Ewigkeit im Augenblick

von antimodernist2014

Jeder eifrige, ernsthafte Katholik wird sich nicht nur darum bemühen, immer tiefer in die Geheimnisse seines hl. Glaubens einzudringen, sondern immer auch zugleich danach streben, die gewonnenen Erkenntnisse zu leben. Jede wahre Gotteserkenntnis führt zu einer größeren Gottesliebe. Denn wie sollte man den Gott, der DIE LIEBE ist, besser kennen, ohne IHN mehr lieben zu wollen? Im alltäglichen Leben erweist sich aber gerade das als sehr schwierig und nicht wenige resignieren aufgrund ihrer eigenen Schwächen und geben sich mit einem Mindestmaß an Glaubenspraxis zufrieden. Die Liebe bleibt immer halbherzig.

Wie kann man dies vermeiden? Wie kann man auch unter den recht schweren gegenwärtigen Zeitverhältnissen auf dem Weg der Vollkommenheit vorwärtsstreben, ohne an seiner eigenen Schwachheit zu scheitern?

Der Jesuitenpater Jean-Pierre de Caussade hat eines der meistgelesenen religiösen Bücher der neueren Zeit geschrieben, das den Titel trägt: „Hingabe an Gottes Vorsehung“. Der bekannte französische Schriftsteller, Henri Bremond, bekennt, daß er de Caussade seine tiefsten religiösen Erkenntnisse verdanke. Ebenso schrieb der gelehrte und tieffromme englische Benediktinerabt John Chapman (1865—1933), daß ihm in den letzten Jahren seines Lebens kein geistlicher Schriftsteller so viel gegeben habe wie P. de Caussade.

P. Jean-Pierre de Caussade wurde im Jahre 1675 geboren und trat, noch nicht zwanzigjährig, in Toulouse in die Gesellschaft Jesu ein. Nachdem er 1705 zum Priester geweiht worden war, wirkte er zuerst acht Jahre als Lehrer an verschiedenen Ordensschulen. Danach begann seine rege Tätigkeit als Prediger, Exerzitienleiter und Beichtvater, die ihn während mehr als 25 Jahren kreuz und quer durch Frankreich führte. Ab 1741 war er Vorsteher der Ordenskollegien von Perpignan und Albi und zuletzt Spiritual von Theologiestudierenden in Toulouse. Dort starb er 1749 oder 1751.

Jean Pierre de Caussade S. J. (1675 bis 1751) gehört zu der berühmten klassischen Schule des Frömmigkeitslebens in Frankreich im 17. Jahrhundert. Obwohl der Hauptteil seines Lebens bereits ins 18. Jahrhundert fällt, fußt sein religiöses Denken dennoch ganz auf den Meistern des 17. Jahrhunderts, nämlich den Jesuiten Lallemant, Surin und Rigoleuc. In all seinen persönlichen Aufgaben war das Trachten und Sehnen von P. de Caussade ganz auf Gott gerichtet. Darum läuterte ihn sein inneres Ringen und Opfern immer mehr und machte ihn zum begnadeten Seelenführer und ungewollt zu einem der größten und einflußreichsten geistlichen Schriftsteller aller christlichen Jahrhunderte, denn außer einer anonym erschienenen Schrift über die verschiedenen Stufen des Gebetes nach der Lehre von Bossuet hat P. de Caussade nichts veröffentlicht. Sonst ist P. de Caussade schriftstellerisch nicht hervorgetreten. Eine Zeitlang war er jedoch Beichtvater im Kloster der Heimsuchung in Nancy, wo seine allwöchentlichen religiösen Vorträge von den Schwestern fleißig nachgeschrieben und gesammelt wurden. Außerdem schrieb P. de Caussade eine ganze Reihe von Seelsorgebriefen an die Schwestern des Klosters, die ebenfalls gesammelt und handschriftlich in den Klöstern der Heimsuchung verbreitet wurden. So hatte es der Stifter des Ordens, der heilige Franz v. Sales, selber angeregt.

Leider blieben all diese Niederschriften hundert Jahre verschollen. Erst P. Ramière S. J. sammelte und ordnete die verschiedenen Manuskripte. Sie erschienen 1861 unter dem Titel: L`Abandon à la Providence Divine (Hingabe an die göttliche Vorsehung).

