Bergoglios Crash-Tests

Damit ist genau das umschrieben, was Bergoglio sagte, es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen lehrender und hörender Kirche, alle sind hörende – und nicht das Lehramt, sondern das Volk ist unfehlbar. Es gibt keine „klerikale Deutungshoheit“ mehr, „vielmehr kann das Kirchenvolk lehramtliche Weisungen annehmen oder ablehnen“. Wenn aber das Kirchenvolk lehramtliche Entscheidungen ablehnt, dann muß Rom jeweils nachbessern – denn nicht Rom, sondern das Volk ist ‚in credendo‘ unfehlbar und somit die letzte Instanz. Die synodale Kirche wurde, wie wir sehen, auf der Familiensynode Wirklichkeit.

Nachdem nun aber, wie jeder leicht einsehen wird, „die Kluft zwischen Lehre der Kirche und den Auffassungen der Katholiken über Ehe, Familie und Sexualität kaum jemals so groß geworden“ sein dürfte wie zur Zeit, muß Rom hier natürlich nachbessern. Also, je verdorbener das Kirchenvolk wird, desto mehr muß Gott mit Seinen Geboten zurücktreten, denn nicht mehr Gott, sondern der Mensch ist ja das Maß aller Dinge in der Menschenmachwerkskirche. Offensichtlich gab es aber in Rom immer noch eine Minderheit, die sich noch nicht ganz zu dieser Neuorientierung durchringen konnte und es wagte, die Rechte Gottes einzufordern: „Sie wollten Franziskus mit einigen angeblich in Stein gemeißelten Aussagen aus dem Arsenal der Kirchendisziplin den Weg versperren.“ Die göttlichen Gebote sind also nur noch „Aussagen aus dem Arsenal der Kirchendisziplin“, die dem Belieben bzw. den Lüsten des modernen Menschen anheimgestellt werden müssen.

Bergoglio steht nun natürlich nicht auf der Seite Gottes, er steht auf der Seite des Menschen, der die Sünde nicht mehr meiden möchte, sondern ein Anrecht auf die Sünde einfordert. Aber ganz so hart darf man es natürlich nicht ausdrücken, man muß es etwas eleganter formulieren: Bergoglio verstand es während der Familiensynode, „der Logik der Exklusion eine Haltung der Wertschätzung und der Anerkennung entgegenzusetzen, ohne dabei die eigenen Ideale zu verraten“. Hören wir uns einmal die Logik der Exklusion aus dem Mund des hl. Paulus an: „Wißt ihr nicht, daß Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Gebt euch keiner Täuschung hin! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lüstlinge noch Knabenschänder, weder Diebe noch Habsüchtige noch Trunkenbolde noch Gotteslästerer noch Räuber werden Anteil haben am Reich Gottes“ (1. Kor. 6,9ff). Das ist die göttliche Logik der Exklusion, des Ausschlusses aus dem Reich Gottes, aus dem Himmel und als Folge davon die Verdammnis in die Hölle für denjenigen, der Seine Gebote nicht beachten will. Gott kennt keine „Haltung der Wertschätzung und der Anerkennung“ des Sünders, solange dieser nicht bereit ist, seine Sünde zu bereuen und sein Leben zu ändern. Somit kann auch die wahre Kirche Gottes diese nicht kennen.

Es dürfte schon ein Zeichen höchster Verblendung sein, wenn der Kommentator sodann wagt zu behaupten, man könne einfach solche Sünden ignorieren, „ohne dabei die eigenen Ideale zu verraten“. Wie kann man die Gebote Gottes außer Kraft setzen, ohne dabei den Glauben zu verlieren, der jedem Katholiken glasklar sagt, daß die göttlichen Gebote genauso wie auch der geoffenbarte Glaube selbstverständlich unantastbar sind, denn die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach der Wahrheit richten?! Oder nochmals nach dem hl. Paulus: „Dabei muß man sich bewußt bleiben, daß das Gesetz nicht für den Gerechten bestimmt ist, sondern für Gesetzlose, Unbotmäßige, Gottlose, Sünder, Lasterhafte, Ruchlose, für Vater- und Muttermörder, Totschläger, Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenräuber, Lügner, Meineidige und was sonst noch im Widerspruch steht mit der gesunden Lehre nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, mit dem ich betraut worden bin“ (1 Tim. 1,9ff).

