Gegenwärtige Krise

von antimodernist2014

1. Professor Roberto de Mattei, Historiker und „Traditionalisten“-Freund, hielt auf dem „Roman Life Forum“ am 6. Mai 2016 einen Vortrag über die „gegenwärtige Krise im Kontext der Kirchengeschichte“. Er meint, die gegenwärtige „Kirchenkrise“ ließe sich am ehesten mit jenem Seesturm vergleichen, in welchen die Apostel einmal geraten sind, wie uns das Evangelium berichtet. Und so läßt er mehrere Stürme, welche die Kirche im Laufe ihrer Geschichte durchmachen mußte, Revue passieren. In den ersten drei Jahrhunderten seien dies die Kirchenverfolgungen durch das römische Imperium gewesen, nach 313 mit der Befreiung durch Kaiser Konstantin das Eindringen des Arianismus, im fünften Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches die Bedrängnis durch Barbaren und den Islam.

2. „In den Jahrhunderten von Konstantin bis zu Karl dem Großen gab es 62 Päpste“, referiert der Herr Professor. Unter ihnen seien so große Gestalten gewesen wie der heilige Leo der Große oder der heilige Gregor der Große. „Jedoch neben diesen großen Verteidigern der Kirche finden wir auch Päpste wie Liberius, Vigilius und Honorius, die im Glauben schwankten. Honorius im besonderen wurde von seinem Nachfolger, dem heiligen Leo II., als Häretiker verurteilt.“ Womit wir wieder beim Thema wären.

Obwohl all die Vorwürfe gegen diese armen Päpste bereits im Vorfeld des Vatikanischen Konzils und seiner Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit in aller Ausführlichkeit und bis ins Detail untersucht und zurückgewiesen wurden, tauchen sie bis heute unfehlbar immer und immer wieder auf, und zwar gerade bei den „Traditionalisten“, und nicht, wie man es eigentlich erwarten sollte, bei den Kirchengegnern. Dabei sollte gerade unser Professor als Historiker es eigentlich besser wissen.

Nun also wieder einmal Honorius. In Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon findet sich eine überaus umfangreiche Abhandlung des Jesuiten Grisar zu diesem Thema, welche vor allem zeigt, daß sich die Honoriusfrage nicht in wenigen Sätzen und schon gar nicht einem Halbsatz erledigen läßt, der noch dazu schlicht falsch ist. In einem ersten großen Punkt behandelt Grisar die Briefe des Papstes Honorius an Sergius und damit den Häresie-Vorwurf. Er stellt fest: „In den beiden Schreiben des Papstes Honorius findet sich keinerlei dogmatischer Irrtum vor“ (Bd. 6, Sp. 240). „Die Lehre des Papstes ist so wenig monotheletisch, daß sich in ihr alle Elemente zur Widerlegung des Monotheletismus finden“ (Sp. 241). „In der von Honorius gegebenen Entscheidung lag aber vor allem ein folgenschwerer Mißgriff in dem Verbote beider Termini, des häretischen und des katholischen. Während die dyotheletische Formel gerade damals in dem angewachsenen Streite notwendig betont und zum Siege gebracht werden mußte, wird sie mit der monotheletischen zugleich unterdrückt. Es lag hierin eine von Honorius freilich nicht gewollte Vorschubleistung gegen die Häresie“ (Sp. 243). „Bei der schließlichen Bestimmung der Schuld, welche sich Honorius dadurch auflud, daß er nicht dem Irrtume widerstand, sondern ihm gewissermaßen Vorschub leistete, kann es sich natürlich nicht um das Innere handeln, das vor Gott allein offen liegt. Aber die Versäumnis an sich war der Art, daß man, den gewöhnlichen Gang der Dinge zum Maßstab genommen, auf einen sehr großen Mangel an Sorgfalt und Vorsicht zurückschließen muß“ (Sp. 245).