Alle erhaltenen Brieftexte von P. de Caussade zeigen, daß die Grundlage seiner persönlichen Seelenführungsmethode vor allem ein Gedanke war, nämlich die Hingabe an die Führung der göttlichen Vorsehung. Diese Hingabe ist in seinen Briefen bald gezeichnet als eine Tugend, zu der alle Christen verpflichtet sind, bald aber auch als dauernde Grundhaltung jener Menschen, die Gott zu einer besonders treuen und innigen Gefolgschaft berufen hat. P. de Caussade ermunterte seine Seelenkinder dazu, sich immer mehr in das Geheimnis der göttlichen Vorsehung hineinzubeten und hineinzuleben, denn in jedem Augenblick ist eine ganze Ewigkeit verborgen. Darum könnte man den Leitgedanken dieses großen Seelenführers wohl am besten überschreiben mit: Ewigkeit im Augenblick.

Ewigkeit im Augenblick

Die Theologen machen im Hinblick auf die Vorsehung Gottes eine wichtige Unterscheidung: Soweit sie sich auf die Allgemeinheit erstreckt, sprechen sie von der Providentia generalis, von der allgemeinen Vorsehung; sofern sie sich auf den einzelnen Menschen bezieht, reden sie von der Providentia specialis, von der besonderen oder individuellen Vorsehung.

Während die meisten Katholiken keine Schwierigkeit haben sollten, an die allgemeine Vorsehung Gottes zu glauben, durch welche Gott die Welt lenkt, dürfte es mit der besonderen Vorsehung schon anders sein. Glauben wir wirklich, daß Gott unser Leben nicht nur im allgemeinen, nicht nur aus der Ferne, nicht nur dann und wann, sondern immer bis in die kleinste Kleinigkeit hinein lenkt? Das ist es nämlich, was unser hl. Glaube sagt: Gott kümmert sich um mich als einzelne Person – und nicht nur um mich, sondern um jeden anderen Menschen auf dieser weiten Erde. Dabei kümmert ER sich um jeden einzelnen und lenkt sein Lebensgeschick, ohne die Freiheit des Geschöpfs aufzuheben. Durch die besondere Vorsehung wird mein Leben nicht zu einem unentrinnbaren Schicksal, sondern es bleibt in meiner freien Verantwortung. In diesem Sachverhalt spiegelt sich das große Geheimnis der Wirksamkeit der Gnade.

Die Lehre von der Existenz einer göttlichen Vorsehung gehört zu den Fundamenten unseres christlichen Glaubens. In gewisser Hinsicht kann man sogar sagen, sie stellt den Kern der ganzen christlichen Lehre dar. Denn jede Religion ist letztlich dadurch charakterisiert, daß sie ein bestimmtes Grundverhältnis zwischen Gott und Mensch lehrt. Für unseren hl. Glauben ist das Grundverhältnis zwischen Gott und Mensch das Verhältnis des Vaters zu seinem Kind: Gott ist unser aller Vater, der für das Wohl aller und jedes einzelnen besorgt ist, und der Mensch ist ein Kind Gottes, das sich in Glaube, Vertrauen und Liebe dem himmlischen Vater und Seiner Führung vollkommen anvertrauen soll.

Allein schon durch dieses grundlegende Verhältnis Gottes zu Seinem Geschöpf unterscheidet sich das Christentum von allen andern Religionen der Welt. Durch dieses Kind-Vater-Verhältnis ist es zudem über die Frömmigkeit des Alten Bundes hinausgewachsen. Es hebt sich dadurch natürlich am schärfsten ab von allen Formen des Atheismus und des Unglaubens der heutigen Zeit, da es für diese weder einen Gott noch ein Walten Gottes in der Welt noch den Menschen als Geschöpf und Kind Gottes gibt.

Was die Heilige Schrift, die Väter, Kirchenlehrer, Gottesgelehrte und Heilige allgemein von der fundamentalen Bedeutung des Glaubens für das christliche Leben zu sagen wissen, gilt natürlich auch von seiner konkretesten Spielart, vom Vorsehungsglauben. Unser ganzes theologisches Glaubensgebäude, der ganze Organismus unserer Glaubenswelt tritt in unser Leben ein durch den praktischen Vorsehungsglauben. Wer diesen nicht wieder und wieder lehrt, der sorgt dafür, daß die Wurzel des Baumes krank und immer kränker wird. Darum muß unsere brennendste Frage sein: Wie tritt mir persönlich der lebendige Gott entgegen? Den unsichtbaren Gott da und dort im hl. Sakrament empfangen und im Herzen tragen, das mag alles recht und gut sein, aber das Kardinalstück des heutigen Lebens, die Kernprobe unserer Religion, unseres hl. Glaubens, muß der praktische Vorsehungsglaube sein.