Die Anhänger der Menschenmachwerkskirche haben jedoch keinerlei Bedenken mehr, „im Widerspruch … mit der gesunden Lehre nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“ zu stehen. Unser Kommentator freut sich: Allen Verhinderungsbestrebungen zum Trotz „lässt der Synodenbericht aber manches offen, was nach fundamentalistischer Lesart nicht offen sein kann“. Ebensowenig wie es eine ewige Wahrheit gibt, an der man nichts verändern kann, gibt es noch irgendwelche Gebote Gottes, die man nicht einfach übertreten und neu interpretieren könnte. Nur die bösen Fundamentalisten bilden sich das noch ein. Dementsprechend richtete auch Bergoglio einen Seitenhieb auf das konservative Lager, das dem „Papst“ vorgeworfen hatte, die Synode zugunsten seiner eigenen Reformagenda zu manipulieren: „Die verschiedenen Meinungen, die frei – und unglücklicherweise nicht immer in gänzlich wohlmeinender Art und Weise – geäußert wurden, haben zu einem reichen und lebhaften Dialog geführt.“ Wohlmeinend sind nach Bergoglio also nur die Ja-Sager. Wir sehen wieder einmal, wenn es zur Sache geht, dann ist es bei den Liberalen aus mit der liberalen Freiheit.

Der Kommentator der FAZ meint nun wirklich, daß unter den „Päpsten“ Johannes Paul II. und Benedikt XVI. es noch „unabdingbar war, dass ein Bischof dem päpstlichen Lehramt bis in Schlafzimmer-Details wie dem Verbot jeder Form künstlicher Empfängnisverhütung bedingungslos gehorsam war“. „Dasselbe galt für jeden angehenden Theologieprofessor, ob Geistlicher oder Laie.“ Dieser Gehorsam galt allerhöchstens noch für die Abtreibung und die künstliche Empfängnisverhütung, aber schon lange nicht mehr für den Glauben. Die synodale Kirche war über Jahrzehnte vorbereitet worden, infolgedessen war dem Lehramt der Kirche letztlich schon lange niemand mehr wirklich gehorsam, gehorsam im übernatürlichen Sinne. Selbst die erwähnten Bischöfe richteten sich schon lange nur noch aus politischem Kalkül nach Rom aus. Wer Karriere machen wollte, der mußte linientreu sein, wie es ja auch in jeder politischen Partei ist. Wer etwa in der CDU Frau Merkel offen kritisiert, dessen Karriere dürfte damit zu Ende sein.

Nein, die Zeiten der unantastbaren Geltung der göttlichen Wahrheit sind nun endgültig vorbei, Bergoglio räumt auch noch den Rest auf. Ganz anders als wir, kommt unser Kommentator aufgrund dieses apokalyptischen Geschehens richtig ins Schwärmen: „Wenn diese bleierne Zeit mittlerweile zu Ende ist, dann ist das niemand anderem zu verdanken als Franziskus. Der erste Papst aus dem Jesuitenorden ist der Urheber jenes völlig neuen Romgefühls namens ‚Freimut‘ (parrhesia – ein theologischer Schlüsselbegriff des Papstes).“

Fügen wir hier ergänzend den Kommentar der Süddeutschen Zeitung zur Rede Bergoglios nach der Familiensynode ein, die unsere Gedanken bestens abschließt:

Stehende Ovationen für den Papst
Papst Franziskus forderte weiter dezentrale Lösungen im Umgang mit Ehe und Familie: „Jedes allgemeine Prinzip muss in die jeweilige Kultur übertragen werden, wenn es eingehalten und angewendet werden soll“. Die Synode habe gezeigt, dass etwas, das dem Bischof eines Kontinents normal erscheine, für den Bischof eines anderen Kontinents als „Skandal“ gelten könne, so der Papst.
Franziskus betonte, dass die kirchliche Lehre nicht geändert werden solle. Eine „Inkulturation“ des Glaubens schwäche nicht dessen Werte, sondern zeige ihre Stärke und mache sie authentisch. Die Kirche müsse stets eine menschliche und barmherzige Haltung zeigen, sagte das Kirchenoberhaupt vor den 270 Teilnehmern der Versammlung, die die Rede einem Vatikansprecher zufolge mit stehenden Ovationen quittierten.

Papst: Kirche soll nicht verurteilen
Die Synode, so der Papst weiter, habe gezeigt, „dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist; nicht die Idee, sondern den Menschen; nicht die Formeln, sondern die unentgeltliche Liebe Gottes und seiner Vergebung“. Oft verstecke sich die Verschlossenheit der Herzen hinter der Lehre der Kirche.
Wichtigste Aufgabe der Kirche sei aber nicht zu verurteilen, sondern Gottes Barmherzigkeit zu verkünden, zu Umkehr aufzurufen und die Menschen zum Heil zu führen. Die Bischofssynode habe versucht, Horizonte zu öffnen und geschlossene Perspektiven zu vermeiden, um „die Freiheit der Kinder Gottes zu verteidigen“ und die Schönheit der christlichen Botschaft besser zu vermitteln, so Franziskus.