Ein zweiter großer Punkt des Lexikonartikels geht über „Das Anathem gegen Honorius“. Hier bemerkt Grisar: „Die gegen Honorius gerichteten Erklärungen des sechsten Konzils [3. Konzil von Konstantinopel, 680] scheinen in ihrer Gesamtheit wirklich den Sinn zu haben, daß Honorius als eigentlicher Ketzer verurteilt wird“ (ebd.). Jedoch: „Die Erklärung des Konzils, daß Honorius Häretiker sei, und sein in diesem Sinn gefälltes Anathem sind keine gültigen Handlungen eines ökumenischen Konzils, weil die Väter hierbei sich nicht im Einklange, sondern in offenkundiger Dissonanz mit den Päpsten zur Zeit des Konzils, Agatho und Leo II., befanden“ (Sp. 255). „Daß nun die sechste Synode mit ihren … Urteilen über Honorius in Widerspruch zu dem nachdrücklichen Schreiben des Papstes Agatho getreten ist, braucht nicht erst erwiesen zu werden. Aber sie wurde mit ihrem strengen Spruche auch im Stiche gelassen von Leo II. Dieser nimmt zwar im übrigen die Synode an und bezeichnet sie als ökumenische, aber die Beschlüsse gegen Honorius bestätigt er durchaus nicht im Sinne der Konzilsbischöfe“ (ebd.). Zwar übernahm Leo II. das Anathem gegen Honorius, sprach es aber ausdrücklich nicht wegen Häresie aus, sondern wegen jener oben festgestellten Nachlässigkeit, welche der Häresie Vorschub leistete. „Um das Verhalten Leo’s II. recht zu erklären, muß man die für die römische Kirche überaus schwierige Lage berücksichtigen. Eine vollständige Zurückweisung des zu Konstantinopel gesprochenen Anathems über Honorius würde den eben erst gewonnenen Kirchenfrieden und vielleicht alle Resultate des Konzils wieder in Frage gestellt haben. Leo II. wählte einen weisen Mittelweg. Da Honorius wegen seiner sträflichen Fahrlässigkeit allerdings einen starken Ausdruck der Mißbilligung erfahren konnte, ohne daß ihm Unrecht geschah, so entschied sich Leo zu diesem Schritte; sein Anathem war nichts anderes“ (Sp. 256 f).

So also sieht die Wirklichkeit aus. Papst Honorius war weder ein Häretiker noch wurde er als solcher von Papst Leo II. verurteilt. Wie wir schon sagten, bei einem Historiker hätten wir in dieser Angelegenheit ein wenig mehr Sorgfalt erwarten dürfen. Aber wir ahnen schon, worauf der Herr Professor hinauswill, denn das ist immer das gleiche, wenn diese Namen Liberius, Honorius etc. auftauchen. Es geht wieder einmal um die anti-sedisvakantistische Lehre, daß es sehr wohl häretische Päpste geben könne und auch gegeben habe, ohne daß diese doch aufhören würden oder aufgehört hätten, Päpste zu sein.

3. Der Referent fährt nun mit dem frühen Mittelalter fort und erwähnt, daß es vom Tod Karls des Großen bis zum Jahr 1046 45 Päpste und Gegenpäpste gegeben habe, von welchen fünfzehn abgesetzt und vierzehn gefangengesetzt, ins Exil geschickt und ermordet wurden. „Die Päpste des Mittelalters erfuhren Kämpfe und Verfolgungen, vom heiligen Paschalis I. über den heiligen Leo IX. bis zum heiligen Gregor VII., dem letzten mittelalterlichen Papst, welcher heiliggesprochen wurde und in der Verfolgung im Exil starb.“ Seinen Höhepunkt habe das Mittelalter erreicht unter dem Pontifikat von Innozenz III., welchen die heilige Luitgard in einer Vision über und über von Flammen bedeckt geschaut habe, wobei er ihr mitteilte, daß er bis zum Jüngsten Gericht im Fegefeuer ausharren müsse.

Im 14. Jahrhundert erfolgte das 70jährige Exil von Avignon, und danach das Abendländische Schisma mit zwei und schließlich sogar drei Päpsten, das erst 1417 überwunden wurde. In der folgenden Zeit scheinbarer Ruhe habe sich die protestantische Revolution des 16. Jahrhunderts vorbereitet, und dann sei die erste Häresie eingedrungen, die sich mitten in der Kirche festgesetzt habe, nämlich der Jansenismus. Die Französische Revolution und Napoleon hätten erfolglos versucht, das Papsttum zu zerstören. Von Bonifaz VIII., dem letzten mittelalterlichen Papst, bis zu Pius XII., „dem letztern der vorkonziliaren Ära“, zählt der Herr Professor 68 Päpste, von welchen lediglich zwei bisher von der Kirche heiliggesprochen worden seien, nämlich Pius V. und Pius X., und zwei seliggesprochen, nämlich Innozenz XI. und Pius IX. (Wir dürfen anmerken, daß die „Seligsprechung“ von Pius IX. leider durch Wojtyla erfolgte und daher nicht zählt, so sehr wir diesem großen Papst der Unbefleckten auch eine Kanonisation wünschen würden.) Alle diese hätten sich inmitten schrecklicher Stürme befunden: Pius V. kämpfte gegen den Protestantismus und gegen den vordringenden Islam, mit dem Sieg in der Seeschlacht zu Lepanto, Innozenz XI. hatte gegen den Gallikanismus zu kämpfen und steckte hinter der Befreiung Wiens von den Türken im Jahr 1683, Pius IX. leistete der italienischen Revolution heldenhaften Widerstand, welche ihm 1870 die heilige Stadt raubte, und Pius X. focht gegen die neue Häresie des Modernismus, jenes Sammelbecken aller Häresien, welche die Kirche zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert tief durchdrungen hatte.