Das Leben aus dem Vorsehungsglauben ist schlechthin der Ausdruck, die Probe, ja die Hochblüte und Sicherung des gesamten Glaubenslebens. Daraus muß man wiederum schließen: Wer unseren Vorsehungsglauben schwächt, bringt unser ganzes Glaubensgebäude in Erschütterung. Wer ihn hingegen stärkt, der belebt und beseelt das gesamte Glaubensleben.
Der hl. Augustinus erklärt: „Religion ist überhaupt undenkbar, wenn man nicht wenigstens das Eine glaubt, daß eine göttliche Vorsehung sorgend über unserer Seele wacht.“ Und Laktanz sagt: „Gott und die Vorsehung gehören so innig zusammen, daß sie ohne einander nicht existieren, nicht gedacht werden können. Wer die Vorsehung leugnet, leugnet damit Gott, und wer glaubt, daß es einen Gott gibt, muß auch an die Vorsehung glauben.“

Sobald man das etwas eingehender erwägt, wundert es einen nicht, daß alle großen christlichen Führer der Völker Helden des Vorsehungsglaubens waren und die härtesten Glaubensproben gerade auf diesem Gebiet bestehen mußten. Denken wir etwa an Abraham! Als Träger der großen Verheißungen des auserwählten Volkes hält er in allem, auch den verzweifeltsten Lagen ohne Wanken und Schwanken gläubig fest, daß seine Nachkommenschaft zahlreich sein wird wie der Sand am Meer. Er glaubt unerschütterlich, seine Nachkommen werden das gelobte Land, das von Milch und Honig fließt, als Eigentum besitzen, und daß aus ihnen der Erlöser hervorgehen wird. Dieser Glaube wird auch dann nicht erschüttert, als Gott ihn die Heimat verlassen und in die Fremde wandern heißt und selbst dann immer noch nicht, als er auf den hl. Berg steigt und bereit ist, seinen einzigen Sohn auf Gottes Geheiß hin zu opfern, auch wenn dadurch – menschlich gesprochen – jede Aussicht auf Erfüllung der göttlichen Verheißung ausgeschlossen wird. Es ist für ihn selbstverständlich, daß Gottes Wege nicht unsere Wege sind und daß menschliches Klügeln die göttliche Unbegreiflichkeit nicht zu durchdringen vermag. Kardinal Newman schreibt deshalb über ihn: „Abraham scheint etwas überaus Edles und Hochherziges an sich gehabt, scheint die Gabe besessen zu haben, das Unsichtbare wie gegenwärtig, das Gedachte wie verkörpert vor sich zu sehen. Er folgte dem Winke Gottes in das Dunkel der Zukunft ebenso rasch, ebenso entschlossen, ebenso freudigen Herzens und sicheren Schrittes, als wandelte er im hellsten Tageslichte. Darin liegt etwas unleugbar Großes, und deshalb nennt der heilige Apostel Paulus Abraham unseren Vater, den Vater der Christen ebenso wie den der Juden. Denn wir sind ja in besonderer Weise gehalten, im Glauben zu wandeln und nicht im Schauen, werden gesegnet im Glauben, gerechtfertigt durch den Glauben wie der gläubige Abraham.“

Seither scheinen alle, die ähnlich wie Abraham berufen sind, Vater oder Mutter vieler Völker zu werden, in diese harte Schule des Vorsehungsglaubens genommen zu werden. Das darf für uns durchaus eine Beruhigung und ein Trost sein!

Kommen wir nun zurück zu P. de Caussades Schrift „Hingabe an Gottes Vorsehung“. Nach P. de Caussade besteht die ganze Vollkommenheit eines Menschen zunächst darin, sich selber in jedem Augenblick rückhaltlos Gottes Willen und Gnadenführung hinzugeben und stets in vollkommener Übereinstimmung mit Gottes Willen zu handeln.