Es ist notwendig, die Texte Bergoglios aufmerksam zu verfolgen, wenn man sich durch diese nicht in die Irre führen lassen will. Das am meisten Täuschende sind letztlich immer Halbwahrheiten. Es ist eine solche Halbwahrheit, wenn er behauptet: „Jedes allgemeine Prinzip muss in die jeweilige Kultur übertragen werden, wenn es eingehalten und angewendet werden soll.“ Natürlich muß jedes allgemeine Prinzip, das seinem Wesen nach theoretisch ist, in die Praxis übertragen werden. Dabei wandelt sich jedoch nicht das Prinzip, sondern durch dieses wird die Praxis genormt, d.h. auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet. Es kann darum durchaus Kulturen geben, die nicht mit dem allgemeinen Prinzip – hier handelt es sich immerhin um die Gebote Gottes! – übereinstimmen, die also korrigiert werden müssen. Die nachfolgende Behauptung ist darum für einen Katholiken absurd: „Die Synode habe gezeigt, dass etwas, das dem Bischof eines Kontinents normal erscheine, für den Bischof eines anderen Kontinents als ‚Skandal‘ gelten könne.“ Wie sollte etwas, was den Geboten Gottes widerspricht, auf dem einen Kontinent normal erscheinen, wohingegen es in einem anderen ein Skandal ist – oder umgekehrt? Das kann man doch nur behaupten, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht, wie man sagt.

Hierauf folgt der stereotype Satz jedes Revolutionärs: „Franziskus betonte, dass die kirchliche Lehre nicht geändert werden solle. Eine ‚Inkulturation‘ des Glaubens schwäche nicht dessen Werte, sondern zeige ihre Stärke und mache sie authentisch.“ D.h. in Klartext: Durch die Zerstörung des Glaubens von seiner Wurzel her und die daraus folgende Mißachtung aller göttlichen Gebote wird der Glaube in keiner Weise zerstört, sondern er zeigt gerade darin seine Stärke, ja erst die Zerstörung mache ihn authentisch. Im konkreten Fall heißt das: „Die Kirche müsse stets eine menschliche und barmherzige Haltung zeigen, sagte das Kirchenoberhaupt vor den 270 Teilnehmern der Versammlung, die die Rede einem Vatikansprecher zufolge mit stehenden Ovationen quittierten.“ Der Revolutionär bekommt seine stehenden Ovationen für diesen offensichtlichen Widersinn. So ist das nun mal bei Revolutionen, jede lebt von der Masse, die den Machern der Revolution hinterherläuft. Und dann redet man der Masse ein, sie habe die Revolution gemacht!

Überlassen wir das Resümee dem Kommentator von cicero.de:

Familiensynode – Papst Franziskus und der Charme der Liebe
VON NORBERT SCHOLL am 8. April 2016
… Zum Schluss gibt Franziskus zu, „dass man von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle.“
Die deutschen Bischöfe sind jetzt gefordert, Wege für eine angemessene Einzelentscheidung zu entwickeln. Die darf nicht vom jeweiligen Gemeindepriester abhängig sein. Kein Bischof, kein Pfarrer kann sich mehr auf Rom berufen, wenn er geschiedenen Wiederverheirateten die Kommunion verweigert.
Das Schreiben des Papstes engt nicht ein, sondern zeigt Perspektiven auf. Es markiert keine Grenzen, sondern weitet den Horizont. Es ergeht sich nicht in Warnungen und Verboten, sondern appelliert an die Freiheit eines Christenmenschen und an die eigenverantwortete Gewissensentscheidung jedes einzelnen. Christliche Ehe und Familie, so gelebt, kann zu einem attraktiven Modell für alle werden. Es lässt die Freude und den „Charme der Liebe“ aufscheinen. (Kusive von uns)

Das grundlegende Vorgehen haben wir jetzt gut verstanden: Es gibt keine „generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art“, sondern nur eine „Ermutigung … zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“. Das heißt nun konkret, so daß es jeder verstehen kann: „Kein Bischof, kein Pfarrer kann sich mehr auf Rom berufen, wenn er geschiedenen Wiederverheirateten die Kommunion verweigert.“