Das von Johannes XXIII. eröffnete und von Paul VI. beendete „II. Vatikanum“ habe eine neue Ära des Friedens und Fortschritts für die Kirche eingeleitet, doch habe sich die Nachkonzilszeit als eine der dramatischsten Perioden im Leben der Kirche herausgestellt. Dies sei die Zeit, in welcher wir leben, und der Blitz, der die Abdankung Benedikts XVI. durch Einschlag in die Kuppel des Petersdoms begleitete (und den Professor sehr beeindruckt zu haben scheint), sei ein Zeichen für die Stürme, welche das Schiff Petri durchlebe.

Neben den Angriffen von außen seien es vor allem die Schismen und Häresien von innen, welche die Kirche von Anfang an erschüttert hätten. Die schlimmsten dieser Angriffe seien die arianische Häresie im vierten und das große abendländische Schisma im 14. Jahrhundert gewesen. Im ersteren Fall habe das katholische Volk nicht mehr gewußt, wo der wahre Glaube zu finden sei, da sogar die Bischöfe gespalten waren und der Papst sich nicht eindeutig äußerte. Im zweiten Fall hätten die Gläubigen nicht mehr gewußt, welcher der wahre Papst war, da Kardinäle, Bischöfe, Theologen und sogar Heilige uneins waren und verschiedenen Päpsten folgten. Noch schlimmer sei die modernistische Gefahr gewesen, die Pius X. noch für einige Jahrzehnte habe bannen können, bevor sie mit dem „II. Vatikanischen Konzil“ massiv wieder auftauchte. „Dieses Konzil, das letzte in der Kirche, das von 1962 bis 1965 stattfand, wollte ein pastorales Konzil sein, doch brachte es wegen der unklaren und mehrdeutigen Natur seiner Texte katastrophale pastorale Ergebnisse mit sich.“ Die gegenwärtige „Krise“ stamme direkt vom „II. Vatikanum“ und habe ihren Ursprung im Vorrang der Praxis vor dem Dogma. Dieses Konzil habe die „Pastoral“ als alternatives Prinzip zum Dogma eingeführt. Von hier zieht der Herr Professor eine direkte Spur zu Bergoglios „Amoris laetitia“, welche laut „Kardinal“ Kasper „nichts an der Lehre der Kirche oder dem Kirchenrecht ändert, und trotzdem alles ändert“.

4. Um ein negatives Urteil über „Amoris laetitia“ zu fällen, sei es nicht nötig, Theologie studiert zu haben, meint der Herr Professor, es genüge der „sensus fidei“ aufgrund der Taufe und der Firmung. Dieser „sensus fidei“ veranlasse uns durch „übernatürlichen Instinkt“, dieses Dokument zurückzuweisen, während er die Anwendung der entsprechenden theologischen Noten den Theologen überlasse. Und hier sind wir nun endlich wieder beim Thema. Es gebe nämlich, belehrt uns Professor de Mattei, zwischen Häresie und Rechtgläubigkeit „viele mögliche Abstufungen“. Er bezieht sich hierbei auf die theologischen Zensuren, durch welche „ein die katholische Glaubens- oder Sittenlehre berührender Satz als glaubenswidrig oder wenigstens als bedenklich gekennzeichnet wird“ (Ott, Dogmatik). Aus dieser differenzierten Verurteilung einzelner irriger Sätze durch die Kirche herleiten zu wollen, es gebe „viele mögliche Abstufungen“ zwischen Häresie und Rechtgläubigkeit, ist freilich reichlich abenteuerlich. Auch wissen wir nicht recht, was der Herr Professor damit überhaupt sagen will, denn eine Anwendung macht er nicht, sondern springt sogleich wieder zur „Amoris laetitia“ zurück. Vielleicht will er ja andeuten, daß dieses Dokument irgendwo „zwischen Rechtgläubigkeit und Häresie“ angesiedelt sei.

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