Dabei verwendet P. de Caussade bei der Ausfaltung dieser Lehre einen Gedanken, den er in immer neuen Wendungen betont, nämlich: In den vergangenen Augenblicken meines Lebens kann ich Gottes Willen nicht mehr erfüllen, weil sie alle bereits unwiederbringlich vorüber sind. Ebenso ist auch die Zukunft noch nicht so in meine Gewalt gegeben, daß ich jetzt schon, zum voraus Verdienste erwerben könnte. Einzig der stets flüchtige, gegenwärtige Augenblick gibt mir die Möglichkeit, an meiner Vervollkommnung und Heiligung zu arbeiten, d. h. mich völlig Gottes Willen hinzugeben, mich in rückhaltlos liebender Übergabe in Gottes heiligen Willen einzubetten. Daher besteht meine ganze Vollkommenheit darin, daß ich im gegenwärtigen Augenblick in uneingeschränkter Übereinstimmung mit dem Willen Gottes bin und entsprechend handle. P. de Caussade formuliert diese Gedanken einmal in seiner schönen Sprache so: „Bei der Hingabe bildet der gegenwärtige Augenblick die einzige Richtschnur. Die Seele verhält sich dabei leicht wie eine Feder, flüssig wie Wasser, schlicht wie ein Kind. Sie bleibt beweglich wie ein Ball, um jeden Antrieb der Gnade zu empfangen und auszuführen. Flüssigem Metall gleich, weisen solche Seelen keinen Widerstand und keine Härten mehr auf. Wie dieses alle Formen des Modells annimmt, in den man es gießt, so nehmen sie widerstandslos alle Formen an, die Gott ihnen geben will. Ihre Haltung gleicht der Luft, die jedem Windhauch offen steht; sie gleicht dem Wasser, das sich an jedes Gefäß anschmiegt.“

Aus dieser Einsicht ergibt sich unsere Pflicht des Gottvertrauens trotz aller persönlichen Enttäuschungen und Niederlagen der Vergangenheit und trotz aller Angst und Verzagtheit vor den Aufgaben und Prüfungen der Zukunft. Jeder gegenwärtige Augenblick mit all seinen vielfachen freudigen und unangenehmen Umständen ist für mich nämlich nichts weniger als die Entschleierung des göttlichen Willens. P. de Caussade zögert daher nicht, die konkreten Gegebenheiten jeder Minute geradezu „das Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“ zu nennen. Denn, gleichwie Gott uns seine sakramentalen Gnaden unter den äußeren, sinnenfälligen Zeichen seiner sieben heiligen Sakramente mitteilt, genauso enthüllt er uns in einem allgemeineren Sinne seinen heiligen Willen unter den äußeren Umständen und Geschehnissen in jedem Augenblick unseres Lebens. Für P. de Caussade kommt es daher gar nicht darauf an, daß ich einen strahlenden Grad der Heiligkeit erlange, daß ich einen Erfolg meiner natürlichen und übernatürlichen Anstrengungen sehe, oder daß ich den besten und frohesten Weg des Fortschritts gehe, sondern es kommt einzig darauf an, in jedem Augenblick Gottes Willen zu erfüllen. Warum sollte ich nicht auch bereit sein, in Dunkel, Zweifel und Angst zu wandeln, solange ich aus meinem Glauben heraus die friedvolle Gewißheit habe, daß es Gottes Wille ist, mich gerade jetzt in Dunkelheit, Zweifel und Angst zu bewähren?

„Es ist kennzeichnend für die Hingabe, daß sie immerfort ein geheimnisvolles Leben führt. Indem sie die gewöhnlichen, natürlichen und rein zufälligen Gegebenheiten des Alltagsgeschehens benützt, empfängt sie von Gott ungewöhnliche und wunderbare Gaben. Die schlichteste Predigt, die gewöhnlichste Unterhaltung, das einfältigste Buch kann für solche Seelen kraft Gottes Anordnung zu einem Quell tiefster Einsicht und Weisheit werden. Darum heben solche Seelen sorgfältig die Brosamen auf, über die starke Geister hinwegschreiten. Alles ist für sie kostbar; alles bereichert sie. Sie haben eine unaussprechliche Bereitschaft für alles und jedes und vernachlässigen nichts, sondern achten alles und ziehen ihren Nutzen daraus.“

Wie selten denken wir daran, daß wahrlich jeder Augenblick eine Ewigkeit birgt? Das gelingt uns höchstens einmal bei außerordentlichen Geschehnissen, die einen direkten Eingriff Gottes in unser Leben offenbaren. Da werden wir dann plötzlich wach und bewundern Gottes Vorsorge und Güte und danken IHM für Seine wunderbaren Gnaden.

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