal bei einem so diskussions- und diskursfreudigen Wissenschaftler und Papst wie Josef Ratzinger / Benedikt XVI. in die Lehre gehen. Wer am Ende Angst davor hat, dass ein Papst, der in einem Interview zu locker und theologisch etwas unsauber daher redet, gleich den Untergang der Kirche auslösen könnte, sollte sich durch Betrachten von Mt 16,18 beruhigen lassen.“ Na also. Alles nicht so schlimm. Mag nur der Antichrist kommen. Den kriegen wir auch noch als „katholisch“ hin – wenn er auch vielleicht manchmal „zu locker und theologisch etwas unsauber daher redet“.